Einzelbild herunterladen
 

Nr. 301.

A»v*.«eme«t^pret-: in Gießen, abgeholt monatlich SV Pfg., ins Hau- gebracht 60 Pfq., durch bte Poft bezogen viertel­jährlich Mk. 1.50.

Gratisbeilagen Oberhesfische Kamiltenzettnng (täglich) Hberhesfifche Zeitschrift für Landwirtschaft, Cbft nad Gartenbau, sowie die «ieftener Geifenblafe« wöchentlich). Da- Blatt erscheint an allen Werktagen nachmittag-.

SamStag, den 27. Dezember 1902.

Gießener

_______________11. Jahrgang.

ZmeetiavSvrelS : Die einspaltige Petitzeile für (Dießen wie ganz Oberhessen, die .Kreise Wetzlar und Marburg 10 Pfg sonst 15 Pfg.,- Reklamen die Petttzeile 30 resp. 40 Pfg.

Postzeitungsliste 9h. 3260.

Redaktion und Expedition: Gießen, Neuenweg 28.

Ferusprechanschlnft Nr. 362.

Deuelle Machrichlen

(chießener Iagevtatt) Unabhängige Tageszeitung (Lietzener Seilun.z-

für Oberhesfeu und die Kreise Marburg und Wetzlar: Lokalanzeiger für Gittzen und llm,' "ung.

Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh Bürgermeisterei Gießen und anderer Behörden von Oberhessen

«"^"'"^"«""""''"'B"B",M"^»»m»ÄM»M«m«io«MMi^«Ääbi

Der Konflikt in Dresden.

OK Dresden, 26. Dezember.

Der Bruch zwischen bem sächsischen Kronprinzen unb seiner (Gemahlin Luise Antoinette ist der allgemeinen An sicht nach unheilbar. Wenn die hiesige, der lebensfrohen Prinzessin herzlich Angetane Bevölkerung anfangs hoffte, es sei nur eine Wirkung von in ihrem Zustande erklärlicher nervöser Ueberreiztheit, die sie 511 einem hastigen, nn überlegten Schritt getrieben, so macht sich jetzt immer mehr die Ueberzeugung geltend, daß die Fürstin nad) einem wohlüberlegten Plan gehaildelt hat. Sie hatte die Absicht, ein für allemal ihr unbequemen Banden zn ent rinnen. Zu diesem Zwecke vereinte sie sich mit ihrem Bruder, dem Erzherzog Leopold Ferdinand. Beide Ge­schwister begeiferen sich in Neigungen zn Personen außer­halb ihrer Gesellschaftssphäre. Die Kronprinzessin hat sich, wie es sich nach den letzten Veröffentlichungen leider nicht mehr bestreiten läßt, von dem früheren französischen Sprachlehrer ihrer Kinder, Professor Giron, betören lassen, mit dem sie sich jetzt in Genf zusammen in einem Hotel äufhälf. Mit dem Paare zusammen wohnt dort Erzherzog Leopold Ferdinand, begleitet von der Wiener Schauspie­lerin Adamovics, die er zu heiraten geben st. Der Erz Herzog richtete an den Kaiser einen Brief, in dem er seinen Austritt ans der kaiserlichen Familie anzeigte. Gleich zeitig sandte er alle seine Orden, darunter das Goldelle Bliest, an die znstängige Hofstelle und gab sein Scheiben aus der Armee bekannt. Kaiser Franz Josef hat bereits offiziell seine Einwilligung dazu gegeben, daran aber die Bedingung geknüpft, daß der Erzherzog nie mehr nach Oesterreich znrückkehren dürfe. Der Erzherzog wird den bürgerlichen Namen Leopold Wölfling annehmen. Erz- berzog Leopold ist schon lange mit seiner Familie zerfallen. Als Oberst eines in Jglan garnisonierenden Infanterie­regiments wurde er in eine Skandalaffäre verwidelt und zur Disposition gestellt. Seit seinem unfreiwilligen Uv hübe wohnte der Erzherzog in Salzburg. Die intimen Bande, welche ihn mit seiner ältesten Schwester, der Mron* Prinzessin von Sachsen, seit jeher vereinigten, dauerten unbehindert fort, und deshalb dachte sie an ihn, als sie in den unlösbaren Konflikt zwischen Pflicht und Neigung geriet und der Erzherzog sagte zu.

Zur Eutschltldigung des Schrittes der Kronprinzessin wird hier angeführt, daß ihre Verlobung mit dem Kron­prinzen gegen ihren Willen stattgefunden habe. Im Jahre 1891 hatten die großherzoglichen Eltern der Prinzessin ihren Sommerau Enthalt, wie gewöhnlich, in dem Schlosse in Lindan. Da erschien dort der derzeitige Fürst von Bul­garien, Ferdinand von Coburg, um die Hand der Erz­herzogin Lnise zu werben. Er verblieb in Lindau etwa drei Wochen lang und gewann während dieser Zeit auch das Herz der Erzherzogin, die ihm ihre Hand reichen wollte. Damals war noch der Dhron des Fürsten Fer- binanb lange nicht so gefestigt, wie heute, seine inter­nationale Position noch nicht gesichert. Die Hand der Erzherzogin würbe ihm verweigert. Aber als dann später der zukünftige Kronprinz von Sachsen als Freier anstrat, weigerte sich die Erzherzogin anfangs, ihn zu ehelichen. Sie verschwand ans der Sommerresidenz in Lindau und suchte Zuflucht im Kloster Sacré coeur in Riedenburg bei Bregenz, in dem nämlichen Kloster, in dem ihre Mutter erzogen worden war. Erst nach drei Dagen gab sie dem Grostherzog, ihrem Vater, in einem Briefe ihre Einwilli­gung zur Eheschließung mit dem sächsischen Prinzen be­sannt.

In unserer Stadt kolportiert man jetzt überhaupt eine Menge von Histörchen. Die unbefangen heitere Art der Prinzessin paßt wenig in das straffe Zeremoniell des Hofes. Sie konnte beispielsweise bei der offiziellen Hoftafel ihr Mâs erheben und bem König ein lustigesProsit!" zu- rufen: sie winkte aus der Hofloge munter ihren Bekann­ten zn und streckte thuen die Hand entgegen: sie.nahm an einem Stiftungsfest des Oesterreichisch ungarischen Hilfs­vereins teil, wo sie wacker als Patronesse des Ballfestes mit in die Reihen der Tänzerinnen trat und auch den Kotillon flott mittanzte, bei welchem es ja vom Zufall abhängt, welche Paare zusammengesührt werden? Das mußte hier Aufsehen erregen.

Alle Krise der Bevölkerung sehen mit Spannung einer endgiltigen Erklärung der Regierung über die ganze An­gelegenheit und der Haltung des königlichen Hofes ent­gegen. Als unbedingt feststehend gilt in eingeweihten Krei hm die Tatsache, daß eine Rückkehr der Kronprinzessin an die Seite ihres angetrauten (hatten ausgeschlossen ist, ferner, daß die z i v i l r e ch t l i ch e S ch e i d u n g des kron- prinzlichen Paares erfolgen, aber von einer kirchlichen Trennung abgesehen werden wird. Daher fallen auch alle Kombinationen fort, die sich an die Frage knüpften, ob der Papst den Dispens erteilen wird ober nicht. Würde der Papst baruni angegangen worden sein, so dürfte er sich bei der ganzen Sachlage saunt ablehnend verhalten haben.

Castro in INoten.

Die Blockade der venezolanischen Küste macht dem Präsidenten Castro bei weitem nicht so viel zu schaffen wie die inneren Schwierigkeiten. Während die Blockade nicht sowohl die Venezolaner, als vielmehr die fremden Geschäftsleute schädigt, also für Castro einstweilen ziein- lich gleichgiltig bleiben kann, sieht es mit der Re V 0- l u t i 0 n ganz anders aus. Der Waffenstillstand zuüscl^n der Regierung und den Führern der Ausstäudischen hat nun mehr sein Ende erreicht. Die Regierung erhielt die Mit teilung, daß drei Ailfstäudischen Armeen in der Stärke von 6200 Mann auf den Straßen von Altagracias lind Gu 1- tire auf Caracas heranmarschieren. Die Lage wird als äußerst kritisch angesehen: die Regierung hat kein Geld mehr; Castro sieht denn auch den Ernst der Lage ein. Er hat sich ausgemacht, die Vorhut der Aufständischen unter General Rolando aufzuhalten. Es wirb ihm sehr schwer werden, etwas besonderes gegen sie ansznrichten: sind doch an 12000 Aufständische unter Waffen und halten eine Anzahl strategisch widriger Punkte besetzt. Zudem beginnen die Aufständischen mit den Blockade- mächten zu lurterhandeln, bisher allerdings ohne Er­folg: Nach einer Meldung aus La Guaira hat der Führer der Aufständischen, General Matos, kürzlich eine Unterredung mit dem deutschen Kommodore Sch eder erbeten, nm^^^ jedoch an den Kommodore Montgomerie als den dienstälteren Offizier verwiesen. Indessen hat auch Kommodore Montgomerie ab gelehnt, Matos zu empfangen. Natürlich tonnten beide Kommodore nichts anderes tun. Für die üble Situation, in der sich Castro befindet, ist dieser Versuch der AlEstäudischen aber be­zeichnend.

Das offizielle Amerika und das Schiedsgericht.

In Washington hat das Gesamtkabinet die Venezuela frage beraten. Dabei trat eine Verschiedenheit der An schaumigen darüber zu Tage, ob die Uebernahme des Schiedsamtes durch den Präsidenten Roosevelt zu wünschen sei ober nicht. Es wird befürchtet, daß im Laufe der schiedsrichterlicheil Tätigkeit sich die eine ober die- andere Zufälligkeit ergeben konnte, lvelche die Vereinigten Staa teil ernstlich mit in Verwicklung ziehen sonnte.

Die Versenkung venezolanischer Mricgofdntfc

durch das deutsche KanonenbootPanther" wird von deutschen. Seeoffizieren wie folgt erklärt: DerPanther" lag mit den beschlagnahmten venezolanischen Schiffen außerhalb der Rhede von La Guaira, als der beut)ehe Konsul in La Guaira durch Signale bekannt gab:Wir sind in Bedrängnis!" Da derPanther" die m'nezola- nischen Schiffe nicht verlassen konnte, so mußte er sie in Grund bohren. Der Mensul wurde sodann an Bord ge­nommen, später aber, nachdem sich die Lage gebessert hatte, wieber ans Land gesetzt.

Die Politik.

Ein Verbot des Privattelephons ?

Der Detegraphenfiskus hatte den Mainzer h>e schäfte leisten auf gegeben, innerhalb acht Dagen ihre Privat- tefephone zu entfernen. Die Geschäftsinhaber erhoben die Feststellungsklage Ter Fiskus strengte Widerklage an. Das Landgericht lehnte die Feststellungsklage ab und erklärte die Widerklage für begründet. Danach wären also die seit bem Jahre 1892 errichteten Privattele- Phonanlagen verboten worden unb zu entfernen. Auf Privatanlagen, die vor 1892 eingerichtet wurden, soll das Verbot nicht erstrockbar sein. Die Angelegenheit wird nod) das Reichsgericht beschäftigen, da bisher noch sein Urteil höchster Instanz vorliegt.

Marokkanische TL ir re n.

= gültige Zusammenstöße zwischen den Truppen bev Sultans und den Aufständischen, den Anhängern des Dhronprütendenten, sind jetzt in Marokko an der L oge-- orbnnng. Aber niemand weift, wer Sieger, wer Beweg­ter geblieben ist. Nach der einen Meldung sind bei dein ersten größeren Treffen die Truppen des Sultans völlig geschlagen worben : die Aufständischen sollen 1" Leichna­men die Köpfe abgeschlagen unb diese vor bem Seite des Prätendenten aufgepflanzt haben. Dagegen versichert eine andere Meldung Sultan Abdul Aziz habe den Prä­tendenten geschlagen unb sei siegreich in Tezza eing-ezogen. Mehrere Anhänger dos Prätendenten seien hingaicbt?t unb die Köpfe, in Salzlösung gelegt, an einzelne >ia bylen stamme zur Tarnung ab geschickt und vor ben roten der Städte und an den Wegkrolizungen auf gest edt wor­den. Was ist nun das Richtige'? Vielleicht beruhen beide Nachrichten auf eitel Geflunker.

Chinesisches «eruhignngspulver.

« Nach einer Meldung aus Schangl^i haben die Missionare in der Hauptstadt von Kansu aus vertraiwus-

wüibiger Gneise erfahren, baft, wenn auch Tnngfnhsiang zwenellos Vorräte und Mannschaften sammle, die Orts- behörden sein Verhalten nur seiner Fnrcht vor Verhas- tillig zuschreibe, c unb keinerlei aggressive Schritte von ihm et wat ten. Auch die ausführlichen Meldungen von einem organtsrerten Aufstande im Norden Chinas, über den bte r artaren Vknerale der drei niandschnrisch. n Provinzen lnngit an den Thron Bericht erstattet hätten, betraf teten^ die chinesischen Beamten mit Mißtrauen unb Zweifel. Wenn die Mandarinen etwa* in Abrede stellen, pflcg» cv wahr zn sein. Diesmal werben die beamteten Zopsträger ansuahncsweise wohl qe04it hal^n toas sie misslich denken.

Ritrze Politische Nachrichten.

* Amerikanische Blätter melden ans L i s s a b 0 n, daß man dort einem Besuche Kaiser Wilhelms entc-fegen- sehe. Die Meldung klingt sehr unwahrscheinlich

* Offiziös wird gegenüber anders lautender Meldnn gen versichert : An inaßgebender Stelle besteht nach wie vor nicht nur die Absicht, den Etat dem Reichstage unmittelbar bei seinem Wiederzusammentritt vorznlegen, sondern es ist sogar in Aussicht genommen, wenn irgend möglich, ihn den Reichstagsabgeordneten noch vorher zu­gänglich zu machen.

* Die silbernen ßwan zigpfmnigstücke sind bereits ans dem Verkehr beräumnben, und bis zum 1. Januar 1903 werben die Nickel Zwanzigp sennigstücke eigezogen w?r^ ben. Ihnen werben dann di Jweipsennigslücke Nach­folgen Die Prägung der Ztveipfennigstücke ist seit Mai 1900 eingestellt.

Vom preußischen Kultusminister ist eine Umfrage bei den praktischen Ärzten <^lgeorduet, um statistisches Material über den vorbeugenden Wert d>'S Diphlheriesc- mniè zu gewinnen.

* Aus Panama wirb genielbet, daß Nicaragua einen feindlich e n Einfall befürchte und Truppen an der Küste des Atlantischen und des Stillen Ozeans zusammenziehe. Es würden schwere triesteuern auf- erlegt und der Handel leide sehr.

JNab und fern.

\x Das Neueste von der Pariser Humbert -Affaire. Um die Belohnung wii 000 Francs, die demjenigen zu- gesagt war, der es ermöglichte, die Humberts festzimeh- men, ist ein Ikarier Mampf entbrannt. Als Schreiber des bekannten anonymen Briefes, der dem französischen (Me- sandien zu Madrid den Anfcmthalt der Hnmberts ver­riet, hat sich inzwischen der Zollbeamte Alngica entpuppt, mir dessen Fran Therese Humbert eng verkehrte. Ihm macht der Zollinspektor Earo die Prämie streitig/ Inzwischen ist auch Romain Daurignaes Geliebte, Mo- dame Dalaza, von der heiligen Herma,idad gefaßt wor­den. Sie war bekanntlich nach Buenos Aires abgedampft, würbe aber von mehreren französischen (Dichoilnpollztsteu verfolgt, die sich mit ihr an Bord desselben Dampfer* eingeschisft hatten. Sie hassten burcb sie Romain ^-aa- rignae auf die Spur zu kommen. Als die Jlg^i 11 ii 11 bei ber Raubling in Buen os Aires erfuhr eil, daß L ant ig,,ac längst verhaftet sei, legten sie sofort die Hand auf Ma- vame Dalaza. Man beschlagnahmte ihr Reisegepäck, das aus 25 Kosfern bestand, in der Vermulnng, daß diese Koffer die Millionen Hnmberts oder wichtige Dokumente enthalten.

Cin gehciiniüyVüHcr Raubansall. Jn >chling, in der Nähe von Salzburg, wurde in einer Scheune ein ihrer Kleider beraubtes Mädchen in halberfroren ein Zustande aufgefunden. Das '.Weibchen heißt Elise Engelsberger und gibt an, zwei Tage früher ans Wien nach ^alzbnt g gekomuien zn sein. Wie sie an den L11 gefommeu, an bem man sie ansfand, sann sie sich nicht entsinnen. Sie habe einer Sitzung des Schwurgerichts beigewohnt und sei gegen Abend, ihren Koffer mit den Habseligkeiten in der Hand, nach Itzling gewandert, nm dort zu über­nachten. Aus der Landstraße hätten sich ihr zwei Männer an geschlossen, und was von diesem Moment an mit ihr geschehen sei, wisse sie nicht. Da die Kleider des Mäd­chens fehlen und auch die Pretiosen Ringe und Ar,n- band, die sie bei sich trug verschwunden sind, ist sie offenbar das Opfer eines Raubanfalles geworden. S4e würbe inm den beiden Männern betäubt und nach der Scheune geschleppt, wo sie ansgeraubt würbe. Si? hat burcb das Erfrieren Zehen und Finger verloren. D?r Pächter jener Sânne würbe verhaftet, leugnet jedoch, einem jener Männer' identisch zu sein.

Große Betrügereien an armen Sparern beging in Wien der Armen rat Bonner, Vorsitzender m'hrerer Sparvereine. In dem einen Verein mit " m bezctchnenden WantenDie Biene", der mehr als 300 Mitglieder zählt, die alle der arbeitenden Klasse angeboren, kam es zur Sprache, daß eine Frau, die sich heUerweise seit langer Zeit vierhunbert Kronen erspart hatte, im Konto mit