Nr. 253 Zweites Blatt.
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Gratisbeilage« - Qberhesstsche Familie«zeitu«g (täglich) Qberheisische Zeitschrift für Landwirtschaft, Qbst nnd Gartenbau, sowie die Gießener Seifenblasen wöchentlich).
DaS Blatt erscheint an allen Werktagen nachmittags.
________Freitag, den 31. Oktober (902.
Gießener
___ 1 l. Jahrgang.
^-»^tiooSvreiS : Die einspaltige Petilreile für Gießen wie ganz Oberbessen, die Kreise Wetzlar und Marburg 10 Psg. sonst 15 Psg.,- Reklamen die Petitzeile 30 resp 40 Psg.
Postzeitungsliste No. 3032.
Redaktion und Expedition: (Ziehen, Neuen weg 28.
Vernst rechanschlaß Nr. 368.
Weiteste Nachrichten
(Gießener Uagevratt) Nnaöhängige Hagesjeitung (Gießener Zeitung)
für Oberhessen und die Kreise Marburg und Wetzlar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung.
Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großherzoglichen Bürgermeisterei Gieken.
Ein Opfer der Grenzsperre.
Berliner Humor vor Gericht.
(Nachdruck verboten.)
An den fanden Klumpatsch is reisig und alleene die Jrenzsperre schuld, un bet saje ick. Wo soll det Fleesch Herkommen, wo feen ausheimisches Schwein mehr rin darf? Und wenn bot nich bald anders wird, jetzt noch bet janze Vaterland zu Jrunde. Schwein oder nich Schwein, det is hier die Frage. So denkt et sich die Millern in ihren dummen Jedanken, und die Herren in's Reichstags möjen sich die Oogen auswischen, wenn sie die Verhandlung in de Zeitung lesen.
Vors.: Enthalten Sie sich hier aller überflüssigen Bemerkungen. Sie haben sich zunächst nur auf meine Frage zu erklären, ob Sie sich schuldig bekennen, den Hund Ihrer Flurnachbarin, Frau Menzel, in Ihre Wohnung gelockt und dort geschlachiet und verspeist zu haben.
Die Angeklagte, Waschfrau Ottile Müller, ist über diese Zumutung nicht wenig entrüstet.
Angekl.: Seh ick denn aus wie eene Hundemörderin ? Nu hält mir ooch det Jericht dessen for fähig! Wat hab ich nich in de letzte Zeit alles ertrajen missen! Holz und Kiehn haben se uff mir jehackt, als ob ick weeß Jott an den Könitzer Morde schuld wäre.
Vors.: Die Zeugin Liebisch.
Zeugin Liebisch (eine ältere Frau): Ick wohne übern Hof jradeüber von den Müllern ihre Fenster und sah mal bet Sonnabends frih — et war Anfang Juli — bet die Millern in ihre Kiche mit de eiserne Millschippe uff der Menzeln ihren Hund losschlug. Dat dhier schrie jämmerlich. Et schien mir so, als hätte det Vieh een Sticke Fleesch im Maule, und ick jlobte, die Millern wischte ihm orntlich wat aus, weil ec ihr über't Kochfleesch jeraten wär. Nachher hörte ick, det der Hund seit diesem Morgen nich mehr zum Vorschein jekommen is. Bloß bet Jerippe hat sich später in’n Müll vorjefunden.
Vors.: Ist Ihnen etwas darüber bekannt, ob die Müller mit ihrer Nachbarin Frau Menzel in Feind- schaffe lebte?
Zeugin: O ja. Et jab immerfort Zank und Stret, weil der Müllern ihre Katze und der Menzeln ihr Hund sich ewig in de Haare lajen.
Angekl.: Ach Jötten doch, ick mißte ja reeneweg feen Herz haben, wenn ick sowat dhäte. So schlecht is
de Millern nich. Ick will aden§ haarkleen erzählen, wie et gekommen is, damit Sie sehen, bet auch an diesen Todesfall im Jrunde nur die Jrenzsperre schuld is: Die Menzeln Hatt' eenen Kanarienvogel, den sie manchmal frei in ihre Stube rumhuppen ließ. Da soll sich mein Kätzchen, wat die Liese is, mal bei die Menzel injeschlichen und dem Vöjelchen den Hals umjedreht haben. So hat et jeheeßen, ob et wahr is, wissen die Jötter. Ick habe mein Lieseken jut erzogen und kann ihr nich for 'ne feige Meuchelmörderin ästimieren Die Menzeln jlobte aber steif und fest daran und seitdem hetzte sie alle Oojenblicke ihren Köter uff mein Kätzchen, und et jab immer eenen wahren Mordskrach, wenn sich die beeden Dhierchen bei dr Busenkrause zu fassen kriejten. Nu überlege ick mal jrade frihmorjens, wat ick zu Mittag kochen soll. Da war juter Rat dHeier. Uff een Stick Fleesch langt' et nich und so entschließe ick mir zuletzt, eenen marinierten Schneiderkarpen zu schnabulieren. In dem Momang aber, wo ick die Entree- dhiere uffmache, fihle ick mir janz pletzlich umgriffen und der Menzeln ihr Köter springt mit eenem jewaltigen Aweck über mir hin und haste wat kannste uff meine Liese zu. Eh' ick mir recht besinnen kann, hat er ooch schon det zarte Ding janz jlubsch vorn in't Jenicke jepackt und beißt ihr durch und durch. Die Bestie muß Hunger jehabt haben, bet kommt allens vor bei die Jrenzsperre und die dheiren Fleeschpreise; ick konnte ihm gar nich mehr loskriejen, so feste hatt' er sich injebiffen. In meine Herzensangst jreife ick nach die eiserne Millschippe und paffe ihm een paar zünftige damit an, bis er keenen Mucks mehr von sich jiebt. Er hatte seinen irdischen Wandel vollständig ausgehaucht, und meine Liese war ooch dot. So erzeujt een Unheil bet andere und bat is der Fluch der bösen That, wie Joethe in seine Braut von Messing sajt. Als ick nu me n armes Kätzchen braten will, bat ick immer zum Fressen lieb jehabt habe, krieje ick die beeden Thierchen nich von einander los — so waren sie in einander verbissen — und habe ihnen daher jemeinschaftlich zubereitet.
Da die Zeugin Liebisch im Widerspruch mit dieser Darstellung bekundet, daß die Katze ihres Wissens schon eine Woche früher das Zeitliche gesegnet, soll Frau Werner den Hundebraten mit einem Tage Gefängnis büßen.
Angekl.: Det is dec Fluch dec bösen That. Ooch noch den Justizmord!
Giessener Cagesneuigkeiten.
** Mit dem Beginn des laufenden Jahres ist der Kreider gewerblichen Berufügenossenschasten dadurch erweitert worden, daß eine mue Genossenschaft, die Sch miede-Beruf-genossenschaft mit dem Sitz in âUin, gegründet wurde. Da ihr sämtliche Schmiedebetriebe, auch di.jenigen, welche bereits früh.r in einigen Eisen- und Stahlberufsgenossenschaffen versichert waren, überwiesen wurden, so sonnt' es nicht ausbleiben, daß zwischen den letzteren Berussgenossenschast n einerseits und der Schmiede- berufsgenossenschaft antererseits über den Umfang der dieser zugehörigen Milqli^der Reibereien entstanden. Wie wir hörrn, hat das R^ichs-Versicherungsamt dadurch Abhilfe zu schaffen gesucht, daß nne b sondere Konferenz zur Feststellung von Unterscheidungsgruudsätzen abgeholten wuide, deren Beschlüsse nunmehr den einzelnen Genossenschaften zur Nach achliing bekannt gegeben worden sind. Es darf g«hofft werden, daß die Abgrenzungen zwischen den Genossenschaften sich auf Grund der neuen Unterscheidungsmerkmale ohne Schwierigkeit werden vollgeh n lassen.
** Was dem Jäger die Jagd, das ist vielfach den Buben im Herbste der Vogelfang. Ein grausames und verderbliches Vergnügen, dem die Eltern mit größter Strenge steuern sollten, da eine sittliche Verrohung ihrer Kinder die unausbleibliche Folge ist. Und doch werden jährlich Hunderte von lieblichen und nützlichen Sängern hingeopfert, entweder als sogenannte „Krammetsvögel" in den Handel gebracht, oder sie . werden eine Beute der dumpfen Stubenluft, wenn nicht ein Leckermahl der Katzen. Hunderten werden die Beinchen in den mörderischen Fallen zerschmettert, oder sie zerren in dec Verzweiflung selbst die Gelenke aus. Wie ängstet sich das arme Tierchen, wenn es in einen Sprengel sinkt und auf und abflattert, ohne die Fesseln am Fuße lösen zu können. Welch' Zittern befällt das arme Ding beim Anblick dec heranschleichenden Katze aber des dahießenden Knaben. Wie Pocht das kleine Herzchen so sichtbaclich. Elteru, habt auf Eure Kinder Acht!
** Ein unfehlbares Mittel gegen Gicht hat Professor Lichtenberg in Göttingen vor m»hr als 100 Jahren einem seiner Freunde empfohlen: ,.Bei schaffe Dir das Taschenbuch einer Jungfrau von 50 Jahren, welche niemals an s Heiraten gedacht hat. Wasche es in dem Wasser der Mühle eines Müllers, der nie sein Mehl gefascht hat. Lasse eS trocknen auf dem Spalier, welches bin Garten eines Juden, der keine Kinder hat umgiebt. Zeichne es mit Tinte ans
Dr. Rumseys Patient.
Vornan von Dr. Halifax und T. L. Meade.
Autorisierte Bearbeitung von C. Weßner.
21] (Nachdruck verboten
Margarete ging mit erleichtertem Herzen von dannen, sie fühlte sich beruhigter als seit langer Zeit. Dr. Numsey vergaß seme Unterredung aber nie, er beschäftigte sich in Gedanken oft mit oeni unheimlichen Erbübel des Audrey'schen Geschlechts im Allgeniemen und dem Schicksal Roberts im besonderen. Der bemn ein w ungewöhnlich scharfes Gedächtnis, wie es nur wenigen Menschen verliehen ist; ihm entschwand nicht das ^lUWlte Moment aus der Eriuneruug, und jedesmal, wenn er mit Robert von Andrey . irgendwo zusammentraf, beobachtete er Auf das schärfste und ftubierte ihn mit einem so scharfen Iuteresie, das er sich selber kaum erklären konnte.
+ ^L Rumseys waren mehr Gäste als sonst ^ad en. Unter diefen. befand sich auch Frau Everett. Sie war eine stattliche, noch immer schöne Frau trotz ihrer füufund- war schneeweiß, ihr Gesicht von einer Obigen Zu gen und duutlen, großen, svrrchelldcn Angen. Die Augenbrauen maren fein geschwungen, ziemlich stark und noch völlig schwarz; sie boten einen seltsamen Kontrast zu dem scheewerßen Haar, das in reicher Fülle den schon getonnten Kopf umgab.
. - N??k Everetts Mutter trug nie andere als schwarze Kleider; das Witwenhaubchen, das sie leit dem Tode des Gatten qe^ tragen, hatte sie merkwürdigerweise an dem Tage abgelegt an welchem ihr einziger, von ihr über alles geliebter Kohn 'verurteilt worden war. Vor dieser Zeit war Frau Everett in Charakter und ihrem ganzen Wesen eine stille, liebenswürdige und zurückgezogen lebende Frau gewesen. War auch der Schmerz beim p mm)eiben ihres innig geliebten Gatten ein großer gewesen, sie besaß als Trost den einzigen Sohn, den sie geradezu abgöttisch liebte. Von dem Tage seiner Verurteilung an aber war sie wie umgewandelt, ihr Wesen, ihr Charakter waren mit einem Schlage geändert. Die dunklen Augen hatten von da an einen wachsamen, durchdringenden Blick. Sie machte den Eindruck, als ob sie eine bestimmte Aufgabe vor sich habe und einzig und allein einem geheimen Zwecke lebe. Sie zog sich nicht mehr von Gesellschaften zurück, sondern besuchte sie häufiger als je zuvor in ihrem Leben. Sie schloß mele . neue Bekanntschaften und gab sich Mühe, das Vertrauen derlemgen zu gewinnen, die es ihr entgegenbrachten. Ihre Verhältnisse und chr Schicksal berührte sie im Gespräch nie;
sie war aber denen herzlich dankbar, welche ein Interesse daran bezeigten.
An, diesem Abend strahlten die Augen der Witwe höher als tonst, ja, es flackerte eine gewisse Unruhe in ihren Tiefen. Dr. , Rumsey kauute ihre Geschichte, er hatte ihr oft mit guten Ratschlägen in Bezug auf ihren gesellschaftlichen Verkehr beigestanden.
„Dtein Sohn ist unschuldig!" Wie oft hatte sie das zu dem Arzt geäußert und mit welcher Ueberzeugung im Ton! „Der einzige Zweck meines Lebens besteht darin, feine Unschuld zu beweisen. Ich will geduldig warten, nichts übereilen, aber ich weiß, ich fühle es: es kommt der Tag, wo ich den Wörber Herbert Franzius' entdecken und dem Arm der Gerechtigkeit überliefern kann!"
Dr. Rumsey hatte sie gewarut imb fie auf die (Gefahren hingewieseu, die sich der Ausführung ihrer Idee in den Weg stellen werden; er hatte sie ermahnt, sich körverlich und geistig zu schonen — alles umsonst. Die feste imb unerschütterliche Ueberzeugung, daß ihr Sohn unschuldig sei, ließ alle seine Worte imb guten Ratschläge wie au einem eisernen Pauzer von ihr abvralleu.
„Weun ich mit meinen eigenen Augen gesehen hätte, daß mein Kind den Mord beging; selbst dann noch würde ich glauben, ich hätte eine schreckliche Vision gehabt", sagte sie eines Tages Alt Dr. Rumsey. Und von jener Zeit an hatte der Arzt Knie Versuche, ihre Gedanken in andere Bahnen zu lenken, aufgegeben
Als Dr. Rumsey aus bem Herrenzimmer kam, richtete Frau Everett ihre großen, wie im Fieber brennenden Augen auf ihn. Der Blick schien ihn zu bannen, beim er ging sofort auf sie zu. Es lag etwas Sonderbares in der Natur dieses so hochbegabten Mannes, eine Gutmütigkeit des Herzens, die keine Bitte eines Menschen, der sich in Bedrängnis an ihn wandte, uugehort verhallen ließ. Das stumme Flehen in Frau Everetts Augen zog ihn an, wie der Magnet die Nadel. . , t .
„Nun?" begann er, einen Stuhl neben den ihren ziehend und sie erwartungsvoll anblickend. . „ _
„Errieten Sie, daß ich Sie gern sprechen mochte, Herr Doktor?" fragte sie eifrig.
„Ich sah in Ihre Augen und das genügte. „
„Wann kann :ch eine Unterredung haben, lieber ^onorj Ich muß Ihnen etwas erzählen unb möchte gern chr Urteil hören. Es ist etwas, das — kurz herausgesagt, ich glaube einen Anhalts Dunst gefunden zu haben, wenn auch einen genugrugiaen, um das Geheimnis meines Äbens entschleiern zu können. ^ie verstehen mich, nicht wahr?"
„Ja, gnädige Frau, ich verstehe, gab der Arzt sanft zurück.
„Aber ich bin doch kein Geheimpolizist.
Tieren auftuwühlen vermiß in die seinen, daß eine s'
„Im gewöhnlichen Sinne nicht — aber wenn es gilt, das Herz eines Menschen ober sein Hirn zu sondieren — baun sind Sie es doch gewissermaßen!"
Dr. Rumsey erhob wie abwehreud die Hand.
„Lassen wir das", sagte er. p r ,
„Neiu, lassen wir es nicht! , Ich muß ^ie sprechen, Doktor! ssaben Sie morgen ein paar Minuten Zeit für mich?
Der Arzt holte sein Notizbuch hervor.
„In der Svrechstiiude ist cs unmöglich. Nachmittags geht cs auch nicht höchstens ganz zeitig, sagen mir morgen trüb um acht Uhr Ich frühstücke um acht, mehr als sehn Minuten darf ich nur baut nicht nehmen — wenn Sie also diese zehn Minuten haben lü0^d) komme", unterbrach ihn Frau Everett hastig, Dank, ^n^Ihre Augen strahlten förmlich vor Freude und Daiikbarkeit. Der Arzt sah sie überrascht an und begab sich bann zu seinen anderen Gästen. Kurze Zeit später trat er neben Margarete von Audrey. War diese schon als Mädchen ungewöhnlich schon gewesen, so hatte sich ihre Schönheit jetzt noch viel mehr vervollkommnet. Die schlanke Gestalt war voller geworden, die Mutterwürde verlieh ihr einen unbeschreiblichen Rm, und ihr ganzes Wesen übte einen Zauber aus, dem jebei verfiel, l er sie kannte, ^hr schönes, edles Gesicht strahlte jetzt vor Cuer.
Wnrnnrete mar eben im Segn' st, von einer älteren Dame Abschied zu nehmen, toelche die Gesellschaft bereits jetzt her ließ. Dr. Rumsey fand hierbei Gelegenheit, ^ ungestört zu betrachten, ohne daß sie es ahnte — bann wanbte sie sich um unb ihn anblickend, kam ue lebhaft auf ihn zu.
„Es ist zwar hier nicht der Ort Verabredungen zu .treffen, Herr Dokto?, begann sie, mbe r ich hoffe daß Sie es nur nicht nehmen Ich mochte Sie dringend sprechen, wegen meines Man n^es Gesiin dheit. Wann haben Sie Zeit für mi<?"
Morgen schon stehe ich Ihnen zur Verfügung, meine gnädige ^rau" erwiderte er verbindlich liebenswürdig. „Kommen Sie um halb ein Uhr mittags zu mir, ich kann Ihnen da ein ungestörtes halbes Stündchen versprechen." .
Margarete lächelte ihn nicht an, aber ihre schonen Augen blickten voll innigen Tankes zu ihm auf. Solch' dunkle, seelenvolle Augen, welche die Seele eines Menschen bis in ihre innersten — " mögen, tauchten febt mit einem Ausdruck
... _________________seltsame Rührung sich seiner bemächtigte.
Er verließ sie, um zu anderen Güsten zu treten, aber feine Gedanken kehrten imm^x imb immer wieder in Margarete von Audrey zurück.
eines Menschen bis in ihre innersten