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Hessische Abendzeitung

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Kasseler Neueste Nachrichten

Kasseler Abendzeitung

Nummer 265

Sonntag, 14. November 1920

Fernsprecher M und 952.

10. Jahrgang.

Fernsprecher 951 und 952.

Deutschlands Ausschluss vom Völkerbund?

Sin «ttnmhafter Schritt.

Die Regierung gegen wilde Streiks.

Ein Lichtblick in dem sonst so grauen poli'i- schen Horizont eröffnet eine Aussicht, die so et­was wie einen Anlauf zur Besserung erkennen läßt, lieber der Reichshauptstadt hingen dro­hende U'iiwetterwollen, die einen Taifun ankun- digten. Berlin lag im Dunkel nicht nur bild­lich gesproc'en, sondern in Wirklichkeit. Durch den Streik von ein paar hundert Elektrizitäts- crbeiiern war das Licht erloschen, die Shaßen« bahn stillgelegt, und in den Falrikbetrieben ruhten die Maschinen. Was das in der Millio­nenstadt bedeutet, wird jeder Mensch, selbst der Berlin nicht kennen sollte, sich vorstellen können. Nur eine kleine Gruppe gewissenloser Elemente fand den schändlichen Mut, Hunderttausendell von Arbeitern und Angestellten die Erwerbsmög- lichkeit zu unterbindeil, sowie Tausende Men­schenleben zu gefährden. Tee Frevel wurde noch dadurch erschwert, daß wichtige Maschinenteile in den Elektrizitätswerken entfernt wurden, so

kein Tadel sein. Im Gegenteil, e5 ist erfreulich, wenn sich endlich die Erkenntnis durchringt, daß Disziplin und Autorität unentbehrlich sind. Ordnung muß fein! Ist schon in nor­malen Zeiten die staatliche Machtbefugnis ein wichtiger Bestandteil des öffentlichen Lebens, um die Ordnung der Volkswirtschaft zu gewähr­leisten, wieviel mehr ist sie den Nachwehen einer Revolution gcgenüv r notwendig. Stetigkeit der Arbeit ist die Grundlage für eine gedeihliche Pro- ouktion. Mit der Zeit werden die breiten M.ff- sen schon ein sehen, daß ihre soziale Lage nur dann gebessert werden kann, wenn eine ruhige Entwicklung von Industrie, Gewerbe und Land­wirtschaft durch aufbauende Arbeit gesichert ist. Sind wir erst wieder aus dem rechten Wege, dann wird uns auch das Ausland die schuldige Achtung nicht versagen. k. F. Dr.

Wilerlnwb-Konserenz.

Das Eintreffen der Delegierten. (Eigener Drahtbericht.)

vierzehn bereits verhaftet werden. Scheine im Betrage von 300 000 Mk. wurden beschlagnahmt.

Veutsche zMungsiWskeit.

Eine Anficht deutscher Finanzleute.

(Eigener Drahtbericyt.)

Haag, 13. November.

Ter Berliner Bertreter derTimes" erklärt in einem längeren Artikel über die heutigen wirtschaftlichen Kämpfe und politischen Zustände in Deutschland: Die besten und verantwortungs- relchen Kreise der deutschen Finanzwelt seien der Ansicht, daß der Betrag der deutschen Ent­schädigung n, ch t d i k t t e r t werden könne. Das könnte zum Zusammenbruch führen. Der Tjmes- Vertreter rät den Alliierten dringend an, daß sie, wenn sie heute sofortige Zahlung der Entschädi­gung verlangen wollten, in ihrem eigenen Inter­esse darauf bestehen sollten, daß Deutschland keine weiteren Papiergeldscheine druckt, und daß es den bmeaukratischen unb öf­fentlichen Extravaganzen ein Ende macht.

daß die Wieder-Inbetriebsetzung durch fremde Hände unmöglich'war Diejenigen, die früher diese hinterhältige Zerstörung den Arbeitern ge­lehrt haben, brauchten dafür das französische WortSabotage*. In der Tat, lein deut­sches Wort Prägt so scharf wie dieser französische Ausdruck die widerwärtige Bedeutung^ms. Tic ganze Bosheit der Untat liegt darin. Aber noch nicht genug des Bösen rotteten sich weitere Gruppen, Streikende und Arbeitslose, zusamnien, drangen in die noch mit eigener Kraft im Be­trieb befindlichen Werke ein und zwangen unter Drohung dir Arbeiter, die ihre friedliche Tätigkeit weiter verrichten wollten, die Arbeit niederzulegen.

Durch diese Wirrnis drang endlich ein Licht­strahl in Gestalt der Verfügung des Reichspräsi­denten, wonach wilde Streiks verhin­dert werden sollen, wenn nötig, durch mili­tärische Maßnahmen. Tie Verfügung setzt den Sabotagebegrisf unzweideutig fest und bestimmt schwere Strafen dafür. Künftig steht in solchen Fällen nicht mehr nur den Stadl- Verwaltungen ober den Landesregierungen das Recht der Maßnahmen zu, sondern die Reichs- regierung greift direkt ein. Schon im Berliner Falle wäre diese Reform, wenn sie einige Tage früher gekommen wäre, von Nutzen gewesen Als der Neichsminisier des Innern die Technische Nothilfe zur Verfügung gestellt hatte, nahm sie der Berliner Magistrat und die preußische Re­gierung erst vierunbzwanztg Stunden spater in Anspruch. Jetzt hat der Reichsminister des In­nern die vollziehende Gewalt und kann die Tech­nische Nothilfe, Polizei und Militär sofort ein« setzen, um lebenswichtige Betriebe aufrecht zu er­halten Endlich endlich einmal der elfte Schritt zu einer mannhaften Tat. Es war ein unerhör­ter Zustand, daß unverantwortliche Hetzer es wagen dursten, das schon ohnehin darniÄerlie- gende Wirtschaftsleben zu stören und VoWSgüter zu verschleudern. Wenn sich in solcher Unord­nung dieFreiheit der Republik*, dierevolutio­näre Errungenschaft* offenbarte, dann war es nicht verwunderlich, daß das Ausland immer noch mit Mißtrauen auf Deutschland blickte und nicht geneigt war, dem Reiche Kredite zu gewäh­ren. Die Alliierten-Kommissionen In Berlin hat-

Gcnf, 13. November.

Zur Konferenz des Völkerbundes, die am Montag eröffnet wird, sind die Delegierten von Japan, China, TLnemark, Norwegen unp Por­tugal bereits eiiigctroffen. Weiterhin ist bereits ein Telegramm des Freistaates Danzig angc- langt. Die Franzosen werden am heutigen Sonnabend erwartet. Holland wird sich durch seinen Gesandten in Bern vertreten lassen. Die erste Sitzung wird von dem gewesenen belgischen Minister Huysmann geleitet werden, der einen Brief Wllfons der Versammlung znr Kenntnis bringen wird. Der Schweizerische Bundesprä­sident wird die Eröffnungsrede halten und den Kongreß im Namen der scksiveizerischen Eidgenosicnschast begrüßen. Wie verlautet, wurde endgültig beschlossen, nicht nur diese erste Konferenz, sondern sämtliche Sitzungen des Bundes in Genf stattfinden zu lassen und zwar in regelmätziMN Abständen von zwei Monaten.

Bleibt Deutschland auLgeschloffen 7

Paris, 13. November. (Eigene Drahtmel­dung.) Ueber die etwaige Zulassung der früher feindlichen Staaten zum Völkerbund vernimmt »Echo de Paris* folgendes: Was Deutsch­land angsht, fo hat die englisch« Regierung zugesagr, daß sie die Aufhebung der Aus­schließung nicht begünstigen teerte. Was Oester­reich und Bulgarien angeht, so hat der franzö­sisch« Ministerpräsidem dem französischen Ver­treter für die Völkerbundsversammlung mitge- teilt, daß man geneigt sei, gegenüber diesen Län­dern eine wohwollente Haltung einzunchmen.

Französische Selbstüberhebung.

Paris, 13. November. (Eigene Drahtmel­dung.) Nach demEcho te Paris" hat der fron- zöfische Ministerpräsident der stanzösischen De­legation von Gens die Weisung mitgegcben, die Bölkerbunds-Bersantmlung sofort zu verlas- fen, wenn gegen den Wunsch Frankreichs Deutschland in den Völkerbund ausgenom­men und als Mitglied anerkannt werden sollte.

vanlnsten-Mschungm.

Werkstfitte« in Offenbach und München.

(Privat-Telearamm.l

Offenbach, 13. November.

Rach dem Polizeibericht ist cS der Offenbacher Kriminalpolizei gelungen, den vierundvierzig Jahre alten, hier wohnenden Mechaniker Max Schubert in seiner Werkstätte bei der Herstellung von Fünszigmark-Banknoten zu über­raschen, die er feit Wochen anfertigte. Klischee/ Werkzeuge und Material wurden beschlagnahmt und der Falschmünzer feftgenommen. Es handeft sich um die grünen Fünfzigmarkscheine vom 21. Juli 1920, die ausgezeichnet nachgemacht und schwer von den echten zu unterscheiden sind. Ter Münchener Polizei gelang es, eine Banknotenfälscherteerkstäfte aufzudecken, von der innerhalb vierzehn Tagen für eineinhalb Millio­nen falsche Fünfzigmarkscheine, Ausgabe vom 14. Juni 1919 hergestellt und zum Teil in Oberbayern. Baden, Helfen und Frankfurt tu M.

einer beißenden Kritik unterziehen, aber heute,

wo si« die Macht in den Händen hat, wendet sie? abgesetzt wurden. Bon etwa zwanzig Personen, stSst scharfe Mittel an. Diese Vorhaltung soll! die der Falschmünzerbande angrhötten, konnten

ten genug Anlaß, um ungünstige Berichte über Deutschland nachhause zu schicken.

Von tem energischen Schritt der Regierung erhofft man nun eine Besserung der Verhält­nisse. Der erste Erfolg war die Wiederaufnahme der Arbeit. Es ist eine Ironie des Schicksals, daß dem sozialdemokratischen Reichspräsidenten die Mission zuftel, einen Erlaß herauszugeben, den er und seine Parteiführer früher als reatitonär bezeichnet haben würden Eine gleiche Ironie ist es, wenn der sozwltemokratische Berliner Magistrat den streikenden städtischen Arbeitern ein U111 m a t u m vyrlegt, daß die Arbeit sofort wieder aufzunehmen ist, andernfalls die Strei­kenden für alle Zeiten aus ten städtischen Be­trieben entlassen werden. Die in radikalen Kr.i- sen viel geschmähten Organisationen der Tech­nischen Rothilfe, der Sicherheitspolizei und ter Reichswehr werden jetzt von ter Regierung und auch von fozialdemokrati'-en Verwaltungen gerne in Anspruch genommen. Befände sich dir Sozialdemokratie noch in ihrer früheren Oppo- sttronsstellung. würde sie solche Maßnahmen

Wiedereinsetzung einer Kommiffio».

Amsterdam, 13. November. (Eigener Draht­bericht) DemHandelsblad* wird aus Paris gemeldet: Das französifch-britisthe Abkommen über die Art und Weise ter Wiederher siel- lun g kann als abz schlossen angesehen werden. Es scheint, daß Lehgues seinen Willen bezüglich der Wiedereinsetzung der Kommission für die Wiederherstellung durchsetzt. Ihr bleibt die Auf­gabe der Feststellung des Betrages der Schulten und der Zahlungsfähigkeit Deutsch­lands unter ten bereits früher gemeldeten Be­dingungen Vorbehalten. Bezüglich des Datums der zweiten Konferenz bleibt England auf seinem Standpunkt, daß diese Konferenz erst nach der Volksabstimimmg in Oberfchlesten ftattfinbet

Nach der Abstimmung.

Genf, 13. November. (Eigene Draihtmel- bung.) DemPetit Parisicn" zufolge hat die ftanzösische Regierung das Bedenken ter engli scheu Regierung, wonach die deutsche Zahlungs­fähigkeit erst nach der Entscheidung über das Schicksal Oberschlesiens festgestellt worden konnte, mit dem Hinweis auf Artikel 429 des Versailler Vertrages beantwortet, wonach Polen verpflich­tet fei, fünfzehn Jahre lang oberschlesische Koh­lenlieferungen an D«:ttschland freizugeben-

Neue GehaltrforSetnWn.

Beschluß de« Deutsche« Bsamtenbnnde«. (Privat-T elearamm.!

Berlin, 13. November.

Wie wir erfahren, tritt heute das Reichskabi­nett zu einer Sitzung zusammen, um zu den neuen Forderungen der Beamtenorgänisationen Stellung zu nehmen. Der Deutsche Beamteil- lmnd verlangt als Teuerungszulage fünf­zig Prozent vom Gehalt. Die Vertreter des Be. amtenb'untes drohen mit Streik, falls die For­derungen nicht bewilligt werden sollten. Am Mittwoch oder Donnerstag nächster Woche findet eite Gesamtkonfercnz der Finanzminister ter Länder statt, um.Beschlüsse bezüglich der neuen Forderungen zu fassen. Im Neichsfinanzmini- stcrium wird die durch die Beamtenforderungen entstehende MehrbelaMng für das Reich allein auf 600 Millionen Mark im Jahre beziffert, die durch nette Steuern zu decken sind. In der gestri­gen Sitzung des Hauptausschusses des Reichsta ges teilte ein RegierungSvertretcr mit, daß die Gesamtausgaben des Reiches für Be- amte und Arbeiter (ohne He« und Marine) im vorigen Jahre fiinfzehn Milliarden Mark betra­gen. Für das Jahr 1920 feien die Gesamtauf­wendungen für Beamte und Angestellte des Zi »flbetriebes auf achtzehn Milliarden zu schätzen.

Forderung der Bankbeamten

Berlin, 13. November. (Privattelegramm.) In einer Versammlung nahm ter allgemeine Bank beamtenverein gestern abend Stel­lung zu dem Ablauf des gültigen Reichstarifs. Der Referent, Emonts, Vertrat die Forderung auf Zahlung einer Wjrtschaflsbeihilse in Höhe von fünftausend Mark für Verheiratete, viertausend Mark für Ledige und dreirausenv Mark für Jugendliche und zwar noch vor Ab­lauf des Tarifvertrages. Sollte dieser Forde­rung nicht entsprochen werten, so sei mit einem Lohnkampf zu rechnen. In einer Entschlie­ßung trat die Versammlung Liefen Ausführun­gen bei und ermächkiore den Vorstand, mit dem Keichswirtschaftsm intfteriten Verhandlungen an-ukulchim .

8m Lande des Hangers.

Das sterbende Petersburg.

Dar« noch immer viele Leute gibt, die nicht etaubex woUea, daß Ragionb mitten darin im Verfall ist, geben wir im Nachstehenden einen eiuszug ans dem Bericht eines englischen So,ialisten wieder, , Trotzdem schon viel über die Zustände ge. Ichrieben ist, welch- das Regiment der Bolsche. tvisten in Rußland gezeitigt hat, ist es nicht uw- interessant, das Urteil des bekannten englischen Sozialisten H. G. Wells zu hören, ter selbst zu denen gehört, welche von der Herrschaft der Stoffen das Heil der Welk erwartet haben. Wells weilte mit seinem Sohne, ter russisch spricht, im Januar 1914 in Rußland und hat das Land jetzt int Sept 'Mber auf einer Studien, reise wiedergesehen. Er war hauptsächlich in Petersburg und Moskau und hatte unter ande­rem auch eine Unterredung mit Lenin selbst. Was uns interessiert, ist, daß auch er die Mo- lute Unfähigkeit der gegenwärtigen Regie« runfi zugeb.-n muß, in Rußland wieder Ordnung zu schaffen, und nicht leugnen kann, daß di» Lage von Tag zu Tag schlimmer anstatt basser wird. Als er 1914 tu Petersburg war, schienen die Straßen mit den schönen Läden, wo alles gut unv billig zu haben war, kein Ente nehmen zu wollen. Heute sind in.ganz Petersburg keine sechs Läden von Bedeutung mehr offen. In einer von der R-Werung betriebenen keramischen Fabttk kaufte erzum Andenken* ein paar Tel­ler zum Preise von achthundert Rubel daS Stück, und bann sand er einige Blumenläden, wo man für achthundert Rubel ein paar Ch-rtz. santhemen kaufen konnte. Ausgerechnet Blumen in dieser Stadt, wo die

gesamte Bevölkerung Hunger leidet

und kein Mensch mehr einen Reserveanzug hat. Der Eindruck teefer Straßen ist entsetzlich. ES ist nicht wie bei unS, wenn Sonntags die Ge­schäfte geschlossen sind, nein, man sieht daß sie tot sind. Die Fensterscheiben sind zer­brochen, die Holzverkleidung und die Rahmen mefft berauSgenommen, weil man Brennholz brauchte, von Farbe ist keine Rete mehr, hie und da liegen noch einige verfaulte oder vergilbte Uoberreste früherer Herrlichkeit. Kein Mensch hält sich mehr in diesen Straßen auf, jeder läuft so schnell wie er kann weiter. Die Straßen selbst sind in einem unbeschreiblichen Zustand, überall sieht man Gvanattrichier unb gewaltige Löcher. Die hölzernen Häuser sind alle verschwunden, man hat das Holz zum Brennen gebraucht, nur die steinernen sind MviggeMeben, die meisten unbewohltt. Die Statistiken der Bolschewisten geben zu, daß die Bevölkerung von 1200000 Seelen auf 700 000 zusammenge­schrumpft ist. Viele sind auf das Land ge­zogen, viele ins Auslaud geflüchtet, die meisten Bat der Tod hinweggerafft. Die Sterblichkeit ist 81 auf 1000, früher galt 22 auf 1000 als ein hoher Prozentsatz für europäische Hauptstädte. Die Geburtsziffer ist fiinfzehn, früher dreißig. Die Leute, die man durch die Straßen eilen sieht, tragen alle kleine Pakete unter dem Arm. Das erweckt den Eindruck, als ob die ganze Be­völkerung aus ter Stadt flüchten wollte. Die Paketen enthalten entweder die kleinen Ratio­nen die man von der Regierung erhält, oder das Resultat irgendwelcher wucherischer Transak­tion. Alles hamstert, wuchett und hungert dabei doch. Und das in einem Lande, wo der Boden weit mehr erzeugen könnte ati die Bevölkerung braucht. Aber

keiner bentt an den anderen,

trotz der offftiellll proklamiertenGleichheit und Brüderlichkeit*. Die Bauern sehen alle ge­sund ans, es scheint ihnen ebenso gut zu gehen wie 1914, vielleicht besser. Sie haben mehr Land. Sie denken daher nicht daran, die M SoWjetreaifruno zu stürzen, ater sie setzen den Roten Garten Mderstand entgegen, wo sie kön- neu, weil diese bte Aufgabe haben, dafür $u for« aen, daß die Bauern sich an die festgesetzten Preise halten, war sie weder wollen noch tun. Sind die Abteilungen der Roten Garden nicht stark genug, so werden sie ermordet. Derartig Zwischenfälle sind in der Londoner Presse als Bauernaufstände geanr die Somsetregierung* bezeichnet worden. Es ist keine Rede davon, im Gegenteil, die Bauern hoffen, daß es noch lange so fort geben werde. Men ande­ren Ständen geht es schlecht, die Beamten der Sowjetvegieruna eingesckloffen. Auch für Geld kann man die meisten Sachen nicht 6 et raumen igelt nichts eingefiihrt wird, mit Ausnahme von Tec, Ziaaretten und Streichhölzern. Arzneien sind nicht zu haben. Infolgedessen entwickeln ich ans den kleinsten Störunam meist AraMbei- ten, rwd wer wirklich ernstlich krank wird, rr. kann gleich sein Testament machen. Auch in den .Holvitälern fehlt es an allen Medikame.'ten, meist können sie nicht einmal gebeizt werden. Ein Ar-t erzählte Wells, es fei nicht möglich, mehr als einmal in der Woche die nötigen Vo.-- bereitung-'n für Operationen zu treffen und die Kranken muffen auf eine solche Gelegenheit mar-