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Mittwoch, 18. August 1920.

Kasseler Neueste Nachrichten

10. Jahrgang. Wt 189.

jährlich rund 1500000 Meter Bildstreifen zur Prüfung gelangen, so soll für das lausende Meter 1 Mark Prüfungsgebühr erhoben werden. Diese Gebühr wird auf die Hülste beschränkt für Pfiüne rein bildenden Inhalts und Landschafts filme, ebenso für diejenigen, die bereits vor Inkrafttreten des Gesetzes ge­prüft worden sind unb nunmehr einer neuen Prüfung bedürfen. Die Prüfung der Reklame bleibt zunächst gebührenfrei. Für die Ausstel­lung der Aulassungskarte wird eine Ge­bühr von 10 Mark erhoben, eine beglaubigte Ab­schrift kostet eine Mars.

Vroteft gegen die Höchstmieten.

, HausbesiVertagung in Magdeburg.

Auf der Sonderversammlung des Hausbc- sitzertags in Magdeburg wurde entschieden Pro­test gegen die H ö chst mi et en -P cr o rd- nung eingelegt. Der Münchener Stadtrat Humor nannte die preußische Hockstm-ctenver- ordnung den Gipfel des Unrechts und einen Wahnsinn, den man in Bayern nicht mitmache. Durch neue Steuern will man die M-elen nun bis zur dreifachen Höhe treiben, aber nicht zu Gunsten des Hausbesttzos, sondern lediglich für die Reichsregierung, deren Kassen doch leer bleiben, weil der ungeheure Beamtcnstab der Vetwa lttmgskörper des Zwangssvstems alles verschlingt. Die Forderungen des deutschen Hausbestycs beschränken sich darauf, nur so viel Miete Zu erhalten, daß die Lasten g-tragen wer­den können. Stadw. Labendorf (Berlin, schil­derte die verheerende Wirkuna der Hvchstmirten- Verordnung aus den Berliner Privatbesitz. Bau- genosseirsckaften und öffentliche Behörden dür­fen ungehindert steigern. Es liegen bereits Fälle bis zu dreihundert Prozent vor.

Während die öffentlichen Lasten an- erkanntermaß« gegenwärtta 41 Prozent betra­gen, werden fte am 1. Oktober die Höhe von 75 Prozent erreicht haben. Die -Haltung der Re- gterung werde lediglich vom Mob Berlins dik­tiert. Anderwärts verstand man sich zu Mi et- steigerungen bis zu siebzig Prozent. In tiefster Bedrängnis sind die Berliner Hausbesitzer-Or­ganisationen zu einer Entschließung gekommen, welche die Zahlung der öffentlich-rechtlichen Ab­gaben verweigert, wenn der Wohlfahrts- minister keine Abhilfe schasst. Das Schlußwort des Verbandsvorsrtzenden Fustizrat Dr. Bau - nrert beüouchtete die Höchsstmieteulverordnung vom juristischen Standpunkt als verwerflich und ungülttg. Unter einmütiger Zustimmung ge­langte dann ein energischer Protest gegen die HöcWmieten-BervrdNung zur Annahme.

Unter snmMfcher Gewalt.

Maßnahmen gegen den Streik im Saarland.

Aus Saarbrücken wird uns geschrieben: In­folge des Generalstreiks der Verkehrsbeamten im Saargebiet bat der gesamte Personenver- k e h r nach diesem Gebiet eingestellt werden müssen. Die französischen Behörden im Saar­gebiet haben Maßnahmen getroffen, um den Streikenden die Lebensmittel vorzuentbal- t e n. Den Ladenbesitzern ist verboten, au strst- kenlde Eisenbahner Lobensmi-ttel abznaeb«. Die Streikenden müssen sich daher heimlich mit Nahrungsmittel versehen, was infolge der stren- Rttt Militärkontrolle noch mit Schwierigkeiten verbunden ist. Doch hilft die Bevölkerung sich in dieser Zeit gegenseitig, sodaß kein Hunger gc- li-ttey wird. Nun scheinen die französischen Be­hörden entschlossen zu sein, alle streikenden Be­amten, die der Aufforderung zum Dienst keine Folge leisten, ins Gefängnis zu werfen. Tagtäglich werden die Streikenden verfolgt und stets eine Anzahl von ihnen gefangen genom­men. Die meisten halten sich versteckt. Auch aut diese wird Treibjagd gemacht, wie Havas eigentüMlicherweife meldet.

Wie diese Treibjagden auf deutsche Scanne auss«hen, berichtet unser Korrespondent aus Metz, wo zahlrelche Eisenbahnbeamte aus dem Saar gebiet nachts eintrafen, um bei Bekannten eine Unterkunft zu ftNden. Danach- haben die Franzos« ein geheimes Spitzel-System im Saaraebier ringeßübrt. um die Stimmuno der Bevölkerung zu überwachen. Jedermann.

der sich irgendwie über den Streik öffentlich aus- spricht, läuft Gefahr verraten zu werden und wird plötzlich von Gendarm« aus der Wohnung geholt und ins Gefängnis gebracht. In den Saarstädten ist keine Unterkunft zu be­kommen!, weKhalb jetzt mit jedem Zuge einige Hundert Personen nach Metz geführt werden. Am 11. August haben in Saarbrücken die Kriegsgerichte der Franzosen die Sitzungen aus­genommen. Am ersten Tage wurden 14 Deutsche zu Strafen von insgesamt 37 Jahren Gefängnis verurteilt. Das hat die Erregung der Bevölke­rung aufs höchste steigen lassen. Viele der Be­wohner wollen flüchten, doch ist die Verbin­dung völlig abgeschnitten, sodaß letzter Tage hunderte von Menschen, die sich aus dem besetzten Gebiet nach Deutschland retten woll­ten, unterwegs aufgebracht wurden.

*

Truste Streiklaqe.

Karlsruhe, 17. August. (Pripattclcgramm.) Rach efn-r aus Saarbrücken bekommenen Nach­richt ist Montag früh der Belagern ngS. instand im Taargebiet fevrtfi He Militärle > Hörden verkündet worden. Den streikenden Beamten wurde eine Frist bis Mittwoch zu, Wiederaufnahme der Arbeit gestellt, andernfalls ihre Entlass,m« ausgesprochen wird. In Saar­brücken ist Son.itaa ein Zuo mit französischen Gas-, Elektrizitäts- und Eisenbahnarheitern cingetrosfen, die die öffentlichen Betriebe Dienstag früh wieder in Gano fetzen sollten. Die Verhandlungen zwischen der Beam­ten und Arbeiterschaft und der Regierunoskom- mission über die schwebenden Beamtenfraoen nehmen anscheinend nicht den erwarteten Ber lauf. Hier wird die Lage erneut als srbr ernst bezeichnet.

Die FemWrecher-MlMr.

Einzelheiten über dir Hilfsmaßnahme.

Die rechtliche imd finvnzteckmffche Seite der von dem Postministerium gewählten HiMmaß- nahme für die Fernsprechteilnehmer, die die ge­setzliche Bareichtzahlung von 1000 -M. für den Hauvtaidsckluß und von 200 M kür jeden Neben­anschluß nicht leisten können, ist bisher in der Oeffenilichkeit noch kaum berührt worden, dürfte aber gleichfalls allgemeines Interesse fin­den. Nach den Vereinbarungen der P o st mt der Deutschen Vo'lksvc rsickeruva in Berlin-Schö­neberg, die bekanntlich die Bildung eines Kon- sortiums zu diesem Zwecke übernommen hat, wird das K on sorti a ldarlejh n nicht an den Fernsprechteilneilmner etwa gegen Zession seiner Ansprüche an die Post, fonbern aus seinen Antrag und unter seiner Haftung an den ReichsstvstfisSus gegeben. Der Fernfprcchteil- nebener erteilt diesen Kreditaufirag durch Ver­mittlung seines Postamtes der Deutschen Bolks- > erstcherung formularmätzig, die ihrerseits dem Teilnehmer gegenüber ans Zweckmäßigkcils - gründen als Selbstkontrahentin auftritt. Für die Tarlebusgabe dagegen ist die Rege­lung eine andere. Auch hier vermittelt die M- nanute Gesellschaft die Einzahlung ebenso wie svAer die Zinszahlungen und die Rückzahlimg, ak>er die Einzahlung an die Reickspost gcfdri^it für Rechnung und Gefahr des jeivoiligen Teil­nehmers. Infolgedessen erfolgt die Verbriefuna der Darlehns-Forderung seitens des Reickspost- fiskus auf Wunsch auf den Namen des Teilneh­mers oder auch auf Ordre und zwar stns in der Form, daß der Geldgeber durch den Be­sitz der Urkunde das DersüMngsreckt über das Kapital erWft.

Die DermögenscMaoe im W?ae dieses Kon- sortialqefchäfteK ist somit mündelsicher. Soweit es fick nm die 4 V. H. Verzinsung der Anleihe handelt, ist sie vom Reich? garantiert. Si? wird von der Kansortivmsf'ibrerin ab'üMch der Er- ttagÄstener vrertelsährlich den einttlnen Teilneh­mern überwiesen. In Vierteljahrsra- t c n zabft diele dem Teilnehmer auch seinen An­teil an der Vergütung, die ber Fernsprechteil­nehmer laufend z« enirichteu bat. Von dieser Deralüttma wird ein fester San für V»rwal- ttmgsUnkMen in Abrua gebrachr, die bei der Voss und der Kanfortinmsfühn'Na entstehen. Bei etwaiaer Richtgahluno per Ver>ttttung 'ei-, tens dis T»il>r»bmers w'rb dte Bost den dar-

lchnsweife geleisteten Betrag an das Konsor- lium zurückzahlen. Das Darlehn wiro auf zebn Jahre gewahrt.

Kleine vsMifche NachrichLen.

Ausschuß für Auswärtige Angelegenheiten Die Abgeordneten Müller, Schetdemann und Wels hohen als Vorsitzende der sozialvemokra- .rschen Reichstagsfraktion angesichts der politi­schen Lage die schleunige Einberufung des Aus­schusses für auswärtige Angelegenheiten verlangt. Dagegen wird von Berlin gemeldet, daß dem Antrag vorläufig nickt entsprochen werden wird.

Deutschland und die Weichsel. Die deutsch« Regierung hat durch ihre Vertreter in Paris, Lonoon und Rom beim Obersten Rat gegen die .Abscheidung Deutschlands vor der Weichsel Protest erhoben.

Prüfung von Fieberthermometern. Im Reichs rat wurde der Gesetzentwurf über Prü­fung und Beglaubigung von Fiebertber- m o m e r e r n angenommen. Der Ausschuß bat oie Strafbestimmungen der Regierungsvorlage auf 15 000 Mark erhöbt und ferner beschlossen, oaß der Minister des Innern m'.t Zustimmung des Reichsrais die Vorschrift« des Gesetzes auch auf andere Gesundbeits- und Krankeu- pfleae bestimmt! Thermometer ausdehNen kann.

Im besetzten Gebiet. Der Reicksschotzmini- ster begibt sich mit dem Staatssekretär Waitüer und zwei Herr« feines Ministeriums am kom­menden Sonntag in das besetzte rheinische Ge­biet. um die Verhältnisse seines Ressorts an Oft und Melle zu prüf«.

Ein polnischer Werber verhaktet. Ein pol­nischer Agent, der in der Gegend von Schweid­nitz und Waldenbura für die polnische Armee war, ist verhaftet worden. In dem Werbebüro wurden eine ganze Anzahl Militärpässe, Stem­pel und gefälschte Papier: vor gefunden.

Englischer Fanatismus. In Ramsgate in England hat eine aufgeregte Menschenmenge verhindert, daß das deutsche Schiff ..Irene" mit Koks für Dänemark beladen wurde. Eine Anzahl ehemaliger Soldaten hielt Anspra­chen und verlangte, daß deutsche Schiffe den .Hasen sofort zu verlass« hätten. Die örtlichen Behörden versprachen, sich mit der Regierung zu verständig«.

Sie 6rnte.

Notwendigkeit der Ration? -Erhöhung.

Der Landwirt Hellwig sck-reibt uns zu ber gestern hier mitgeteilten Ernteschätzung des Rorsitzmd« der Landwirtschaftskammer: Meines Erachtens nach sind die Angaben des Vorsitzenden der Kasseler Lanbwirtschastskam- m-er iiber den Hafer zu gering. Ganz unver­ständlich aber erscheint eine Schätzung von fünf bis sechs Zentner Roggen pro Acker. Seit wann wird der Durchschnitt berechnet? Rach alljähr­lich« Einzelerscheinung« von Fehlschlägen, soll etwa bestritten werd«, daß auch in diesem Jahre schon Druschergebmsse von zehn bi? zwölf Zent- ner, ja vierzehn Zentner pro Acker vorliegen? Hätte man acht Zentner angenommen, so wäre der Wirklichkeit mehr entsprochen. Leider kann man schon wieder beobacht«, daß ein einwand­freies Ergebnis in verschiedenen Kreis« über- haupt nicht fefigestellt wird. Diese Schätzung soll doch nicht etwa hohe Preise begünsiiyen oder zur Verschleierung der Mengen binnen, die fett Be­ginn der Zwvugsw i rtschafr von allen Sewstver- scrgern wegen der ungeniigenden Ration bis lnute noch genommen weiden müssen. Viel wün- ichmswerter von dieser Stelle wäre ein Eintre- t« für die notwendige Erhöhung der Nation im allgemeinen Mill der ehr­lich« Kenner der Verhältnisse etwa bestreiten, daß die nötig« Mengen zur Erhöhung nicht Vorhand« sind? Er möge sich Schleichhandel und Schiebertum vor Augen halten. Sind nicht durch den Wucherpreis für Hafer auch erhebliche Mengen an Roggen und Weizen teils mit verfii:- tert? Wie kann aber die Regierung eine Er­höhung der Ration, die in Aussicht stand, geneh­mig«, wenn derartige unzuverlässig« Schätzun­gen verbreitet werd« von Verantwortlicher

Stelle. Es ist jetzt höchste Zeit, wenigstens it der Provinz dahin zu streb«, durch gerechte Er- fossU'Ng der Ernte die iiage etwas zu verbessern und vor allem den provinzialen Bedarf zu sichern, ehe die Verschieberei eintritt. Dem Reich« fittten nur etwaige Ueberschüsse abgeführt wer­den, wodurch ganz gewaltig« Transportkosten erspart würdm. Auch könnten erhebliche Menger dabei vor dem sicheren Verderb gerettet werd«

Neues aus Kastel.

Auf dem Wochenmartte.

Hauchfeiner, kühler Dunst liegt über dem, uigsplatz. Es ist ja noch fo früh am Tag. Wei schon quirlt das Leh« hier. Leere Körbe trau men. Gefüllte Körbe sMvanken davon. Vor den aufgeklebten Tabellen der Höchstpreise wird immer wieder HM gemacht. Wichtige Zahlen? Die man sich fest einprägen muß. Mit einer still« Fr «de sieht man, daß das Obst wieder billiger geworden ist, daß das Gemüserutfdjt* . man kann doch jetzt wieder einmal etwas »auf den Tisch bring«'', verhältnismäßig billig, nicht wahr! Heute Bohn«, morgen Hraut, über­morgen jenes heute gekocht, morgen gebacken, übermorg« in Essig und Oel ..

Es ist alles in Fülle da, wie immer schon in der letzt« Zeit: Schlanke und dicke grüne Boh­nen, zartere gelbe Wachsbohn«. dicke blaurote Rotkraulköpfe. Weißkraut mit fest aneinander» gepreßten Blättern, breit und schwer. Blumen- kchlköpfe vielfach in Einzetportion-Größe, aber zart und weiß, Kohlrabi, Gurt«, namentlich die Keinen pusseligen Eimnachgurken, rot« Rüben, Rhabarber, Tomaten, Salat ... Zweifch« sind diesmal kaum zu sehen, dafür blähen sich die Reineclauden auf und die Mirabell«, die inzwi­schen feist und saftig güvorden sind. Dann sind Aepfel in allen Größ« zu haben. Ordentlich ettc Eermplare mit gWnz«den rot« Back«. Und Dirn«? Groß klein, bräunlich, grünlich, hart, weich...

Wenn die Mutter nicht von allein« hierher- zieht, zu den Apfel- und Mirab ellenlo rbett näm- ffch, dann tttt es das Kind: RtuddShr! Muddähr! Was ist da zu mach«! Na, und Obst ist ja auch gesund. Und billig sind die Aepsel und Birnen ja im Verhältnis auch! Sind sie gut? Weich? Gott, es ist eigentlich ausschließlich »piachtvolle Ware! Butterweich ! Und fufjl* Also wird die Papierdüie mit einem flink« Griff gedreht und gefüllt. Es wird gekaut, erzählt, es flieg« auch Kerne auf das Pflaster, was wieder nicht nötig wäre, es kommt und gebt ... Drüben lieg« noch em paar späte Johannisbeeren und ein paar schr frühe, grasgrüne, perlige Weintraub«. Sonn«! Sonne! Brombeeren tauchen auf und Vogelbeer« (über der« Verwertung wir näch­stens bericht« werden), Pilze, Käse, Fische ... Und bekränz end wie üblich blühen die Dahlien und die Rosen, die Veilchen, Reseden, Wicken und das schöne Heidekraut. Auch hier wird ge­kauft, gekauft, und sorgsam über den Gemüsc- bündelii nach Hause getragen Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, belannÄick. Wohl dem. der das immer Widder empfindet, trotz sorg«- durchzog «er Zett«! «seh.

Die Opfertage.

Die mehrfach erwähnte HausfaMMlung in den Tag« vom 22. bis 24. August für bin An­stalten und Werke «angelischer Liebestätigkett kommt in erster Linie für das Diakontsseu- üau s in Kassel in Betracht. Was dieses Kran­kenhaus mit seiner treu« Diakonen- und Dta- konissenschar, mit ihren Nebenzweig« an die­nender Liebe beweis«, W zu bekannt, als daß es Hier besonders aufgezählt werden müßte. Ferner sollH e p h a t a^ in Treysa bedacht wer- d«. Nordwestlich von Treysa erhebt sich auf BergeShohe, mit feinem schlank« Turm weit ins Hessenland schau«d, dieses Denkmal un-:r- müdlicher christlicher Gebefreudigkeit, das Hes­sische Brüdcrhaus mit der Fviot«anstalt He- phata, der Arbeiterkolonie, dem Kranken Haus und Brüderhaus. Die neue Kirche wurde be­kanntlich bei Gelegetthett der Silberhochzeit des Kaiserpaares vom Kommunalverband geschenkt

CchiMMWegL.

£7) Roman von Matthias Blank.

Da begann Fürstin En>a: »Wir leben in D«tschland, und hier mutt du dich unser« Sit­ton fügen. Die Fran ist bei uns nicht Sklavin, sondern freie Gefährtin des Gatt«. Deshalb ist sie aus freiem Willen ebenso treu tote die gefan­genen Frauen in deiner Heimat "

»Verzeih! Aber mein Blut stürmt; ich will nichts von deiner Schönheit ander« gönnen.

Er wandte sich zu ihr, beugte sich über sie und Wersehüttete sie mit stürmischen Liebkofu'i- 6«, die nur duldende Gewährung fand«.

Heinz von Wallendorf hatte den beiden nach- gesehen. Auf seinem sonnverbrannt« Gesichte lag dtt ernster, grübelnder Ausdruck Schön war sic, die Fürsttn! Er glartbte, daß sie glücklich fei. ober in diesem Augenblick war seine Ansicht schwankcud geworden; er hatte es gefühlt, wie sie ein jähes Erschreck« befiel, als sie die Sttnrme ihres Pdannes gehört hMe. Liebte Ena den Fürsten wirklich? Hatte sie ihn jemals geliebt?

Heinz grübelte weiter. Er hatte gegen d« Fürsten Pascadianu stets Mißttancn empfmi- dcm, ohne dafür bestimmte Gründe zu haben; ihm war es stets so erschi«en, als wäre des Für­stin vcrnehm s Verhalt » nur oucrzogc», nur Angewohnheit, nur ein äußerer dünner Anstticl-, und er fei in seinen inner« Gefühle» dock der Halbasiate gebli.-ben. Seit jenem Auftritt war es chm fast zur unbediirgten Gtwißheir gewor­den, daß der Fürst sich bemühte, seine wahre Natur hinter äußerlich« Förmlichkeiten mühsam gcmig zu verberg«. Dieser kurze Augenblick hatte thm die Ang« darüber geöffnet, daß er die junge, schöne Fran quälte, und daß sie dar- nnier litt. Er wunderte sich über seine Grübelei kiber die Ehe Enas. Was ging es ihn an, wir sie mit dem Fürsten lebte. Und doch mußte Heinz von Walleiidors sich förmlich zwing«, von die­sem Gedanken frei zu werden, während er nach ben Räumen zurückkehrte, in den« die Gäste Ada von Reams Pergs sich unterhielten Gewiß quälte Kt «ürst d« junge, zarte Fmu völlig grundlas;

hatte seine Stimme nickt getlungen, als wolle cr sogar von ihm Rechenschaft fordern? Und wo­für? Die bette sich doch nur nach dem Schicksal Anton von Regensperas erkundigt Hätte er ihr die Wahrheit sag« sollen? Nein, cs war gewiß besser gowes«, daß er sie im Glaub« gelassen, als hält- sick der Gefangene in sein Schicksil ergeben. Fürstin Enas weiches Herz hätte mit ihrem Vetter gelitten, ohne ihm damit nützen zu können. Ob sie an Antons Sckiukd glaubte? Es war ihm erschien«, als litte sie unter Zweifelt!, als wisse sie uickrt, ob er mit Recht zu verur­teil« grJtoef.-n war, oder ob er ungerecht leiden mußte. Darüber zu urteilen fiel ihm selbst fd*ver. Die Anklage des Toten war zu furchtbar,

Heinz von Wallendorfs Gedanken beschäftig­ten sich wie so oft mit Anton von Regensperg; er konnte es nie vergess«, wie schwer es für ihn im Laufe der Zeit geworden war, immer noch an seine Unschuld zu glaub«. Er hatte unermüdlich nach Zeugen geforsckt, die geringsten Sput« verfolgt, cr hatte gesucht, er hatte alle bekannten Zeugen wiederholt ausigesragt, aber trotzdem war er nicht um den kleinsten Schrit- weitergekommen.

Einige Make begrüßt« ihn einige der GLß, mit einem Zunick«, ohne daß er darauf auf­merksam geworden wäre, so sehr war er in seine Gedanken vertieft. E-r wurde von diesem Sin­nieren erst frei, als Ada zu ihm herantrat und ihn fragte:Hast du für mich Zeit?

G«viß!

Die Antwort erßokgte in einem Ton, aus dem herauszuhören war, daß sich die beiben Ge­schwister immer noch ftemd geblieben waren und sich jetzt noch w«iger verstanden als vorher.

Ms sie neben ihm herschritt und bald diesen und jen« Säften zulächelte, sagte sie, gegen ihn gewandt:Du scheinst dich bei mir nicht woh< zn fühl«! Ich habe dich bisher immer allein gesehen.

Seine Antwort lautete ausiveichend:Tu hat­test mich gebeten, nicht fernzübleiben.

Dies ist wohl so zu versteh«, daß du sagen willst, du Würdest lieber nicht gekommen sein?

Ick will nicht nein sagen.

Das ist nicht angenehm für mich zu hör« Oder gilt es mein« Gästen mehr als i tir ?

»Ich liebe diese Feste nicht. Verzeih mir,

aber dir kann doch meine Art nicht fremd sein Ich fühlte mich unter dies« vielen Gleichgül­tigen nicht wohl.

Ich verlangte keine Kritik^

Entschuldige, du hattest mich gefragt, und ich gab dir Antwort.

Sir waren in das große Speisezimmer ge­kommen. Dort ging Frau Ada mit ihrenr Bru­der in ein» Fensternische, wo sie bei einem Ge­spräch nicht belmscht werd« konnten.

Dort erst fragte sie ihn:Dir sind doch die meisten der Anwesenden bekannt?

Es tourb« mir viele vorgestellt

Kennst du Mister Melbourne?

Ja!

Was weißt du von ihm?

Es wäre mir lieb, du würdest mir erlassen, darüber zu sprechen

Warum willst du mir nichts sag«?

Weil ich weiß, daß er von dir in einer Weife begünstigt wurde, wie ich es äks dein Gatte nie geduldet hob« würde.

Ick habe mich nicht vergessen. Und werde es niemals tun. Wie kannst du dir solche Worte erlaub«? Einem Frem-d« müßte ich die Tür werfen.

Ich sagte dir doch, du solltest es lieber un.- tertassen. mich zu fragen.

Das wollte ich nicht von dir hören

Heinz von Wallendorf zog die Schulte« hoch unb schwieg. Dios brachte Fron Ada in gereizte Stimmung; mit sckarser Sttmme erklärte sie: Ick will hören, woher er kommt, wer er ist. J-.h möchte über seine Dergangercheit etwas wissen. SS ist dir sicher möglich, darüber manches zu eifahren.

Ich dachte, du wüßtest darüber nrchr als ich zu sag«, denn in deinem Hause sah ich ihn zum erst« Male.

Er war mir von einem anderen Gast vor- geft-llt Word«.

Jedenfalls schloß ich aus deinein Benehm«, daß er zu bm Bevorzugtesten des Hauses g->- Yör« müsse

Das wußte Frau Ada selbst' Mister Mel- lmnes Kühle, seine Zurückhaltung batten sie zu rst angezogen, zumal von sein« Rcichtüme« geflüstert und er als Souderli'.rg und Frau«- hasser Lezeichuet Word« war. Als ein'solcher

hatte er sich aud) gegeben. Und das hatte Frau Ada gereizt. Daß er zu viel verlangt hatte, daß cr nun zudringlich geworden toar. weil er nicht nur ein SpielbaL ihrer Lärme hatte sein woll«. das sollte Heinz von Wallendorf nicht wissen. Je­denfalls schr« es. als fürchtete Frau Ada dpch Mister Melburnes Drohrmgen, vor ben« sie nun Schutz suchen Wollte. Und um dies« zu er­reichen antwortete sie. ohne auf des Bruders Bemerkung zu adrtem mtt ruhiger Gelassenheit: Ich hatte manches gehört, was ich glartbte. Durch dich aber möchte ich Über ihn und seine Vergangenheit Gewißheit hab«.

Wozu soll dir das nötig feint*

Auf diese Frage zögerte Frau Ada nicht lange: Du sagtest ich sei ihm zu sehr entgegengekom­men. Dabei erhielt ich mehr Anhaltspunkte für den Verdacht, als fei er nicht der als der er Heer seine Rolle spielt.

Sie schrak nicht davor zurück, ihrer Neugier dies« Mantel umAlhängeu.

Es steht doch in beinern Belieb«, ihn ein- -.tdiabnt ober beiden Einladung« zu vergess«.

Ich will Gewißheit über ihn. Du würbest mir erneu groß« Dienst erweis«, wenn bu mei­nen Wunsch erfüllst

Ich werde mich bemüh«, soweit ich es ver­mag.

. Jed-msalls wirst du dann erkennen, wesbÄb ick mick so gegen ihn benahm. Ich ahne man­ches, Ober gauz hatte er sich «m doch nicht ver­raten.

Und mit immer mehr Sicherheit spielt» sie nun die eben erfundene Roll-, Äs habe sie b«A ihrem Verhalten gegen Mister Melbnrne nur an solche Absichten gedacht. (Fortsetzung ssliat.)

Dämmerung.

Von

Reinhold Brann.

Und toteber ist das liebe Schweigen.

Das selige Beieinandersein.

In ferne Wälder sinkt die -Sonne, Und unser Dtübch« dunkelt ein.

Und Träume blühen, in das Schweiger

Und hell in jedem Auge steht

Für unsres Keinen Herdes Wmrnr

Ein Dankgebet.