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Nr. 172.

Erstes Blatt

Montag, den 28. Juli 1902.

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11. Jahrgang.

rlbo»«eme«töpre1S : in Gießen, abgeholt monatlich 50 Pfg-. in'S HauS gebracht 60 Pfg., durch die Post bezogen viertel­jährlich Mk. 1.50.

sgratkSbeilagc« Oberhessische Familte«; et/"*g täglich) Ob-rhessische Zeitschrift für yd*btoirtfd)afL 0bft n«d darteuban, sowie die Gießener Seifenblafe« wöchentlich). DaS Blatt erscheint an -ven Werktagen nachmittags.

Gießener

I»sertlo»Svre1S: Die einspaltige Petttzeile für Gießen wie ganz Oberbessen, die Kreise Wetzlar und Marburg 10 Pfg. sonst 15 Pfg.; Reklame» die Petttzeile 30 resp. 40 Pfg.

Postzeitungsliste No. 3032.

Redaktion und Expeditton: Gießen, Neuenweg 28. Ferusprecha»schl»ß Nr. 362.

Deuelle Nachrichten

(chiekener Dagevtatt)

Hlnabhängige Tageszeitung

(chießener Weitung)

für Lberkeffen und die Kreise Marburg und Wetzlar; Lokalanzeiger für Gießen unb Ilmaebuna.

- erlag bër Gießener VerlagSdruckerei, vorm. Wilh. Keller'sche Buchdru^erei, lqegr. 1783); für die Redaktion verantwortlich: Albin Klein, Gießen

Ein Kaiserm anöver-Ltreiflicht.

Die in wenigen Wochen stattfindenden Kaisertage in Posen werfen bereits jetzt ihre Schatten auf diese Provinz. Im öffentlichen und privaten Leben, auf teutscher- und auf polnischer Seite, in amtlichen und nichtamtlichen Kreisen wird das Manöverthema mit ctinec Lebhaftigkeit erörtert, die die hohe Bedeutung des Kaiserbesuchs zur Genüge kennzeichnet. Das überein­stimmende Urteil dec Deutschen geht dahin, daß die Anberaumung des glänzendsten aller Manöver für das fZinste Armeekorps, die Reise des Monarchen, der staats­männischen und militärischen Würdenträger nach der .^covinzialhauptstadt nicht zeitgemäßer erfolgen konnte. Diese Septembertage werden sich zu einer kraftvollen .Kundgebung des gesammten Deutschtums gegenüber km Polentum gestalten, sie werden das deutschnationale Bewußtsein in elementarer Weise zur Geltung kommen lassen. Das Alles wissen die Polen sehr wohl, sie sind deshalb um so eifriger bemüht, ihrer Abneigung gegen die Deutscheu und dem polnischen Solidaritätsgefühl Ausdruck zu geben. Selbst die polnischen Landarbeiter, bie sonst in fast stumpfsinniger Teilnahmslosigkeit da­hinleben, sindallarmict" und auf das Kommende

einen äußerst empfindlichen, hätten die Polen selbst. Die Besorgniß, es könnte zu solchen kommen, läßt sich bei dem jähzornigen Wesen dec Polen nicht ganz ab­weisen, wenn auch andererseits anzunehmen ist, daß die Entfaltung einer so gewaltigen militärischen Macht den Polen Respekt einflößen wird. Die Deutschen erwarten von den Kaisertagen in Posen jedenfalls eine außer­ordentliche moralische Wirkung, eine nachdrückliche Kräftigung ihrer Interessen und ihrer Gesammtstellung zum Polentum; sie hofften zuversichtlich, daß die Kaisermanöver einen Markstein in der Geschichte des Abwehrkampfes der Deutschen in der Ostmark bilden werden.

~ PoliiHcbe Nachrichten.

Berliner Gäste.

In Berlin weilen auaenblicklich, wie bereits berichtet, zwei hochinteressante Persönlichkeiten. Der eine ist Herr Dr. med. B. O. Kellner, der Bürgermeister von Bloem­fontein, der auch nach dem Friedensschluß dar Oberhaupt

I Prinz Komatsu, ein Verwandter der japanischen Kaisers. Der hohe Militär war bereits im ~ "

Gemahlin in Berlin, er war jetzt

Jahr 1886 mit seiner

zur englischen Krönung

vom Mikado mit

aufmerksam gemacht worden. Es läßt sich nicht mit I Bestimmtheit sagen, wer dies zu Wege gebracht hat;

vielleicht ist die Geistlichkeit nicht ganz unbeteiligt. Bezeichnend sind jedenfalls die Kraftworte der bei den Erntearbeiten beschäftigten Polen und Polinnen, wenn Soldatenabtheilungen auf dec Landstraße marschieren, was jetzt tagein, tagaus der Fall ist, da die Vorüb­ungen zum Manöver aufs eifrigste betrieben werden. Die Soldaten verstehen in der Regel nicht, was ihnen ton den polnischen Landarbeitern zugerufen wird, da die Militärverwaltung den Mannschaftsersatz für die posenschen Regimenter zur Zeit den westdeutschen Be- ziicken, besonders aus den Westfalen und Hanseaten, ernt nimmt, während die Rekruten polnischer Zunge zu­meist ccichsländischen Garnisonen zugewiesen werden. Manöver im Posenschen bieten schon an sich den Sol­daten, Offizieren und Mannschaften, nichts weniger als Annehmlichkeiten. Wer Wohnung und Kost bei Polen, zumal in Landstädten oder Dörfern, zu nehmen hat, wird |id) um eine schmerzliche Erfahrung bereichert fühlen. Hub nun gar bei den Kaisermanövern, in einer ! Zeit, da dec Deutschenhaß bei den Polen in» Kraut

Rollen ist! Hoffentlich sind die Aufwiegler des pol- ruschen Volkes so klug, dieses vor thätlichen Ausschreit- Q^cn di? Soldaten, wie gegen die Deutschen mai uic .yamm wicucigu|c^cn. unum ^«ji, uw in uw i Der yaupt zu warnen. Den Schaden davon und zwar | Reichshauptstadt weilt, fftder japanische Fe ldmarschall

dieser Stadt geblieben ist und seiner Zeit die Schlüssel der Hauptstadt des Oranjefreistaates an Lord Roberts über­geben mußte. Bürgermeister Kellner ist ein Charlotten­burger Kind, er besuchte in dieser Stadt das Gymnasium, studierte in Berlin und diente bei den 2. Gardeulanen sein Jahr ab. Im Jahr 1863 wanderte er nach dem Oranje- freistaat aus. Das allgemeine Vertrauen machte ihn zum Mitglied des Volksraad, es sandte ihn in die Stadt­vertretung und machte ihn schließlich zum Bürgermeister. Er

hat jetzt ein halbes Jahr Urlaub genommen um endlich ein­mal die Heimat wiederzusehen. Der andere Gast, der in der

In eigener Sache Dichter.

Roman von L. Haid heim.

(Nachdruck verboten.)

(Fortsetzung.)

Ich bin froh, daß Sie kamen, Vetter I Wir allein repräsentieren amtlichen Teil der Familie und es ist doch um Großvaters

n^W Ulli

^a^ä^^ch/n "" qwemnv MHV vy Mi wu; Ulli VZH U tjUULCL 9 n»iuem den Herren gegenüber gut, daß der Alte nicht so ganz verlassen von den Seinen ist."

^ÄAÄ W-"'°« °ls vornehme Frau die .Sie vergessen meine Mutter, Ebern !'

' â Venechung, natürlich, sie ist die nächste!'

_,« rX N»Ä!L.?in!°v? ,°b» ist meine Mutter die letzte, die Wicht!" Mächte Wert legen wurde. Hier ist es einfach R, »".'vEe weit hat Ihre Mutter bis Klaino? Oder kommt (rmtr^ffirnf ^E'/n^' ^ ^ ^5!^ Leiche dahin zu begleiten?" magte Graf Joseph, der emeutlich, wie er behauptete seinen orädeinnier/^ at e tr ^'chlte sich zum Ceremonienmeister

.., Burkard gab dahin Auskunft, daß die Leiche in aller Sttlle nachts nach Klaino geschafft werde und daß sich dort das ganze Trauergefolge versanimele, a 4

. Las kleine einfache Kravolno eignete sich absolut nicht für den Empfang der zu erwartenden Standesgenossen.

R-.,. d'Eer aber werde seine Mutter mit Lischa kommen, den ^ ^aoch eln letztes Mal zu ichen, schloß er dann und niachte sich nun eilig bereit an seine Geschäfte zu gehen.

leid â s.^"r°n,A'E den Morgen zu verleben? Es thut mir Pionm nn'nnxlk überlassen zu munen, tagte er, sich eine E'9 "jl anzundenduudden Kasten dann dem Vetter hinschiebend, °«r nnnttamich auf dasKraut" blickte.

Krapölno machen!" " 6c'bcn vieren Herren die Honneurs von uni- tâc^o^ /achteDie sind seit acht Uhr abgereist, ja, ja, . Leute vom Lande sind halbe Wilde!"

Nmf'Ävb lackend ° d^"i?^ sich thun läßt", entaegnete i«y®erpeM^ einstweilen will

Depelche auneb.n an meine Wirtin, um meinen Koffer." (in Eid iinh^ff^ ^^/^ ich Sie als meinen Adjutanten âapolno g^ ^ sollen schon sorgen, daß es Ihnen in

So hatte Burkard für denarmen" Vetter immer ein freund­liches Wort.

Graf Joseph sah ihm nach, mit einer warmen Empfindung, wie er sie selten in sich gegen andere gespürt. Frohberg war eigentlich ein stattlicher, sehr gut aussehender Mann, nur ein bißchen reichlich Landjunker! Das hatte der elegante Kavalier, Anfang unangenehm gefunden; 91 ____ , ......ch beruhende Wesen sehr sympathil« faßte Zutrauen zu dem Manne ... .'_______ _

Lebenslage versagt.Ich wäre gern Soldat geblieben", hatte Burkard geäußert,aber wer hätte unser Gut übernehmen sollen? Die Mutter und Lischa mußten doch leben."

Ob in diesem Verzicht auf einen liebgewordenen Beruf der leise Ansttich von Melancholie zu suchen war, der in seinen

der er war, im

dies feste, in sich faßte Zutrauen ?

eute kam ihm

. sympathisch vor. Man wie zu einem, der in keiner

dunklen Augen lag und sogar aus seiner Stimme hervorklang? Oder war das nur heute und galt der bitteren Enttäuschung um die Erbschaft?

Und doch war Frohberg immer gütig und herzlich gesinnt? Und gegen Dich!" hallte es Joseph Ebern durch die Seele. O, wenn er doch den gestrigen Abend ungeschehen machen könnte! Er war ja entschlossen lieber zu betteln, als von den Scheinen auch nur einen zu wechseln, aber gethan hatte er es nun einmal und kein Bereuen machte diese diese

Außer sich sprang er empor. Das war ja eine verwünschte Schwäche, die ihm bei jedem Gedanken den Schweiß aus allen Poren trieb. Es lief ihm eiskalt über den Rücken und er konnte es nicht lassen mit den Fingern an seinem Nocksutter umher zu tasten, wo es leise knisterte, als er stärker.zufaßte.

Eben ritt Frohberg vom Hore. Er saß vortrefflich zu Pferde, das Tier war ein edles, aber wild und ungebärdig; doch Die Ruhe des Reiters wurde dadurch nicht erschüttert.

Die Depesche nahm gleich darauf der Postbote mit; Graf «sehnte sich plötzlich nach einem seiner anderen Anzuae. Er etohlen, ihm den ganzen Inhalt 1 ein er ^chl ante zu 1 ch cken.

Ach - hier bleiben! Nach all den Beangwg^ wo er sich tagelang nicht mehr auf die Lttatze ge.raut, aus grünbeter Furcht vor seinen wütenden Glau

* Darum hatte er auch an icme Wirtin depeschiert.Mem Großvater, Majoratsherr, gestern seltorben, bleibe einsttoei hier!" Die würde es jedem erzählen und man wurde denErven des Grafen Ebern einstweilen in Ruhe lauen. summen

Der Gedanke machte ihn ganz vergnügt. Mochte^ was da wollte, es mußte für ihn Geld fluwg werden, ein Psilcht- teil immerhin!

großem Gefolge nach England entsandt worden. Nach längerem Aufenthalt in Paris hat er sich jetzt wieder der Reichshauptstadt zugewandt. Der Feld- . marschall wird von Berlin auf dem Landweg nach feiner Heimat zurückkehren, um aus diese Weise zugleich die sibirische Eisenbahn studieren zu können.

Zur Frage der Abschaffung der Ge­ri chtsferien nehmen nun auch die Juristen das Wort. So dec Landgerichtsdirektor Dr. Meisel zu Darmstadt in derD. Jur.-Ztg.". Seine Anregung geht dahin, den Kreis dec Feciensache erheblich zu er­weitern. Meines Erachtens sollte man gesetzlich zu Feriensachen erklären: alle Focderungsklagen (ohne Rücksicht auf den Streitwert), gegen Schuldner, von denen gerichtsbekannt ist, daß sie häufig verklagt werden oder von Exekutionen betroffen sind. Bei den Amts­gerichten pflegen derartige Klagen zur Zeit schon auf Antrag als Feriensachen erklärt zu werden; eine davon verschiedene Haltung wird am Landgericht be­obachtet. So wurde kürzlich bei der Feriencivilkammer eine Fordecungsklage angebracht mit dec Bitte, sie als Feriensache zu bezeichnen. Beigefügt war eine Be­scheinigung des Gerichtsvollziehers, inhaltlich deren er eine Reihe von Zwangsvollstreckungen gegen den Schuldner betreibt. Man sollte denken, daß hiernach die Gefährdung des Gläubigers hinreichend glaubhaft gemacht erscheine. Die Ferienkammer lehnte indeß den Antrag ab, da durch die vorgelegte Bescheinigung noch keineswegs dargethan sei, daß die Angelegenheit be-

Und nun ftectte er sich ganz erleichtert, wenn auch mit der« selben kritischen Miene von vorhin, eine Cigarre an und schlenderte auf dem Hofe herum, bejah sich, ohne irgend welches Verständniss die Ställe und Scheunen und dachte erunlich darub/rr nach, auf welche Weise man hier wohl den Winter über bie Zeittotx

schlagm^ ^ume.â^ ^^^ fhin eine solche Möglichkeit freilich nichL doch hoffte er, daß es in bei Umgegend ein paarpagenb^ Nachbarn uni wohl auch einige umgängliche geistliche Herrett geben werde. Schließlich wäre man der Trauer halber ja doch auch in Wien völlig ausgespannt, dort mehr als irgendwo sonst! und dafür lebte man fidel nue der Vogel m Gezweig und brauchte sich nicht um das tägliche Brot und das noch notigere standes- gemäße Auf^ die Knechte, und Mägde ihm neu­

gierig nachsahen und daß sie ihn wohl für ,ben neuen Herrn hielten. , _ , ,

Wäre er es nur auch gewesen! . c .

Aber immerhin! Er gab sich wenigstens das Ansehen ttneS solchen und stolzierte mit Selbstgefühl vor ihnen herum bisk er es satt hatte und eine junge helle Stimme, die im Park nach jemand rief, der Bela hieß, dorthin lockte

Als er aber in die ÄZildms emtrat, die si^ mtt diesem stolzen Namen hinter einer hoben Mauer hinzoâ war dott alles ein,am und totenstill. Graf Jo,eph ,ah seine keinen Stiefel be­sorgt an, aber was war am Ende daran zu verderben, nach der gestrigen Fußwanderung? Man hatte sie ihm zwar so gut wie möglich geputzt und zurecht gemacht, aber aus dem Facon waren ^ nUgo rotierte er es also und schritt auf vöMg vergrasten Wegen zwischen Rasenplätzen, Gebüsch und schrecklich verkrauteten Reeten hab n Sier und da blute eine vereinsamte Blume noch, soaar eine Nosenknoèpe fand er und konnte^ sie ins Knovsioc^ ttcken/è es »schuuderhast" und hatte seinen

Blick für die malerische Schönheit, die sich überall einem kundigeren Singe (^ncntart^^ Seich lag im Gebüsch versteckt, völlig überwuchert von Schilf und allerlei Wasserpflanzen; er umging ihn und kam an die hohe Mauer, die den Park von den dahinter liegenden Wiesen abschloß und hier eine Ecke bildete, in welcher eine uralte Sandsteinbank stand, halb in die Erde versunken und überwachsene Mauer lehnen»..

lagen auf der Bank ein Paar lange c. ein Buch; Damenhandschuhe?

sich geaen die mit Evheu überwa^ Graf Joseph stutzte. Da la, dänische Handschuhe, darunter mi Allerdings! Abgenutzt aufs äußerste.

Fortsetzung folgt.)