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Hessische Abendzeitung

Kasseler Abendzeitung

1V. Jahrgang.

Soanabend, 27. November 1920

Fernsprecher 951 und 953.

Nummer 275

Fernsprecher 951 und 952.

gaffe!« Neuenrri Nutzrtchlen erfcbeinen wöchentlich lechkmai und $eoat abeno«. ter atonnementSprei« betragt rnonatl t.oo yiart bet freier Zustellung ta« (au« Bestellungen werben leberjHt cor ber Befchästrstelle ober ben toten entgegengenemmee. Druckerei, B er tag an» Siebaltton Ech'nchthosftraste 28/30. Ifur unverlangt etngefanbte Beiträge kann ote Rebattion einecerantroon.'ng ober Lew ähr in keinem flauehernebmen. Rückzahlung be« Bezuglgeide« ober Ant prüche wegen etwaiger nicht orbnung-miistil er Lie-erung au-gefchloffen.

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keine Verminderung der fremden Truppen.

tiefere Kolonien.

deutsch« Denkschrift an den Völkerbund.

Von

Geheimrat Dr. J. Kuppel, Ministerialrat im Wiederaufbaumintsterium.

Die deutsche Regierung hat der in Gens ta­genden Versammlung des Völkerbundes eine ausführliche Denkschrift überreichen lassen, in der die Beobachtung der Vorschriften des Friedensvertrages über das Mandatsystem für die früheren deutschen Schutzgebiete verlangt und der Anspruch ans Berücksichtigung Deutschlands bei der endgültigen Verlei- bung der Mandate geltend gemach: wird. Die­ser bedeutsame Schrift, der aller Welt zeigt, daß mit der Abtretung der Schutzgebiete die koloni­ale Frage für Deutschland nick» erledig; ist, wird in den breiten Kreisen des Volkes, die mr diese Frage Verständnis haben, mit Befriedi­gung ausgenommen werden. Der Friedens- vertrag hat Deutschland alle Kolonien genom­men und ihr Schicksal in die Hände des Völ- keidundes gelegt. Nach dessen Satzung soll 'te Verwaltung durch beauftragte Staaten als Mandatare des Bundes geführt und vom Bun­de beaufsichtigt werden. Er bestimmt die Man­datarstaaten, setzt die Mandatsbedinaungen fest und bildet eine ständige Kontrollkommission. Alle drei Aufgaben sind Sachen der Bundes­versammlung, an der sämtliche Mitgliedstaaten teilnehmen. Don diesen klaren Vorschriften ab­weichend hat der Völkerbundrat, in dem nur die Hauptmächte und vier andere Staaten vertreten sind, bei einer Tagung im August d. Fs. auf Grund eines Berichtes des belgischen Mitglieds beschlossen, die Bundesversammlung bei der ganzen Mandats rage beiseite zu schie­ben. die Bezeichnung der Mandatare und die Festsetzung der Bedingungen den Hauptmächten zu überlassen, deren Entscheidungen er lediglich in förmlicher Weise den Mandataren mitteilen will, und die Mandatkommiffion aus Staats­vertretern der Mandatare selbst und von ihm zu berufenden Angehörigen anderer Staaten zu bilden

Die Beschlüsse bedeuteten, daß die Haupt- mäckste der E ntente die Kolonien unter sich verteilen, die Mandatbedingungen auf ein Mindestmaß beschränken und die Kontrolle des Völkerbundes illusorisch machen, daß die Bundesversammlung ganz ausgeschaltet, dem Rat nur eine dekorative Rolle gelassen und die Mandatkommiffion auf eine Empfangsstelle für wenig besagende Jahresberichte herabge­drückt wird. Werden sie durchgoführt, so bleibt von dem feierlich verkündeten Mandatssystem kaum die leere Form, tritt an seine Stelle tat­sächlich die A n n e r i o n der K o l o n i e n. Ei­ne solche Lösung wäre ein flagranter Bruch der Völkerbundssatzung und damit ein schwe­rer Schlag für den Völkerbundgedanken über­haupt. Ob sie endgül ig wird, hängt von der Bundesversammluna ah. die ihre Ausschaltung nicht dulden darf und die vom Rate gefaßten Beschlüsse korrigieren muß. wenn sie sich dieser Rechtsverletzuna nicht mitschuldig machen will. Die Denkschrift der deutschen Regierung weist die Recht.swidriokeit der Beschlüsse im einzelnen nach, fordert von der Bundesversammlung ei­ne dem Wortlaut und dem Geist entsprechende Ausführung des Artikels 22 der Satzung und leat für den Fall, daß der Appell ohne Erfolg bleiben sollte, gegen die Verletzung feierliche Verwahrung ein.

Deutschland erwartet aber nicht bloß die Be­obachtung des Friedensvertrages. Es ver. langt für sich Mandate. Die Bundes- vevsammluna hat die volle Freiheit, den An- spruch zg erfiillen. Der Völkerbund würde da­mit in annehmbarer Form das Unrecht besei­tigen. als das die Wegnahme der Schutzgebie-e vom deutschen Volke empfunden wird. Sie ist nicht nur ein besonders in die Augen springen­der Bn'ch der als FriedenSgrundlaoe verein­barten Wilson-Punkte, nach denen eine völlig unparteiische Schlichtung der kolonialen An­sprüche erfolgen sollte, sondem auch eine schwere Beeinträchtigung der wirtschaftlichen Interessen des deutschen Volkes. Eigene Kolonialverwal- tun« würde die durch den Stand unserer Wäh­rung ungeheuer vermehrten Schwierigkeiten der Robstofsbesclaffuna erheblich erleichtern. Die Produktivkraft der alten Kolonien ist dank der vor dem Kriege geleisteten intensiven Arbeit wesentlich gestiegen und könnte rasch noch weiter gesteigert werbt» sodaß uns daraus recht beträchtliche Mengen wichtioer tropischer Erzeugnisse geliefert werden würden, die wir nicht kn Devisen, sondern in Mark zu zahlen brauchten. Es wäre dort ferner Rau« für viele Volksgenossen, denen das Vaterland en0 ist. Das Sechzig-Milli onenvoS der Deutschen kann nach der Vernichtung seines Außenhandels, die. ihm die Möglichkeit genommen hat. ans allen Märkten zu kaufen und abzusetzen, ohne.

Kolonien nicht wieder wirtschaftlich ht dte Höhe kommen.

Mit der Abtretuna der Schutzgebiete ist auch insofern dem deutschen Volke ein Unrecht ziPe- fiigt worden, als sie von den Gegnern mit mo­ralischen Scheingründen bemäntelt worden ist. Man hat uns vorgeworfen, wir hätten die Ein­geborenen bedrück; und uns als unwürdig zur Kolonisation erwiesen. Tas ist erweislich un­wahr. Zur Entkräftung des unzureichenden Anklagematerials hat man uns keine Gelegen­heit gegeben. Auf der vom Völkerbundrat fest- ocsetzten vorläufigen Tagesordnung der Bun­desversammlung stand die Mandatfrage nicht Die Versammlung wird nunmehr nicht umhin können, sich damit zu befassen. Ihre Stellung­nahme und Beschlußkassuna wird deutscherseits mit dem gebührenden Interesse erwartet. Soll­ten sie ablehnend lauten, so Würde sich dadurch Deutschland nicht bestimmen lassen, seine ver­traglichen Rechte auf Einhaltung der das Mrn- daffvstem regelnden Vorschriften der Völftr- bund ssatzuna und seinen woh lbegründet en An- svruch aus die liebertra^rng von Mandaten für seine alten Kolonien aufzugeben.

Hütet feindlichem Druck.

Die hohen Kosten der Besatzung am Rhein.

(Privat-Telegramm-l

Berlin, 26. November.

ES sind in den letzten Tagen Mitteilungen über die Hölze der amerikanischen Besatzung s- k o st en im Rheinland durch die Presse gegangen. Bon amtlicher Stelle wird dazu sestgestellt, vast bis zum 16. September zweihundert Millionen für die a m e r i k a n i s ch e B e s a tz u n g gezahlt worden sind, ferner für die amerikanischen D c legierten der Rheinlandkommlssion bis 5. November nchtundfiinszig Millionen Hierzu kommt ein vom Reichdfinanzministerium gelei­steter Vorschuß, der auch in die Millionen geht. PariserMatin" undJournal des Debats" schreiben, dass die deutschen Dorsteünngen. die Besatzungsarmee im Rhcinlandc herabzn- setzen, keine Aussicht auf Annahme im Alliicrtenrat haben, nachdem do.S von Foch am 20. November erstattete Gutacksten Vie Nicht- annahme der deutschen Vorschläge aus mili­tärischen Sicherungsgründen empfohlen hat.

»

Die amerikanischen Truppen bleiben.

Koblenz, 26. November. (Privattele- granrnt) Hier hält sich seit Dienstag der ameri­kanische Senator Fuller auf. Er hat bei seiner Ankunft erklärt, vast nur geringe Wahrschein- lichkcit für eine Zurückziehung der ameri­kanischen Truppen aus dem Rheinland vorhan­den sei. Er behauptete, daß e6 für die alliierten Regierungen untunlich sein werde, die rnneri- konischen Streitkräfte in absehbarer Zeit z» ent fernen trotz der Agitation, die zurzeit in dieser Hinsicht in Washington offensichtlich sei.

Griechenlands Utonfrage. Stellungnahme der Entente-Regierungen.

lEigene Drahtmelduno.l

Haag, 26. November.

Die enMsche Regierung erklärt in einer offi­ziösen Auslassung, daß die englische Regierung Ich über ihr Verhältnis zu Griechenland erst in einigen Tagen nach den Verhandlungen mit dem französischen Ministerpräsidenten «.udgültig ans- sprechen kann. Tie Erklärung fügt aber als Meinung des Auswärtigen Amtes hinzu, brj der Rückkehr König Konstantins kein Hin- d e r n i g in de« Weg gelegt werden sollt'», falls sich daS griechische Volk dafür ausspricht. Gleich­zeitig müßte aber der griechischen Regierung llar gemacht werden, daß sie nicht dieselbe Un­terstützung wie Benizelos erwarten könne. Ter griechische Gesandte in London Keklamos hat mit seinem gesamten Stabe infolge des Sturzes Benizelos' seine Entlaffnng genommen.

»

Die Brüder deck Köni.zs.

Gens, 26. November. (Eigene Trahtmcldpng.) TerSeeolo" melde: aus Athen: Dir Bruder des Königs von Griechenland sind nach Vcni- zelos' Abreise nach Athen zurückgetebrt. Der Wechsel in den Deamrenftellen erstreckt sich bis in den Klerus. Der «aliemsche Gesandte.

erklärte, Italien habe kein Interesse an der Ge­staltung der griechischen Königsftage.

Bölkerbund-Tagung.

Keine Aussichten für die Abrüstung. (Eigener Drahtbericht.)

Genf, 26. November.

Den von ben skandinavischen Staat-» einge­reichten Anträge und Resolutionen, um die Frage der allgemeinen Entwaffnung möglichst bald durch ben Völkerbund in Behandlung zu nehmen, wirb nur geringe Aussicht auf Verwirk­lichung in biplomatischen Kreisen bcigemesscn. Bon den vier Grohstaaten, an die diese Frage eigentlich gerichtet ist. nämlich England, Frankreich, Vereinigte Staaten und Japan, ist keiner bereit, mit der Entwaffnung einen Anfang zu machen. Eine Einigung dieser vier Staaten in dieser Frage ist vorläufig noch eine Utopie. In diesem Sinne Hal sich ein bekannter englischer Diplomat nuSgefprodjen, der ein eif­riger Förderer des Welt-Abrüstungs-Geda-lkenS ist, aber zurzeit keine Möglichkeit sieht, einen Er- folg auf diesem Gebiete zu erzielen. Die Anträge ber nordischen Reiche werden auch in der Kom­mission. der sie zur weiteren Behandlung über­wiesen wurden, ein negatives Resultat erleben «nd nach längerer Zeit wird mau vernehmen, daß der Gedanke der Abrüstung an ben schwer zu lösenden Hinderrtissen scheitert.

Wirtschaft und Finanzen.

Genf, 26. November. (Eigene Trahtineldung) Tie Wiitfchafts- und Finanzkommission der Völ­kerbundversammlung hat sich in zwei Sektionen geteilt. Die Fincn-zkommissiou beschäftigt < sich mit der Fortführung der Arbeiten der Brüsseler Fli-anzkonferenz. Besonders wird sie sich auch mir dem Plane von internationalen Ha u- delskrediten beschäftige!!, den die Brüsseler Konferenz angenommen hat Die Wirtschefts- sektion beschäftigt sich in der Hauptsache damit, zunächst die internationale Wirtschafts- und Fi- nauzkoufereuz vorzubereiten, die in dem Schluß- bericht der Brüsseler Konferenz angeregt wird. Diese neue Konferenz foll im Jahre 1921 in Gens ftottfneben und die dauernde wirtfchoft- liche. wie auch die finanzielle Organisation des Völkerbundes vorbereiten.

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Frankreichs Besorgnis.

Genf, 26. November (Eigene Drahtmel­dung.) Ta vor nächsten Dienoiag keine öffent­lichen Sitzungen des VölkerbniidrS stattfindxn,. konzentriert sich das Interesse auf die Unteraus- sckniffe. Allgemein wird angenommen, daß Frankreich den auf Abänderung des Völ­kerbund-Statuts abzielenden Anträgen der standinavischen Staaten heftigen Wider­stand cntgvMgesetzt hat, do eS fürchtet, durch die Abänderung des dem Versailler Vertrag ein verleibten Völker bundstntnts der Revision des FriedenSvertraoes Tür und Tor zu öffnen. Der Ausnahme-Ausschuß des Völkerbundes hat sich einstimmig für bfe Aufnahme Oesterreichs und Bulgariens in den Döfferbnnd ausgesprochen.

Die Abrüstung wird vertagt.

Genf, 26. November. (Eigene Drahtmel- dung.) DenrWatin" zufolge wird der englif'.e Vorschlag, die Abrüstung ber Völkerbnnd- ftonten bis nach ber völligen Entwaffnung Deutschlands (!) zu vertagen, von ben Te- legierten Frankreichs, Belgiens, Italiens unb Jiigoffawiens gutgeheißen unb unterstützt.

Nachteile bet Trockenheit. Kein T-affer «Nb keine Kohle«.

(Prwat-T -learamm.1

München, 26. November.

Durch die anhaltende Trockenheit ist die Ber- sorgnng Südbayerns mit elektrischer Kraft in eine schwierige Lage versetzt worben. Die 'üb­bayerische,, Flußlänkc weisen einen Wasserman- iel auf, wie er seit dreißig Jahren nicht zn ver­zeichnen war. Ta im Gebirge fast kein Schnee vorhanden ist mtb die Haul ttrockenperiobe noch bevortteh, wird stch die Produftion in den nach, sten Monaisv noch kritischer gestatten. T ie Lei- sttmgen her Elektrizitätswerke sind auf ein Tut rel ber vermalen Leistungen znrückgeganqen und die sehlenden Energiemengen müssen durch Koh­len «jetzt werben, beten Zufuhr durch die all- nrrntine Kehlennot. durch den gegenwärtig Herr- schenden Wagenmangel imv das Versagen ber Rhein, und Mainschiffahrt fast gänzlich unter­bunden ist. Die geringen Kohlenvorräte «er-en i« aller Kürze «msgebroucht fein.

Hilfe für die Kinder.

Neve WohltStigkeiLs-Ausschüsse.

Neber »Wei neue Organisationen zur Linderung der Rotlage, unter der «in großer Teil de« deutschen Volke« leidet, schreibt Gra- «etzlrr «inenAu-fa^aufgrundftatistifcherFesttzellungei, Zwei große Hilfsaktionen, dte intim ineinan- dcrgreifen, sind entstanden und werden in aller­nächster Zeit bereits tätig werden: die vom Ro­ten Kreuz ausgehendeKinderhilfe" und der Aktionsausschuß für Wirtschaftshilfe", in den unter anderen alle Großbanken Vertreter nach Berlin entsandt haben. In der Tat ist das Elend so ungeheuer, daß nur die schleunigsten und umfassendsten Maßnahmen noch das deutsche Volk vor einer beispiellosen Katastrophe retten können. Dr. KuczhnAi, der Direktor des Dia- tistischen Amtes von Berlin-Schöneberg (Finanz­politische Korrespondenz Nr. 53) gibt über die Z u n a h m e der T e n e r u n g an, daß in Groß- Berlin im Oktober 1920 Milch und Gas neun­mal so viel wie 1913 kosteten, Brot zehnmal so viel, Briketts zwölfmal so viel, Butter dreizehn­mal so viel, Kartoffeln sechzehn mal so viel, Mar­garine achtzehnmal so viel, Reis dreißigmal so viel, Zucker zweiunddreißigmal so viel. Schmalz achtunddreißigmal so viel; ohne Berücksichtigung der Schleichlsandelspreis«. Und er berechnet fer­ner, daß der wöchentliche

Mindestbebars an Nahrungsmitteln

für ein Kind von sechs bis zehn Jcchrcn im Ok­tober 22 Mark (1913 1,87 Mark), für eine Frau 37 Mark (1913 2,91 Mark), für einen Mann 56 Mark (1913 3,79 Mark) betrug. Hierbei ist also noch Nichts für W-Hnung» Kleidung, Heizung, Beleuchtung berechnet. Nack) den von demselben Statistiker angestellten Berechnungen schwanft da» Eristenzminimum für eine Familie von vier Pei ftnou (zwei Kindern) je nach den wechseln. Be,i PreiSverhältaiffen zwischen 16 500 und 19 000 Marl; während von den Groß-Berliner Fami­lien kaum zehn Pr ozent diese Ein kommen stufe erreichen. A ähnliche Verhältnisse herrschen in allen nord- und Westdeutschen Staaten. Da die Löhne mir dieser rasenden Preisentwicklung trotz alber Streiks nicht Lchntt halten können, so ist die Proletarisierung eines großen Teiles des Mit­telstandes und die vollständige Verelendung eines großen Teiles des städtischen Proletariats die unabwendbare Folge. Dian blickt bei uns immer auf Rußland, wenn von Massenelend die Rede ist. Tatsächlich ist der Teil des deut­schen Volkes der im Elend ist, viel größer, als der Teil des russischen Volkes, der Hunger leidet. In Rußland beträgt die städtische Bevölkerung nur zehn Prozent der Gesamtvevölkeruug; die neunzig Prozent, die aus dem Lande leben, ha­ben es nicht schlechter, zum Teil sogar besser als früher. In Deutschland beträgt die städtische Bevölkerung etwa fünfzig Prozent, und von die- fern Teil« leider heute die bei weitem größere Hälfte, wie aus den vorhin zitierten Zahlen 6er« vorgeht, bereits bittere Rot. Das deutsche Volk ist daher weit mehr gefährdet als das russisch«. Bor allen Dingen ist sein Nachwuchs in einem ganz anderen Umfange als der d;S russischen Pottes durch Entbehrungen bedroht, ja durch die Not bereits heute bis ins Mark ge­troffen. Wer die früher so schmucken Arbeiter» viertel Berlins durchstreift, wer einen Mick in die Wehnunz-n und Familien des Beriin-r Pro­letariat-! und kleinen Mittelstandes wärst, wird tief erschüttert fein durch den Anblick der Frauen und Kinder. Es ist klar, daß ein bloßes Fortbe- stihen dieser Zustande, die in allen Stäoten Nord- und Westdeutschlands ungefähr die glei­chen sind, in einem bis .zwei Fahren jede Hoff­nung auf die Wiederaufrichtung der deutsch.-» Wirtschaft oder die Wiederaufnahme fruchtbarer geistiger Arbeit in Deutschland vernichte» muß. Zunächst mutz aus ihnen die absolut- Rotwen­digfeil gefolgert werden zu einem Neuaufbau und einer

zweckbewußten Organisation

der deutschen «nd internationalen Wirtschaft, w die volle Arbeitskraft Deutschlands und di- volle Parität der deutschen Arbeit auf dem Weltmärkte wiederherzuftellen. Das ist die vornehmste, ja zurzeit, kann man sagen, einzige Aufgabe der deutschen Politik. Bis dahin find Maßnahme» zur Linderung und zirm teilweisen Abbau de» Elends unerläßlich. Wer auch diese Maßnah­men sollten den Gesichtspunkten mtterworsrn werden, die die allgemeine innere und äußere deutsche Politik beherrschen müssen. In erjkr Linie sollten daher auch diese Notstandsmaßnah­men in der Hebung der Arbeits- unt Kaufkraft und nicht in bloßer Wöbltätigfeät bestehen. In der Mittelpunkt sollte daher dir Wirtschaftshilfe gestellt werden, die dar­auf auSgeht, möglichst viel« durch die Umstände mrprodukttv gewordene Eristcnzen wieder pro- butt:» zu machen. Wenn man so dem Familien­vater mtb ber Familienmutt« Hilst, durch eigene Kraft wieder hochzukommen, so ist damtt ganz von selbst auch den Kindern geholfen. Diese» iZweck verfolgt das zweit« der obengencmn.en