Nr. 302
Zweites Blatt
Avv^»eme«t^preiS : in Gießen, abgeholt monatlich 50 Pfg., inS HauS gebracht 60 Pf§„ durch die Poft bezogen vierteljährlich Mk. 1.50.
Gratisbeilagen Oberhesfische Familienzeitung (täglich) Oberhekfische Zeitschrift für Landwirtschaft, Obft und «Varteuban, sowie die Gießener Seifenblasen wöchentlich). DaS Blatt erscheint an allen Werktagen nachmittags.
Montag, den 29. Dezember 1902. ----_
11. Iahrqailg
Gießener
Fus..etiovSpre1S: Die ciulvaltigt Petit,eile für Gießen wie ganz Oberbessen. die Kreise Wetzlar und Marburg 10 Pfg sonst 15 Psg.; Reklamen die Petitzeile 30 resp 40 Pfg.
Postzeitungsliste No 3269.
Redaktion und Expedition : Gießen. N e u e n tu c g 2b\ Ferusprechanschluß Nr. 562
Usuelle ^ladjridjfen
(Lietzener Uagevtatt)
Unabhängige Tageszeitung
(Lietzener Zeitung-
für Lberhesserr und die Kreise Marburg und Wetzlar: Lokalanzeiger für Gijsen und Um-'
Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh Bürgermeisterei Gießen und a derer Behörden von Oberhesse
""6
N
Die pläne der sächsischen Kronprinzessin.
HK. Die romantische Herzensaffäre des Erzherzogs Leopold Ferdinand von Oesterreich und seiner Schwester, der Kronprinzessin Luise von Sachsen, beschäftigt das In teresse des Inlandes und Auslandes noch immer in hohem Grade. Der Erzherzog hat hämischen das Genfer Hotel, in bem er sich bisher mit seiner Schlvester Luise aufhielt, verlassen und ist mit Fräulein Adamovicz, die er jetzt öffentlich als seine verlobte Braut bezeichnet, nach Mon treux abgereist. Er mill seinen Traum von einem sonnigen Eheglück, fern vom Zwang der Hofetiquette, möglichst bald verwirklicheu. Nährte er diesen Plan doch schon seit ge raumer Zeit.
Von einem ehemaligen Kurgaste der NervenheUan)talt des Geh. Sanitätsrats Dr. Erlenmeyer in Bendorf a. R ). wird uns mitgeteilt, daß der Bruder der Kronprinzessin Don Sachsen, Erzherzog Leopold Ferdinand von Oester reich, in diesem Frühjahr ebenfalls dort lebte, unb jmar führte er dort den Namen Baron von Wölffling. ^rotz dem aber mar sein Rang ein offenes Geheimnis unter sämtlichen Gästen und zwar vorzugsweise deshalb, weil der Prinz selbst „im Vertraueu" seinen mal)reu Namen nannte und schon damals öfter durchblicken ließ, dag er eines schönen Tages seine Würde und seine Aemter an den Nagel hängen werde. Jhin mar namentlich fein Oheim, der Erzherzog Johann, der als Schifsskapitän unter dem Tanten Johann Orth verschollen ist, ein nachahmenswertes Beispiel: nach dessen Tode fällt ihm auch das Mazorat seines Oheirus zu. Bis dahin aber ist er au, den Zins genug eines Vermögens von 250 000 Kroven angewiesen.
Die Kronprinzessin von Sachsen hält nch, seither immer noch in Gem ans und hat jetzt ihr Inkognito ganz lich aufgegeben. Sie ermächtigte ihren Anwalt, den Alt bundesrat Lacheual, zu folgender Erklärung: Sie sei ent schlossen, die eheliche G.nueinschaft nicht wieder auszu nehmen nud merbe vor Lösung der jetzigen Schunerigkeiteu, betreffend die Auslösung der Ehe, weder nach Deutschland lwch nach Oesterreich zurückkehren, da sie überzeugt sei, daß man sie, wenn sie zurückkehrte, für geistig gestört ausgeben würde, um sie in einem Irrenhaus zu in ter niereu. Sie sei g ücklich, sich un er dem Schutz der schlvei- zerischen Gesetze zu wissen, unb werde in Gens den Verlaus der Dinge abmartcii. Einem deutschen Herrn gegenüber, den sie in Genf empfing, sprach die Kronprinzessin bk feste Absicht aus, nach Lösung ihrer Ehe den früheren Sprachlehrer ihrer Kinder, Andre Giron, zn heiraten. Auch dieser erklärte mieberholt, daß er alles daran setzen werde, die Hand der Kronpr-i-nzessin zu erringen. Auf Girou, der aus einer hochangeseheueu Brüsseler Richterfamilie stammt, wird übrigens von feinen Verwandten e feig ein
gewirkt. sein Verhältnis zur Kronprinzessin aufzugebcu lind Heimzu kelireu. Ju Gesellschaft der Prinzessin befindet sich jetzt ihr ^veiler Bruder, Jose- Ferdin aud, der seiner eigenen Aussage nach in die Schweiz gesammelt ist, um die Schlvester zn begleiten, zn schützen nud in den augen Misslichen großen Schtvierigkeiten nach KräWen zu unter stützen. Er bestätigt, daß fehle Schlvester und er vor der endgiltigen Regelnilg der Frage die Schweiz nicht
vor
lassen werden.
In sächsischen Regiernngstteisen soll man dem nehmen nach zn sehr ernsten Maßregeln entschlossen Der sächsische Ho- mill die Kronprinzessin zunächst^ fordern, ans ihre Würde freiwillig zn verzichten. Sollte sie dies nicht tun, so soll sie unter ausdrücklicher Motiv:, rutig unter anderem mit Angabe des Ehebruches alsGrun aller Ansprüche nud Rechte am Sachsens Krone für ver
lein, auf
luftig erklärt werden.
Man scheint in Dresden anzunehmen, daß die Mron Prinzessin in nächster Feit auf italienischem Gebiet Auf enthalt nehmen wirb. Wenigstens ist die italienische Po lizci bereits angewiesen morben, eintreteuden alle Ermitte hin gen betreffs der bevorstehenden Entbindung der Kron Prinzessin zu führen. Nach erfolgter Entbindung fine Stunde, Ort und nähere Umstände der Geburt am das genaueste feftzustellen. Ueber den definitiven Nieder- iassuugsort des Gcschwisterpaares und ihrer Begleiter ver lautet, daß sich später alle nach Amerika begeben wollen. Anderenfalls aber sprach man von einem Plan des Erz Herzogs Leopold Ferdinand, nach Südafrika zu gehen.
Die Venezuelakrise
Q Präsident Roosevelt bat oie Uebernahme
des
Schiedsgerichts zwischen Venezuela und den Blockademäch- ten in zwölfter Stunde ab gelehnt, und das Haager Schiedsgericht soll jetzt die Entscheidung in dem Streite treffen. Die ablehnende Antwort Roosevelts, der persönlich zur Uebernahme des Schiedsrichteraruts geneigt
war, ist eine Folge der Einsprache, die von verschiedenen amerikanischen Politikern gegen eine Vermittelung der Union in dein veile^olailischen Handel. lant geworden war?u. Völlig sicher ist es nun freilich auch noch nicht, baß das
.vaagc
chiedsgcricht mit der
Plichtnng'der Sache be
traut wird. Deutschland und England haben sich allerdings bereit erklärt, falls Roosevelt ablehne, die Sache dem Haager Schiedsgericht zn unterbreiten, aber mit ge- missen Vorbehalten. Immer neue Schwierigkeiten tauchen ans. Zunächst soll Amerika sich bei den Mächten schon bitter über die Wirkungen der Blockade beschwert, unter der angeblich amerikanische Schiffe am schlimmsten zu leiben haben. Castro weiß das natürlich und mirb dementsprechend wieder etwas steisnackiger, als er in den letzten Tagen gcmefeii war. Castro hat zwar erklärt, daß er das Haager Tribunal als Schiedsgerichtsbof anerkennen wolle, aber nur unter der Bedingung, daß die Blockade sofort aufgehoben und die beschlagnahmte venezolanische Flotte zu rückgegeben werbe. Im ganzen )iub bis jeht mit Eini.blnß von 2 Schooneru 20 venezolanische Schi.se weggen oiiimeii worden. Darauf werben sich die Blockade möchte trotz der Befürwortung des Verlangens Castros durch die llniou kaum ein lassen wollen.
Auch sonst zeigt sich, daß dem Kampfhahn Castro mieber einmal der Kamm schwillt. Er plant die Errichtung der Diltatnr und geht mit bem Plan um, sobald die Blockade ihm Zuflug an Geld abschneidet, das Vermögen der deutschen, englischen und italienischen Untertanen zu k o 11 i i s z i e r e u.
Castro hat übrigens Caracas verlassen, weil er fürchten soll, die Aufständischen könnten einen heimlichen Handstreich gegen Caracas ans führen nnd sich seiner Person bemächtigen.
In London sowohl wie in Berlin wird an amtlicher Stelle Roosevelts Weigerung, den Schiedsrichter zn machen, aufs tiefste bedauert. Man wird angesichts der ztveideutigen Haltung, die Amerika trotz aller Betenernngen seiner Ehr lidüeit an den Tag legt, mit Castro doch wohl erst noch ein kräftiges Wort reden müssen, iinbctiiuimcrt um den Einspruch der llniou.
Die Politik
Der zweite preußische Lehrertag
tagt ^uv -seit in Bcagdeburg. Die Beratungen, an denen
über 2000 teituehmeu
D(UW.
Delegierte ans allen Teilen der Monarchie erstrecken sich speziell aus die B.solduugs-
er geschä-fts führen Ausschuß hat auf gründ
der Umfragen in deu Eiuzelrcrbäudeu des preußischen Lehrerverboudes folgende hauptsächlichen Vorschläge znr Abänderung des Gesetzes vom 3. März 1897 vor bereitet: 1. Das Grundgehalt bars für Lehr er stellen nicht weniger als 1200 Mart jährlich betragen. 2. Der Einheitssatz der Alterszulagen ist für Lehrer in keinem Falle auf weniger als 150 Mark jährlich sestznsetzen. 3. Die Mietsent- schädignng soll ansreichen zur Beschaffung einer den Norma tiv bestimmnugen entsprechenden Wohnung. Auch die unverheirateten Lehrer ohne eigenen Hausstand sollen von dem Zeitpnutt der Gewährung des vollen Grnnd- gehaUes ab die volle Mietsèntfchädigtlng erhalten. Der Ausschuß hat sich entschieden gegen die von verschiedenen
ProNamienmg des heiligen Krieges" gegen die Euro paec iei in ^icht, unb eine Intervention mehrerer Mächti H i maln)(hei al üb. Von anderer Seite mirb gemeldet èü 1 ^iUau hat dem Gruber be- Kriegsministers El -tehnebi den Befehl über die Truppen anvertrant, welche gegen den Prätendenten in der Gegend von Tazza vor. gehen lallen. Die Anzahl der znr Betämpsnng des Aust ^w gestellten Truppen beträgt nngefäh- d(-rPP^n"v P" ^"y" A«g<u>en ui schliern, „Niß bei Sultan dre Lage recht ernzt anssassen. ^mn lOOOC bre Heine zu bringen, ist für den Sult<m von Marokko feine Klernrgkeit.
^urze politische Nachrichten.
* D r Kaiser mill, mie bestimmt verlautet, an sei m m Geburtstag einen Erlaß ergeben lassen, monad) samt- Uche Sergeanten, die sich tadellos geführt haben, nach neunjähriger Lienstzeit Vizeseldwebel merben sollen.
Der reichsparteiliche Reichstags und LandtaaSabae- oibliese v. K a r d v r s > ist ans dem Bunde der Landwirte ausgetreten, meil die Bnndesleilnng seiner Par- lei M^jolcber den offenen Krieg erklärt habe. Aba. v. Marborn erklärte, die Reichspartei merke den Mampf auf nehmen.
^euerbiiigv verlautet, daß die Frage der Gewährung von L raten an die Mitglieder des Reichstags menig icht aus Erledigung im bejaheuben Sinue haben soll. * Dem Regieruugspräsideuwn in Breslau Dr. von
H e hdebraud und der Lasa ist der erbetene Ab- scl'.ied unter Herleibung des Eharakters als Wir fliehet Ole hei iner Rat mit dem Prädikat Erzellenz erteilt morben.
Tie englische Königin gab ans eigenen Mitteln 1500 Witwen und Waisen im Kriege gefallener Soldaten ein Wekhnachtsmahl. In den reich gesclnniickten Sälerr herrschte große Hegeifterung. Diese gewiß anerkennenswerte schöne Handlung her Königin kann die Tatsache aber nicht unterbrücTen, daß die englische Regierung so gut wie nichts für die von bem mörderischen afrikanischen Kliina hart mitgenommenen ausgedienten Krieger getan hat.
* In der griechischen Stammer kam es während der letzten Sitzung zu einer allgemeinen Schlägerei ;mifdum den Anlstrngern unb Gegnern her Regierung. Führer der schlagfertigen Zitmultuariten war der frühere Ministerpräsident Rallis.
Vermischtes
Seilen ausgestellte Forderung der Uebernahme samten Lellrerbesoldung auf die Staatskasse und erlennuug der Volksschutlehrer als unmittelbare beamte ausgesprochen.
Die Mission des Grafen Lamodorff.
der g> die Än- StaatS-
— Der russische Minister des Auslvärtigen Graf La in s- borff befindet sich, mie bekannt, zur Feit in Bulgarien. Er ist beauftragt, den leitenden Kreisen Bulgariens zu erklären, daß die russische Regierung Frieden in Mace- donien wünsche unb daher die herausfordernde Tätigkeit der Komitees gegenüber der Türkei, rnetebe berechtigt fei, den Ausstand in ihrem Lande niederzuwerfen, als höchst unpassend und als gefahrvoll für Bulgarien erachte. Der Minister findet in Bulgarien ehrenvolle Ausnahme. An einem zu seinen Ehren veranstalteten Diner nahm Fürst Ferdinand mit den Mitgliedern seines Ministeriums teil.
Ein neuer Philippineukonflikt
taucht am politischen Horizont auf. Aus Washington kommt di«' Meldung, die deutsche nud die britische Regie- ruug haben bei der amerikanischen megeii Niclubefolgung des Grundsatzes der „offenen Tür" auf den Philippinen Vorgellungen erhoben. Die Philippinenvertvaltung zahlt näiulich den Ausfuhrzoll auf Hanf bei Verschiffungen nach Amerika zurück, mährenb er bei Exporten nach Deutschland und Großbritannien bezahlt werden must Der Washingtoner Senat hat die Angelegenheit dem Senatsausschuß für die Philippinen überwiesen. Wahrscheinlich mirb in diesem Ausschuß eine papierne Erklä-
rung tut; alten
festgestellt lverdeu, die den beiden Mächten genug in Wirklichkeit wird alles wohl so ziemlich beim bleiben.
Marokko ?
^: sSonderbare Weihnachtsgeschenks haben auch dieses Jahr, wie seit Jahrhunderten, hie Stadträ c der Londoner City verschiedene,! offiziellen Per önlichkeiten beschert. Der hohe Magistrat, der Schatzmeister des Königs, die Minister des Innern und des Auswärtigen Amtes bekamen ein jeder vier bis sechs Meter ich matten oder grünen Tuches von schwerster Qualität Wo u bi 1 Herren das ver tuenden, weiß man nicht recht. Prattischer ist schon das althergebrachte (Geschenk an den Bürgernletster und mehrere Verivaltungsbeamte, die zu Weihnachten jeder mit drei Rehböcken beschenkt mürben
• j Stubenbohncr Emil.j Es steht geschrieben, baf) die historische Familie Humbert immer und überall^ Op, r fordern soll' Ihre Verhaftung sogar hat mehr schaden als Nutzen gestiftet. Fu den Geschädigten gehören vor allem die kleinen Spielzeugfabrikanten, die mit ganz Frank reich nicht mehr geglaubt hatten, daß die Humberts je- mals gemgen uurden würden: die Huinbert Spielsachen, die in den Handel gebracht unirden, variierten daher alle in mehr oder minder geistreicher Weise das Thema von der „Unnahbarkeit" der interessanten Familie und von der Ohnmacht der Polizei, lind nun haben die Humberts, indem sie sich dennoch sangen ließen, den armen Händlern einen schlimmen Streich gespielt: die Humbert Spielsachen konnten kein Interesse mehr erregen und waren unver fändich geworden, denn wer mirb sich noch bic Muhe nehmen, die große Therese im Vexierspiel zu suchen, da sie hoch schon längst gesunden ist! Einem der armen Händler aber, so erzählt man sich in den Kreisen der „Eamelots", der Pariser Stra .envertänfcr, ist die Ber Haftung der Humberts zum Glücke gemorben und hat feinem Geschah einen gewa ng' n Aufschwung gegeben. Er hakt, für die Weihnacbls - >! • m automatischen Schuh
pntzer konstruiert. Als dann die Behangen berichteten, bar, Emile Danrignac mahrenb seines Dehuinigen Exils in Madrid die Fußböden der Wohnung der „Familie" höhnte, gab unser Soie- ein b risant seinem „Putzer" so fol, ine andere Mi ibiing und macht! aus ihm einen „Bohner", den er „Stubenbohner Ennl" getanh hat! Unter Kiefern 9tamen wurde der ehemalige Schuhputzer in Massen aus dem Boulevard verkauf! Es giebt aber in Pa us boshafte. Menschen, die den Namen En: i: eine freche Anspielung ans den Präsideu-en Ennl ulkt hatten!
— Aus Hamburg wird gemelbet, daß ini Saale haren ein Oberländer Schi'fer ermordet uiib seiner Barschaft von l-lo Mark beraubt wurde. .........
Marokko sind anschei
Tie Thro u st re i tig keilen in i.........
so weit gediehen, daß jetzt das ganze Land durch den Mampf zwischen bem Sultan und seinem Rivalen in Mitleidenschaft gezogen mirb. Aus Paris verlautet, der
nend