Donnerstag, den 28. August 1902.
11. Jahrgang
Erstes Blatt
Nr. 199.
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Unabhängige Tageszeitung
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für Lberlieffen und die Kreise Marburg und Wetzlar; Lokalanzeiaer für Gießen und Umgebung
Druck und Verlag der Gietzener Verlagsdruckerei, vorm. Wilh. Keller'sche Buchdruckerei sgegr 1783); für die Redaktion verantwortlich: Albin Klein, Gießen.
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Politische Nachrichten.
— Kaiser Wilhelm wird nach einer Meldung des Carriere de Napoli mit seinen Söhnen in Neapel erwartet. ßr wohnt der Flotte, schau über ein deutsch-italnnischeS Geschwader bei und schifft sich auf der Yacht Hohenzollern zu einer Fahrt durch daS Mittelmeer ein.
Der König von Italien in Berlin.
Potsdam, 27. Aug. Dec König von Italien traf pünklich 5 Uhc 15 Min. mittelst Sondeczuges von Magdeburg kommend auf dec Wildpark-Sation ein. Dort waren kurz vorrher der Kaiser, der Kronprinz, Prinz Friedrich Leopold und sämtliche Prinzen des königlichen Hauses erschienen. Zugleich hatten sich eingefunden die Hofchargen, die Generalität von Berlin und Potsdam, der Stadtkommandant von Potsdam, dcsglcich n der Polizeipräsident und außerdem mehrere zum Empfang befohlene Personen. Als der Zug sig- nalisirt wurde, begab sich dec Kaiser zum zweiten Bahn- geleise und erwartete dort die Ankunft seines Gastes, während sich die Prinzen vor dem Empfangssalon aufstellten. Der Zug fuhr langsam in die Halle ein, die Musik intonirte die italienische Nationalhymne und der Kaiser ging seinem Gaste entgegen, ihm freundlich mit dec Hand winkend. Nach dem Halten des Zuges entstieg dec König elastischen Schrittea dem Salonwagen, beide Majestäten umarmten und küßten sich. Hierauf schritten beide Majestäten zum Empfangssalon, wo die Begrüßung der Prinzen und der anderen Personen stattfand. Nach dem Abschreiten der Ehrenkompagnie nahmen beide Majestäten den Parademarsch der Ehcen- kompagnie ab und verließen in einem vierspännigen Wagen den Bahnhof, um nach dem Neuen Palais zu fahren. Vom Bahnhof bis zum Palais hatten die Truppen Spalier gebildet und ein außerordentlich zahlreiches Publikum hatte sich eingefunden, welches beim Herannahen der beiden Majestäten in laute Hochrufe ausbrach. 3m Neuen Palais fand die Begrüßung der Kaiserin statt.
— Das Schulschiff Charlotte wird nach einer Meldung aus Kiel infolge des Auftretens der Beulenpest in Rio de Janeiro den Hasen nicht anlaufen. Die Charlotte geht nach Jlhagrande ab und erwartet dort weitere<Besehl.
Hannover, 27. Aug. Die Zeitung „V 0 l k s w i ll e", die sich in einem Artikel, betitelt „Ein Dokument deutscher
In eigener Sache Richter.
Roman von L. Haidhei m.
(Nachdruck verboten.)
(Fortsetzung.)
..tÄ diese Brieftasche, aus der auch die 16 000 Gulden iÄÄ”1. ^v Neffe Frohberg, Tu wirst Dich darüber >u verantworten haben, denn Du warst derjenige, dem die Ver- °^tunâ der GeLer anvertraut worden. Warum hat man nie tatet fmbe ^o! ?^ort' ^" fl* doch in meines Vaters Brief
er fi» k™m$. anc£ hatte aufzuckend die Worte gerufen, indem Äugm luräb^ und ihn mit scharfen mitztrauischen 61a6 vor t^rÄÄ^tn — die Erbberechtigten — jeder wurde vlav vor der btletdigenden Sprache des ältesten der Familie.
«»h»<£3?cl3k "°n diesem Schein nie gehört, weil ich ihn eben- öntwor? ^war"^'^'^ ®c^!" wütete Burkard Frohbergs bafe mart H ft^ «-worden, aber er sprach so ruhig, vav man oaiauè nicht horte, wie es in ihm stürmte.
. ,davon später! Kommen wir zur Sacke'" entfefueb ber «Aftlkaner , der sich in jeder Hinsicht völlig als Hauvl der Fami ie zu fühlen schien, aber als ein strenges Haupt, effioffen feine Rechte geltend zu machen, bis zum letzten Buchstaben '
Niemand beachtete, daß Graf Joseph sich wie kraftlos auf oen Swhl sinken ließ, von dem er einporgi!vrung-n war, als dies Kodizill erwähnt wurde. ' ö
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Aber alle hatten bemerkt, daß der Majoratsherr ganz genau die Tragweite bteler Neuigkeit erkannte! Dies Kodizill war vergaßt, nachdem der Testator seinen Enkel Burkard kennen gelernt tine Tochter wiedergesehen hatte.
• Nun endlich kam man zum Lesen des letzten Testaments. Es enthielt nach dem üblichen Eingang und allerlei sonderbaren Betrachmngen des alten Herrn die Erklärung, daß er seine früheren letztwilligen Verfügungen samt und sonders widerrufe und hiermit bestimme, daß - da leine beiden Söhne vor ihm verstorben seien, ihm auch nichts als Kummer und Verdruß bereitete hätten — nicht etwa die männlichen Erben derselben, falls solche vorhanden seien (er wisse nur von einem Sohne des ältesten und der gehe ihn nichts an) sondern der zu 3Mt bestehende Erbe des Majorats auch Das Allodialvermögen erben solle, was er hinterlasse, »mit Ausnahme der Pflichtteile, die den etwaigen Erben seiner mißratenen »Dohne und seiner ihm rnWuen '-^ rukommen wurden.
Schande", mit der Auslieferung des russischen Studenten Kalojew an die russischen Polizeibehörden befaßt, wurde polizeilich beschlagnahmt. Polizeibeamte siud damit beschäftigt, die betreffenden Nummern in den Gastwirtschaften etc. ein- zuziehen. _____________
— Ein Lehrerbeleidigungs Prozeß. Die„Sächs.
Schulztg." berichtet:
„Vor einigen Tagen sprach in Lichtenstein-Callenberg der sozialdemokratische Redakteur Rühle aus Chemnitz in einer Volksversammlung über „Darwin und Moses" und machte hierbei dec Lehrerschaft den Vorwurf, daß sie selbst nicht glaube, was sie in religiöser Beziehung lehre. Hierauf ist im Namen der Lehrerschaft Strafantrag gestellt worden."
Der Prozeß verspricht, weithin großes Interesse zu erregen. ___________
Zur Kleischnot. Auch die Fleischer-Innung in Bochum veröffentlicht, wie man uns von dort mitteilt, folgende Bekanntmachung:
Infolge dec nun schon seit längerer Zeit anhaltenden, noch fortgesetzt steigenden Schwein epreise, sowie auch wegen des außerordentlich hohen und allem Anscheine nach noch nicht auf dem Höhepunkte angelangten Rindviehpreises sehen sich die hiesigen Fleischer- meister gezwungen, trotz der so sehr daniederliegenden Konjunktur, die Preise für Fleisch- und Wurstwaren zu erhöhen. Um der irrigen Meinung des Publikums, als seien die Fleischer schuld an diesem Preisaufschlag, von vornherein entgegenzutreten, erklärt die unterzeichnete Innung, daß diese Teuerung eine Folge der Knappheit des Schlachtviehs ist, welche durch die gänzlicheAbsperrung der deutschen Grenzen gegen die über einen viel größeren Viehreichtum verfügenden Nachbarstaaten hervorgerufen ist; denn wie die Erfahrung beweist, ist die deutsche Landwirtschaft nicht im Stande — trotz gegenteiliger Behauptung — den Bedarf an Schlachtvieh für das Deutsche Reich zu decken, und es ist auf eine Aenderung nicht eher zu rechnen, bis die Grenzen wieder geöffnet sind.
Die Fleischer-Innung Bochum,
— Noch ein Felcw^bel. Einem Berliner reaktionären Blatt wird aus Marienwerder (Westpreußen) zur Illustration des ostelbffchen Kastengeistes geschrieben:________
Par & ^cr Dou des „Afrikaners" Lippen
Das Allod a„ den a-iaiovatèerben! Er sah sich frohlockend im Genchtszunmer um.
. r ^??^ber noch eine Reihe von Bestimmungen seigre, so las der Genchtsbeamte weiter bis zu Ende.
dumpfes, schweres Schweigen der übrigen herrschte als er schwieg. Nur der Maioratsherr wiederholte: „Tas Allod, dem Maioratserben! Und der bin ich!"
„So hätten wir also hier nun noch das Kodizill", fuhr der Beamte fort, „Ich brauche nicht zu wiederholen, daß es die volle Gultiakeit eines Testamentes hat."
Und er begann wiederum zu lesen.
„Ich habe mnf Testamente gemacht; - sch erkläre sie allesamt für null und nichtig und will, dan meiner Tochter Eäcilie Sohn, den ich als einen vortrefflichen, ehrlichen Menschen kennen gelernt habe und als einen so tüchtigen Gutsherrn und Wirtschafter, wie ich ihn für meine Herrschaften brauche, mein Universalerbe werde. Das ganze Allodialvermögen, welches ich hinterlasse, soll er erben, er soll die Tochter meiner Nichte, Alexandra von Wazlaw, heiraten, das Mädchen heißt Maria und er mag sehen, wie er mit ihr fertig wird, wenn sie ist wie ihre Mutter. Er soll für seine Schwester und die Wazlawi'chen Kinder sorgen wie ein Bruder, und soll mit der Nkaria in Klaino wohnen und die Witwe Wazlaw mag in Krapolno bleiben.
Sodann will ich, daß mein Enkel Burkard von Frohberg meinen Namen vor dem seinigen trage für sich und seine Nachkommen, mit kaiserlicher Geuehiuiguna.
Es folgten dann noch einige Wiederholungen von nebensächlichen Bestimmungen und das Testament war beendet.
„Ich protestiere! Ich protestiere!" rief, eh' der letzte Ton verklungen war, schon der Majoratsherr.
Der Beamte hörte garnicht darauf, sondern wandte sich mit derselben geschäftlichen Ruhe, mit welcher er gelesen, an Burkard, der sehr erschüttert, nicht wußte wie ihm zu Mute war.
„Nehmen Sie die Erbschaft ihres Großvaters an, Herr von Frohberg?"
„Ich nehme sie an!" lautete klar und fest die Antwort.
» -Aber ich protestiere!" schrie leidenschaftlich Graf Ebern. _
„Das bleibt Ihnen unbenommen, Herr Graf; vorläufig wollen wir das Protokoll c
»Das machen Sie nur — ich komme schon wieder! lautete die Antwon ^-s „Afrikaners" und er verließ wütend das Gerichts- zimmer?'üe T^ür hinter sich hart zuschlagend. ^er Beamte sah chm betroffen nach. . ... r .. N^üliJ) sr^.e er l.or ^Z---^ k^ -u -......... «^ w
J»sertto«SpreiS» Die einspaltige Petitzeile für Gießen wie ganz Oberbeffen, die Kreise Wetzlar und Marburg 10 Pfg. sonst 15 Pfg. - Reklame, die PetitzeUe 30 resp. 40 Pfg.
Postzeitungsliste No. 3032.
Redaktion und Expedition: Gießen Neuenweg 28. AerMsprech«Mschl«ß Nr. 368.
Sowohl die höheren Beamten haben ihren eigenen geselligen Verein und ihr Klublokal wie die Subaltern- beamten. Diese haben ihren eigenen Gesang-Verein, jene ebenfalls, und wehe Demjenigen, der diese Schranke zu durchbrechen oder zu überbrücken wagt! Natürlich hat sich der Handwerker- und Kleinbürger-Stand auch zusammen- gethan. Und unter solchen Verhältnissen soll das Deutschtum erstarken? Man sieht ja die Früchte. Das Polentum dringt auch im Kreise Marienwerder immer weiter vor.
Folgender ist zu erwähnen: Wenn ein Regierung-, beamter eine Gesellschaft giebt, so werden im allgemeinen- wenigstens bei den sogenannten Pflicht-Gesellschaften, sämtliche Mitglieder der Regierung eingeladen, mit Ausnahme des königlichen Landrentmeisters und Rechnung-rats Schirrmacher. Dieser allgemein geachtete und beliebte Herr hat nämlich das Unglück, daß er früher Feldwebel war.
So lange die schönen Worte vom sozialen Ausgleich usw. nicht in Thaten umgesetzt werden, wird alles beim alten bleiben; der Sozialdemokrat und der Pole sind sich die sich freuenden Dritten. Die Reformation muß von oben kommen. Wer ehrlich urteilt, wird zugeben müssen, daß trotz aller Sozialresorm die Gegensätze sich immer mehr verschärft haben.
Deutscher Katholikentag.
Mannheim, 27. Aug. Die heutige dritte ge- schlosseneGeneralversammlung warschwach besucht. Graf zu Droste-Vischering berichtete über die Thätigkeit dec Banifatius-Vereine. Abgeordneter Dr. von der Scherr behandelte den Antrag zum Duellwesen. Dec Antrag wurde angenommen. Weiter sprach sich die Versammlung für eine energische Sammlung für den P et ecsp fennig aus. Ein fernerer Antrag erklärte bei Einführung des obligatorischen Fortbildungsschulunterrichtes der Aufnahme desobligato rischen konfessionellen Religionsunterrichtes in den Lehrplan als wünschenswert. Der Antrag wurde angenommen. Weitere Anträge betrafen das Volksbildungswesen und die katholische Colportage. Sanitätsrat Ruegenb er g- Bonn begründete einen Antrag auf Einführung populär wissenschaftlichen Vorträge, Redakteur Weilbächer einen solchen auf Bekämpfung der farblosen Presse. Zum Schluffe wurde eine vom Vorsitzenden verlesene Resolution zu Gunsten der Orden angenommen.
Nachmittags 5 Uhr fand die dritte öffentliche Generalversammlung statt. Professor Dr. E n d r i eß sprach über das Thema KatholizimuS
eine au Beut wichtige Sache „im Besitz" zu sein. Kommt es Dann zu eiuem Prozeß, so haben Sie unzählige Vorteile; ich rate Ihnen dringend, Herr von Frohberg, eilen Sie, so schnell Sie können, Klaino in Besitz zu nehme . *
Seine Mienen, seine Aufregung sagten viel mehr, als seine Worte. Burkard begriff — der „Aftikaner" war schon unterwegs. Eine Gluthitze stieg ihm zu Kopfe. Das galt also einen Kampf.
„Hier —! hier! — bitte erst Ihren Namen!" drängte der Aktuar und legte Burkard das Aktenstück vor. ,
So! — mit fliegender Feder hatte er geschrieben.
„Und nun - fort! fort! - Herr Aktuar! wenn Sie mitführen! Daß nichts vergessen wird!" flüsterte der Beamte dem jüngeren Manne zu, der eifrig nickte.
Burkard lief schon fort: - erst jetzt bemerkten sie, daß Graf Joseph, der Enterbte, das Gerichtszimmer auch verlassen hatte. Nur die beiden Damen waren noch da, die einstigen intimen Freundinnen; heute standen sie sich verlegen und kühl gegenüber im innerlichen Widerstteit eine wie die andere.
Für Frau von Frohberg war Alexandras Parteinahme für den Gegner ihres Sohnes verletzend. Hatte doch ihr Bruder Burkard in dessen Abwesenheit nur Rücksichtslosigkeiten und eine Feindseligkeit bewiesen, die bis jetzt durch nichts von des Neffen Seite herausgefordert war. ~ t , _ . „ „
Dennoch lag es in ihrer liebevollen Art, daß sie der Cousine die Hatck bot: „Du bist nun versorgt, Alix, wie mich das freut! Und wer weiß —" . ™ .
„Versorgt wäre ich jetzt auch ohne Demes Vaters Gnadenakt. Ich habe mich mit Ernst Nepomuk verlobt, wir heiraten uns in allernächster Zeit!" lautete die Antwort.
„Alix? Tu willst diesen Bauern heiraten?" Frau von Frohbergs Augen und Mienen sagten, was bie Lippen nicht aussprachen.
„Er hat mich geliebt als ich noch ein Kind war und mir diese Gefühle bewahrt.
„Aber Alix - Ihr - Du paßt nicht zu ihm. Du wirst -•
„Ich werde Gräfin Ebern, bte Gemahlin des Majoratserben und Deine Schwägerin - vergiß dies nicht, Cäcilie!"
„0, gewiß nicht, Alix! Gott fei mit Tir!"
3m großen Saale des Hotels, wo eben der Verein der adligen Herren seine mte Sitzung abhielt, schien man instinktiv zu suhlen, daß in bteier Minute die Entscheidung gefallen war in der Ebernichen Erbichastsiache, denn als Emst Nepomuk vom Gerichtshauie daher gestürmt kam, hätte er die Siaudeègenossen und Bekannten ,eines ventorbeucn Paters Kopf an Kopf vor d«a Senilem sehen können, brennend vor Neugierde. —
(Fortsetzung folgt).?