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Kasseler Neueste Nachrichten

KaffeLer Abendzeitung

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Hessische Abendzeitung

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Sonntag, 19. Dezember 1920

Nummer 294

Fernsprecher 951 und 952.

Fernsprecher 951 und 952.

10. Jahrgang.

Eine überwundene Regierungskrise.

Amerika md Sanas.

Krise am Stille« Ozean.

In den letzten Tagen gingen wieder einmal Nachrichten durch die Presse, die ans eine japa- nisch-amerikanischc Spannung schließen lassen. Dieser Zustand -zwischen den beiden Ländern östlich und westlich vom Großen Ozean ist nicht erst jetzt akut geworden, sondern er besteht schon feit Fahren. Nur bringen es die eigenartigen Berhälmisse mit sich, daß aufteiineNde Feind­seligkeiten immer wieoer erstickt werden, denn auf beiden Seiten hält man den Zelts ^n-i für einen Krieg noch nicht geeignet. DÄchtw- ,.. d die Re­gierungen in Amerika sowohl ats auch in Japan darauf bedacht, die gegenseitigen Beziehungen als freundschaftlich hinzustellen. Ein in Berlin lebender Japaner, der über die Auffassung der Tokioer Regierung gut unterrichtet ist. hat einem Pressevertreter Mitteilungen gemachst, die die Ursache der Spannung auf die ! a l i f o r n i s ch e Frage zurmckführcn. In Kalifornien (an der Westküste Rordamerrkas) besteht ein Sonder­gesetz, wonach das Grundbesitz- und Pachtrechr der dort lebenden Japaner vielfachen Einschrän­kungen unterworfen ist. Es leben jetzt in Kali­fornien über eine halbe Million Japaner, ein­schließlich Frauen und Kinder, denen neuerdings der Erwerb von Grund und Boden völlig ver- wevrt werden soll, während er bisher doch we­nigstens denjenigen japanischen Kindern, die in Kalifornien geboren sind, nach amerikanischem Rechst gesetzlich zu stand. Es geht also dabei nm .die wirtschaftlichen J'nteressen dieser Auslandsjavaner, wie man ans dem äußerlichen Merkmal entnehmen könnte. Fm Geheimen spricht aber noch etwas anderes mit, denn da Kalifornien doppelt so groß wie ganz Japan ist, und in Japan selbst fünfzig Millionen Men­schen leben, fällt die wirtschaftliche Tätigkeit der halben Million in Kalifornien nicht so sehr ins Gewicht.

Viel größere Bedeutung hat die politische Ausdehnung der Japaner. Die japanische Freundschaft zu Mexiko ist den Vereinigten Staaten schon lange ein Dorn im Auge, nament­lich seitdem man beobachtet hat, daß japanische Schiffe in mexikanischen und kalifornischen Ge­wässern Tiefenmessungen vorgenommen und Küstenmerkmale rusgezeichnet haben. Auch weiß mau, daß Japans Heer Pläne über Landungs- Möglichkeiten an der mexikanischen Küste besitzt. Tas stetige Wachstum der Bedeutu-ig Japans als Weltmacht ist es. das den Amerikanern neben der Rassenfsindschaft zunehmende Sorge macht. Besonders während des europäischen Krieges hat Japan die beste Gelegenheit gehabt, sich ge­sund zu machen. Als den europäischen Mächten die Hände gebunden waren, hat Japan durch die Ausdehnung seines Welthandels seine Finan­zen derart ausgebessert, daß es nicht nur seine früheren Schulden an England und Amerika getilgt hat, soudein sogar ein Gläubiger Eng­lands -tSwroen ist. In den Bcvölkerungsver- hältnisien ff! Japan in einer ähnlichen nnalück- lichen Lage wie Deutschland. Es braucht mehr Land für die wachsende Bevölkerungszahl. Ein großer Strom von japanischen Auswanderern ergießt sich über die Küstengebiete Chi­nas, besonders in die Mandschurei, wo chine­sische und russische Landstriche schon so stark van Japanern durchsetzt sind, daß es n'cht mehr lange dauern wird, bis sie einen EigenttimS» anspruch darauf erheben werden. Auch nach den Südseeinseln erstreckt sich die Auswande­rung, zum Teil aus die früheren deutschen In­seln, narnentlich aber auf die südlich von Japan gelegenen amerikanischen Philippinen- Inseln. Da die Vereinigten Staaten eben­falls ein starkes wirtschaftliches Interesse an China haben und die Philippinen als Flotten- basis benutzen, so bestehen dort empfindliche Be­rührungspunkte.

Ernste Anzeichen treten neuerdinas aus bei­den Seiten des Großen Ozeans in Erscheinung. Die Errichtung einer Flottenbasis aus der japa­nischen Insel Formosa,, die der Südosüüste Chinas vorgelagert ist und damit i-ie Zugänge Chinas von der Ostseite her beherrscht, bedeutet für die Vereinigten Staaten auch schon dadurch eine Bedrohung, weil die Japaner damit eine rünstige Position gegen die Philippinen haben. Japan fühlt sich effenbar gestärkt, wie aus sei- ncr Haltung in brr Frage der Kabelverreilung hcrvorgeht. Ein Zwiespalt ist dadurch entstan­den, daß Amerika seine Kabel, bie auch die (frittier deutsche, jetzt jap.Wisches Insel Nap berühren, nicht unter japanische Kontrolle stellen will. Die Streitfrage ist noch nicht erledigt. Amerika sinnt, aus Gegenmittel. Russische Blätter melden Zirm Beispiel: In einer öffentlichen Versammlung be­stätigte Lenin die Verhandlungen mit dem Ame­rikaner Dunderlip über die Konzessionen in Ost- sibiri.ni. Er deutete an, daß die Vereinigten Staaten die Sowjets anerkennen würden, wenn .Rußland in den Verkauf der Kamtschatka- Halbinsel eftrwilligen würde, deren die Ver- rinigten Staaten zur Errichtu.rg einer Flottsn- bafis fm Falle eines 5krieges --«en Japan be­

dürften. Diese Nachricht muß allerdings mit Vorbehalt ausgenommen werden, denn es ist nicht wahrscheinlich, daß sich Kamtschatka mit sei­nem eisigen Klima zu einer Flottenbasis eignen würde. Andere Andeutungen einer Verschlechte­rung der amerikanisch-japanischen Beziehungen sind aber noch genug vorhanden. Es fällt haupt­sächlich auf, daß die F lotten rüstungeu einen unbegrenzten Umfang annehmen. Japan hat sich soweit entwickelt, daß es die europäi- Ahen Wersten nicht mehr braucht; es baut seine Kriegsschiffe nach neuesten Modellen selbst. Der ucugewähltc Präsident Harding von dem m m in Deutschlandeine Stärkung des Friedens" erhofft, wenn er im März die Regierung in Washington übernimmt hat stolz geäußert, er wurse sich glücklich schätzen, unter feiner Re­gierung den Vereinigten ©traten die größte Flotte der Welt zu schaffen. Diese Aeußeruug hat nicht nur in Jovan, sondern au cd in England peinliches Aussehen erregt. Zwar darf man nun nicht glauben, daß sich die Krisis jenseits dir Meere rasch entwickeln wird; es kann vielleicht noch Jahre dauern. Aber die Minen werden gelegt und einmal wird doch eine Sprengung erfolgen. K. F Dr.

Befestigte NegienmsMse. tim das Neichsaotopfev-Gesetz.

(Priv at-T e! e aramm.1

Berlin, 18. Dezember.

Im Steuerausschuft des Reichstages wurde gestern die vom Unterausschuß vorgclegte For miilierung des Paragraphen 1 des R e i ch s n o t- opfer-Gesetzes mit geringer Mehrheit an= genommen. Die Mitglieder der Deutschen Volks- Partei sttmmten gegen den Paragraph 1, und die Demokraten enthielten sich der Abstimmung. Dar­aus erklärte Reichsfinanzmimster Dr. Wirth, daß er dem Reichskanzler über die Haltung der Regierungsparteien sofort Bericht erstatten werde und daß die zutage getretene Lage als für die Regierung unmöglich zu bezeichnen sei. Die Abstimmmrg der Deutschen Volkspartei und die Stimmenthaltung der Demokraten geben dem Zentrum Veranlassung, sich ihre Stellung im Ple­num vorzubrhalten. Die Lage der Regierung war dadurch sehr kritisch geworden. Eine Re­gierungskrise wurde aber gestern abend noch v e r h ü t et. Die Verständigungsverhand­lungen mit der Deutschen Volkspartei werden heute früh zweifellos zur Einigung führen. Die Krise, die innerhalb der Koalitionsregierung wegen des Reichsuotopfers auszubrechen drohte, kann damit als beseitigt gelten.

Erleichterung für Betriebskapital.

Berlin, 18. Januar. (Privattelegramm.) Die Fraktion der Deutschen Volkspartei hielt gestern während der Reichstags-Plenarsitzung eine Sit­zung ab. Der Verständigungsantrap sieht beson­dere Erleichterungen für das Betrieb ska- pital der Industrie, Landwirtschaft u. Klein­rentner vor und soll gewisse Härten bei der Einziehung des Reichsnotopferz beseitigen. In der heuttg.m Sitzung des Reichstages dürste ein Antrag der Regierungsparteien in diesem Sinne eingebracht werden. Aus den Verhand­lungen, die der Reichskanzler in diesem Sinne mit den Parteien führte, ist nocb zu erwähnen, daß er keine Unklarheit darüber ließ, daß es für ihn eine Finonzminister-Kris.' nicht gebe, d. 6. daß kür den Fall einer Nichteiniaung das gan­ze Kabinett zurücktreten werde.

8tflmie«*$efol6B»fl8Raee. Scharfer Protest und AMmatum.

<Privat-T-learamm.l

Berlin, is. Dezember.

In einer großen öffentlichen Versammlung der Post- und TclegraphonSeamten wurde eine Entschließung angenommen, in der es unter an­derem heißt: Die Beamten legen gegen dir von der Regierung und dem Reichstag beschlossenen Maßnahmen zur Beseitigung der unter der Be- ,-imteirschaft herrschenden Notlage schärfste Verwahrung ein. Wir verlangen, daß die Zentralvorstände der Post-Berufsorganisationen sofort die Vereinigung zu einer Reichspostge- werkfchaft in die Wege leiten. Außerdem ver­langen wir sofortige Urabstimmung in den Be­trieben über daS letzte Gewerkschaftsnttttel den Streik! Die Potsdamer Tageszeitung erfährt aus zuverlässiger Quelle, daß im Reichs- verkehrsmirtisterium von dreizehn Eisenbahner-

Organisationen Entschließungen eingegaugcn sind, die ein Ultimatum stellen.

Neue Forderungen.

Berlin, 18. Dezember. (Privattelegramm.) Die Hilssbcmntcn der Reichspost, der bchördli- chen Abwicklungsstellen und der Reichsvcrsiche. rungsämter in Berlin haben Forderungen nach neuen Gehaltserhöhungen gestellt. Die radikale» Berliner Betriebsräte Hobe» in einer Aufforderung zum weiten Lohnkampf das Exi­stenzminimum des Arbeiters mit dreißigtau­send Mark pro Jahr beziffert.

Lohrrtarife unS AMIM.,..

Beendigung des Streiks im Weste«. '

lDrivat-Telearammll

Köln, 18. Dezember.

Na-H vierwöchiger Dauer ist der Streik tu der Kölner Metallindustrie erlo­schen. In allen Betrieben wird die Arbeit spä­testens am Montag wieder attfgenommen. Eben­so wurden die Tarifstreitigkeiten, die seit August im Steinkohlen . Bergbau geherrscht haben, beendet. Beide Parteien haben den Vorschlag des Schlichtungsratcs der interalliier­ten Rheinlandkommiffion angommen- In Düs­seldorf werden von heute ab die bürgctlidjeit Blätter wieder erscheinen, die infolge des Buch druckerstreiks während vier Wochen nicht gedruckt werden konnten. Dian war ohne Nachrichten.

Beilegung in LaCe.

Halle a. S., 18. Dezember. (Privattclcgramm.) Aus Empfehlung der kommunistischen Zentrale in Berlin beschloß gestern mittag die Hallesche Arbeiterschaft, den Generalstreik um vier Uhr nachmittags zu beenden. Bei dm Eisenbahnern hatten in den Werkstätten nur 311 für und 740 gegen den Streik gestimmt.

Fortdauer des Streiks in Sachsen.

Dresden, 18. Dezember. (Privattele- gramm.) Die streikenden Bergleute Sach­sens betrachten die Zugeständnisse als unzu­reichend und lehnen sie ab. Tie Verhandlungen zwischen ihnen und der sächsischen Regierung wurden abgebrochen. Nunmehr tritt im Reichs- arbcitLtmnistcrium ein Schiedsgericht zusammen.

Verschärfung in Bochum.

Essen, 18. Dezember. (Privattelegramm.) Der Streik im Bochumer Bezirk hat eine weiter: Ausdehnung erfahren. Gestern abend sind weitere Belegschaften der Einfahrt fern geblie­ben. Drei Hochöfen ftehm unmittelbar vor der Stillegung.

Sir Brüsseler Äenlerei».

Vorschläge des deutschen Vertreters.

(Eigens Drahtmeldung.)

Brüssel, 18. Dezember.

In der gestrigen Sitzung der SaHverstäu- digeu-Konscrmz wurde über die Entschädi- gu n g s f r a g e diskutiert. Ter deutsche Dele­gierte, Staatssekretär Bergmann, entwickelte daS Programm der Regierung, die auf eine Ent­schädigung in Waren hinauSläuft, solange bei dem schlechten Stand der deutschen Finanzen auf eine Geldentschädigung nicht zu rechnen ist. Die Frage, ob Deutschland auch eine Entschädigung in Gold leisten könne, beantwortete Staatssekretär Bergmann in bejahendem Sinne und brachte sie in Verbindung mit der Wiederherstellung des Gleichgewichtes unseres Budgets und der Ge­währung einer internationalen Anleihe zur He­bung und gleichzeitigen Stabilisierung unserer Valuta. Wenn man diese beiden Notwendigkei­ten erfülle, dann könne Deutschland nicht nur lie­fern, sondern auch bat bezahle».

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Drohung mit SLaatsbankerott?

Brüssel, 18. Dezember. (Eigens Trahtmel- dnng.) Wie das Echo de Paris berichtet, haben die deutschen Delegierten in Brüssel offen mit dem Staatsbankerott gedroht, wenn keine Revision der Verpflichtungen eintrete. I« Paris erkennt man an, daß hierdurch eine un­verkennbar ernste Lage geschaffen ist und daß die alliierten Delegierten die deutsche Zahluno-'ckhig !cit werben nack-weisen müssen.

Sie Mittelsttmds-Ast.

Um Leib und Seele zusammenzuhalte«.

»er englische Journalist <3. Lowes »Irkins«, hat eine Schilderung in einem Suii gegeben von derTragödie der deutschen «in. »er.-- 3n dem Buche heißt es üb-.e die Slot des Mittelstandes in Deutschland wie solzt. Ergreifend ist in Deutschland das Los der Mittelklassen. Der einschneidcuoe Wochssl in ihrer Lebenslage wird am deutlichsten durch die statistische Festellnng gekennzeichnet, das; bei einer zehnfachen Steigerung aller Preise dis Gehälter Der Beamten und Angesiell. ten dieser bedeutenden und charakteristischen Bovö ftcrung Ski ast e Deutschlands, in den niede­rer. Stufen auf das Vierfache, in den höhe­ren kaum auf das Doppelte gesteigert worden sind. Das bedeutet also eine Verminderung des Einkommens der Ang'stellten um drei Fünfte! bis vier Fünftel. Jeder englische Hausvater kann sich ausrechnen, was das für ihn bedeuten wu-de Er würde nichr. wie die ärmsten Klaf­fen. Hunger leiden; er würde es wahrscheinlich irgendwie möglich machen, Nahrung, Heizung uns Behausung zu bestreiten, aber all das in einem Maße, das ihm eine schwere Härte dün­ke» mühte. Alle Bequemlichkeiten und Vergnü- punaen, die er als Notwendigkeiten zu bcirach- t.-n gewohnt war, überdies aber ein- ganze Rechte wirilichsr Notwendigkeiten für feine bo- rnslich: Leistungsfähigkeit müßten färtfaHen Das hm Deutschland über sich ergehen lassen müssen. Ich verbrachte einen Wend mit einsm Beamten und seiner Tochter. Die Einrichtung, die Bircher, die Bilder, die Unterhaltung, all das sprach von jener echten und vornehmen Kultur, die so gründlich von dem unterschieden werden muß, was wir teils kennen, teils verspotten, als deutsche ftitttur". Und nun mußte ich feststel­len, daß das Leb-en meiner Gastgeberin nichts weiter geworden war, als

ein einziger langer K^tpf,

mit nur Leib und Seel- zusammenzuhAten. Einkäufen war die einzige Beschäftigung wir man die nächste Mahlzeit und die nächsten Koh­len zu eben noch erschwinglichem Preis austcei- ben kann. Vergnügungen und Erholungen kom­men gar nicht in Betracht. Keine neuen Micher, keine Theater, Konzerte, Reisen oder die mindeste Aussicht auf irgend etwas davon. Der Fall ist, nach allem, was ich sah und hörte, durchaus typisch. Ein General, früher im Gencratstab, erklärte mir:Mein Haushalt bestand früher aus zehn Personen. Jetzt sind wir noch zwei, meine Frau und ich. und wir essen zusammen halb soviel, wie mein Diener früher gewöhnlich . S er Leier wird sich freuen und sagen, daß hier cimal die Strafe den Richtigen getroffen hat. Ab'r gerade dieser Gene-al ist intsrriatio- naler Pazifist. Besonders ernst ist die Lage der Universitätslehrer un-d Studenten, denen es ühon f'üfccr schlechter ging als der ent- sprechenden Klaffe in England. Jetzt lebt sie in krassester Armut, geradezu in Verzweiflung. Der höchstheiabfte Professor verdient all-§ in allem etwa d-eißigtauscnd Mark im Jahre. Tas reicht in Berlin nicht einmal für einen Haushalt von vier Personen, in einer Vierzimmerwohnung mit der nötigen Nahrung. Heizung itnb Klei­dern und obne Ertraaufwendungen. Aber die Gehälter anderer Lehrer erscheinen uns da­neben geradezu lächerlich, und die Mittel, mit denen Studenten ihren Unterhalt bestreiten müs­sen, zeigen bas nackte Elend. Aus einem Be- richt vom Mai ersab ich. daß nur knapp dreißig v H. der deutschen Studenten dreihundert Mark im Monat zu verzehren haben, eine große Menge weniger als himdertfünfzig und sechs v. H. weniger als hundert Mark. Davon sollen sie alles zu Mindessätzen gerechnet 75 Jl für Wohnung, 125 für Nahrung und 45 M für Heizung bestreiten' Kleider. Wäsche, Strafen- bahm imd andere Notwendigkeiten von den Vor- lesunasgebühren extr nicht zn reden, ergeben aber ein Minimum von vierhuudertfiinfzig Mark im Monat! Wie sie trotzdem leben? Sie habe»

bic seltsamsten Nebenbeschäftigungen;

Schreibwerk, wenn sie Glück haben, Nachtarbeit in Bäckereien ober Zuckerfabriken, Kshlenarbeit in den Ferien; der Sohn eines Generals be- warb sich um eine Heizerstelle. Viele sind nn« terernahrt und schlecht gekleidet; keine Unter - wüsche, nur ein Vorhemd, keine 'Strümpfe, keine Mäntel. Natürlich leiden die Arbeitsfähigkeit und die Gesundheit ungeh-euer unter solchen Zu­ständen. Halb loben und halb sterbe» sie. Aber da sie jung sind und den .Idealismus von Deut­schen besitzen, halten sie cms, solange e5 ivgend ooht. Uoberdics ist ein Berufswechsel bei der Uebcrfütoma anderer Berufe und der Abneigung der ArberteMraanisattonen aepen sosihe Ein­dringlinge nicht leicht. Ich lernte In Berlin einen jungen AunMudierenden kennen. Er war der Sohn' eines EtfenbahnbeEten und gedacht« irpenwi: Meihnnvert Mark im Mvitat zusam­menzuscharren, um fein Studium fortfetzen zu können. Davon zahlte er achtzig Mach für fei Zftnmerchen. Und wenn er seinen Unterricht,