9tt. 231.
Zehnter Jahrgang.
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Kasseler Neueste Nachrichten
Beilage.
Mittwoch, 6. Oktober 182t).
Las erste Metallgeld.
Tauschhandel mit Naturalien.
Die gegenwärtig« «eldknapphoi«, d. h. der Mangel an Metallgeld in Dentsülland hat da- lu geführt, daß man n«itnnterLanschgef«HSfte in Ware waetzt. Dieser «Rctfrcns erinnert an die graue Drrgeit, da Vie Menschen noch gar «eine Zahlnnggmünz« kannten. Dir jedes Maß einer Vernünftigen Finanzwirt- fthast übersteigende Papiergcldw ■ rtschast, wie sie als Sslgc des Krieges und des ökonomischen Verfalls heule bei uns herrscht, hat sich so rasch als eine scDstvcrstäudliche Erscheinimo in das Bewußtsein aller Menschen cingegraben, daß man schon kaum mehr an das Metallgeld denkt, das bei uns bis zum Kriege dem jeden sichtbare Faktor einer gesunden Münz- und Finanzpolitik gewesen ist. Noch weniger vermag sich das heutige Menschengeschlecht in die freilich sehr sein liegenden Verhältnisse hineinzudenlen, in denen man von Geld und Geldeswert überhaupt noch nichts wußte, und in denen die Völker Handel treiben konnten, ohne das Geld, den wichtigsten Handelsvermittler, zu kennen. Freilich hat sich gerade in unseren Tagen die uralte Form des Tauschhandels wieder bemerkbar gemacht, wenn auch nur in ganz engem Maßstabe und in der Gestalt des Sacheichaustauschs. Den Men- scheu jedoch, di« im dritten Jahrtausend v. Chr. gelebt haben, war das Geld überhaupt ein unbekanntes Ding, und die alten Acgypier unterhielten ihre ausgedehnten Handelsbeziehungen, ohne sich hierzu nur eines einzigen Geldstücks zu bedienen. Die Erklärung für diese befremdliche Erscheinung liegt gleichwohl auf der Hand; denn der Vorläufer des GeldHandels war eben der Primitive Tauschhandel, und aus dem Tauschgeschäft erwuchs erst das Bedürfnis, anstelle von im Werte schwankenden Gegenständen solche von feststehender Wertung als ^Tauschobjekte einzu- führen.
Die bezeichnendsten Beispiele des ursprünglichen NaturaltaustaufchS zeigen die ELgvptt- schen Wandbilder, auf denen man die verschiedensten Darstellungen von Tauschgeschäften sehen kann, so z. B., wie.ein Kuchen gegen eine Halskette oder ein Halsband gegen Gemüse eingetauscht wird — für unsere Begriffe möglichst wenig zusammenstimmende Tauschge- genfLmde. Diese Art von Geschäften mag wirklich nicht immer ganz einfach gewesen sein, und eS nimmt denn auch nicht Wunder, daß sie sich «ins die Dauer nicht hielt, zumal mit der Einrichtung ständiger Märkte die Waren nun auch allmählich feste Preise erhielten, ja einige sogar schon zu ganz bestimmten Kursen verkauft wurden. Man kam deshalb zunächst auf den Ausweg, wertvolle Tauschobjekte gewissermaßen als feste Einheiten der Preise festzusetzen und zwar in der Art, daß man, tote uns Homer berichtet, die Waren beispielsweise nach Rindern bewertete. Natürlich wurde die betreffende Anzahl von Rindern in solchen Fällen niemals in Natur eingetauscht, da die Tiere ja, wie getagt, nur als Wertschätzung galten, indem ein sog. zwolftindriger. Gegenstand eben nur den angenommenen Wert von zwölf Rindern besaß. Hierbei ergab sich aber vor allem der Nachteil, daß man jenen zwölfrindrigen Gegenstand immer nur gegen ein wiederum auf zwölf Rinder bewertetes Handelsobjekt vertauschen konnte, weil das .Herausgeben" gewisser Wertteile bei dieser Handelsform natürlich nicht möglich war. Gleichwohl behalfen sich die Menschen bis ins zweite Jahrtausend v. Ehr. mit dieser umständlichen Art, ihre Handelsgeschäfte zu vermitteln.
Bei den sich stetig steigernden KulturfortschrN- ten konnte es aber doch nicht mehr lange so weiter gehen. Man begann, zuerst einmal den Göttern, statt ihnen die Opfer wie bisher in Form von Naturalien darzubringen, Abbilder dieser Naturellen, die man in Metall nachformte, zu opfern. Diese metallenen Fische, Vögel und Rinder besaßen als Shuck ol den vollen Wert des Naturalien-Opfers und waren auch aus dauerhaftem Metall hergestellt, so daß sie für den betreffenden Gott auf alle Fälle ein annehmba
rer Ersatz waren. Man kann jene metallenen Opfertiere demnach mit Recht als die ersten Vorläufer des Metallgeldes betrachten, da sie, ebenso wie dieses, einen aus eine gew ss« Höhe festgesetzten Gleichwert von Naturalien darstellten. Eine weitere Entwicklung der Münze erfolgte dadurch ,daß man Bilder und Aus- schristen in MctÄlstücke eingrub in ähnlicher SSeife wie bei den geschnittenen Steinen und ihnen, gleichwie diesen Steinen, den Wert eines Siegels gab. Auf einer solchen Siegelmünze stehen z. B. die Worte: ^Jch bin das Sie- gel des Pfaues". Dadurch ward feie Münze aber gleichzeitig schon zum Eigentum dessen, der sie hatte prägen lassen, und der nun mit seiner Person sozusagen auch für den Wert des Stückes, das seinen Namen trug, einstand.
Jedenfalls können nach den OpsermLnzen jene von Einzelpersonen geprägten Privatmün- -en als die ersten Metallqeldstücke in Betracht kommen. Me Erfindung von allgemein quitt* gen Münzen wie auch der in Gold und Silber geprägten Geldstücke und ihr Gebrauch als Geld in unserem heutigen Sinne führt dann nach Lvdien in Kleinasien, wo man wahrscheinlich schon im siebenten Jahrhundert v. Chr. an Stehe des Tauschhandels den Geldhandel ein« zuführen begann; denn selbst die ältesten der griechischen Geldstücke, die man kennt, sind immer noch jüngeren Ursvrungs, als die lydischen Münzen. König PHeiden von Argos, der vielfach als Erfinder des Metallgeldes gilt, war nur der Erste, der als Regierender sich das Recht sicherte, die Prägung aller in seinem Lande geltenden Mültzen dem Staat zu übertragen.
B«8 Mer Seit.
Deutschlands größte Höhle.
In einem Worberge heg Harzes, dem sogenannten .Alten StoMrerg* unweit des Khff- HAuscrs, also an einer Hauptader des Tourist: u Verkehrs befindet sich eine seit Jahrhunderten bekannte riesige Gipshöhle, genannt „Hcim- kehle", die vom Bahnhof Uftrungen in 2D Minuten zu erreichen ist. Die Höhle war bisher nicht M begehen, nur asb und zu ist es einem Forscher in trockener Jahreszeit und bei niedrigstem Wasserstande unter den schwierigsten Verhältnissen gelungen in einige Teile her Höhle effMdringen. Tie Heinvkshle labgeleitet von Heimchenhöhle) wird Mm 1357 urkundlich erwästmt und wurde durch Fabrikbesitzer Theodor Wicurich in Halle jetzt dies herrliche Naturdenkmal dem öffentlichen Verehr erschlossen und die Höhle ist nunmehr für jedermann ohne weiteres zugänglich ge, macht. Die umfangreichen Aufrämmvtgsarbeiten tourten in wenigen Wochen du rchge fühlt. Wege, Treppen angelegt und elektrische Beleuchtung ge- schaffen. Man ist augenblicklich dem ft belästigt. einen längeren EntwässeramMtollen im Zuge der Höhle zu bauen, der wahrscheinlich noch weitere Hohlräume aufdecken wird. Di: .Höhle, die weit hincms Beachtung, ja Aufsehen finiten wird, ist mit allen Seitenaalsrien und Verzweigungen über 1000 Meter lang, un Mittel iS Meter breit und 16 Meter hoch, und darf als die nröftte deutsche, sogar als die größte besonnte Gipehöhle der Welt angesehen werden. Sie übertrifft an toiffenfchaftficher Bedeutung die übrigen bekannten Höhlen des geiämlcn Harzes, denn sie überrascht durch die Großzügigkeit der Gesamtcmlage, dir Weite ihrer Hallen und Eigenart ihrer klaren Seen, den monumentalen Spannungen ihrer SA-- und Dome (großer Dom 60:40. kleiner Dom 30:40 Meter.) Mehrere spiegelklare Teiche, wimdersame Felsgebilde SMammbänke, Dame und Kapellen, gigantische Steinblöcke findet ma-n vor. Den Besuch ver- ntittelt eine „Heffnkebkc* - Hö-hlengesÄlschast in Uftrungen, die auch mit Prospekten a'dbdftet
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Die Diva ttnb ihr Chauffeur.
Vor dem Mailänder Gericht spielte sich im- läugst ein Sensationsprozeß ab, dessen Heldin die berühmte Sängerin Luisa Tetrazzini war. Die ziemlich betagte Diva, die während des Krie
ges in Lugano toeilte und zusammen mit ihrem Chauffeur dort ein großes .Ententehaus" machte. wurde von einer hübschen jungen Frau bezichtigt, ihren Mann, den genannten Chauffeur, verführt und ihr abspenstig gemacht zu haben Das bestrftten Diva und Chauffeur. Ter Chans- Heur mündlich, die Diva, die „tränt" war, durch ihren Advokaten. Das im Gerichtssaal anwesende Publikum war natürlich ob des Nichterscheinens der Tetrazzini schwer enttäuscht, kam aber doch auf seine Kosten, denn die verschiedenen Zeugen brachten eine Menge toller Dinge vor. Zwar schwor der Chauffeur, Umberto Tato, er sei nur her Kraftwagen sichrer der Dame, später ihr Sekretär gewesen, doch ging aus den Zeugenangaben hervor, daß er der Diva recht nahe stand. Ltenigstens wußten der frühere Sekretär, die Zofe ufw. sogar noch die Nummern der Hotelzimmer ganz genau anzugebeu, in denen Diva und Chauffetrr in den Gasthöfen des Auslandes als Mann und Frau zu Hausen pflegten. Der Herr Chauffeur war übrigens seiner Diva gegenüber sehr anspruchLdoll, verlangte kostbare Ringe und bestimmte sie sogar obendrein, für seine verlassene Familie zu sorgen. Der (Sartin Tatos paßte das aber nicht, sie verlangte eine einmalige Abfindung von 600 000 Franken Schweizer Währung, während der Chauffeur nur 180000 iüüientsche Lire von seinen Ersparnisse^ hercmsgeben wollte. Der weife Prätor sprach die beiden Angeklagten frei, weil die Klägerin erst drei Monate nach Kenntnisnahme der Skan- d-cksgefchfchten Klage erhoben hatte.
* Feuer auf der Danziger ReichSwerft. Auf der ebe^Nakigon Danziger Reichswerft wütete am Sonnabend ein Grossseuer. Die Wäscherei, in der Maschinen. große Vorräte von Oel, Dato und Heizmaterialien lagerten, geriet wahrscheinlich ffchrlge von Selbsten zündung ft, Brand. Die gefamte Feuerwehr wurde aufgebo- tert, nm den Brand zu bekämpfen. Erst nach längerer Löschtätigkeit gelang es, den Brand auf seinen Herd zu beschränken, und die benachbarten Gebäude, die stark v«n Feuer bedroht waren, zu retten. Die Wäscherei ist jedoch mit sämtlichen Vorräten vollständig ausgebrannt. Der Schaden beträgt etwa zwei Millionen Mark
* Schloß Reinhardthausen aus geplündert. ANS Bingen wird gemeldet: Das bekannte Schloß Reinhardthaufen wurde von Dieben ausgeplündert und eine große Menge wertvollster Knnstgsgenstände geraubt. Außerdem taten sich die Einbrecher am Weinkeller gütlich.
» Wieder ein Schul streik. In Elberfeld sind etwa vierhundert Schulkinder nach vorangegangenem Umzug mit den Eltern wegen N i ch t- dewilligun« der Forderung auf Einsüh- runa der weltlichen Schule in den Schul- streik getreten
* Mißlungene Bermögensschiebuug. In Heiligensee bei Berlin ist eine Vermögens- sckiobung verhindert worden, die mit einem Flugzeug vonstatteu gehen sollte. Der Polizei war bekannt geworden. daß die Schic l-er eine bedeutende Menge Gold- und Wertsachen aller Art, wie Brillanten, Setten ufto-, in einem Flugzeua nach Schweden verschieben wollten Von Heiligensee wollten die vier Schieber unter Leitung eines Oberingcitteurs sich nach dem Flugplatz Riederueuendorf beysben, nm von dort ans algiWegen. Die PMzei überraschte sie aber und beschlagnahmte daS SchieberMt. Die Schieber wurden fcstaencmmcn
* Eine blutige Li^bestragödie. Eine Liebes- trcrgödic hat sich in Friedenau bei Berlin abgespielt. Der Zahnarzt Pannwitz unterhielt Beziehungen zu einer Frau Brockmann, die dazu ffchrten. daß die Frau ihren Mann verfieß und als Wirtsö^tsterin zu dem Zahnarzt zog. Das Verhältnis zwischen diesen beiden trübte sich jedoch bald. Frau Brockmann hatte in Erfahrung gebracht, daß der Zahnarzt ein anderes LiedeSverhlAtnis angeknüpft hatte und vor der Verlobung stand. Grenzenlose Eifersucht war die Folge. Als das Paar in seiner Wohnung am Tische saß, zog Frau Brockmann nach einer
erregten Auseinandersetzung eine verborgen gehaltene Schußwaffe und jagte dem am Tische sitzenden Zahnarzt eine Kugel durch den Kops. Tann lief die Frau zu elftem in der Nähe wohnenden praktischen Arzt, und während dieser sich in die Wohnung des Zahnarztes begab, jagte sie sich selbst eine Kugel ins Herz. Beide konnte ärzrltche Hilfe nicht mehr retten.
* Ziegelsteine statt Fleisch. Ans Beuchen (O.-S.s wird gemeldet: DaS Lebensmittelamt des Landkreises hatte eine größere Bestellung aus Fledschkonserven aufgegebeu; als diese ankamen, war eine Anzahl Kisien im Gewichte von 5 Zentnern beraubt, in denen anstatt der Konserven sich Ziegelsteine vorfanden.
* Teuere Hunde. Mit dem 1. Oktober Vst in Lichtenberg bei Beilin ein weiterer Nachtrag zur Huudesteucrordnung in Kraft getreten, durch den Die 5>undesteuer auf den höchsten Satz in ganz Groß-Berlin erhöht worden ist. Der Jahressatz beträgt für den ersten Hund zweihundert Mar und fii: den zweiten und jeden weiterem Hund dreihundert Marl.
* Erbeutete Stoffe, Obwohl die bahn amtliche Ueberwachung von Gütersendungen in letzter Zeit Viele große Diebstähle und Betrügereien verhindern Sonnte, ist es noch unSetannten Tätern abermals gelungen, zwei echte Frachtbriefe dem Geschäftsgänge der Güterabfertigung auf dem Hamburg-Lehner Bahnhof in Berlin zu entziehen. Dre Betrüger brachten sich auf diese Weffe in den Besitz einer Stofffendung im Werte ton einer Viertclmillion Mark. Auf Grund von Stoffproben fft es jetzt der KrirmnalpoKzei gelungen. den Verbleib der Stoffe zu ermitteln und den größten Teil des Diebesgutes zu beschlagnahmen; indessen ist es noch nicht gelungen. die Täter selbst zu verhaften.
* Ein Riesenprozeß. Ein Rtesenprozeß, tote er sich, was die Zahl der AngeKemten und den Umfang der Siebe selbst anbetrifft, wohl vor einem Gericht noch nicht abgespielt haben dürfte, beschäftigt jetzt die Berliner Staatsanwaltschaft. Es handelt sich um eine Anklage wegen Wuchers und HrchftprcisWerschreitung, die sich gegen ins- gesagt über 170 Personen richtet. Drose Anklage hat folgende Entstehungsgeschichte: Vor einiger Zeit stand der Kaufmann Augustin, der Inhaber einer DuttergroßhanÄlung. unter der Anklage der HSchstvreisüberfchrcitung vor dem Wuchersondergericht und wurde zu einer Woche Mefängnis und zehntaufend Mark (steld- sttafe verurteilt. Außerdem wukde der erhaltene Uebcrpreis von Mer hunderttausend Mark als dem Staate verfallen erklärt. Aus den beschlag- nahmten Geschäftsbüchern wurden die Namen der Kunden der Firma Augustin fe'sigeftcllt und jetzt ist cetten sämtliche Kunden, soweit sich eine HöckOprcisüberschreitung feftftetten ließ, ein Strafverfahren eingeteitet worden.
* Steuerflucht aus Europa. Nach einer Mel- dnna aus Holland bringt die Steuerflucht aus Europa Argentinien großen Vorteil. Der Martt in Argenttnien wird mtt Gold und Edelsteinen geradem überfchwemmt. Ein einziger Dampfer har vor einigen Tagen eine Ladung Edelsteine im Werte von sechs Millionen Pfund Sterling nach Buenos Aires gebracht.
* Kohlenlager in Böhmen. Wie aus Prag berichtet wird, ist in der Umgebung der Stadt ein reiches Lager Schwarzkohle aufgedeckt worden, die in einer hohen Schicht liegt Es wurde bereits eine Schürfgesellschaft gebildet die in der nächsten Zett mit der Kohlenabtragung begiu- neu wird.
* Russische Juwelen. Vierzehn Kisien, die Iw» toelen cnMeltcn und an den Moskauer Gesandten in Washington gerichtet waren, sind von den amerikanischen Zollbehörden beschlagnahmt worden.
* Ein Riefenbraud in Calveston. Der Hafen von Calveston (Texas, Amerika) steht in Flammen. Biele Schisse, Gebäude, große Lager von Baumwolle und Schwefel wurden vernichtet Im Regerviertel stehen <W Straßen in Flammen, auch einem Teil der Stadt droht Gefahr.
MIahrtinsMüS.
15) Nomarr von H. Courths-Mahler.
Sie richtete sich auf. »Stolze Mutter! Und ich kann stolz sein. Wso die Sache mit H-cta muß ich ja wohl aus der Welt schaffen. Und unangenehme Dinge soll man nicht aus die länge wank schieben. Gleich morgen melde ich meinen Besuch bei Rodecks an. Nächsten Montes vevse ich,"
Er küßte ihre Hand. »Tue das, liebe Mutter.*
Sie sahen sich eine Wette mit großen Augen an. Und dann erhob sich Fran Johanna .Jetzt gehe ich zur Ruhe, mein Sohn. Gute Nächt!*
.Gute Nacht, Mutter, schlafe gut!* ... will, sehen, ob es geht,* sagte sie tochelnD. »Traumen werde ich jedenfalls diese Nacht davon, daß nun bald eine Braut ins Rö- merbaus kommt*
Damit verließ bk alte Dame das Zimmer. Walter trat noch eine Wette auf die Terrasse hinaus und rauchte eine Zigarette, und auch er träumte — mit offenen Augen freilich — von der Braut, die in das Römerhaus einziehm sEe. Er sah sie im Geiste durch die Räume W8 Baterhaufes schreiten — nicht in ihrem Arbeitskleid, sondern m vornehmer Kleckung, wie sie der iirngen Hausfrau des Rö- meihaufes zukam, und hn Schdmck der goldenen Mechtmrkrone auf dem jungen Haupte. Britta!
SehnWchLg Meckte er die Arme aus.
7.
Im Rvdeckschen Haufe war es nach Walters «breffe etwas stiller geworden. Wer man sprach bei Tisch von einer bevorstehenden Heirat zwischen Herta und Walter Römer wie von eüoas Fcssftehendem. Und Brftta hörte das mit einem weben Gefühl ffn Herzen.
Sie schält sich darüber aus und predigte sich selbst Vernunft, aber es hatte nickt viel Erfolg.
Die Erinnerung an die mit Walter Rönter verlöten Mongeifftand en pflegte sie wie etwa« Kostbares, dts ihr nicht verloren gehen durfte.
Sie hatte jetzt etwas meA 3dt, a$S weng
Gäste im Haufe weilten, und brauchte nicht so atemlos Von einer Arbeit zur anderen zu hetzen.
Das sollt? aber bald wieder anders werden.
Zunächst kam am zweiten Tage nach Waltens Abreise Herr Heinz Ntarlow im feierlichen Freierdreß und hielt in aller Form und mit der gebührenden Umständlichkeit um Gertruds Hand an.
Dieser musterhafte junge Mann hatte endlich sein Rechenexempel $u einem Abschluß gebracht und war mit sich ins reine gekommen, daß eine bessere Partie als Gertrud Rodeck nicht für ihn erreichbar war. Deshalb tiefe er sick also herbei, die junge Dame nrit seiner Werbung zu beglücken.
Dafe er mit seiner Hand ein großes Eck verschenkte, war seine feste NeberFengung. Von diesem Bewußtsein war er völlig durchdrungen, denn er dachte durchaus nicht, gering von sich Im Gegenteil! — es tonnte landaus, landein keinen junge« Mann geben, der mit sich selbst so zufrieden gewesen wäre, als eS Herr Marlow war
Herr Rodeck hörte die wohbgesetzte Werkmngs- rede mit gebührender Würde art, und ließ seine Krau rufen, damit auch diese sich dazu äußern konnte. Daß das Ehepaar längst darüber einig war, daß Herr Martoiv der passendste Freiw für Gertrud fei und daß Ss diese Werbung schon längst erwartet hatte, wurde mit keinem Wort- erwähnt. Man war ffn Gegenteil .sehr über-- rascht*.
Auch Gertrud wurde dann herbeige rufen. Sic hatte schon zitternd und zagend hinter der Tur gestanden. Aber sie Keß sich nichts amnerken Von ber zitternden Nervosität, die sie durchbebte und mit der sie d-iefer endlichen Werbuna ent- aeaengesehen hatte. In gleich korrekter Weise, wie die Werbung vorgebrackt tottrfce. gab sie ihr Jawort.
Und sie gestand niemanb, nickt einmal sich selbst, daß in ihrem Herzen fast ein Gefühl des Hasses gegen Herrn Marlow ettvackt war, weil er sie mit diesem endt-fen Warten so namenlos gegivält hatte. Denn dieses Anwarten ist ent- letzlich für eine Frau, und unter diesem gi:ölenden Warten ist schon manch aufblühendc Neigung clend verdorrt. Rim aber dies erlösende Wort
mierertbe Gefühl aus Gertruds Herzen. Sic sah stvahl-cnden Auges auf zu ihm, dem Herrfichsteu von allen, und war glückliche Braut.
Als die Eltern chren Segen gefprochen hatten uiti) das Brautpaar eine Weile allein liessen, schlang Herr Markow in umständlicher Feierlichkeit den Arm um seine mädchenhaft erglühende Braut und fragte sie:
.Willst du mir immer ein treu liebendes Weib sein, Gertrud?*
Gertrud sagte ja. Aber sie fragte nicht, ob Herr Marlow chr auch immer ein treu liebender Mann sein wollie. Herr Marlow hätte das wahrscheinlich auch sehr sonderbar gefunden.
.Jedenfalls war er mit ihrem .Ja* so zufrieden, daß er ihr nun endlich den ersehnten Ver- lobungskufe gab. Und dabei erwärmte sich selbst der tornette Herr Marlow io sehr, daß er dem ersten !ku!ß noch einige ankere Jodyen liefe. Er wurde ein wenig leidenschaftlicher, and das war wetter kein Wunder, da Gertrud immerhin ein sehr hübsches Mädchen war.
Shtr.prm — e3 war eine Verlobung wie fte im Buche steht, streng nad) der herkLmmWchcn Sitte geordnet, mit viel äußerlicher Feierlichkeft und wenig wahrhaftem GeMhl.
Es folgte nun die Gratulation Hertas und Brittas, dann die der Dienerschaft. Und Herr Marlow mußte M Tisch bleiben. Brftta hatte schleunigst dafür zu sorgen daß noch ein Gang eingsfckoben wurde, um das Mahl festlicher zu gestalten. Inzwischen besprach ber Boaut- vater mit dem Bräutigam den geschästlichen Teil, der Herrn Marlows Beifall fand, und dir Br,rutmutter mit Gertrud und Herta die Hoch- zeitstofletten.
Die Hochzttt sollte im Oktober stattfinden, denn, so meinte der tüchttae Herr Marlow, trp Oktober habe er Zeit, an die Hochzeit zu denken Do. war ise landwirtschaftliche Arbeit auf dem
sah Um keinen Preis der Welt hätte sie mit ihr tauschen mögen.
.Herta wird einen Storni bekommen, der diesen Herrn Marlow weit in den Schatten stellt. Marlow hält keinen Vergleich mtt Walter Römer aus, sagte sie sich.
Und es kam dabei ein seltjämes Angstgefühl über sie. Wie lange lvstrde es dauern — dann saß noch ein anderes Brautpaar hier am Tisch — Herta und Walter Römer. Und bann mutzte sic dieses Brautpaar beglückwünsche^ wie sie es heute mtt Marlow und Gertrud hatte tun müssen.
Wie würde es dann in ihrer Seele ausfehen \
Britta schauerte zusammen, und sie wünschte sich wett, weit fort, damtt sie Walter wicht an Hertas Seite sehen mußte. Ihre Gedanke« flogen in die Ferne und suchten, wie so oft, ihren Baler. Wo mochte er weilen? Sicher wett fort Von hier in einem fernen, fremden Lande. Wenn er sie doch endlich zu fdh rufen möchte, btnmt sie nicht hier blechen müßte, teeret Water Römer der Verlobte Hertas war.
Also Herr Martow blieb zu TM und ließ sich lächelnd adtoechselnd von feiner Braut ttnb von seiner Schwiegermutter die besten Bisse« vorlegen.
Theodor Roideck ärgerte sich ehr wenig, daß fein Schwiegersohn fast die ganze Kakbsuiere bekam, die er selbst so leidenschaftlicb gern aß, mtb hielt sich an dem guten Tropfen schadlos, den er ans dem Keller hätte holen kaffen. Sonst hätte er sehr schlechte Saume bekommen.
Herta lehnte sich mit halbgeschtoffeuen Augcn rtritd und verMch Herrn Marlow mit Walrer Römer, wie es Britta auch schon getan hrtte. Befriedigt sagte sie sich, daß sie doch unbedingt urb in jeder Beziehung eine bessere Partie machen würde als ihre Schwester. Markow konnte dock Walter in keiner Beziehung das Wasser reichen. Wenn er wir nicht zu lange mit seiner Verlobung zögerte! Sie wollte mm auch mS^tckst bald Braut fehl. (Fortsetzung folgt.)
Humor in ernster Zeil.
* Glückliche Ehe. „Run, lebst du jetzt glücklich mit deiner Frau?* — ,Tanke. man schlägt sich to durch.*
Mustergut zur Haupffoche getan.
Herr Rvdeck tobte die zickerläfüge Tüchtigkeit feines neuen Schwieoersvbnes, her em unausstehlich eitles Lächeln dabei zur Schau trug.
Britta Rievbcrg hatte im tiefsten Inner« die Uebcrzeugung, daß ein Mann Wie Herr
endlich sesprocheu war, verschwand dieses depri- wie ss Möglich sei. daß Gertrud to glücklich mts-
Matlcw nur etwas Ahstoßendes für eine Frau hcckcn könne. Sic fragte sick ganz betroffen.