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Kasseler Neueste Nachrichten

Kasseler Abendzeitung

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Hessische Abendzeitung

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Nummer 247.

Fernsprecher 951 und 952.

Sonntag, 24. Oktober 1920

Fernsprecher 951 und 952.

10. Jahrgang.

Gefährdung des deutschen Viehbestandes.

Wichtige Zagessragen.

Die Sorge« der Regierung.

Nach den Berichten ans Rogiernngskreiftn UND auS den Sitzungen der Patteiausschüsse ist die politische Tätigkeit in Berlin in den letzten Tagen wieder um einige Grad lebhafter gewor­den. Die Frage der Äegierungserwei- rerung bildet doch noch einen äußerst wich­tigen Beratungsgegenstand, weil trotz des W- streitens auf sozirrLemokratischer Seite in den Frakiionssitzungen dieser Partei der Wiederein- ttitt in die Regierung als wünschenswert be­zeichnet wird. Einige dieser Abgeordneten hal­ten es sogar für dringend notwendig und be­tonen, daß ein Teil der Wählerschaft dauernd verlange, laß die Mehrheitssozialdemokrafte wieder vor der ihr einst erwachsenen Macht Ge­brauch mache. Dieses Streben ist zweifellos verstärkt worden durch Len moralischen Gewinn, den die Partei infolge der Spaltung der Unab­hängigen hat. Tas Fiasko der Radikalen ist ein Beweis der besseren Politik der Gemäßigten. Und dem moralischen Gewinn wird tvahrschein- lich auch der materielle folgen durch Rückwande­rung von. ehemaligen Mitgliedern. Die Grund- laaen für den Wtzederxintritt in die Regierung wären also gegeben, und man merkt an der nur schwach verhüllten Ungeduld der Führer, daß sie von der Sehnsucht nach politischer Machtentsal- tung wieder erfüllt sind. Wer einmal ans den Hohen der Menschheit gewandelt ist und den Zauber des Ministersessels gespürt hat, den zieht es nrit geheimen Fäden wieder dahin. Acensch- lich verständlich ist das schon. Sind die Ver­hältnisse im Reiche Halbwegs ruhig, dann ist es entschieden verlockender, als ein Auserwählter sich von der Millionen-Anhängeifchaift bewun­dern zu lassen» als in irgend einem Wahlkreise trockene Parieireden zu halten.

Hat man sich also tot Kabinett und in den Fraktionen mit dem Gedanken vertraut gemacht, daß eine Umänderung der Regierung über kurz öder lang stattfinden wird, so ist nur noch die Frage offen, wann das geschehen kann. In den bürgerlichen Parteien ist man sich einig dar­über, daß die jetzige Regierungs-Koalition zwar auch noch ohne Erweiterung weiter bestehen könnte, daß aber, wenn von links der Wieder­eintritt gewünscht wird, diesem Zuwachs nichts tot Wege stehen soll, weil eine Beteiligung de: Mehrheitssoziald-mockratie nach der Zabi ihrer Mandate berechtigt ist. Etwas anderer Meinung ist man allerdings in den Reihen der Sozial­demokratie, die das Schwergewicht möglichst nach links verschieden möchte. Nur hält sie den jetzigen Zeitpunkt noch nicht für geeignet, sondern sie spekuliert auf einen Winter voller Unzufrieden­heit und glaubt im holden Frühling ihr Schäf­chen scheren zu können» Allerdings befürworten einzelne Parteivertreter ein schnelleres Handeln, je nach Opportunität. Maßgebend sind dabei nicht nur rein politische, sondern auch wirt­schaftliche Fragen, die auf dem Gebiet der DoMsernLhrung und der Produktion liegen. Diese beiden Gebiete werden noch jahrelang das Polksinteresse am stärksten berühren. Fortwäh­rend finden amtliche Besprechungen Mer Er­na hrungSfraaen statt, wobei die neueste Preisentwicklung festgestellt wird. Es ist in der Tat ausfallend, wie die Freigabe des Fleisch Handels verteuernd gewirkt hat. Fleisch ist jetzt überall vorhanden, aber zu so hohen Prei­sen, daß nur die mit hohem Einkommen Geseg­neten sich solche Käufe ertauben können. Diese Lebensmittel-Verteuerung trägt natürlich zur allgemeinen Unzufriedenheit bei. Bleiben diese Preise oder werden sie gar noch höher, dann fal­len die Folgen auf diejenigen zurück, die vorher die Beseitigung der Zwangswirtschaft gefordert und billigere Preise versprochen hoben.

Mit der Ernährung hängt die Frage der Produktion, sowohl der landwirtschastlich'n als auch der industriellen, zusammen. Würde man in den Großstädten weniger von den Nah- runassorgen geplagt, dann hätte dies seWstver- ständlich einen günstigen Einfluß auf die Arbeit. Menschen, die täglich angestrengt arbeiten müs­sen, gehen freudiger an ihr Tagewerk und sind geneigt, mehr zu leisten, wenn sie genug zu essen haben. Die Landwirtschaft kann Vitt dazu tun, diesen Zustand herbeizuführen. Dann würden auch die landwirtschaftlichen Geräte billiger her­gestellt werden können. Es beruht eben alles auf Gegenseitigkeit. Die jetzt am meisten besprochene, aber auch am meisten ungeklärte Frage ist die Sozialisierung, worüber noch heiße Kämpfe im Reichstag wie in den einzelnen Par­teien entstehen werden. Ganz entgegengesetzte Auffassungen werden über dieses Problem laut. Von links wird es als Rettung unserer Voils- wirtschaft hingestellt, dagegen wird es von rechts als der Totengräber unseres Wirtschaftslebens bezeichnet. Bis setzt steht jedenfaW fest, daß die Svztalinerung ein spekulatives Experiment ist, für dessen Gelingen nicht die geringste Gewähr geboten ist. Statt dessen weiß man genau, daß alle staatlichen, also sozialisierten, Unternehmun- »eu un ter der neuen Methode nur PrMMous-

Rückgang und Finanznot gebracht haben. Die Angelegenheit ist vorläufig noch verworren, trotz- dem haben alle Parteien zugesttmmi, daß ein Sozialisierungs-Gesetzentwurf dem Parlament toorgdegt wird. Wo eine Reform notwendig oder angängig ist, soll sie geschehen, aber Vorsicht ist zu empfehlen! K. F. Dr.

gegen hie Mehliefennm.

Protest« der Bauern gegen dte Entente.

(Privat-Telearammö

München, 23. Oktober.

Die Kleinbauern - Komitees von Ober- bayern erheben einstimmig scharfen Protest gegen die von der Entente erhobene Forderung auf Ablieferung von achtl)undcrtundzehntaufeud Milchkühen. Die Durchführung dieser Forderung müsse den Zusammenbruch der gesamten Milch- und Fettverforgung Bayerns und des Reiches und damit ein unübersehbares Elend der Bevöl kerung zur Folge haben. Daß die Ablieferung in dieser Menge unmöglich ausgeführt werden kann, geht daraus hervor, daß viele taufend Stück Bieh an der Maul- und Klauenseuche einge- gangen sind, weitere Zehntauscnde sind krank. Ter Milchschwund ist infolgedessen unge­heuerlich; der Ausfall an Fleisch und Milch läßt sich überhaupt nicht schätzen. Durch die bisheri­gen Bichtransporte sind bereits Seuchenüber- troMNge« erfolgt. Anfang August .vu.se be­kannt, daß in Belgien die Rinderpest und Klauenseuche ansgebrochen seien; der Bieh- tranSport wurde auf Ersuchen Belgiens einge­stellt. Bald darauf stellte das gleiche Ersuchen auch Frankreich. Die Einstellung der Biich- ublieseritngen ist also aus ausdrücklichen Wunsch Belgiens und Frankreichs erfolgt Ws die Liefe­rung gestoppt wurde, waren vertraglich noch sünfzigtauferid Rinder zu liefern. Ehe die Stop- pung erfolgte, war aber bereits die Senche durch die leere« Viehwagen auch nach Deutfchland eingefchleppt worden. Es sind ganze Ställe vollständig ausgeswrben.

Gefahr für die Großstädte.

Berlin, 23. Oktober. (Privattelegramm.) Wie vernichtend für unsere Ernährung gerade die Biehabliefenmg wirltz^kann man daraus ermes­sen, daß sich achtzig Prozent unseres ganzen Viehbestandes im Besitze kleiner und mitt­lerer Bauern Heftoden, die jedoch ihr Vieh zur Aufrechterhaltung des Wirtschaftsbetriebes brauchen. Für die Lieferungen sind wir also auf die restlichen zwanzig Prozent der Groß­betriebe angewiesen; dies umfo mehr, als ja die Entente v-riragswidrig Qualitätsvieh ver­langt. Indem wir den Betrieben das Vieh wog- nehmen, wiirde die Milchbelieferungder Großstädte in der sattsam bekannten sttta- stropbalen Art geschädigt Nach allem kannehi Zweifel feto, daß die Grenze des Erträglicher: bereits erreicht, wenn nicht schon überschritten ist. Längst hat die Sterblichkeit der Hof­fenden, der stillenden Mütter und der Kinder einen Grad erreicht, der entsetzlich ist. Und bei dieser Lage der Dinae stellt die Entente das Ver­langen auf rund SOÖOOO weitere Milchkühe.

Polnische AeSerhebuvz.

Protest gegen den Danziger Vertrag.

(Prrvat-Telearamm.Z

Danzig. 23. Oktober

Der Danziger Polenklub sandte ein längeres Protesttelegramm an die polnische Delegation in Paris, in dem es unter anderem heißt: Angesichts der beunruhigenden Gerüchte, die von den deur- schen Müttern über den danzig-polnischen Ver hag in Umlauf geseift «erden über ein Projekt, das den Rechten Polens in keiner Weise gered« werde, das einen schweren Bruch des Versailler Friedensvertrages darstellt, ruft der Polenklub der Danziger Konstituante den polnischen Telc- gierten in Paris zu. im Falle, daß diese Nach­richt bestätigt werden sollte ihre Unter sch rist unter eine derartige Konzession zu verwei­gern. Auch nach einigen in Danzig eingelau- fenen Privatmeldungen mrs Paris bestätigt es sich, daß die polnische Delegation die Konzession heute nachmittag nicht unterzeichnete.

Litauen und Pole«.

Rotterdam, 23. Oktober. (Eigene Drahttnrl- dung.) Remer veröffentlichte gestern eine neue BeGou her polnischen Antwort M hrMck--

französische Note. Danach 6 e b a u e 11 bie pol­nische Regierung, daß die polnischen Trup­pen, die Wilnabefetzt haben, die Sache selbst in die Hand genommen hätten. Es sei der Wunsch der polnischen Regierung, den Streit mit Litauen friedlich zu lösen. Sie sei fest entschlos­sen, dem Wunsche des Völkerbundes nachzukom- men, und sie fei bereit, jeden Weg zu unterstützen, um die Fragt von Wilna zu regeln auf Grund von Unparteilichkeit und Gerechtigkeit. Ter litauische Geschäftsführer in London hat dem Völkerbund einen schriftlichen Protest gegen die Besetzung von Wilna überreicht und auch gleich­zeitig um Zulassung zum Völkerbund ersucht.

»

Bei der Bolschswisteu-Armee?

Warschau, 23. Oktober. (Eigene Drähtmel- bung.) Tas Deutsche Auswärtige. Amt hat bei der polnischen Regierung Beschwerde eingelegt wegen der schlechten Behandlung von dreihun­dert deutschen Ossizieren (?), die in den letzten Kämpfen mit den Bolschewisten von den Polen gefangen genommen worden sind. Die polnische Presse kommentiert die Beschwer­denote mit dem Hinweis, daß bisher von deut­scher amtlicher Stelle stets bestritten wurde, vaß deutsche Offiziere in der Roten Armee Dienst tun. Durch die deutsche Protestnote sei nunmehr auch von amtlicher deutscher Seite d'e Richtigkeit der polnischen Feststellungen erwiesen.

Ser Asrstand in England.

Li« LllttmaLum 6er Slfenbahner.

(Eigene Drahttneldung.)

London, 23. Oktober.

Die Lage ist durch ein bis Montag befristetes Ultimatum der Eisenbahner, denen die Transportarbeiter sich anschließen wer­den, für beide Teile (Regierung und Bergleute) erschwert. Tas Ultimatum platzte in die Vor­besprechungen hinein, die Lloyd George als aus­sichtsreich bezeichnete. Der Arbeiterführer Tho­mas fühlt sich offenbar bedrängt durch die wach­sende Arbeitslosigkeit als Folge des Streikes. Lloyd George begründet die Verschleppung mit der Notwendigkeit, erst das Terrain erforschen zu müssen, damit die in Aussicht stehende Kon­ferenz nicht ergebnislos verlaufe. Eine An­näherung ist insofern erfolgt, als die Re­gierung bereit sei, die zwei Schilling zu bewilli­gen, wenn der L o h « to Beziehung zur Koh - lenförderung gebracht wird, wahrend die Bergleute bereit sind, eine vermehrte Förde­rung zu garantieren, wenn die Bergwerksüe- sitzer gleichfalls die Gewähr für die höheren Löhne übernehmen. Die Hauptfrage sei nun, ob der Konflikt auf die Lohnau Gelegenheit der Bergleute befchränkt bleibt, oder durch ein Ver­schleppen sich zur polttische« Machtprobe der ge­samten Arbeiterschaft auswächst.

Leber zwei Millionen Arbeitslose.

Rotterdam, 23. Ottober. (Eigener Drahibe- richt.) Aus London wird gemeldet: Die Trabe Union gab am Freitaq die Zahl der Strei­kenden und wegen Kohlenmangels Feiern­den mit über zwei Millionen Mann an. In Manchester stehen zwei Drittel der Web­stühle. in Liverpool etwa die Hälfte der F a- briken still. Mit der militärischen Be- s e tz u n g der Haupteisenbahnen im Vereinigten Königreich ist Freitag früh begonnen worden. Nach einer Meldung desDaily Herold" ha­ben sich bisher alle in London, Liverpool und Glasgow abgehaltenen Versammlungen der Eisenbahner und Transportarbeiter für einen Sympathiestreik für die Bergleute ausgespro­chen. Wie weiter gemeldet wird, ist dieser Streik vorläufig bis Sonntag vertagt.

Setlieer Sttkikgrrichte.

Warnung vor unüberlegte« Hasvltmzen.

(Privat-T elecrarmn-l

Berlin, 23. Oktober.

Nach Mitteilungen to derFreiheit" und dem Vorwärts" wird in Berlin ein General- streik für kommende Worin vorbereitet, der am Montag oder Dienstag begirinen soll, um in er­ster Linie «egen die Ausweisung der russischen Gewerkschaftsvertreter aus Deutschland zu de­monstrieren. TerVorwärts" warnt die Mehr­heitssozialisten vor der Teilnahme. Im Ge­gensatz zu den im Umlaus befindlichen Gerüchten über einen bevorstehenden Ausstand der Metall- atbeiter wird seitens des Reichsarbeits­ministeriums mitgeteilt, daß hiervon bisher nichts bekannt ist- Auch das Reichswirt- schastsmiaisterium empfiehlt Vorsicht gegen lsolchr meist aus der Luft gegriffenen Gerüchte.

Mrd es Wieder besser?

Wiederkehr guter Zette» in Bayern.

Sn den letzte« Wo-de« war mehrfach fest» Mt«eUen, daft in Daher» wieder Lrdnuug herrscht. Wie auf polttifchem «»die«, so ist euch Wirtschaftlich, defonder« in de» Ernährung, «ine Besserung ,u verzeichnen, Von der mau wünschen mSchte, daft sie ach auch auf da« iivrige Deutschland »vertrüge.

Aus München wird uns geschrieben: Eia strahlender Oktober hat dem schleichenden regne­rischen Spätsommer das Szepter ans der Hand gerissen und breitet einen golLenen und purpur­nen Glanz über Münchens alte malerische Gas­sen und den grünen Kräng seiner Gärten und Wälder. Etwas wie Festtagsstimmung hegt über der Stadt, etwas Frohes, Hoffnungsvolles, das sogar in dem behaglichen Riünchen in den quaftreUen Kriegsjahren verschwunden war. I« der einstigen Residenz hat sich Vas Leben tote» bet gefestigt urtb läuft in normaleren Bahnen. Rlan kannh wie der Bayer sagt, wiederschnaufen", die Hungersnot streckt nicht mehr ihre Gespensterhand aus jedem leeren La­denfenster; die Bürger sitzen nicht mehr gleich geängstigten Vögeln hinter geschloffenen Gardi­nen, und man kann ruhig jeden Morgen an feine Arbeit gehen, ohne vorher durch bie Nachricht eines neuen Sensationsstreiks bis ins Matt er­schüttert worden zu fein. Keine aufreizenden Plakate erschrecken die Gemüter, und dort, wo noch vor Jahresfrist Gewehrschüsse knallten, iinb erregte Menschenmaffeu gegen einander prallten, drehen sich goldglitzernde Karussells und lasten die Kinder ihre roten, blauen und grünen Bal- Ions fliegen. Es ist'Kirchweih im ganzen Land, und alles feiert urfb freut sich. Früher spann sich

die goldene Erntedankfestzeit

über mehrere Monate und wurde etappenweise von Ott zu Ort gefeiert. Jetzt fällt in Bayer« das Feiern, Trinken, Tanzen und das unver- meidüche Kausen auf einen Sonntag, dem frei- lich noch als Vorbote der Sonnabend und als fröhliche: Nachzügler der Montag zngefellt toor- den sind. Schon feit den ersten schönen Herbst- tagen sprach man in München, Stadt und Land, nur noch von fetten Enten, gemästeten Gän­sen, goldgelben Suppenhühnern, am Spieße gebratenen H ähn en, und in manchem l-üraerlichem Haushalt wurde der Gürtel enger geschnürt, damit mau ihn,zu den Festtagen fröh- lich erweitern könne. Es scheint, als hätte man auch an den grünen Tischen den neuen frische« Zug, der durch München wehte, verstanden. Kurz vor Kirchweih wurde, wie überall, auch hierzu- lande das Fleisch freigegeben. Wie durch ein Wunder hängen nun in den Metzgereien die saf­tigsten Stücke Ochsenfleisch, Roastbeef, Filet, Le­ber, was das Herz begehrt, und die Fleischer sind mit einem Schlag bie liebenswürdigen Kauf­leute von einst geworden, die sich um bie Gunst ihrer Kundschaft bewerben und den geplagten Hausfrauen nicht mehr mit herablassender Ge­bärde Knochen und durchwachsenes Fleisch statt Vratenstücke zuschieben. Von dem Straßenbild sind überall die trostlosen Polonäsen vor de« Kaufläden verschwunden, und tnatt kann in alter Behaglichkeit durch die Tore und das belebteTal" nach dem Rathausplatz wan. Vern, ohne an den Krieg und die darauffolgende chaotische Zeit erinnert $u werden.

Auch der Lebensmittelmartt

hat zur Kirchweih seinem früheren Ruf Ehre gemacht und den HauSftaucn dis feiten Gänse geboten, die vor dem Kriege zum Erntedankfest auf keinem Tisch fehlen durften. Die Stände hingen fo voll von Enten, Gänsen, Hühnern, Stallhasen Schaf- nnb Rindfleisch, als sollte die erste rotartenfreie Kirchweih durch große Gelage gefeiert werden, und das ganze Münchener Völk lein stand staunend davor. Es wurve geschwatzt, aelacht, gehandelt, gekauft, fast wie ehedem, al# die Kirchweih oderKirta" vomSunrtta" bi­tief to die Woche dauerte und die Bauernburscher in den Vororten singen konnten:Kirta, bist ö zünftige Zeit, koane is ma liaba. I droh ml daß da Tanzbod'n kracht. Mag Schmoiznudeln und an Schiaba!" In diesem Herbst fteilich müf fen die knusprigen Nudeln in den siedende« Fettpfamren vorerst noch ein Traumbild bleiben: aber die Schinken und Schweinsrippchen hängen in ben Wurstgeschäften, und in den Dörfern fto1- alle Häuser, Wirtschaften und Tanzböden m grünen Kränzen, Fahnen und Blumen id)tnü<ft, und alles ist wie ein Locken und Rufen zur Freude. Just in diese Kirchweihzeit fällt auch die Eröffnung der Auer Dult, draußen vor den Toren Münchens unter den goldgelben Saftanien an den Ufern her Isar.Nicht nut zur Arbeit, auch zur Freude nützt die Zett," unfr zur Freude laben bie Lachkabinette, bie Reklame bilder, die Riesen- und Zwergdamrn die M» rionettentheater, vor denen die qanze ßtobertocti wie vor einem nie endenden Wunder steht,' nn" die Schaukeln und nie rastenden Karussells Mw sieht unglaublich viele Schießbuden, und davv'. von früh bis fpät immer neue Schützen, oft nm* im fetosraueu Rock oder einer SMratenhofr