Nr. 252. Zweites Blatt. Mittwoch, den 29. Oktober 1902.
11. Jahrgang.
gboneementdpttiü : in ®ie6en, abgeh»» monatlich b»Mg, n's Haus gebracht 60 Pfg., durch die Post bezogen vierteljährlich Mk. 1 50.
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Redaktion und Expedition: (Sieben Neuenweg 28.
FerAsprecha»schluß Nr. 362.
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(Gießener Hagevratt) Unabhängige Tageszeitung (Gießener Ieitnng)
für Oberhesien und die Kreise Marburg und Wetzlar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung. Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großherzoglichen Bürgermeisterei Gießen.
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Giessener Cagesneuigkeiten.
** Das GesamtpräsidiumderKriegerkameradschaft „Hassia" hält Sonntag, 2. November d. Js, Nachmittags 3 Ubr, im „Ka sersaal" in Darmstadt eine Sitzung mit folgender Tagesordnung ab: 1. Beschlüsse M Delegierten» taqes. 2. VertragSfachen: Versicherungsgesellschaften „Providentia". „Zürich" und „Anker". 3. ZeitungSverttag. 4. Jahrbuch. 5. Sterbekasse. 6. BezirkSangelegenh-iten 7. VortragSwesen. 8 Kyffbäuserbund. 9. Antrag Mainz: Kriegerparaden betreffend und 10. Verschiedenes.
Der Umtausch von Versicherungs- marken gegen Marken andererLohnklassen ! war bisher nicht zugelassen. Da jedoch Fälle eintreten können, in denen infolge von Aenderung in den Lohnzahlungen u. s W. Macken, die nicht selten in größeren ' Mennen gekauft werden, für den Besitzer unverwendbar werden, soll, wie dec „Berl. Volksztg." mitgeteilt wird, ein derartiger Umtausch von Beitragsmarken für die Invalidenversicherung gestattet werden unter folgenden Bedingungen: Die Marken, deren Umtausch gewünscht wird, müssen unbeschädigt sein. Es findet nur ein Um- ; tausch gegen andere Marken statt. Dec etwaige höhere Wert muß vom Empfänger bar zugezahlt werden. Eine Barzahlung aus der Postkasse ist ausgeschlossen. Jede I Postanstalt hat nur die Marken derjenigen Versicherungs- ; Anstalt zum Umtausch anzunehmen, deren Marken sie ' verkauft. Der Umtausch von verdorbenen oder unbrauchbar gewordenen Versicherungsmarken bleibt, wie । bisher, den Versicherungsanstalten Vorbehalten.
** Ueber die Turnerei bringen die „Hess. Schul- ' blätter" in einem Aussatz des Lehrers Kronenberger über „Die Schule im Dienste der Mäßigkeitsbestrebungen" beherzigenswerte Worte: „Vater Jahn" sagt: „Ohne einabhärtendes mäßigesnüchterneS, sittliches Leben ist die ganzeTurnerei hinfällig." Heute besteht fast in jedem Dorfe ein Turnverein. Viele aus der Schule entlassenen Knaben treten bei, aber nicht immer in der edlen Absicht, die sie haben sollen. Manchen ist das Turnen nur Mittel zu anderen Zwecken. Als Mitglieder haben sie Gelegenheit, Turnfeste, Tanzkränzchen u. dergl. mitzumachen. DaS Wirtshaus ist der Sammelplatz; so wird getrunken vor und nach dem Turnen. An manchen Orten werden während deS Winters die turnerischen Uebungen im Wirtshaus abgehalten. Diese Einrichtung zwingt geradezu die Turner, dem Wirte möglichst viel zu verdienen zu geben. Sind daS aber würdige Söhne Jahns, der sagt: „Die Jugend Suß wieder zu einem wahren Jungtum geführt werden,
«1
Dr. Rumseys Patient.
Roman von Dr. Halifax und T. L. Meade. Autorisierte Bearbeitung von C. Weßner.
(Nachdruck verboten.)
, ^'^ten Abend, Hetty', jagte sie in ihrer herzlichen Weise, »hoffentttch geht es Ihnen gntr
Hetty erhob sich; sie zitterte heftig.
gnädiges Fräulein, es geht mir gut" Ar recht leidend aus", fuhr Margarete fort.
-Warum tanzen Sie denn nicht?"
$ MU es nicht übers Herz bringens antwortete in plötzlich abwandte, da ihr die heißen Thränen aus den Augen stürzten.
. "d^Es, kleines Geschöpf! Wie konnte ich nur so gedankenlos Margarete sich innerlich. â-n^^^^Edanken müssen ja bei dieser schrecklichen Untersuchung Armes annes Kin^" ' ®" ,c,cn ^ Hauptzeugin geladen.
Mit der ihr eigenen impulsiven Art ftreefte sie haftia ihre Hand aus und erfaßte die Hettys. 1 ’e 1)01119 lt)re
. „Sie thun mir so innig leid, ich begreife Ihre trübe Stimmung , sagte sie mit vor Rührung bebender Stimme Sie kiben je et schwer, aber das wird schon wieder anders werden Sie sollten Großhofen einige Zeit verlassen, ich glaube das wmde Ihnen gut thun.
„Ich — ich bleibe lieber zu Sause", stammelte Hetty.
_ „Nun, ich meinte nur so. Ah, hier kommt der Baron. Sie
haben noch nicht getanzt. Hetty: mochten Sie nicht einmal mit Baron Robert tanzen? Ja, ich sehe es Ihnen an, Sie möchten es. — Robert, bitte, komm doch einmal her."
„Was wünschest Du?" fragte der Baron nähertretend. „O, Sie smd es, Hetty? Ich habe unseren Tanz nicht vergessen.^
„Tanze doch jetzt mit ihr", bat Margarete. „Da spielen sie eben einen Walzer — ich erwarte Dich nachher auf der Terrasse." Margarete ging zur Gesellschaft zurück. Robert bot Hetty den Arm. Wirten Moment ließ sie ihre dunklen Augen auf dem geliebten Antlitz ruhen,, ihre Lippen zuckten schmerzlich; dann legte sie die Hand aut seinen Arm.
• ^^^ tanzen", dachte sie bei sich. „Es wird mich glücklich machen. Ich thue ja soviel für ihn, das wird mich starten, dieses Vergnügen O,, ich hoffe sehnlichst standhaft und ^tapfer zri bleiben nno nicht diese bittere Verzweiflung Herr über
IusertioaSprei S: Die einspaltige Petitzeile für (Sichen wie stanz Oberhessen, die Kreise Wetzlar und Marburg 10 Pfg. sonst 15 Pfg.; Reklame« die Petitzeile 30 resp. 40 Pfg.
waS selbst erlaubte Genüsse verschmäht, wenn sie dem reifen Alter nur erst geziemen. Das Gefühl muß zur Liebe an der Natur geweckt werden, es muß mehr Wohlgefallen an Einfachheit finden, als am betäubenden und entnervender Kneipleben." Möchte deshalb jeder Lehrer, der einem Turnverein vorsteht, durch gutes Beispiel und zweckentsprechende Vereinsstatuten darauf hinwirken, daß das Turnen im Sinne Vater Jahns betrieben werde. „Turnen auf freiem Platze; statt des Sitzens in den Schenken und Schnapsbuden an Sonn- und Feiertagsnachmittagen", ein solches Turnen ist von großem Vorteil für das Leben, und nicht zum mindesten fördert eS die Mäßiakeitsfache."
** Mäuseschaden im Großherzogtum Hessen. Die neueste Nummer der „Hessischen Landwirtschaftlichen Zeitschrift" bringt eine Bekanntmachung des Präsidiums des Hessischen Landwirtschaftsrats, in welcher die Interessenten, insbesondere die Landwirte ersucht werden, ihre Erfahrungen über die angewandten Mittel zur Bekämpfung der Mäuseplage mitzuteilen. Diebetreffenden Fragen lauten:
1. Ist in Ihrer Gegend ein Mäuseschadeu in erheblichem Umfang zu konstatieren und wie hoch taxieren Sie den Schaden in Baar event, in Prozenten des Minderwertes der Ernte a) für Ihre Gemeinde, b) für einen größeren Bezirk?
2. Welche Früchte haben unter dem Mäuseschaden am empfindlichsten gelitten?
3. Welche Mittel kamen zur Bekämpfung des Mäuseschadens in Anwendung? (Mäusefallen, Kohlenschwefelstoff, Gifthafer, Strychninhafer, Phosphorpillen, Löffler'scher Mäusebacillus, Erschlagen der Mäuse hinter dem Pfluge, Fangen der Mäuse in Bohrlöchern? event, welche andere Mittel?)
NB. In Frage 3 sind möglichst genaue Angaben erwünscht über die angewandten Mittel, die Art ihrer Anwendung, Bezugsquelle, nähere Bezeichnung des Fabrikates (z. B. Saccharin-Strychninhafer von Wasmuth), ferner über die Kosten des Verfahrens. Bei den widersprechenden Mitteilungen über die Anwendung des Löffler'schen Mäuse-Bacillus wolle man genaue Bezugsquelle, Preis des Kulturröhrchens, Alter der Kulturen und ferner angeben, ob die Anwendung genau nach Vorschrift erfolgte, oder welche Abweichungen von derselben getroffen worden sind.
4. Hat das angewandte Mittel einen vollständigen, oder einen Teilerfolg, oder keinen gehabt?
5. War bei der Art der Anwendung des Mittels eine Zählung der getöteten Mäuse möglich und wie
mich werden zu lassen. Steh mir bei, Gott im Himmel, daß ich fest und treu zu Robert halte!"
„Sie sind heute so still, Hetty", sagte der Baron, sie mit einem freundlichen, aber gleich gütigen Blick streifend.
Sie begannen zu tanzen; Hetty mußte jedoch bald aufhören, da ihr schwindelig wurde.
„Sie fühlen sich nicht wohl", sagte er teilnehmend. „Kommen Sie, ich führe Sie aus dem Gedränge. Setzen wir uns unter diesen Baum. Ist Ihnen jetzt besser?"
„Ja, o ja, Herr Baron, ich fühle mich viel besser." Sie rang mühsam nach Ateni, während sie sprach.
„Wie bleich Sie aussehen", bemerkte Audrey. „Sie waren doch sonst ein so frisches, blühendes Mädchen mit roten Wangen. Doch ich vergaß", fügte er hastig hinzu, „Sie haben ja soviel durchgemacht und noch durchzumachen. Nur Mut gefaßt, Hetty! Alles, was Sie morgen bei der Verhandlung zu thun haben, ist: die reine, unverfälschte Wahrheit zu sagen."
„Das — das kann Ihr Ernst Nichtsein! „stöhnte Hetty fassungslos, indem sie die Augen weit öffnete und den Baron erschreckt anstarrte. Im nächsten Augenblick besann ne sich jebod), und ihr Gesicht drückte eine ungeheure Bestürzung, aus. „Ach, was rede ich da für dummes Zeug", setzte sie schnell ymzu, „natürlich, selbstverständlich werde ich die reine, nnvertaljchte Wahrheit sagen!"
„Das ist doch Ihre heilige Pfficht", erwiderte Audrey ernst, der sich ihr sonderbares Benehmen nicht erklären konnte. „Sw müssen bedenken, Hetty, daß Sie Ihre Aussage unter Eid ab- zugeben haben!" Er erhob sich bei ^dtesen Worten. „Kommen Sie, ich bringe Sie zu Ihrer Tante!"
„Noch einen Augenblick", bat Hetty, „ich möchte Sie gerne etwas fragen, Herr Äaron."
„Nun, und was ist das?"
Sie hob die dunklen Augen zu ihm auf, um sie im nächsten Augenblick zu Boden zu senken.
,^Es ist etwas Furchtbares — etwas, das Gott urmE verzeiht — wenn jemand ein falsches Zeugnis ablegt — wenn man unter Eid steht —" hauchte sie.
„Es ist ein Verbrechen — es ist Meines!" sagte scharfem, kurzem Tone. ,Warum guälen Sre Ihren Kops mu solchen Dingen?" . „
„Ich - ich wollte es nur wissen. . Ich hâ Sre recht alücksich werden Herr Baron, wenn Ste verheiratet stnd. Doch NUN möchte ich nach Hause. Mir ist garnicht wohl, das Tanzen
Postzeitungsliste No 3082.
groß war die Zahl derselben a) auf Ihrem Besitz, b) in der Gemarkung?
Der Landwirtschaftscat ersucht im allgemeinen Interesse um recht lebhafte Beteiligung an der Beantwortung dieser Fragen, um günstige Erfahrungen in der Praxis verwerten zu können und ersucht um baldige Einsendung der Antworten an denselben, Darmstadt, Bismarckstraße 78. Ueber das Ergebnis dec Umfrage wird nach Einlauf der Antworten ein Bericht in der „Hessischen Landwirtschaftlichen Zeitschrift" erscheinen.
** K ei n B a h n h o f s - B uch h ä n d l e c m a n o p o l! Lor einiger Zeit kündigte die Eisenbahndirektion Hannover den verschiedenen Bahnhofsbuchhändlern ihres Bezirks die laufenden Verträge, um den gesamten Bahnhofs-Buchhandel einer Berliner Buchhandlung zu übertragen, ihn also zu zentralisieren. Dagegen wendeten sich die betreffenbeu kleinen Bahnhofs-Buchhändler in einer Eingabe an den Minister der öffentlichen Arbeiten. Wie die „Kreuzzeitung" meldet, hat Minister Budde inzwischen die Zurücknahme der Kündigungen angeordnet und die Zentralisierung des Bahnhofsbuchhandels durch eine Berliner Firma nicht bewilligt.
♦* Keine „Fleischnot". Der Professor der Landwirtschaft an der Leipziger Universität Kirchner, hat in einem Vortrag über die Steigerung der Fleischpreise an der Hand eines reichen Zahlenmaterials nachgewiesen, daß die LZiehpreise im Herbst in der Regel steigen, nach Weihnachten dagegen wieder zurückgehen. So seien im Jahre 1900 die Viehpreise im September um 23 v. H höher gewesen wie im April dieses Jahres im Jahre 1901 im Mai um 20 v. H. niedriger als im Oktober; in diesem Jahre weist der Juni die niedrigsten Preise auf. Von unnormalen Preisen im laufenden Oktober könne keine Rede -sein; für 100 Kilogramm Schlachtgewicht würden am Ber- liner Markt jetzt durchschnittlich 128 Mk gezahlt; im Jahre 1900 wurden 131 Mk gezahlt, 1895 aber 134 Mk. und 1891 sogar 135 Mk für das gleiche Gewicht im Durchschnitt gezahlt. Es unterliegt keinem Zweifel, daß die Preise bald wieder heruntergehen würden; die Haussebewegung sei Mache der Großvi ehhandler, Aus Petersburg wird dem „Hannov. Kourier." geschrieben: „Die Schweinepre.se haben hier in den letzten Wochen einen so gewaltigen Rückgang erfahren, daß kaum noch die Produktionskosten gedeckt werden. Während noch vor einem Monat 10 Wochen alte Ferk l mit 32 bis 36 Mk. bezahlt wurden, sind solche heute für 10 Mk. zu haben. Trotzdem ist gute Schlachtware noch
hat mich schwindelig gemacht. Ich wünsche Ihnen recht, recht unendlich viel Glück, Herr Baron, und Fraulem von Schonburg ebenfalls. Wenn éte meine Tante sehen, wollen Sre bic Gute haben, ihr zu sagen, ich sei nach Hause gegangen?
„Gewiß will ich das. Adieu, Hetty, wollen Sie mir keine Hand geben. Gott behütete, Hetty. Es wrrd schon alles wieder gut für Sie werden." t , X
Setty schlick langsam Don bannen. Sie. sah „aus, wie em kleiner grauer schatten, als sie in das Dorf zmückkehrte, dmch die schonen Gärten und die herrliche sommerliche Natur m^^ Düften mid ihrer wunderbaren Schönheit. Hetty fühlte Nichts von alledem: in ihrem Inneren schien alles erstorben.
Audreys Wunsch entgegen, hatte Margarete darauf bestanden der Gerichtsverhandlung am ersten Tage beizuwohnen. Everetts Verhör und die Zeugenvernehmungen nahmen vorausfichttich zwei volle Tage in Anspruch. Audrey war ebenfalls als Zeuge ge» laden Er, Hetty und der Mann, welcher Franzlus über die Ebene hatte laufen sehen, waren die Hauptzeugen, und deren Auesageu fielen sämtlich gravierend für Everett aus. He^ys Aussage wiederum war von diesen Dreien „die wichtigste. Die ^eute nüsterten sich zu, Armitages Nichte wurde garnicht soviel Kraft haben, das Verhör zu bestehen. Als das kleine Geschöpf jedoch auf der Zeugenbank erschien, machte Jie einen sehr energischen, (vinbruef Zhre Wangen waren vor Ei-regung qâ und di> dunklen Augen strahlten in seltsamem Feuer. Sie gab ihre Antworten in klarem, bestimmtem, fast heraus- Srhmrhf-m Tone ab Ihre Stimme »chwantte auch nicht einen ItSliT Ihre Augen so »oll von oerrweifeltem Mut, waren MUufbiebefunÄ
Kie ruckte nicht mit der Limver, Selb,! die harte Probe des Kreuzverhörs, das man mit ihr anstMe, ertrW ne itaichhait. ^. A < nnpvtt nie mit ber Antw oct, ne mtberjvrach sich nicht ein âlaes Mal Am Schluss- des Verhörs jedoch brach sie bewußtlos zusammen. Wie später von Augenzeugen behauptet wurde hatte Hetty bei ihrer Aussage geflissentlich vermieden, bie Augen nur ein einziges Mal nach jener Stelle zu richten, wo der Angeklagte saß. In dem Augenblick, da sie zum ersten Mule auf den Unglücklichen blickte, war sie totenbleich geworden und ohnmächtig zusammengebrochen. Man trug sie hinaus; ein allgemeines Murmeln von sympctthffcher Teilnahme folgte ihr. Hetty war zweifellos die Heldm des Tages. Ihre außergewöhnliche Schönheit, ihr befcherdenes Auftreten, der Ausdruck der Wahrheit, der ans ihren Antworten klang, da- alles sprach deutlich w beS armen Everetts Schuld.