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Nk. 175.

Oberhessische Familienzeitung.

Seite 4.

Wasserfluten gegebenen Signale bemerkt und den Train zum Stehen bringt. Nachdem nun der Herr Vorsteher unter dem großen Gaudium der Passagiere mit einer bewunderungswürdigen Schnelligkeit Toilette gemacht, springt er in einen Wagen und fort geht es dec Sta­tion zu. Als man hier anlangt, hat dec Herr Vorsteher seine Würde wiedergefunden. Gemessenen Schrittes wandelt er den Perron ab und gibt mit einer stolzen Bewegung dem Zuge das Abfahrtszeichen.--

Saure Gurken.

Stille Wochen, stille Tage, Für die Zeitung eine Plage, Nirgends mehr was Neues heut'; Suchen muß man nab und ferne Nach dem Stoff mit oer Laterne

In der Saurengurkenzeit

Und was findet man denn heut' noch?

Ach! Das Suchen wird mir leid noch, Schrecklichste Verlegenheit!

Faule Eiec! Ungenießbar!

Kaum ein Vers ist noch erschließbar

In der Saurengurkenzeit.

Daß der Dreibund auch dem Zaren

Seine Achtung will bewahren

Und sogar Vertraulichkeit,

Ei! Das kann John Bull nicht fassen.

Nein, das kann ihm gar nicht passen

In der Saurengurkenzeit.

England will die feinsten

In Südafrika jetzt machen,

Will veredeln weit und breit,

Mit den Buren eng verbündet,

Das hat Balfour uns verkündet In der Saurengurkenzeit.

Väterchen will spekulieren,

EinenHandelstrust" entrieren, Er sondiert die Möglichkeit.

Väterchen als Handelsvater!

Welche Fernsicht! Doch Das that er In der Saurengurkenzeit.

Daß Graf Pückler ungebeten

Zu den Juden übertreten

Will aus reiner Störrigkeit,

Diese Nachricht, glaubenswert nicht, Wäre gar so unerhört nicht In der Saurengurkenzeit.

Auch dieA u t e" zu besteuern

Um dasAuteln" zu verteuern Ist jetzt Mecklenburg bereit. Meinetwegen mag's geschehen, Ich muß doch zu Fuße gehen In der Saurengurkenzeit.

So giebt es noch manche Brocken, Die zum Versemachen locken Und zu stiller Heiterkeit;

Doch ich will nicht alles fassen, Will den andern auch was lassen Für die Sauregurkenzeit.

Goldene Worte.

* Wer doch ein solch großer Künstler wäre, daß er nicht Jahre des Lebens brauchte, um sich völlig zu zeigen, tote er ist! Die Natur braucht freilich die vier verschiedenen Jahreszeiten, um sich uns ganz zu zeigen und die Fülle ihres SegenS mitzuteilen, aber sie beruht mehr in ihrer eigenen Vollkommenheit.

* Das Höchste bleibt ein freier Wille, Dec, unverwirrt von Fleisch und Blut, Fest und getreu in Sturm und Stille Das Gute, weil es gut ist, thut.

* Wie viel ihr auch die Sprache schraubt und dreht, Das beste Deutsch ist, das von Herzen geht.

* Dem Hause Friede, Dem Gaste Freude, Mitleid dem Armen, der um Hilfe fleht, Und Gruß dem Wand'rer, der vorübergeht.

Humor und Witz.

* (E i n k l e i n e s G e s p r ä ch.) Ein eingefleischter klassischer Philologe unterhielt sich mit einem Berliner Bürger.

So sehr wir dagegen ankämpfen", seufzte Jener, Realghmnasiasten, Oberrealschüler, alles will sich an die Alma mater herandrängeln, um an deren Brüsten sich zu nähren!"

Det ist ja der reinste Milchkrieg!" lachte der Berliner.

* (Telegramm vom Zukunfts-Kriegs­schauplatz.) Soeben haben unsere Truppen Fühlung mit dem Feinde gewonnen uno die ersten Reden mit ihm ausgetauscht.

* (Wahres Ges chichtchen.) Der kleine Karl fragt seine Mutter, was mit seinen Spielsachen ge­schehen solle, wenn er groß geworden sei. Worauf seine Mutter antwortet, die würden seine Kinder bekommen. Darauf der kleine Karl:Mutter, ich glaube nicht, daß ich brüten werde."

* (Sie hat Recht.) Herr:Eigentlich recht schade, meine Gnädige, daß der schöne Usus des Pferde­ausspannes ganz unmodern geworden ist."

Sängerin:Wieso? Man hat eben endlich eingesehen, daß Pferde viel besser ziehen, als Esel!"

* (In derzoologischenSammlung.) Der kleine Paul:Siehst Du, Tante, da .kommst Du auch einmal herein!" Tante (entsetzt):Ich ja, warum denn?"Ja, Papa sagte es schon immer: Dich läßt er einmal ausstopfen!"

* (Boshaft.) Alte Jungfer:Ich möchte gern in einen hiesigen Verein eintreten. Zu welchem raten sie mir wohl?" Herr:Zum Verschönerungs­Verein."

Rätselecke.

ES kann das Wort euch Hochgenuß bereiten, Euch lösen von der Prosa hier im Leben, Die Phantasie in unbegrenzte Weiten, Woll über alles Irdische erheben. Doch dann muß seine Klänae jemand leiten, Dem sich Frau Musika in Lieb' ergeben, Sonst dürfte es zur Marter leicht euch werden Und eurem Ohr bereiten nur Beschwerden. Im andern Sinne müßt ihr es wohl entbehren, Mit Neid für alle, denen eS verliehen, Die mit des Wortes Hilfe wiederkehren, In Wanderlust dann abermals entfliehen, Die, ob sie groß, ob winzig zart, euch lehren, Hinauf zum Licht, zur Höhe hinzuziehen. Kann dies auch unser Körper nicht vollbringen, Verstand und Geist, sie dürfen aufwärts dringen.

«uflösnttg deS Rätsels irr Rr. 171:

Hof.

Oberhefsifche familienzeitung. Unierhaltungs Beilage der Gietzener Neueste Had»rid»ten.

Druck und Verlag der (Siebener Ve'lagsdruck«rei. ^orm. Wilh ^eller'sche Bubd' uckerei gegr. 1783t; necannvortlih 11 h ht (Mein.

Der Australier.

Roman von E. W. Hornung.

31] (Nachdruck verboten.)

Was war in diesen letzten Wochen über das Mädchen gekommen? Was hatte sie so verändert und traurig gemacht? Was ließ sie wie eine geknickte Blume binwelken? War ein gebrochenes Herz die Ursache von all diesem?

Wenn es der Fall war, wenn das Schlimmste eintrat und er, der Verbrecher, der Bösewicht, der Geächtete nicht wert, ein edles Weib nur anzusehen dieses süße, fröhliche Mädchen gemordet, durch den Schreck ermordet hätte! Er mußte weiter stürzen und Hilfe bringen, und wenn sie zu spät kam, dann mochte sein eigenes schwarzes Leben ein elendes schnelles Ende nehmen.

Als Ryan das Moor halb durchhastet hatte, begann der Regen zu fallen. Er warf den Kopf während des Laufens zurück, und die Regentropfen kühlten sein heißes Gesicht. Seinm Hut hatte er längst verloren, und sein Haar klebte an seiner Stirn, sein Atem kam keuchend durch seine zusammengepreßten Lippen, und seine blauen Augen waren von wilder Verzweiflung erfüllt. Seit dem letzten Blick, der ihm die traurige Gruppe auf der Treppe zeigte, war er ohne Pause weiter gestürzt, und die verlorene Zeit beim Erklimmen der Hügel wurde durch ungestümes Hinabstürzen wieder eingeholt.

Jetzt erstieg er den großen Berg, auf dessen Gipfel der Weg an der rechten Seite durch die niedrige steinerne Brustwehr geschützt wurde. Wenn er erst die Spitze erreicht hatte, würde er bald in Melmerbridge sein, denn der übrige Teil des Weges ging bergab.

Die Wand der Klippe links war zackig und senkrecht und von derselben rotbraunen Tönung wie der Weg. Losgeriffene Bruchstücke des Felsens lagen in dem Winkel, der durch seine Grundfläche und den roh ausgehauenen Weg gebildet war. Zwischen diesen Steinen erregte ein Gegenstand MileS Aufmerksamkeit, als er emporklomm: nach der Farbe und Unbeweglichkeit zu urteilen, war es ein Stein und nach den Umrissen ein Mann. Jetzt sah Ryan, wie die Umriste sich v er- ' änderten: natürlich war es ein Mann, der mit dem Rücken näher an den Felsen kroch, um sich vor dem Regen zu schützen. Plötzlich erhob er sich und schwankte in die Mitte des Durchgangs zwischen der felsigen Mauer und der steinernen Brustwehr, als Ryan noch einige Fuß darunter war. ES war Pound.

Ryan hatte ihn auf der Straße in Melmerbridge gesehen, als er aus der Kirche kam. Pound war auS einem Wirtshaus herausgetaumelt und hatte ihn am Arm ergriffen, worauf Ryan ihn mit dem geflüsterten Versprechen, ihn am Abend nach Verabredung zu treffen, abgeschüttelt und den unliebsamen Vorfall seinen Begleiterinnen durch irgend eine schnell er­fundene Lüge erklärt hatte.

So war Pound bereits auf dem Wege nach Gateby in betrunkenem Zustande. Dies war deutlich auS seiner Stellung, wie er den Durchgang versperrte, auS dem heiseren Gelächter, das von der Klippe widerballte, und aus dem lärmenden, spottenden Ton, mit dem er seinen einstmaligen Führer begrüßte, zu erkennen.

.Willkommen! Freut mich. Euch zu sehen! Aber wer würde gedacht haben, daß Ihr bester als Euer Wort wäret? Bester, sage ich besser als Euer Heiliges Wort!"

.Macht Platz!" schrie Ryan, zwanzig Schritte unter ihm. Pound grinste wie ein Satyr auf ihn herunter. Seine

massigen Arme waren fest auf seiner Brust getreust. Lein glattes Gesicht sah geradezu fürchterlich aus, als er dort stand und grinsend auf ihn niedersah. Zischend kam seine Antwort:

Platz macken? Ich will mein Geld haben! Ich will meinen Anteil von dem Fang haben, und das auf der Stelle! Hört Ihr? Jetzt, sofort!"

Ich habe nichts bei mir," antwortete Ryan.Betrunkener Hund, macht Platz."

Die zwanzig Schritte hatten sich auf zehn vermindert.

Nichts bei Euch?" spottete Pound, auf die Erde spuckend. Ach, ich weiß, Ihr tragt Euer Nichts um Euren Hals, alter Mann! Und ich will jetzt oder nie meinen Teil haben!"

Sie waren fast auf Armeslänge voreinander.

.Niemals also!" rief Ryan, halb seinen Revolver hervor- ziehend.

Wie ein Blitz lösten sich Pounds Arme, und gerade von der Schulter aus schoß er los. Ein Feuerschein, von einem lauten Knall gefolgt, blitzte auf. Dünne Wolken weißen Rauches hingen in der bewegungslosen Luft. Aus ihrer Mitte heraus klang ein tiefes Stöhnen und der Schall einer schweren, fallenden Masse. Pound stand allein, die rauchende Pistole in seiner Hand. Während einer ganzen Zeit stand er ebenso mhig, wie Ryan bewegungslos dalag.

Einen Ruck später", murmelte er zuletzt,und ich würde dort gelegen und er hier gestanden haben. So wie es jetzt ist, denke ich, daß er doch der Hereingefallene ist!"

Er steckte den Revolver wieder in seine Tasche und stand da, sein Werk bettachtend. Der Anblick ernüchterte ihn voll­ständig; bis zu einem gewissen Grade erschreckte er ihn. Von den anderen Empfindungen, die einen Mörder beim ersten Mal heimsuchen mögen, hatte Jean Pound einfach keine.

Nun zuerst die Scheine.

Er kniete neben seinem Opfer nieder, indem er es vor­sichtig ansah. Der Getroffene lag auf dem Rücken auSgestreckt guer über dem Wege. Rock und Weste waren, jedenfalls beim Laufen, aufgeriffen, und das weiße Hemd zeigte einen dunklen Fleck, der jeden Augenblick an Ausdehnung zunahm. Pound fragte sich, ob er wohl das Herz getroffen habe.

Das zurückgeworfene Gesicht mit den geschlossenen Augen- Übern und dem geöffneten Mund war nah von Schweiß und dem leisen Regen. Als Pound seine Hand einen halben Zoll über den Mund hielt, bemerkte er, daß Ryan noch leise atmete. Sein letztes Röcheln", dachte er, ohne ein Bedauem zu fühlen. Blut floß aus einer Kopfwunde, die der Erschossene beim Fallen sich zugezogen batte, aber das entging der Beachtung des Mörders.

Was ihm auffiel, war, daß die Arme gerade an den Seiten herunter lagen und daß die rechte Hand einen Revolver hielt. Bei diesem Anblick sprang Jean Pound mit einem er­regten Ausruf auf die Füße.

Er zog seinen eigenen Revolver wieder hervor, um sich zu überzeugen, daß er sich nicht geirrt hatte. Nein! Die Pistolen waren in jeder Eigentümlichkeit gleich. Das glatte, plumpe Gesicht glänzte vor teuflischer Freude. Er zeigte mit einem Finger, der jetzt vor Erregung zitterte, auf die Pistole in der leblosen Hand, dann befühlte er bedeutungsvoll den Lauf seiner eigenen.

Selbstmörder", flüsterte er, .Selbstmörder!" Er wieder­holte das Wort so oft, bis er glaubte, seine volle Wichtigkeit begriffen zu haben. Dann kniete er wieder nieder und beugte sich über den zu Boden gestteckten Ryan mit der verttauenS-