Einzelbild herunterladen
 

Hessische Abendzeitung

Kasseler Abendzeitung

10. Jahrgang.

Sonnabend, 20. November 1920

Fernsprecher 951 und 952.

Nummer 269

Fernsprecher 951 und 952.

Die Raffelet Neueste« Nachrichten erscheinen wöchentlich fechtmal und iroar abend«. Der «dannement«xtetr Beträgt menatl. 6.00 l'tart bei freier Zuftellun, in« Hau«. Bestellungen werden >kd«r,m cen der Geschäftsstelle oder den Boten entgegengenommen. Truckerrt, Berlag and Nedaftlon ; Sch achthofstrobe 28/30. Für unverlangt eingesandte Beiträge kann die Redaktion eine Beranlwori.-ng »der Lewahr in keinem Falle übernehme». Rückzahlung de« vezugtgeide« oder Aniprüche wegen etwaiger nicht ordnungsmäbiger Lieferung au«g,schlossen.

Jnserttonspretse, a) «inheimtsche «uMäge: Die «tnfoatttge Lnzeigen-Zeile M. 1.00, di« einspaltig« Reklame,eile M. 150. b) Auswärtig« Auftrag«: Die einspaltig« An,eigen,eil« M. 1.20, di« einspaltig« Reklame,«U« M. 175, alle« einschließlich Deuerung«,uschla, und Anzeigensteuer. - Für die Richtigkeit aller durch Fernsprecher aufgegebenen An,eigen, sowie für Aufnahmedäten und Plätze kann eine Bewähr nicht übernommen werden. Druckerei: Schlachttzofstr.25/30. «eschäftsstelle: Kölnische Str. S. Telephon Rr. 951 U.MI

Maßnahmen gegen die kartasselnol.

Ausstieg der Start?

Die Schwankung der deutschen Valuta.

An den deutschen Börsen erlebte man in den letzten Tagen Ueberraschungen, die gestern zu einem Sturz führten. Nachdem wahrend einiger Wochen die Auslandswerte sich stetig auf­wärts bewegten, trat Anfang dieser Woche eine Abschwächung ein, worauf gestern ein bedeuten- der Kurssturz erfolgte. Noch am Freitag voriger Woche stand zum Beispiel der Dollar auf 87 Mark, wogegen er gestern auf 63 sank und dann wieder einige Punkte stieg. Gleichzeitig damit sanken auch alle anderen Devisen. Hebet die Ursache dieses plötzlichen Aufstiegs der Mark ist man sich noch nicht klar. Es liegen Duldun­gen vor, daß Amerika den Handel mit Deutsch­land beginnen wolle und d >zu Mark kaufe. Ob aber diese Lesart zutrifft, muß abgewartet wer­den, denn solche Vermutungen an der Börse sind nie sicher Der Stand der deutschen Valuta zeigt ein ewiges Auf und Nieder, aber da das letztere überwiegt, so stellte die Mark bisher eine gleitende Skala mit der Richtung nach dem Nullpunkt dir. Im wunderschönen Monat Mai, alS alle Knospen sprangen, hatte unsere Wäh­rung einen Höhepunkt erreicht, der die Optimisten zu den kühnsten Hoffnungen anspornte, aber >m November langten wir an einem Tiefstand an, Bei dem gestrigen Aufstieg der Mark weiß man nicht, ob hier wirklich eine dauernd aussteigende Bewegung vorliegt, vielleicht handelt es sich mehr um einen Rückschlag, heroorgerufen in erster Reihe durch die Angstverkäufe der Notenhamste- rer, der Demsensp-ckutauten und ihrer Mitläufer, wobei nicht geleugnet werden soll, daß bei dem vorher erreichten Tiefstand die Baissespekulation mitgewirkt hat

Jedenfalls bietet diese Fieberkurve der Mark, dir zugleich als eine Kw-ve der deut­schen Wirtschaft erscheint, ein höchst bedenk­liches Bild, und dies Auf- und Absteigen ist in seiner Wirkung eigentlich noch schlimmer, als ein stabiler Tiefstand. Für den Tiefstand an sich ist es nicht schwer, nach Gründen zu suchen. Man braucht nur ben letzten Reichsbankausweis mit seinen 76J4 Milliarden Mark an Reichsban knoten und Darlehnskassenscheinen. sowie den Defizit­etat für 1920 zu betrachten, wozu sich noch die Abfindung für die Schadenersatzansprüche der deutschen Staatsbürger und die Wiedergut- mochungssorderungen der Alliierten gesellen, um die Begründung für sene Fiebertttrve zu finden. Haben wir doch gerade in letztet Zeit gewaltige Summen zur Abtragung der Schulden aus d-r Kriegszeit und Vorkriegszeit an das Ausland ab führen muffen, und zu diesen dauernden, stän­dig anwachsenden Aderläsien gesellt sich die tui- eri'ittliche Durchführung des Spa-Äbkommens, die uns gerade das nimmt, was uns in den Stand setzen könnte, unsere Wirffchaft in Gang zu bringen und dadurch die georderten Zahlun­gen an die Alliierten zu leisten, nämlich Kohle

Das Damoklesschwert der Wiedergut­machung schwebt nickst nur über uns, sondern schlägt uns dauernd tiefe Wunden, und zu d.nn in seiner katastrophalen Wirkung vom Reichs- Minister Tr. Simons gekennzeichneten Besat- zungsdruck im besetzten Gebiet, zu der auf die zahllosen Paragraphen von Versailles aufgebau­ten Auspovernng gesellt sich die Ungewiß­heit über dte Grenzen der sogenannten Wieder- Mttmackiingsfrage, in der das französisch-eng­lische Kompromiß doch im wesentlichen einen Sieg der welschen Haßpolitik bedeutet. Wenn man die vom »Petit Parisien" ausgemachte Rechnung bett achtet, wonach allein die fran- zöstschen Forderuw, :n zweihundertundzwanzig Millionen Gokdmark betragen, was etwa etn= tausendvfeihundert Milliarden Papiermark ent­sprechen würde, so muß man sich fragen, ob ge­genüber einem solchen Zahlenrausch überhaupt noch irgend etwas von den Verhandlungen in Brüssel oder Genf zu erwarten ist.

Während so das feindliche Ausland sowohl durch die unentwegt betriebene positive Ausbeu­tung, wie durch den Wiedergutmachungswahn zu feinem eigenen Schaden unsere Valuta chro- nisch entwertete, beteiligte sich auch ein nicht un­erheblicher Teil des deutschen Volkes an dieser Srvorage, wofür die jüngsten Streiks, die das Wirtschaftsleben der Reichshauptstadt auf einige Sage lahmlegten, ein ebenso lehrreiches wie be­trübendes Beispiel boten. Wenn wir das ein­zige .Rohprodukt-, das wir noch ungemessen rder wenigstens noch lange nicht ausgenutzt zur Verfügung Haden, nämlich die Arbeit, statt sie restlos der Produktion ziizusühc-n, vielmehr sa­botieren bann wird die ganz natürliche Folge fein, daß der ersehnt', und erhoffte Preis­abbau. ohne den wir zu keinem Ende der Vohnkümpfe gelangen können, sich nur auf einem einzigen Gebiete durchsetzt, nämlich auf dem des Markkurses Ein Preisabbau könnte wohl etntreten. wenn die Answärtsbrweguna der Mark tatsächlich anchalten würde. Dann hätten wir die Gewißheit, daß die vom Auslanoe ein« geführten Waren bittiacr hereinkämen Nah­rungsmittel und Rohstoffe Wären dann wieder

zu erschwinglichen Preisen zu laufen. Diesirn Vorteil für den Import würde allerdings ein Nachteil für den Export gegenüberstehen, da das Ausland durch einen höheren MarKurs vom Kaufen abgehalteit würde. Etwas Bestimmtes über die weitere Entwicklung läßt sich heute noch nicht sagen. Vielleicht wird sich im diesen Tagen etwas Genaueres Herausstellen. An der Börse rechnet man bereits mit einem Stillstand die­ses vorübergehenden Steigens der Mark.

Kartoffel-Versorgung.

Billigere Frachtsätze der Eisenbahn.

(Priv ctt-T el earamm.l

Berlin, 19. November.

An Ergänzung der vorn Vertreter des Ser. kehrsministers in einer Sitzung im Verkehrs- Ministerium gegebenen Auskunft über die augen­blicklichen Kartoffeltransporte wird mitgeteilt, daß die deutschen Eisenbahnen zum 1. Dezember einen neuen Gütertarif einfüh­ren, der die Kartoffeln der billigsten T a - rifklasse zuteilt. Die Frachffätze werden im Vergleich zu den jetzigen Kartoffelfrachten bei zunehmender Entfernung mehr herabgesetzt. Die Frachtsätze für eine Tonne finb um 50 Pfennig, bei 50 Kilometer um 80 Pfennig, bei 400 Kilo- meter um 8 Mark und bei 1000 Kilometer um 21,60 Mark billiger. Die Gewährung eines Ausnahmetariss ist vom Verkehrsministerium nicht in Aussicht genommen.

Beschlagnahme in Hessen.

Darmstadt, 19. November. (Privat - Tele­gramm.) Infolge des Versagens der Kartoffel« Versorgung der Städte in Hessen hat die hessische Regierung die Beschlagnahme von zehn Zentnern Kartoffeln zu 25 Mark und zehn Zentnern zu 28 Mark auf den Morgen Anbau­fläche angeordnet. Der Hessische Bauernbund bat nunmehr, wie er mitteilt, bei der Staats­anwaltschaft gegen die Regierung und Kreis- ömter Strafanzeige wegen Mißbrauchs der Amtsgewalt und wegen Erpressung erstattet und will auch Schadenersatzansprüche machen.

e

Gegen Schleichhandel und Wucher.

Berlin, 19. November. (Privat-Telegramm.) Der Reichsrat hat gestern dem Gesetzentwurf über Verschärfung der Strafen gegen Schleichhandel, Preistreiberei und verbotener Ausftthr lebenswichtiger Waren ein- stimmig seine Zustimmung erteilt. Der Ent­wurf bestimmt, daß in besonders schweren Fäl­len auf Zuchthaus von 1 bis 15 Jahren und Geldstrafe von mindestens zwanzigtau. send Mark erkannt werden soll.

Griechenland« Thronfrage.

König Konstantin ist zur Kandidatur bereit. «Eigene Drahtmeldung.l

Luzern, 19. November.

König Konstantin gewährte in Luzern einem Pressevertreter eine Unterredung, in der er offen seine Thronkandidatur erklärt. Das Wahlresul­tat überrasche ihn nicht, sondern beweise, daß ihm das griechische Volk auch jetzt noch wohlgesinnt sei. Er vertraue aus die Recht­lichkeit der Berbandsmächte und hoffe, daß diese seine Rückkehr nicht verhindern werden, falls ein Volksentscheid ihn zurückberufe. Er beabsichtige, gegen die Berbandsmächte eine loyale Politik zu führen, nur müsse Griechenland frei und unabhängig sein. Während des Welt­krieges habe er nM die Mittelmächte begün­stigen, sondern neutral bleiben wollen, da keine griechischen Lebensfragen im Spiel gestan­den hätten. Venizelos habe ihn hauptsächlich aus Haß gestürzt. Aus Athen wird gemel- bet: Unbeschreiblich ist die Erregung und Er- Wartung über die Ankunft König Konstantins Vor dem königlichen Palais finden Tag und Nacht Umzüge und Huldigungen statt.

a

Venizelos auf der Flucht.

Haag, 19. November. (Eigene Drahtmeldung.) Der bisherige Ministerpräsident Venizelos ist nach einer Athener Meldung an Bord der JachtgiarceSfuS, durch einen britischen Kreu­zer und zwei Torpedoboote begleitet, nach Nizza abgereist. Man nimmt an, daß er sich noch Paris begeben wird. Der .Petit Pari- fien veröffentlicht eine neue Erklärung des neuen griechifchen Ministerpräsidenten. Dieser Widerspreche mit dem größten Nachdruck der Be­

hauptung, daß er prodeuffche Neigungen habe. Die antipenizelistische Mehrheit des Parlaments Werde in der auswärtigen Politik nichts ändern.

Die Königin als Regentin.

Athen 19. November. (Eigener Drahibe- richt.j Reuter meldet: Der neue Ministerpräfl. deut hat dem vorläufigen R e g e n t e n den Eid geleistet und darauf dessen Rücktritt gefordert. Die anderen Minister werden ihren Eid der Königin ablegrn, die die Regentschaft über, nehmen wird. Das neue Kabinett ist bereits ge­bildet. Das Ministerpräsiditim, Ministerium für BeußereS und Justiz übernimmt RhalliS.

Große Mehrheit der Royalisten.

Zürich, 19. November. (Eigene Drabttnel- bitng.) Die Agentur Stefan! meldet aus Athen: Die Gesamtergebnisse der Wahl lagen am Don­nerstag Vormittag vor. Sie sind noch günst ft g e r für die R o h a 1 i st e n, als bisher angenom- men wurde Insgesamt sind 255 rovalist'sche Delegierte (Konstantinistent gewählt, gegenüber 108 Benizelisten und 10 Wilden.

Mkerdnad Tagung.

Weitere Zwangsmittel gegen Deutschland?

(Eigener Drcchtberlcht.i

Paris, 19. November.

Der ehemalige französische Präsident Poin- caree schreibt, daß er hoffe, Deutschland werde bald dem Völkerbund beitreten und zuaelassen werden, weil sich dadurch erst die Mög­lichkeit ergebe, Deutschland zur Erfüllung seiner Verpflichtungen zu z w i n g e n. Nach seiner Mei. nnng hätten jedoch nicht die Hälfte der Mitglie­der des Völkerbundes Berttauen zu Deutschland. Wenn sich in Kens dagegen zeige, daß sich ein­zelne Staaten hätten überreden lassen, nm für Deutschland eine Lanze zu biechen, dann würden diesen schon durch Lomgeois. Viviani und Hano- taux die Augen geöffnet. Nach Poincarees An­sicht scheint also der militärische Druck aus Deutschland noch nicht -» genügen, sondern auch der Völkerbund soll noch mit Zwangsmit­teln helfen, um Deutschlands Untergang zu vollenden. Wer für Deutschland eintreten will, dem will Frankreich die Augen öffnen, das ist eine sehr einfältige Drohung, die selbst der kleinste Staat heute nicht mehr ernst nimmt. Tie Schweizerisckre Telegr-rphen-Agentur erfährt aus sicherer Quelle, daß der Völkeebundsrat am Mittwoch abend im Prinzip beschlossen hat, Polen das Mandat der militärischen Verteidigung Danzigs z» übertragen.

Die Aussprache.

Genf, 19. November. (Eigene Drahtmeldung.) Die Völkerbundstagung in Genf Wird frühestens am Montag in die große politische Debatte ein» treten. An diesem Tage wird die Frage der internationalen Abrüstung auf der Tagesordnung stehen. Man erwartet, daß Lloyd George zu der Abrüstungsftage und über die allgern'ine politische Lage sprechen wird. Bei der bisherigen Aussprache über den Bericht des Gencralsekretariats erstattete Nansen Bericht über die Heimbesorderung von etwa dreihund-rt- tausend Gefangenen aus den Gebieten des ehemaligen rusfifchen Reiches, von denen sich vierzigtausend in Ostsibiriem zwanziytanseno i-m Kaul! sus und in Turkestan und die Mehrzahl in Tüdiußland befinden. Nicht zuletzt dank der lo- tioJen und energischen Mitarbeit der deut­schen Behörden, aber mich dank der Hilfe der Sowjetregierung sei es getunb'n, statt der erwarteten hunderttausend bereits hundettacht- zigiausend ©efangene heimzuschaffen. Aus große Schwierigkeiten stoße namentlich die Heimschaf­fung der in Ostsibirien befindlichen Gefangenen, insbesondere auch darum, weil namenMch die Mittelmächte nicht die nötigen Mittel hätten, um die für die lange Reife notwendigen Schiffe zu liefern. Deutschland mache Anstrengungen, um diese traurige Angelegenheit ganz zu erledigen.

e

Am Eupen und MalmedH.

Berlin, 19. November. (Privattelegramm.) Einer vom Reichsmtinrster des Aeußern Dr. Si­mons in Aachen geäußerten Auffassung ent- sprecheud, beabsichtigt die denffche Regierung, die Frage Eupen-Malmedy in keinem Falle ruhen zu lassen. Vorläufig ist Anfang dieser Woche eine zweite Note in dieser Frage an das Generalsekretariat des Völkerbundes ceaan« Sn. Bekanntlich steht die deutsche Regierung ten aus formellen iuristischen Gründen auf dem Standpunkt, daß nicht der Völkerbundsrat, fon-- dein die Völker du rt dso ers anmrlung die zuständige und zur Enffcheidung dieser Frage nach dem Friedensverttag einzig zulässige Instanz sei.

Ser Milchmangel.

Gefährder Ablieferung von Milchkühe«.

Da« S3erlangen bet früheren Feind«, »atz Deutschland ihn«« eine ungeheure Stenge Milch- »ühe a»liefern sell» wird dadurch ,nr Gefahr, daß in Dentfchland schon jetzt eine Milchnot herrscht. Die peenhische Regierung hat die« in einer Denkschrift «um Ausdruck gebracht.

Ter preußisch? Minister für Vollswohffahtt als Ehes des C^sundheitsw esen s in Preußen hat Stellung zu der Frage der Ablieferung von Milchkühen an Frankreich, Belgien ustv. genom­men und in einer Denkschrift an das preußische Staatsministerium erMrr, daß der durch di? Kriegsenkbehrungen aufs schwerste geschä­digte Gesundheitszustand der Bevöl- kerung, besonders der Mütter und Kinder, es nichi erlaub«, der Ablieferung von Milchkühen näherzutveten selbst wenn die Zahl der adzu- liefernden Kühe weit hinter der durch die Presse mirgeteftter Anzahl von qchthunderttausend Stück zurückbliöbe und sich die Ablieferung über mehrere Jähre erstrecken sollt«. Zunächst weist die Denkschrift das Ansinnen zurück, von dem MamlMenMbrochenen und seit Jahren un­terernährten deutschen Volke Überhaupt die Ab­lieferung irgendwelcher Nahrungsmittel zu Der« langen, denn gerade Nahrungsmittel smd dasjenige, was uns am meisten fehlt und was wir uns für Milliarden Mark felbst aus dem Auslände hereircholert müssen. Wenn Frank- reich uns achthunderttausend Milchkühe übvet- langcn sollte, so würden uns dadurch mindestens sechs Millionen Liter Milch täglich entzogen werden Bei denr dann cintretenden Mangel an Milchzufuhr hätten

dte deuffcheu Mütter

nicht mehr bi» Kraft, ihre Kinder zu stillen. DieS hätte naturgemäß die weitere Wirkung, daß die bisher leidlich günstige Ernährung Hunderttau­sender von Säuglingen an der Mutterbrust in Zukunft nicht mehr oder tn geringem Umfange möglich sein und dadurch Tod und Siechtum zahlloser Säuglinge herbetgesühtt werden würde. Tie Gesundheitsabteilung des Mini- stettu-rns für Volkswohlfahrt hat neuenznugS ihre Beobachtungen über den Gesundheitszustand der Bevölkerung für das Jahr 1919 abgeschlossen und dabei festgestellt, daß sich der Gcfundheits- z u st a n d gegenüber den eigentlichen Kriegs­fall rcn nicht nennenswett gebessert, sondern in gewissem Sinne eher verschlechtert hat. Durch die Unterernährung der Mütter nehmen die Kinder vermutlich bereits. im Mutterleib« Schaden. Der Ernähnungs- und Gesundheits­zustand der stillenden Mütter ist weiter gesunken. Skrofulose, Rachitis. Mutarmut und Tuberkulose haben unter den Kleinkindern noch zugenommen. Durchschnittsgewicht und Größe der Schulkin­der bleiben immer noch erheblich gegen die Zett vor dem Kriege zurück. In Barmen zum Bei­spiel waren sämtliche zur Aussendung aufs Land gemessenen und gewogenen Kinder zwischen dem sechsten und fünfzehnten Lebensjahre unter- halb der normalen Größe urti> dem Nor­malgewicht; sie waren hinsichtlich des Längen- niaßes um ein bis zwei Jahre zurückgeblieben. Bei den Schulkindern in Halle hat sich gegen­über 1914 im Jahre 1919. die Blutarmut bei den Knaben etwa verzehnfacht, bei den Mäd­chen etwa vervierfacht; die Skrofulose ist fast um ftinfzig Prozent geitiegeu. Bei den Erwachse­nen sicht es ähnlich aus. Seit Herbst 1917 tre­ten in auffallender Weise

Veränderungen des Knochengerüsts

aus, die etwa unter dem Bilde der englischen Krankheit, Rachitis, sowie der Knochenweiche und Knochenbrüchigkeit der Erwachsenen verlau­sen. Die Krankheit ergreift nicht bloß die Kin­der, sondern auch die Erwachsenen bis ins Grei­fenalter. Sie tritt in einer Schwere auf, wie sie bisher in Deutschland nicht beobachtet worden war. Serbiegungen und Verkrümmungen der Seine, der Wirbelsäule und der Bruftknochen in schwerster Form sind häufig. Knochenbrüche ohne nachweisbare oder erkenntlichen Ursachen sind keine Seltenheit. Die Krankheft beschränkt sich fast ausschließlich auf die großen Städte und die Fndustriegezenden, aksc aus die ernährungs- annen Gebiete. Tie Kurve der Tuberkulose- Sterbefälle ist fett 1913 erschreckend in die Höhe gegangen. Unsere Gegner werden die vor­stehenden Ausführungen dadurch zu entkräften suchen, daß die von ihnen verlangten Mlchkühe nur einen gewissen Prozentsatz des gesamten deutschen Milchviehbestandes betragen, und deren Ablieferung daher für die Ernährung des deut­schen Volkes nicht von ausschlaggebender Bedeu­tung fein könne. Ein derartiger Schluß würde jedoch vollständig sehlgehe.-t. Der Milchettrag einer Kuh hängt in erster Linie von dem Sttck- stoff-(Protein-)Gehalt des Futters ab. Durch den Mangel an Kraftfuttermitteln sank der Milch- ei.trag in Deutschland außerordentlich stark. Das Milchvieh liefert bei protetnarmem Futter ,ticht etwa die normale Milchmcnge mit einem geringeren Eiweißgehalt, fandern entsprechend geringere Mengen normaler Milch