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Zehnter Jahrgang.

Kasseler Neueste Nachrichten

Beilage.

Sonnabend, 6. November 1920.

Mahr erst 5 oder 6 matt in dem Saison DH-'ater was in Ohrdruf war pefpielt, möchte aber gern ein berühmter Schauspieler werden. Tamm bitte ich Sie um bwlvige Amiword. An Wäsche bin ich zahlreich ausgezorgt. Darum bitte lch Sie noch einmal höflich meinen Wunsch $u er­füllen. Hochachtungsvoll A. S.- Wenn sie mir antworten schreiben sie aber bitte aus daz Qnwett Eigeueangelegcnheir des Empfangeris.*

Staffelet Kreistag.

Wegebanten und Wohnungsnot.

Mgener Berscht.)

Kassel. 5. November.

Die gestrige Sitzung des Kasseler Kreis­tages, die unter dem Vorsitz des Landrats bau Pappenheim stattfand, erledigte zu­nächst den Landwegebau »Voranschlag für 1921. Derselbe bilanziert mit 535000 Mark das ist gegen daS Vorjahr ein Mehr von um 305 Prozent. Es sollen im lammenden Eftttsjahre 53 Kilometer Landwege eine neue Docke erhalten. In der Aussprache betonte Laudesbaurat Vespermann, daß, wenn alle Wünsche hier befriedigt werden sollten, der Vor­anschlag weit höhere Summen enthalten müßte. Bittere Beschwerden Wer den schlechten Zn- stmtd der Weg« führte Bürgermeister Kraft» Rieste. Desgleichen Precht» Ihrings Hausen. Letzterer sagt, daß gerade hier seitens der Kreis, behörde weit mehr im Wege der produktiven Erwerbslosenfürsorge hätte getan werden müs­sen. Nach der Aussprache wurden die Mttel bewilligt. lieber die Abnahme der Kreis- kassen - Abrechnung referierte als Mit­glied der Prüfungskommtssirm Bürgermeister Bicke l - Ihringshausen. Hiernach Mteßt der ordentliche Etat in Einnahmen und Ausgaben mit 344000 Mark ab, während der außeror­dentliche Etat durch die Kriegswirtschaft Mil- lionenziffern aufweist. So an Einnahmen 18 Millionen, an Ausgaben 12,6 Millionen Mark. Das Vermögen des SheifeS beträgt 456000 Mk., die Schulden 176 000 Mark, die Stiftungen 112000 Mark. Der Referent stellt fest daß der Abschluß rechnerisch richtig sei. Es erscheine ihnt aber erforderlich, daß die Wirrschaftsabteilung im außerordentlichen Etat unter einem besonde­ren Titel erscheinen müßte, und daß di«

Gelder der Stiftungen

besser verzinslich angelegt werden müßte«. Dem Rechner wurde debattelos Entlastung erteilt. Der Uebergabe der vom Kreis erbauten Hoch­span nu n gs . Leitungen an den tomnui- nalen Zweckverband Ueberiandwerk Eddertal- sperre wurde nach einem Referat des Landrats debaittelos zugestimmt. lieber die Tätigkeit des Kreisbauamtes Hag ein gedruckter Bericht des Kreisbaumeisters vor. (lieber den­selben berichten wir morgen in einem besonde­ren Artikel.) Kreisbaumeister Naumann und Landrat von Pappenheim erläuterten den Bericht ausführlich. In der Debatte krittste-rte Bi­schof- Ochshaufen die Ausführung der Kreis­bauten. Hierbei sei in geradezu leichtfertiger Weise verfahren worden. So seien zum Beispiel äußerst mangelhafte Arbeiten geliefert und ab* genommen worden, die seitens des Kreisbau­meisters niemals und unter keinen Umständen hatten abgenommen werden dürfen. Auch in kommender Zeit soll dem Wohnungsmangel durch den Kreis so gut wie möglich gesteuert werden. Ein Abgeordneter betont, daß im Landkreise Kassel mit geringen Kosten durch den Umbau von Scheunen und Tanzsälen noch viele Wohnungen geschaffen werden könnten. Der Kreistag ist gewillt, zu solchen Bauten Mttel zu bewilligen, wenn die in Frage kommenden

Gemeinden ebenfalls Zuschüsse

leisten toerben. Einer Vorlage aus Erweite­rung des Kansmanns. und Gewerbege­richts der Stadt Kassel auf den Landkreis Kas­sel und dem Erlaß dementsprechender Statuten wurde nach Begründung durch den Laudrat zu­gestimmt. Hierauf wurden noch Wahlen vorgenommen. In den Steuerausschuß zur Festsetzung der Grundweristeuer wurden gewählt: Bürgermeister Trippel-Oberzwöh- ren, Bürgermeister Pfannknch -Heiligenro- be, Landwirt Rüdiger-Kassel, Landwirt Krapfenbauer-Hoof, Steinhauer Georg Günther. Niederzwehren und Kreisausschuß- niitglied Precht - Ihringshausen. Ans der

Wahl zu Vertrauensmännern fite die Auswahl der Schöffen und Gesworeneu für das Amtsgericht Kassel gingen hervor: Bürger­meister Bickel - Ihringshausen, Eisenbahn be­amt er Meier- Oberzwehren und Schreiner Bi schor-Ochshausen; für das Amtsgericht Oberfaufungen : Bürgermeister ff r'oft Rieste, Bürgermeister Emeluth - Eiterhagen, Lehrer Birken stamm- Risderkausunaen, Direktor Berchfeld- Obertaufungen, Mau­rer E berwei n-Wellerobe. Stockarbeiter Ra­be-Helsa unb Gö11ing - Eschenstruth. Zum Schluß der Tagung wurde vom Kreistag an­stelle eines pensionierten Lehrers das Kreis- ausschußmitglied Precht mit bei Leitung oer Erwerbslosenfürsorge betraut. «nr*

Aus aller Welt.

Der Fall Georg Kaiser.

Der Untersuchungsrichter in München hat den Hastentlassungsantrag des Dichters Ge­org Kaiser unb seiner Ehestau abgelehut, da wegen ber Höhe der ju erwartenden Strafe Fluchtverdacht begründet sei. Gegen Kaiser und seine Gattin liegen dreizehn Betrngsanzei- gen vor mit einer Schadensumme von zweihnn- dertfünstmdfechzigtausend Mark. lieber die Einzelheiten ber Vergehen, die dem Dichter zur Last gelegt werden, verlautet folgendes: Georg Kaiser, bet monatelang in der Wohnung eines Kunstmalers. der nach Amerika übersiedelte, wohnte, soll aus der Wohnung Einrichtungsge- gcnftänbc im Werte von achzig- bis hmtderttau- fenb Mark entwendet unb verkauft haben. Fer­ner soll Kaiser einen aus bem Elsaß stammenden Kommerzienrat Engelhorn, dessen Töchter in München Kunst studierten, und mit Kaiser be- freunbet waren, nm fünfzigtausend Mark geschä­digt haben. Er soll den Kommerzienrat überre­det haben, daß er in den aufgeregten Münche­ner Tagen die Schmucksachen seinem Banksav entnahm und sie Kaiser zur Aufbewahrung über­gab. Kaiser soll diese Schmuckstücke und auch Bilder im Werte von hunderdzwanziza,tausend Mark verkauft oder versetzt haben. Fran Kaiser wird beschuldigt, in allen diesen Fällen ihrem Manne Beihilfe geleistet zu haben. Außerdem wird ihr zur Last gelegt, daß sie be, einem Be­stich in Bad Kreuth ihrer Gastgeberin eine Brosch« im Werte von fiinfzehntausend Mark entwendet habe, die nach Angabe von Frau Kaiser der Ehemann versetzt haben soll. In diesem Fall wird Kaiser der Hehlerei beschuldigt.

Der überflüssige Familienvater.

Gegen die Herrschaft des Mannes innerhalb der Familie wendet sich ein geharnischter Pro­test, den die englische Frauenrechtterin Mrs. Shaw Me. Laren im Namen des britischen Frauenfreiheitsbundes erhebt. .Die gegenwiir- tige Stellung des Familienvaters ist die reine Tyrannei," sagte die Dame, .denn das Gesetz gibt ihm vollkommene Macht über Fran unb Kinder. Es gibt Leute, bie ber Ansicht sind, daß j c b e r ® at e r nach einer bestimmten Zeit, etwa nach den ersten fünf Jähren bet Ehe, aus ber Familie entfernt werden sollte. Er muß weiter für bie Familie sorgen, aber er hat sich in bie inneren Angelegenheiten von Frau und Kindern nicht mehr einzumischen. Ms Grund für diese drastisch« Maßregel wird angegeben, daß der Vater meistens für die Heranwachsen­den Kinder nur schädlich ist; er mißbraucht feine Gewalt und für bie Entwicklung ber Kinder ist schon dieses Gefühl einer drohenden Tyrannei von liebet Die Kinder bedürfen für ihre Er­ziehung einer zarteren Hand, als sie ber Vater besitzt. Auch drängt der Mann in vielen Fällen nach einer bestimmten Ehezeit Wieder ins Leben hinaus unb wird sich daher gern von seiner Fa­milie trennen.* ' Die Frauenrechtlerin hält aller­dings einen derartigen Vorschlag für zu weit­gehend, doch meint sie, daß die Macht des Fami­

lienvaters sehr eingeschränkt werden muß, wenn man das ganze Familienleben reformieren will.

*

Akademische Kellner.

Ein Herr John Willy, Chieago, bekann­ter amerikanischer Hotelfachmann und Heraus­geber verschiedener Zeitschriften über Hotelwe- sen, hat, wie dieNewyork Evening Post* zu melden weiß, vor kurzem den Vorschlag gemacht, die Hotelbetriebslehre als neuen Lehrzweig in das Hochschul- und Universitätspensum der Ver­einigten Staaten aufzunelmien. Der Lehrgang des neuen Unterrichtszweiges hätte, wie John Willy ausführt, vor allem in der praktischen Ausbildung bet Zöglinge für die Leitung eines modernen Hotels zu bestehen. Die Führung moderner Rieseichotels verlange derartig wett- verzweigte Kenntnisse in den verschiedenartig­sten Berufszweigen, daß eine systemaft'che, auf wissenschaftlicher Grundlage burchgefiibrte Vor­bildung von Fachleuten als durchaus erstre­benswert anzuseheu sei. Die Universität Illi nois trägt sich bereits mit dem Gedanken, die Hotelbetriebslehre in ber angeregten Ausfüh­rung al? besonderen Lehrzweia ihrem Vorle­sungs-Programm einzugliedern. Mr hätten bann also denfhtb. fern.*

Fünfzehn Gehöfte niedergebrannt. In Zollenspieker an ber Elbe brach, wie aus Ham­burg gemeldet wird, Feuer «ms, daS infolge dez starken Oststurmes in kurzer Zeit bie mit Stroh und Schilf gedeckten Bauernhäuser ergriff. In­nerhalb anderthalb Stunden waren fünfzehn Gehöfte ntedergebrannt. Diele Vorräte und viel Hausgerät toitrbeu vernichtet.

* Freifahrt eines Luftballons. Nach einer Mitteilung deS Berliner Vereins für Luftschiff­fahrt ist her sechshundert Kubikmeter-Bogelsrei- B-allon .Hauptmann Grüner* «schwarze Buch­staben auf gelbem Stoff) nach einer Fahrt Bit- terstldLockstedter Sager nach einer dort ver­suchten Landung abends um sieben Uhr ein­schließlich Korb und Instrumenten entflogen. Es besteht bie Möglichkeit, daß er auf ben däni­schen Infeln, in Schweden oder schließlich auch auf der Nordsee nicbergegangeu ist.

* Ans nach Stockach! Die Bürgermeister des BeniW Stockach in Baden setzten den Eier­preis auf fünfzig Pfennige, den Milchpreis auf eine Mark und den ButterpreiS auf 5,70 bis 10 Mark, ie nach Güte, fest.

* Freigcsprochene Mörderin. Ein interessan­tes Urteil fällte daS Schwurgericht in Görlitz, vor dem gegen ein Fräulein. Martha Fahne wegen Tötttna des Görlitzer Hauptmanns Ad­ler verhandelt wurde. Der Hauptmann hatte die Angeklagte in Goldap kennen gelernt und war mit ihr durch seine sämtlichen Garnisonen Görlitz, Berlin, Glogau und Fraustadt gezogen. Er versprach ihr mehrere Male in sicherster Form die Ehe, heiratete dann aber 1918 eine andere Frau. Es kam nun zu verschiedenen Auseinandersetzungen, in deren Verlauf die ftähne im März 1919 den Hanvtmann nieder- schioß. Darauf verwundete sie sich selbst schwer und wurde erst nach fünfzehn Monaten als ge­heilt entlassen. Die Geschworenen Vern ern­ten sämtliche Schuldfragen unb sprachen bie Angeklagte frei.

* Eine gante Familie ermordet. In der West sälischen Ortschaft Altenhagen wurde, wie ans Essen gemeldet wird, die aus vier Köpfen bestehentde Landwirtsfamilie Boedecker mit zertrümmerten Schädeldecken ermordet in einer Jauchegrnbe aufgefunben. Ms mutmaßlicher Täter komt ein russischer Landarbeiter in Be­tracht, der flüchtig ist.

* Der kommende Kainz. Der Direktor vom Leipziger Schauspielhaus erhielt folgenden Bries: .Ich möchte einmal anfragen, ob sie viel­leicht einen starken Mann in ber Alter 16 Jahren gebrauchen können. Vielleicht zn Vorhang ziehen und später auch als Schauspieler. Ich hab

Grosifeuer im Walde. In pem bei Leip­zig gelegenen Fo Brevier Naunhof-Rummels­hain ist ein großer Waldbrand ausgebrochen, der infolge des Sttirmes schnell um sich griff. Bisher ist es nicht gelungen, das Feuer zu be­wältigen. Bis jetzt sind zwölf Hektar Walbbe- ftand vernichtet. Die Einwohner von Naunhof verhü.eten burch tatkräftiges Eingreifen eine weitere Ausdehnung des FeuerS . Die Ursache des Brandes ist wahrscheinlich aus unvorsichti­ges Umgehen mit Streichhölzern beim Rauchen zurückzuMren.

Eine eigenartige Anklage. Eine eigenartige Auflage führte eine Arbeitersfrau vor das Schöf­fengericht in Mannheim. Vor eitrig:n Wochen war die Familie an Pilzvergiftung schwer er­krankt und Mei Kinder im Alter von neun und elf Jahren starben. Die unglücklicheKutter wurde obendrein unter Anklage gestellt, weil sie es nitterlassen hotte, bie öffentliche Pilzprii - mngsstclle im Rathaus zu Rate zu ziehen, sonst hätte es ihr nicht passieren können, daß sie beit giftigen Kno llenblättetpilz mit bem Champignon verwechselte. Die Frau erklärte, sie sammele schon jahrelang Pilze, trage immer ihre Pil-z- karte mit sich und sie habe daher geglaubt, genug Sachkennerin zu sein. Das Gericht sprach die schon fcfTnrer genug bestrafte Frau frei.

* Die hilfreichen Norweger. Der Vorsitzende des norwegischen Huitgersnotkomitees für das Ausland teilt mit, daß in Norwegen mehr als sechzig Millionen Mark eingesammelt worden sind, um bie Rot in Deutschland, Oesterreich unb Ungarn zu lindern Nach Wien unb Bu­dapest sinb 253 Waggons Lebensmittel gesandt worden. Dies Jahr sind 2589 Kinder aus Oesterreich, 1102 Kinder ans Deutschland in Norwegen ausgenommen worden. Dazu kom­men viele reichsbeutsche Kinder, die von Pri­vaten ohne bie Mitwirkung des Hungernotko­mitees eingetoben worden waren. Der Vor­sitzende äußerte, daß wahrscheinlich kein ande- deres Land verhältnismäßig so viel um die Not in Europa zu lindern gietan hätte, wie gerade Norwegen, das nur zweieinhalb Millio­nen Einwohner hat.

* Eisenbahnunglück in Frankreich. Unweit von Chartres fand ein schweres Eisenbahn­unglück statt. Der von Paris «ach Brest gehende Personenzug stteß einige Kilometer von Char­tres mit einem aus entgegengesetzter Richtung in rasendem Tempo beranetlenben Güterzug zu­sammen. Die Lokomotive des Güterzuges schot» sich in die des Personenzuges. Fast sämtliche Wagen beider Züge fielen um unb wurden größ­tenteils stark beschädigt. Nur einige Wagen dritter Klasse des Personenzuges blieben ver­hältnismäßig verschont. Der Zugführer des Güterzuges ist tot, außerdem wurden vierund- dreißig Personen verwundet. Hilfe war alsbald zur Stelle,

* Brandkatastrophe in London. In Wap- Ping im Londoner Castend zerstörte ein Riesen­feuer eine große Gummifabrck, die tausende von Kisten Rohgummi enthielt. Zu dem Brand fern eine gewaltige Gaserplosion, die das Ge­bäude einstürzen ließ und tausende brennender Kisten mit Gummi und Mauerstücke auf die Straßen schleuderte, wodurch drei Feuerwehr­leute unb etwa ein Dutzend Passanten verletzt wurden. Ein Schiss mit Gummi, das in der Nähe tag, geriet in Brand, ein anderes sank. Der Schaden wird auf vielle Millionen Pfund geschätzt.

MeFahrtinsGM.

42). Roman von H. Lourths-Mahlsr.

Das war ein reizendes, sehr geräumiges Landhaus. Es lag mitten in einer mit Tee­sträuchern bepflanzten Lichtung, bie sich weit ausüreitete und von drei Setten von dichten Waldungen umgeben war. Nach der vierten Seite hatte man einen unbegrenzten Ausblick auf schier endlose Teefelder, auf denen man viele Leute arbeiten sah. Das waren fast nu, Ein­geborene.

Das reizende Haus erhöh sich auf einer fest- gemauerten Terrasse. Schatten spendend sprang das einfache Dach über mächtige Säulen-eien vor, die an der Mitte der Vorderfront von einem imposanten Portikus unterbrochen wurde, der den Eingang überdachte. Das Haus totr ganz weiß gehalten, nur die dicken Säulen zeigten eine rötlich-braune Farbe und hatten blaue Ka­pitale. Blühende Gewächse rankten sich um die Veranden, unb allerlei Blumen umgaben das Haus in ungeahnter Pracht und Fülle. Die Luft war von balsamischen Düften erfüllt

Unweit des Hauses befand sich, unvermittelt aus den Teefeldern emporragenb, ein kleines Orangenwäldchen. Dahinter laa bas Diener­dorf, wo in kleinen Hütten bie Diener unb Ar­beiter hausten.

Seitwärts davon befand sich ein Gebäude, das von laubreichen Feigenbäumen umgeben war. In diesem Gebäude befanden sich die Stallungen für die Elefanten, für Pferde, Rin­der und anderes Getier.

Die hohen, breiten Fenstertüren des Hauses, die auf bie Terrasse führten, standen offen Durch das Himmelblau, das besonders intensiv schien, schwirrten Papageien und andere farbige Vögel. Leises Hundegebell schallte vom Diener- dors herüber. Und über den westlich bergan steigenden Wald sah man die Ruinen eines' alten Buddhatempels empor ragen

Dies alles nahm Brittas Äugen in sich auf. Es ist wunderschön hier, lieber Vater*, sagte sie, mit tiefen Atemzügen die nach indischen Ge­würzen unb Blumen oustende Luft einzicheub.

»Möge es Dir hier gefallen, solange Du hier weilen mußt .mein Kind. Schön ist dies Land, voller Wunder unb Märchen aber es birgt auch Gefahren aller Art. Und Du darfst Dich nie allein und ohne mein Vorwissen weit von dem Hause entfernen.*

Unruhig sah ihn Britta an.Was fhtb bas für Gefahren, bie uns hi;r drohen?*

Beruhigend streichelte er ihre Hand.Gefah­ren drohen hier nur den Menschen, die sie nicht kennen. Mit mir oder mit Wildner kannst Tu unbesorgt das Haus verlassen. Du mußt be­denke«, baß hier eine anbere Tierwelt lebt als in unserer deutschen Heimat. Es gibt in oen Wäldern Panther und wilde Elefanten, auch andere gefährliche Tiere, über bie man orientiert sein muß. Ohne Waffen darf man bie Wälder nicht betreten. Zu Kochten brauchst Du nichts, solange Du Dich nicht weit vom Hause entfernst ohne Begleitung.*

Das will ich sicher nicht tun*, sagte sie, mit einem zaghaften Lächeln zu Wildner aufsehend.

Dieser lachte ihr ermutigend zu.Ich werde Sie lehren, mit einem guten Browning umzu- gcheu, damit Sie auch selbst das GeKhl der Sicherheit haben.*

Sie seufzte und lachte bann.Ich sehe schon ein, daß ich hier völlig umlernen nntß.*

19.

Seit Wochen lebte Britta nun auf ben Plan­tagen. Es war eine schöne, friedliche Zeit. Alles drehte sich um sie, alles geschah, wie sie es haben wollte. Und sie war ber Sonnenschein des Hauses ihrer ganzen Umgebung. Sie erblühte zu ungeahnter Schönheit unb Lieblichkeit.

Eines Sonntagsmorgens saß sie auf der Terrasse unb erwartete ihren Vater zum Früh­stück. Auch Wildner mußte jede Minute eintref­fen. Verträumt fah Britta in bie Ferne, unb ihre jetzt weichen, feinen Hände Tagen verschlun­gen im Schoß. Ihre Seele flog weil, weit fort nach Deutschland in das Römerhaus. Ob schon eine junge Herrin ihren Emzug in dies Haus gehalten hatte? Sie batte noch keine Nach­richt wieder aus Deutschland erhalten, und fragte inmier wieder ihren Vater, ob auch sicher alle Post nachgescmdt werde» würde,

Von Tag zu Tag wartete sie auf die Verlv- bungsanzeige von Herta und Walter Sterner und begriff nicht, daß sie noch nicht eingetroffen war. Warum sie fo unruhig auf diese Anzeige war­tete, wußte ste selbst nicht.

Frau Römers letzten Brief hatte sic noch un­zählige Male gelesen und sich immer wieder gc- fragt, was die unklaren Worte zu bedeuten hat­ten. Auch jetzt waren ihre Gedanken dabei. Sie schrak auf, als ihr Vater auf die Terrasse traf.

Guten Morgen, mein Töchterchen! Hast Du gut geschlafen?*

Guten Morgen, lieber Vater! Ich schlafe hier in ber köstlichen Stille wie ein Murmeltier*, erwiderte sie scherzend.

Er ließ sich ihr gegenüber am Frühstücks tisch nieder.Heute habe ich auch für Dich Post*

Erfreut faßte Britta danach.

Der Brief war von Tante Erika. Sie schrieb im Grunde nur über gleichgültige Dinge, über Hausbaftsorgen und Dienstbotenärger. Aber es mtereffrerte Britta doch wie ein Klang aus ver­gangener Zeit. Die neue Stütze hatte nicht zur Zusriedenheit eingeschlaaen. sie halte mehr zur Dienerschaft als zur Herrschaft unb sei unzuver­lässig und faul. Aber bei einem Wechsel käme auch nichts heraus.

Auch von Gertruds Ehe schrieb Tante Erika nichts Erfreuliches. Diese Ehe sei nicht fo glück­lich, als man erwartet habe, aber junge Eheleute müßten sich eben erst zmammenbeißen. Herr Marlow fei etwas sehr anspruchsvoll und ber« lange, daß Gertrud von früh bis spät im Haus­halt arbeite. Es gäbe viel "Merger mit ihm, und er habe sogar getoaat, zu behaupten, Gertrud sei falsch erzogen worden.

Do ging es im unerseulichen Tone weiter Erst zmn Schluß fuhr sie dann fori:

Etwas Erfrerrliches kann tch Dir aber gott­lob doch melden. Herta hat sich verlobt. Ich will nichts weiter verraten beute. Aber die Ver- lobungökarien sinb bereits im Truck und werben in einigen Tagen verschickt, unb bann wirst auch Du eine erhalten. Herta ist iebr glücklich und wir mit ihr. Unb um bie Ostenzen wirb Hoch­zeit fein.*

Da ließ Britta den Brief sinken. Sie war sehr bleich geworderz,

Um bie Qfterzeit wirb Hochzeit fein.* Wir ein Messer schnitten sich diese Worte in ihr« Seele.

Also die Verlobungsanzeige von Herta und Walter Römer war unterwegs unb würbe in wenigen Tagen eintreffen. Dieser Brief Tantr Erikas war vom 26. Januar datiert. Jetzt war der Marz ziemlich bis zur Mitte vorgeschritten.

Wie lange es doch gebauert hatte, bis sich bas junge Paar verlobte! Walter Römer hatte sich lange Zeit gelassen, bis er sich offiziell erklärt hatte. Dafür sollte mm bie Hochzeit halb er­folgen um bie Qfterzeit bis dahin vergin­gen kaum noch vier Wochen.

Das Herz lag ihr schwer in der Brust. Sie hätte austveinen mögen, und die ungelernten Tränen brannten ihr in den Augen. Aber sie schalt sich aus unb nahm sich zusammen. Halt: sie es nicht schon lange erwartet? Nun mußte sie doch ruhiger werden, nun sie wußte, daß Walter Römer fest und unlösbar an Herrn ge­bunden war. Es tot nur noch ein wenig weh Das würbe Vorstbergehen.

Wenn er nur glücklich wurde. Aber schließ­lich war er ein Mann unb hatte sich fein Schick­sal selbst gewählt. Wenn st? nur nicht mehr da­ran benken mutzte. So töricht von ihr, sich burch biese längst erwartete Nachricht so niederdrücken ;u lassen. Fort mit ben quälenden Gedanken. Ta faß der Vater ihr gegenüber, der sie so sehr liebte und ihr ein schönes, sorgenloses Leben ge­schaffen hatte. Und da drüben kam Georg Wild­ner, der Freund, der ihr mit jedem Atemzug treu ergeben war. Ja sie war dennoch reich und beneidenswert. (Fortsetzung folgt.)

müdes Herz.

Don

8. Barinkay.

Ein müves Herz geht still vorüber An dieser Erbe buntem Spiel: Es klopft nicht froher, klopft nicht trüber, El klopft nut, ohne Zweck und Ziel. Es lebt wie hinter lühlcn Gittern, Ta alle Wärme ihm erblich, Ein müdes Herz kann nicht mebt zittern Und nicht mehr freue« kann os sich,