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Nr. 254. Erstes Blatt.

Freitag, den 31. Oktober 1902,

11. Jahrgang.

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Postzeitungsliste No. 3032.

Redaktion und Eypedition: Gtehen Neuenweg 26. Fer«sprecha«schluß Nr. 362.

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(Gießener Iagevtatt)

Hlnabyängigc Tageszeitung

(Gießener Zeitung)

für Oberhessen und die Kreise Marburg und Wetzlar; Lokalanzeiger für Gießen und Iimgebimg.

Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der GroßherzogNchen Bürgermeisterei Gießen.

Die Politik.

Der Kaiser bei dem Kanzler.

P Der Kaiser fuhr am Donnerstag vormittag um 1/211 Uhr beim Reichskanzler Grafen Bülow vor und hatte mit ihm eine mehr als 1V2stündige Unterredung. Die Wahrscheinlichkeit, daß hierbei auch die parlamen­tarische Lage besprochen wurde, ist ja allerdings nicht von der Hand zu weisen, obgleich sich keine neue Sach­lage seit der letzten Zusammenkunft zwischen Kaiser und Kanzler ergeben hat. Viel wahrscheinlicher ist es, daß nach der Abreise des Kronprinzen von Dänemark, der nach Kassel fuhr, internationale Fragen erörtert wurden.

Ein wirtschaftspolitischer Zwischenfall mit Belgien.

$ Ein Zollkuriosum kam in der letzten Sitzung der Handelskammer zu Aachen zur Sprache. Eine Firma hatte vor einiger Zeit T-Träger nach einem Orte Bel­giens versandt, die irrtümlich nicht als solche (mit 1 Fr.), sondern als verarbeitetes Eisen mit 4 Frs. Zoll ver­steuert wurden. Obgleich der Irrtum sofort aufgeklärt wurde und auch das belgische Finanzministerium ein Versehen zugab, weigert sich der belgische Staat doch, angeblich gestützt auf eine Bestimmung des belgischen Zollgesetzes, der Aachener Firma ihren Schaden zu er­setzen. Diesbezügliche Bemühungen des Auswärtigen Amtes sind gleichfalls erfolglos geblieben. Die Firma hat sich nun an die Handelskammer gewandt, um durch deren Vermittelung nochmals eine Fürsprache des Aus­wärtigen Amtes herbeizuführen.

Krisen-Gerüchte in Oesterreich.

Ä Der Kaiser von Oesterreich hatte beabsich­tigt, Budapest zu meiden, meil dort lebhafte Kundgebun­gen gegen die Monarchie der Habsburger stattgefunden hatten. Neuerdings ist er von diesem Entschlusse wie­der abgekommen und wird am 8. November zu länge­rem Aufenthalt nach Gödollö gehen, von wo er öfter Besuchsfahrten nach Pest machen wird. In der ungari­schen Presse verlautet, der Thronfolger Erzherzog Franz Ferdinand wolle auf die Thronrechte verzichten. Nach­folger des Kaisers Franz Josef werde sein Großneffe Erzherzog Karl, der 15jährige Sohn des Erzherzogs Otto, werden, der auch sehr gut magyarisch spreche. Hier scheint der Wunsch Vater des Gedankens zu sein.

Die Vergeltung für Englands Unrecht.

§ Die Reise Chamberlains nach Südafrika ist, wie man setzt erfährt, notwendig geworden wegen der Zustände im Minengebiet von Transvaal. Die sog. Uitlanders, d. h. die eingetoanberten Fremden, weigern sich nämlich, Bei­träge zu den Kosten des südafrikanischen Krieges zu zahlen, sie drohen offen mit Rebellion gegen England, und der Gouverneur der Kapkolonie, Milner, ^nn ihrer nicht mehr Herr werden. Wie man weiß, waren die Uitlanders s. Zt. die Lieblinge Englands, und gerade sie haben durch ihre Forderungen der politischen Gleichberechtigung mit den Buren hauptsächlich zum Ausbruch des Krieges beigetra­gen. Nun haben sie diese Gleichberechtigung und murren doch noch. Das ist wirklich ein Stück vergeltender Gerech­tigkeit. '

Chinesische Verschmitztheit.

1s Ter chinesische Gesandte Wutingfang in Washing­ton bemüht sich, die Mächte zu der Zustimmung zu über­reden, daß die Frage, ob die chinesische Kriegsentschädi­gung auf der Grundlage der Gold- oder der Silberwäh­rung zu zahlen ist, dem Haager Schiedsgericht vorge­legt werden soll.

Wird die Zinszahlung in Silber gewährt, dann er­spart China fast die Hälfte der Kriegskosten, die es sonst als Aufgeld auf sein minderwertiges Silbergeld zahlen müßte. Aber auch durch Genehmigung eines Schieds­spruches erspart es die Zinsen vom Fälligkeits- bis zum Zahlungstermin. Außerdem lernt es seine Freunde ken­nen, und schließlich spekuliert der gelbe Mann vielleicht auch noch auf den Zwiespalt der Mächte. Es sind ver­schmitzte Leute, die Herren Chinesen.

Kurze politische Nachrichten.

* Unmittelbar nachdem die Nachricht, daß der Kaiser dem im nächsten Jahre stattfindenden silbernen Re­gierungsjubiläum de s P a p st e s beiwohnen werde, bestritten worden ist, taucht eine neue Meldung auf. Da­nach soll der Papst zu dem preußischen Gesandten beim Vatikan, Freiherrn von Rotenhan, geäußert haben, er hoffe bestimmt, den Kaiser demnächst bei sich zu sehen.

* General der Infanterie v. Spitz, der Präsident der deutschen Kriegervereine mit über 2 Millionen Mitglieder, beging am 30. d. Mts. seinen siebzigsten Geburtstag.

* Die österreichische Regierung hat dem Parlament eröffnet, daß eine Auflösung erfolgt, wenn nicht die Tages­ordnung flotter erledigt wird.

* Die Suren generale Ijaben sich am Mittwoch in die Besuchsliste des Königs von England eingezeichnet. Dewet reist in den nächsten Tagen nach Transvaal.zu­

rück. Präsident K r ü g e r, der sich in Mcutone Wohler befindet, als im Haag, soll Heimweh haben und nach Süd- asrika zurückkehren wollen.

* Columbia will die diplomatischen Beziehungen zu den Vereinigten Staaten abbrechen.

Betrüger aus Menschenliebe.

Zum Pariser Rosenberg-Schwindel..

Paris hat seit kurzem eine Sensation, die die Hum- bertaffaire beinahe in den Hintergrund drängt, diesmal weniger wegen der Schadenssumme, die zwar auch nicht klein ist, als wegen der in die Sache verwickelten Pep- sönlichkeiten. Es wurden wegen Betruges an einer rei­chen Privatin Namens Civet der Abbe Guillaumin, der Schriftsteller Gadobert und schließlich der Abbe Rosen­berg, Mitglied des Domkapitels von Tours, in Hast ge­nommen. Madame Civet war von ihrem Gatten zivil­gerichtlich geschieden, wollte aber als fromme Katholikin vor einer Wiederverheiratung eine kirchliche Ehetrennung erwirken und als ihr Guillaumin und Gadobert die Be­schaffung der päpstlichen Breves in Aussicht stellten, gab sie nach und nach 570 000 Francsfür Spesen und Peters­pfennig" her. Rosenberg und Guillaumin werden be­schuldigt, der Dame erst ein für ihre Zwecke völlig wert­loses Eheauflösungsdekret des Erzbischofs von Cypern dieser ist in manchen Dingen vom päpstlichen Stuhl un­abhängig geliefert zu haben, später aber ein gefälschtes päpstliches Breve.

Die interessanteste Figur in dieser Sache ist zwei­fellos der Kanonicus Rosenberg. Die letzte Nummer des Figaro" enthält eine Silhouette dieses allem Anscheine nach ungewöhnlichen Mannes; der Autor der. Skizze macht durchaus kein Hehl daraus, daß er ein Freund Rosen­bergs sei und wenigstens jum Teil ihn gegen Darstel­lungen in Schutz nehmen wolle, die Rosenberg blos als Abenteurer, Piraten, professionellen Betrüger, kurz als eine Art Madame Humbert im Priestergewande schildern. Man vergißt, sagt dieser Verteidiger, daß der Abbe Ro­senberg ein braver Mann, ein großmütiger, guter Mann war, von einer unerschöpflichen, ungeheuren, übermensch­lichen Nächstenliebe.

Man wird, so versichert der Autor der Skizze, viel­leicht nie erfahren, wieviel einzelne Individuen ohne Rück­sicht aus Religion, wieviel Wohltätigkeitsinstitutionen je­der Art Rosenberg unterstützt hat, wieviel Anstalten er geschaffen hat. Er mußte sich notwendigerweise ruinie­ren, aber für sich hat er nichts behalten. Er lebte einfach, beinahe ärmlich, abgesehen von einem Mietwagen, der bei seinen unaufhörlichen Kreuz- und Querfahrten durch Paris unentbehrlich war. Doch wenn er wenig persönliche Bedürfnisse hatte, waren seine Lasten nichtsdestoweniger enorm. Außer einer phantastisch großen Menge naher und ferner Verwandten, die fast ausschließlich auf seine Kosten lebte, schleppte er immer eine wahre Horde von Waisen- tiw^n und Waifpnmädchen, von bettelnden Nonnen und Mönchen hinter sich, so daß nie unter zwanzig bis drei­ßig Personen an seinem wohlbesetzten Tische saßen. Nach der Schließung des Waisenhauses von Malmaison und des von Kerfany blieben ihm nahezu hundert huug'ige Kinder auf dem Halse, und nur mit größter Mühe gelang es ihm, eines nach dem andern unterzubringen.

Solcher Art ist es begreiflich, daß in seinem Budget stets ein ungeheures Loch zu stopfen blieb. Verschiedene Unternehmungen, so die Fabrikation künstlicher Perlen, von Totenkränzen, Mosaiken, Räucherwaren, die er ver­suchte, um seine Kostgänger zu nähren, mißglückten. So warf er sich schließlich, da er durchaus Ressourcen brauchte, in den Strudel der Geschäftswelt.

Für dieses schwere und gefährliche Metier brachte er viel Talent mit, eine unermüdliche Tatkraft und eine Macht der Suggestion, die im Stande waren, die fettes zugeknöpften Taschen aufzumachen. Doch diese Eigenschaf­ten verdarb eine unglaubliche Leichtfertigkeit und eine gemütvolle Vertrauensseligkeit. Er war bald ba^ Zen­trum einer fieberhaften Tätigkeit auf finanziellem und industriellem Gebiete, von der man sich keinen Begriff machen kann, wenn man nicht einmal eines seiner zahl­reichen Bureaus, die er nacheinander hatte, gesehen hat. Das war wirklich ein merkwürdiges Schauspiel: erotische Bischöfe und abgesetzte Pfarrer, zweideutige Agenten Non­nen, Blausti'üinpse, Erfinder usw. Und manche von diesen, die den Pater, wie man ihn nannte, ilindrängten, ivett- eiferten miteinander, ihn zu betrügen und ""szubeuten. Viele aber waren auch Leute von nn$mcifelhaftcr Ehren­haftigkeit, selbst offizielle Persönlichkeiten, angezogen von diesem beredten, gelehrten, wohlerzogenen Priester. Wa. für bizarre und verschiedenartige Geschäfte dort ausge­heckt wurden, kann man sich kaum vorstellen. Nachein­ander oder zu gleicher Zeit beschäftigte sich Kanonikus Rosenberg mit AcetylenbeleucktungSanlagen, mit Eisen­bahnen, Sanatorien, Zeitungen, Goldminen, Kaseka und Meiereien, Effekteu- und Grundstückspekulatio - versuchte sogar, einen Pferdehufeisent^ust zu I ' ein Kasino und eine religiöse Kolon, satwnln Saiden und das alles immer mit philanthrophlschen Sinterte

danken, die der Grundstein und der Leitstern aller seiner Ideen waren.

Keines dieser Geschäfte reüssierte, wiewohl jedes die Gelegenheit eines neuen Goldregens war, der sich bald verflüchtete. Es galt immer wieder, neues m erfinden, um immer wieder daS anwachsende Defizit zu decken, und in diesem Getriebe hat Rosenberg, wie sein Verteidi­ger selbst zugiebt, nach und nach alle Skrupel verloren und zu den schlimmsten Auskunftsmitteln gegriffen, immer mit der Fata morgana eines großen Geschäftes vor sich, daS ihm gestatten werde, mit einem Schlage die ganze Vergangenheit zu liquidieren. Das sei auch die Erklärung dafür, wie Rosenberg schließlich dazu kam, mit seinem Einflüsse im Vatikan, der tatsächlich ein großer gewesen sein soll, Geschäfte zu machen. ____

JSab und fern.

^ Eer Brandenburgschc Millionenuachlaß. Herr W. R. Taylor aus Indianapolis ist soeben mit einem Rechts­anwalt nach Deutschland abgereist, um daselbst einen An­spruch auf 240 000 000 Mark geltend zu machen. Mit dem Vermögen steht es, nach der Versicherung des Herrn Taylor, nicht wie mit hundert von anderen Fällen, in denen Amerikaner versucht haben, sich in den Besitz großer Vermögensmassen ru setzen. Der Besitz führt, mie Herr Taylor versichert, den WarnenBrandenburgscher Nach­laß", und es gehören dazu Ländereien und ein Schloß in der Nähe von Berlin; das Schloß soll seit einer Reihe von Jahren zur Unterbringung einer medizinischeir An­stalt benutzt worden sein. Herr Taylor ist der Ansicht, daß ihm nichts mehr übrig bleibt, als sein Erbenver­hältnis nachzuweisen. Der Eigentümer des ungeheuren Besitzes ist, nach seinen Angaben, im Jahre 1812 aus Deutschland geflohen und hat sich in New-Jersey nieder­gelassen; später ist er dann nach Kentucky gegangen und hat Ländereien erworben, welche teilweise in Louisville liegen. Den Erben dieses Mannes sollen diese Ländereien noch heute zustehen, da Brandenburg sie nur auf 99 Jahre gepachtet hatte. Auf das Vermögen in Deutsch­land haben 20 Personen Anspruch, und sie treffen An­stalten, ihre Rechte nachzuweisen. Wenn nur nicht der Brandenburgsche Nachlaß" auf dem Monde liegt!

J Von der Erde verschlungen. Zu Ichstedt am Ktzsf- Häuser hörte eine Bauersfrau, die in der Küche beschäf­tigt war, draußen auf dem Hofe ein eigentümliches Ge­räusch. Als sie den Hofraum betrat, war die Scheune spu^ los verschwunden, fünf Meter tief war sie ins Erdreich gesunken, nur das auf der Erde aufliegende Dach zeugte von der verschwundenen Herrlichkeit. Das in nächster Nähe stehende Wohnhaus mußte wegen unmittelbarer Ge- fahr sofort geräumt werden.

O Die Brüllrevolte. Im Strafgefängnis zu Lem- berg, wo es, wie gemeldet, schon vor einigen Wochen zwischen dem Amtspersonal und den in den Werkstätten beschäftigten Sträflingen zu Konflikten gekommen war, ist jetzt eine eigenartige Revolte ausgebrochen. Vom frühen Morgen bis Zn den Abend wird von den Sträflingen ein hundertstimmiger Brüllchor angestimmt, der ohne Un­terbrechung fortdauert und scharf in die Ohren geht. Und die Ursache deS betäubenden Lärms? Tw Mitglieder derBrüllaria" weigern sich nämlich beharrlich, das ihnen Tag für Tag vorgesetzte Sauerkraut zu essen Tw Arbeit in den Werkstätten des Strashaujes ruht seit zwei Tagen Die Leitung des Strashauses steht dieser Hart- nackigen Renitenz ratlos gegenüber Tw bisher angewen­deten Strafmittel sind fruchtlos geblieben. Tie Aufjichts- kommission mit dein Staatsanwalt an der Spitze, welche das Strafhaus besuchte, wurde von den Sträflingen mit Schmähungen empfangen. Tie Rädelsführer, welche zur Strafe gefesselt wurden, wußten sich unerklarlicherweise von ihren Hand- und FuUchetten zu befreien und Marsen dieselben zum Fenster hinaus.' Wie verlautet, soll da. Justizministerium in den nächsten Tagen die Ueberfu^ ninq sämtlicher Sträflinge des Strafhauses, fast 2000 an der Zahl, in andere, zum Teil außerhalb Galizrens gelegene Strafanstalten verfügen.

V9cr Walzer-Strauß beim Sultan. Der Wiener Hof. ballmusikdirigent Johann Strauß konzertierte mit feiner Sabelle im Konstantinopeler Yildiz-Kiosk vor dem Sudan. Der Sultan ernannte ihn zum Kommandeur des Med- schidje-Ordens.

) Der Pariser Polizeipräfekt und die Humbertasfaire. Zn der Pariser Stadtverordnetensitzung interpellierte man Den Polizeipräfekten Lepine über seine Beziehungen zu der Familie Humbert. Lepine antwortete, er sei während 15 Jahren im ganzen dreimal bei den Humberts gewesen. Die Humberts Hütten einige Male in seinem Hause di­niert; er habe nicht den geringsten Verdacht gegen Madami Humbert gehabt. Lepine giebt offen zu, daß er mehrfach der Familie Humbert Theaterbillets gesandt, und daß seine Tochter ein Hochzeitsgeschenk von Madame Humbert erhalten habe. Erst nach Oeffnung des eisernen Schrankes

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