Kasseler Neueste Nachrichten
Kasseler Abendzeitung Hessische Abendzeitung
Sie Staffelet Roieft« Nachrichten erscheinen wöchentlich iechtmo! und zwar adendt. Der Adonnementlprei» beträgt menatL 5.00 Mark btt freier Zustellung tnS Hau«. Bestellungen werden jederzeit een der ««fchättsstell, oder den Boten entgegengenommen. Druckerei, Berlag und »ebaftiep •. «chlachthoMratze 18/30, Mr unverlangt etngesandte Beiträge kann di» Redaktion eine tiecantroonar.g oder Bewähr in keinem Falle übernehmen. Rückzahlung des BezugkgeibeS ober Slnivrüchewegen »iwaigernichtordnungSmäbiger Lieierung aurgeschlossen.
Jnferlionrvretsei •) «inheimtsche Aufträge' Di« »inspallige Anzeigen-Zeile «r. LOO, die etnsvalttg» Reklame,eil, M. 2.50. b) Auswärtig, Aufträge Ti« einspaltig, Anzeigenteile M. 1.20, die einspaltige Riklamezelle M. 2.75, alle« einschließlich Teuerung«,Uschlag und Anzeigeniteuer. — Für die Richtigkeit aller durch Fernsprecher aufgegebenen Anzeigen, sowie sur Aufnahmedaten und Platz, kann ein« Bewähr nicht übernommen werde». — Druckerei: «chlachthosstr. 23/30. Seschüftlstell,: Kölnische Str. ö. Telephon Nr. 061 u, 951,
Nummer 257.
Fernsprecher 951 und 952.
Freitag, 5. November 1920
Fernsprecher 951 und 952.
10. Jahrgang.
Die Meniesorderutigen an Leukschland.
Präsident Harding.
Die Bedeutung der Wahl fSr Vautschland.
Es steht endgültig fett, daß der K.mdidat der tipublikanifcheu Partei, Senator Harbins, als Präsident d« Vereinigten Staaten von Amerika mit großer Mehrheit gewählt worden bst. Ueder die politische Bedeutung die- ser Wahl für Deutschland läßt sich vorläufig nur em mutmaßliches Urteil alb geben. Im ameri. kanischen Wahlkampfe hat die Außenpolitik insbesondere eine Rolle hinsichtlich der Stellungnahme zum Versailler Vertrag und zum Völker- burrd gespielt. Wichtiger fiir die Amerikaner sind natürlich ihre innenpolitischen Angelegenheiten Dabei handelt es sich um einen Kampf mit der ausgesprochenen Tendenz gegen Wilson und gegen alles, was man in Amerika unter dem Namen Wilsonismus bezeichnet Insbesondere wollte man sich an dem absolutistischen und geradezu despotischen Wilson rächen. Hinter dieser Aktion standen starke und einflußreiche Kreise des Senats, als» der obersten gesetzgebenden Körperschaft. Harding hatte sich zum Werkzeug dieses Kampfes gemacht. Gerade in Kreisen des Senats hat man eä Wilson nie vergessen und nie verziehen, daß er in seiner ganzen Regie- rungszeit diese Körperschaft rücksichtslos auf die Seite schob. Während des ganzen Krieges und während der gesamten Dauer der Friedeusver- handlungen hat Wilson nicht ein einziges Mal mit dem Senat Fühlung genommen. Nach Versailles ließ Wilson überhaupt keinen Vertreter dos Senats zu. Die Rache dieser Kreise mußte nun Wilson auskosten.
Was den Völkerbund angehl, so haben die Leiden Kandidaten Harding und Cox recht unklare und vor allem auch recht unverbindliche Erklärungen abgegeben, mit denen fiir die amerikanische Außenpolitik in Verbindung insbesondere ihrer Beziehungen zu Deutschland nicht viel anzufangea ist. Die europäischen An- gelegenheiten und namentlich die von Deutschland haben für die Ameirkaner von heute nur geringes Interesse. Von diesem Standpunkte aus betrachtet, hat Deutschland von der Wahl Hardiugs wohl kaum etwas Besonderes zu erwarten. Die Wahl als vom deutschen Gesichtspunkte aus günstig zu betrachten, wäre sehr voreilig, vor einer solchen Annahme ist unbedingt zu warnen, d Harding ist ein ©Momentaner, und nur ein amerikanisches Problem schwebt ihm vor. Wir müssen uns gerade auch in diesem Fall« an die Erkenntnis gewöhnen, daß — falls Amerika mit Deutschland Verbindung sucht und pflegt — eine derartige Maßnahme nicht etwa mit Rücksicht aus deutsche Interessen und das Wohlergehen des deutfcheir Wirtschaft^ lebens, sondern einzig und allein um deswillen vollzogen wird, weil sie geeignet ist, den eigenen amerikanisch en Interessen,u dienen. Im übrigen muß darauf hingewiesen wer- dM, daß jetzt mehr als zuvor der amerikanische Senat die auswärtige Politik Amerikas bestimmen wird. Dort aber haben die alten konservativen Elemente, die auf Wahrung der Tradition und der Monroe Doktrin peinlichst achten, die Oberhand. Dieser Senat zählt jetzt fünfzig Republikaner und sechsundvierzig Demokraten.
Wenn Harding seinen Worten treu bleibt, di« er vor der Wahl geredet hat, dann ist er immerhin «in Bekämpfer des Wilsonschm VölkerbundplaneS. Seine Kritik lautet, der Versailler Völkerbund sei ein Angriffs- und Verteidigungsbündnis der Großmächte, Lestinrmr, die hilflosen Völker der Welt zu unter-rük- fen. Wenn er weiter erklärte, die Vereinigten Staaten dürften diesem Völkerbünde nicht beitreten, weil es den Genossen desselben nur darauf anwmme, die Macht- und Geldmittel Amerikas für ihre Zwecke des WeltimperjMsmus zu gewinnen und dauernd zur Verfügung zu hLben, so lehnte er doch den idealen Völk.-r- bundsgedanken nicht überhaupt ab. Dem Ziele ter Wilson-Politik stellte Harding als Besseres den Ausbau des Haager Schiedsgerichtes in Verbindung mit einer freien Völkergemeinschaft gegenüber. Diese Ansicht entspricht ungefähr der Stellungnahme der deutschen Regierung auf dem Braunschweiger Pazisistenkon- gresse, wo eine amtliche Erklärung ahaegeben wurde, daß wir von dem Versailler Völkerbund- an Len zu reformierenden Völkerbund appellieren wollten. Völlige Klarheit über die amerikanische auswärtige Politik würden wir jedenfalls erst nach dem Amtsantritte Holdings am 4 März nächsten Jahres erhalten, es sei berat,
daß Wilson zurücktreten sollte, wie er »S vor vier Jahren im Falle eines republikanischen Sieges beabsichtigte. Dann ist nach dem Programm- Hardiugs zu erwarten, daß die Vereinigten Staaten den Kampf für die R eform des Völkerbundes aufne-hmen, entweder innerhalb desselben. oder dadurch daß sie ihren Eintritt von Bedingungen abhängig machen, welche einer Neugestaltung des Völkerbundes glrichkommen. Uns kann der eine Weg ebenso recht sein wie der ander«. J. B.
Lmtschlandii Leistungen.
Die Lieferung von Milchkühe».
(Eigener Drahtbericht.)
Rotterdam. 4. November.
Ans London liegt folgende Nachricht vor: Im Nnterhause bestätigte ein Regierungsverlreter offiziell, daß die Aufftellung der Wiedergutmachungskommission über die Rachforderung von Milchvieh keinesfalls einen Befehl zur Ablieferung bedeute, sondern lediglich eine Be- rechnung gemäß dem hier in Frage kommenden Zusatzparagraphen und eine Anfrage, wann die Tiere ab geliefert werden können. Jedenfalls müßten bei der endgültigen Entscheid dung auch die Bedürfnisse des sozialen und wirtschastlickMN Lebens Deutschlands berücksichtigt werden. Daraus geht hervor, daß in dieser Frage noch keine Entscheidung getroffen worden ist und daß die irrsinnigen Forderungen, die von französischer Decke erhoben worden sind, von England nicht gutgeheißen werden.
e
Französische Sonderwünsche.
Berlin, 4- November. (Privattelegramm.) Die von der deutschen Presse bekannt gegebene Mitteilung der RegiecuuL wonach die deutschen Lei- stungen an die Entente sich bis jetzt auf sechzig Milliarden beliefen, wird von der stauzöfischen Prosie nicht ernst genommen. Die Blätter, die sich an amtlicher Stelle «-.kündigtet!, vernahmen, daß Frankreich einen anderen Standpunkt zu der Frage einnimmt und diese Leistungen M nicht Mr Entschädigungssumme gehörend betrachtet.
Abfindung der Mevzollern.
Erörterung über den Besitz in Preußen. (Privat-Telegrmnckst
Berlin. 4. November.
Der Rechtsausschstß der preußischen LandeS- verfammluna beriet gestern die Vorlage über die Abfindung der Hohenzollern. Bei dem Paragraphen 1 der von der Fideikom- mißrente handelt, ergab sich eine allgemeine Aussprache. Dabei begründete Professor Gleichmann (Königsberg), per von dem Justizministerium in dieser Frage als Beirat herangezogen worden ist, sein Gu t a ch t e n. Es geht im Allgemeinen dahin, daß es sich bei der großen Fideikommißrente nach der Entwicklung des allgemeinen Landrechtes um ein Privatrecht handele, wenngleich man auch von einem gemischten System spreche« könne. Daran schloß sich eine ausgedehnte Debatte an, die den ganzen Tag ausfüllte. Die Sozialdemokraten brachten zum Ausdruck, daß die Rechte auf die großen Fideikommißrente iw dem Augenblick aufhörten, als der König als solcher «uSgeschie- den sei. Der Abgeordnete Freymuth kritisierte die Gutachten der Sachverständigen in diesem Sinne. Demgegenüber verwies der Abgeordnete Hergt darauf, daß die Gutachten der Sachver- ständigen mit dem Sinn des BcrgleichSporschla- ges völlig übereinsttmmteu.
* —
Bereit» gezahlte Summe«.
Berlin, 4. November. (Pripattelearamm,) Im Verlauf der Aussprache wer die Abfindung der Hohenzollern in Preuße» erteilte der Vertreter der Finanzministeriums unter anderem folgende Auskünfte: Im Januar 1919 hat der frühere König eine Million holländische Gulden erhalten. Im August 1919 einundeindrittel Millim Mark und im Oktober neun bis zehn Millionen Mark. Aus dem Grundstücksverkauf in der Wilhelmstraße in Berlin hat der König vierzig Millionen Mark erhchten, die zum Teil für den Kans des Hauses Doorn in Amerongen verwandt worden sind Für dieses sind im August 1919 auch die Einrichtung-gegenstände geliefert worden. Der Aufenthalt dez Königs beim Grafen Bentingk hat täglich tausend holländische Gülden gekostet. Die Prinzen haften bi- zum 1. Juli 1919 ihre Apanage aus der Kronstrsse
und später aus dem HauSschatz erhalten. Sie beziehen sie jetzt nur noch mit zwei Drittel der stüheren Höhe. Zu diesen Punften wurde von verschiedenen Abgeordneten noch wettere Fragen gestellt, die in einer späteren Sitzung des Rechrsausschusses behandelt werden solle».
Amerika« Wahlergebnis.
Der neue Präsident über den Völkerbund (Bvivat-Telearamm.)
Haag, 4. November.
Aus Washington wird gemeldet: Senator Harding hat neunmal mehr Stimmen im Wahlmännerkollegium erobert als er für seine Majorität notwendig hat. Damit ist bei der Präsidentenwahl ein Ergebnis erzielt, wie man es in den Vereinigten Staaten noch nicht erlebt hat. — Harding hat sich am Vorabend der Wahl im Rewyorke» Parteiklub dahin geäußert, daß er den Berfailer Vertrag in der vorliegenden Form d. h. ohne Abänderung nicht gutheißen könne und ihm nicht zustimmen würde. ES wird bekannt, daß Hardings Ramc unter saft allen AbändernngSantrSgen zum Ver- faiöer Vertrag und zum Bölkerbundsvertrag, die durch den Senat gegangen sind, gestanden hat. Er erklärte, fein Bestes zu tun, nm Amerika mit einem abgeänderten Völkerbund zu vereinigen, ohne das Erstgeburtsrecht für eine militärische Schüssel Linsen zu verlausen. Er habe in dieser Wahlkampagne versprochen, den Senat und das amerikanische Volk zu Rate ziehen zu wollen, weil es eine vollkommene Mißglückung und Zeitverschwendung des bisherigen Strebens fei, das zuerst den Völkerbund Msammensettte u. da nach Amerika zu Rate zog. Amerika müsse zuerst gehört werden, danach könne der revidierte Völkerbund gegründet werden.
Um Griechenland«
Streitfrage über Republik »der Königreich. tEigene Drahtmekdung.)
Genf, 4. November.
Aus Athen wird berichtet: Die Entwicklung der Königsfrage hat jetzt bereits die Richtung eingeschlagen, die BenizeloS ihr M geben hosste. Bon feiten beS Exkönig! Konstantin sind dem Prinzen Paul Bedingungen gestellt, die dieser der griechischen Regierung mitgeteilt hat. Darin wird auf eine Volksabstimmung hinge- ziett über die KSnigsfrage, die aber unter voller Freiheit stattfinden müsse. Ob die jetzt ftattfin- denden Wahlen ein ausschlaggebendes Bild auch in dieser Frage bieten, läßt sich noch nicht beurteilen, weil bei den Wahlen persönliche Jnteres. fett der Abgeordneten und einzelner Parteien eit« wichtigere Rolle spielen, als die Köntgs- frage.. Man zweifelt deshalb auch nicht Baratt, daß eine besondere Abstimmung ein ganz an- deres Resultat bringen werde. Aus Konstantins Polftik wird sich BenizeloS aber nicht ein- lassen, und eS ist eher anzunehmen, daß er vir Besetzung des griechischen Thrones auf eine spätere Zeit verschiebt und vorläufig mit dem Regenten die Regierung auSMüben trachtet.
•
Keine Verzichterklarnng.
Zürich, 4. November. (Eigene Drohtmeldung.) Die Agentur Stefcmi veröffentlicht die ablehnende Erklärung des Königs Konstm- iin und des früheren Kronprinzen, auf den griechischen Königsthron zugunsten des Prinzen Paul von Griechenland oder eines anderen Berechtigten zu verzichte«.
Sie Kämpfe in Rußland.
Dormarsch der Roten Truppe«.
(Eigene Drahtmeldung.)
Wien, 4. November.
LuS Kiew wird gemeldet: Der bolschewistische Heeresbericht erklärt, daß das siegreiche Vordringen der Roten Truppen gegen Wrangel sort- dauere. Die Bolschewisten eroberten Redovoska und Atmiovka, wo ste mehrere Panzerzüge er- beuteten. In Miltopol drangen die Bolschewi- ften am 30. Oktober «in, eroberten drei Panzerzüge, achtzehn Kanonen, hundert Munitionswagen, zwei Millionen Pud Getreide. Auch aus Odessa wird mitgeteilt, daß dir Rote Armee im raschen Fortfchreiter. begriffen sei und die Front deS Generals Wrangel in der Krim zu sprengen drohe. Die roten Borposten haben weitere Stützpunkte besetzt. Tie bolschewistische Delegation in London bestätigt die Fortschritte und erklärt glei^eitig, daß die Bolschewisten in der Krim weitere militärische Erfolge hatten.
F« dm Grenzgebieten.
®fe Entwicklung am Oberrhein.
«le Stadt«, bk an bei ®»enj« »H besetzten Gebietes liegen, als» ge»«b« noch der geeinv» Beschält en,ruckt find, genießen eint gevtzere ihett a!8 ihre westlichen Nachbarinnen, er da« Leben am Rhein nnb am Recko» schreibt man un* nachfolgende Schilderung.
Mannheim siegt von der Sonne bestrahlt. Aus der Luft flattern unzählige silbrige Blätter hernieder. Flugzeuge werfen das weiße Rätsel herab, nach dem wild die Menschen jagen und Haschen, bis ftr ganz irdische Reklamezettel in der Hand halten. Fliegerrennen urtb Schaufliegen wird auf der Mannheimer Nennwiose veranstaltet. Eine fröhliche Menschs- Heil tot auf den Neckardämmen, auf den Dächer« und Manen des weißen Rüderklubhanses mid auf den jenseitigen Renntribünen und Mätzen. Größer schier als bei den großen Pferderennen ist heute der Zulauf. Landleute aus dem Pfälzischen und Badischen sind gekommen. ES ist ein Ereignis. Wieder sehen die Augen deutsche Flieger; kriegssern, mehr gemütlich sehen sie aus, urcht silbern, nicht weiß. Die Ekiteflugzeua« sind eS ja nicht, die haben längst ihren deutsch, fernen Flug tun müssen. Was heute aufsteigt, und fliegt, ist abgestempelt, von der interalliierten Kommission zugelassen ...
Passagierflugzeuge find es,
imd die Veranstaltung wirbt für die Luftreifen. Die Damenwelt zeigte viel Mitt. Die Hälfte der Lüstpassagiere waren Damen, die kühn in den engen Flugleib kletterten, die Pilotengewandu.-rg überzogen und strählend stolz sich tragen ließen in die höheren Regierten. Wer eine volle Geldtasche besaß, unternalpit die Lustreise, dreißig Kilometer über und um Mannheim herum mit Friedrichsfelde, Schwetzingen in zwanzig Minuten, für zweihundertundfünfzig Mark, sogar zweimal. Schau flöge gab es, Flugspiel«: Katze und Maus, und endlich einen Ddurzflug im Fallschirm aus zweitausend Meter Höhe. Als der weiße Punkt, sich loslosend auS einem Flugzeug, im blauen- Himmelspilan sichtbar wurde, stieg just die ockergelbe Sonnenkugel gemächlich in du Tiefe, und ein kühlender Wind trieb den Fallschirm weit vom Ziel und vom Neckar ab. In Ludwigshafen landete der Fallschirmslieger; fünfzehn Minuten darauf brachte ihn ein Auw unter dem Jubel der Rennbesucher über die grünen Wiese» zurück. Rennbikder, Reunpublikuni, zeigte der Reckardamm mit bloß zwei Mark Eintrittsgeld. Eine Musikkapelle schwärmte hier auS Wagner und Schübert, indessen ein ganzes Le- benSmittelParadies mit heißen Würstchen, Süßigkeiten, Obst und was sonst der Gaumen begehrt, neidisch blühte ... Mannheim hat seit kurzem eine
Akademie für Jedermann
mit Dozenten aus Heidelberg und von der einheimischen Handelshochschule. Vom Katheder herab wird gelesen über alte und neue Wissenschaften, alte und moderne Künste. Die Zuhörerschaft benimmt sich schon „kommentmätzig", gibt Beifall oder Mißfallen kmrd; die Weiblichkeit schreibt vierfach nach. Ganz tm Stillen bilden sich schon kleine Gemeinden um die besonders gut dozierenden Meister. Berufstätige Frauen aller Volksschichten, höhere Töchter sitzen mitten unter den männlichen Zuhörern, aufmerksam, lerngestimmt, wie ht den akademischen Hörsälen. Hierher kommt auch die Hausfrau und Familiemrmtter, die sorgend e- schwerte, irrig hausbacken genannte. Meist findet sie sich schon eine halbe Stunde vorher ei», sitzt still'wie in sich gekehrt, in den Reihen, Frieden, Harmonie zi-cht durch den wohlig erwärmten weißen Hörsaal mit seinen gedämpften Lichtern. Geist und Seele gleiten in die Ruhe hinein, und auS ab gemühten Frauenmieuea weicht die Hast und Spannung. So prachtvoll ungeniert selbst darf man hier sein, keine Toiletten. keine Schmuck- oder Hoartrao ichait, Seine Schönheitskonknrrenz, nicht eimna. grüßende oder schwatzend« Bekannte. Wundervoll wacht hier das Selbstvergessen auf, und man trägt ein neues solides Wissen als wachsenden Schatz heim, für den man im langen Winterf«nester nur biet Mark entrichtet hat... Der Rhein fAlt tief. Sett Tagen kommen keine Schiffe an unsere Ufer und wir vermissen die großen Sohlenschiffe, bie vermutlich über Bingen nicht hinauskommen. Um die liefen Brückenträger herum deckt sich der grünschlammtne Rheingrund bloß und auf den Tiefsteincn blühen Heibstflechten und -Moose. Ein neuaeschäftigeS Akd zeigte in diesen Tagen t4e Brucke.
Französisches Militär
war dort beschäftigt, trug schwere Kisten; ein langsamer Bahnzug, eine Rieferrlokornotive davor, rollt vorsichtig über zitternde Brückenbohlen. Dieder an einem der letzten Tage gab ein marokkanisches Regiment am jenseitigen Ufer, im Stadtpark von Ludwigshafen, Freikongert. Dis Ankündigung trugen die Anschlagbretter: „Ein Konzert wird groben.* Im Programm stand unter anderem: .Geöffnet" (Ouvertüre) ... In