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M/r. 277

Erstes Blatt. Donnerstag, den 27. November 1902.

1 l. Jahrgo

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(Gießener Tageblatt) Unabhängige Tageszeitung (Gießener Zeitung)

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ÂiBUvtiow»t>rei5 : Die einspaltige Petilreile für Gießen wie ganz Ol »erbessen, die Kreise Wetzlar und Marburg 10 Pfg. sonst 15 Pig.; Reklamen die Petitzeile 30 resp. 40 Pfg.

Postzeitungsliste No 3032.

Reds/tion und Expedition: Gießen, Neuenweg 28. Fernst rechaufchluß Nr. 362.

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für Oberhesim und die Kreise Marburg und Wetzlar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung

Enthält alle amtl chen Bekanntmachungen der Großherzoglichen Bürgermeisterei Gießen.

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s^t" t^r Deutscher Reichstag.

®^P^?« Die Obstruktion ausgegeben.

^^»$»^ Sitzung CB. Berlin, 26. November.

3 0,3 =^® 3h der heutigen gut besuchten Sitzung hat die So- '2 _ I ^Z^^D -âmokratie zum ersten Male seit langer Zeit der .^ehr- 3 3 I An^ tit eine Freude gemacht; sie hat nämUch die Obstruktion ^«y: 'Q 2S chez eben Es wurde nur noch der § 11 f geraten, wo- «L der Bundesrat die Zölle aufheben soll, falls Die änne Weizen 215, Roggen 165, Gerste und Hafer Ido >t gilt. Der Abg Molkenbuhr, der diesen An- ioa begründete, griff hierbei aus den Antrag Kanitz zu­llt, in welchem diese Preise als Normalsätze angegeben ;itfn; die Annahme einer solchen Bestimmung würde ^(cid) auch, meinte der Redner, der Getreidespekulation 3 Ziel setzen. Grundsätzlich mit dem Antrag einver- ^nben, äußerte der Abg. Dr. Müller-Sagan doch Be- ^ken wegen ber Höhe der Sätze. Falls es gelinge, Ibtigere Sätze zu finden, würde seine Partei zustimmen, LiS >en Abg. Stadthagen zu der Aeußerung ver- plante, Müller möge doch seine Normalsätze nennen. Der itraz wurde mit 192 gegen 41 Stimmen abgelehnt begann nunmehr die Beratung des § 12. Nach bei 7Mungsvorlage soll das Inkrafttreten des neuen Zoll- 'lis^ durch eine kaiserliche Verordnuiig bestimmt wer- 11. Die Kommissionsmehrheit wünscht indes, daß er èst^ns am 1. Januar 1905 in Kraft trete, und die )^ilbemofratie wünscht ein besonderes Gesetz über den ilpunkt des Inkrafttretens. Der nationalliberale Abg. '. Paasche beantragt Wiederherstellung der Regie- igssafsung. Abg. Goth ein befürwortet diese eben- lv, weil die Annahme des Koinmissionsantrags sehr fit zu vertragslosen Zuständen führe. Die Verlänge- ng der Handelsverträge sei der beste Schutz gegen eine Gefahr. Der Abg. Dr. Paasche ist dieser An- Ä nicht, glaubt aber ebenfalls, daß die Festsetzung eines stimmten Termins für das Inkrafttreten gleichbedeu- nid sei mit der Vertragskündigung. Im Interesse ge- ibt ber Arbeiter müsse diese Vorlage bald verabschiedet ^ ^ ^ -' ^eil Der Abg. Stadthagen befürchtet, daß eben Verabschiedung der Vorlage den vertraglosen Zu- and herausbeschwöre. Abg. Schrader von der frei- y^ »o ' »y W^n Vereinigung zollte der nationalliberalen Par- ^gp ? ^e Anerkennung,. daß es vorwiegend ihr Verdienst

'^"n der Zolltarif gelinge; sie trage aber auch bis £ or?^.- erantruortung für dessen Wirkung und Folgen. Eine

^f â' ^A -Andere Spannung entstand aber erst, als Staatssekre- ^ 5' y Hi if Posadowsky sich erhob, um nachdrücklich Doi 77.2^5 ^" Genehmigung der .Kommissionsfassung zu warnen, &o22 r 'ic für die Regierung nicht annehmbar sei. Trotz- gv^'m ltber gab der konservative Abg. Graf Limburg- ^.ir.rl m im Namen seiner Freunde die Erklärung ab, y^/TV. sie an der Kommissionsfassung festhalten würden, ^zOÜe die Caprivischen Handelsverträge unbedingt be- ^8ZI.Mtcn. Hierauf teilte Dr. Spahn unter dem Lachen «linken mit, baft seine Partei den Kommissionsbeschluß ?^^Wl lasse, weil sie eine Verabschiedung des Gesetzes a T cncenb wünsche. Nach kurzen Erklärungen des Abg. ^NLä-thein, unb nachdem Abg. Dr. Barth auf das Wort 8 oA-richtet hatte, wurde der Antrag Paasche auf Wieder- ^T. Stellung der Regierungsfassung angenommen, hieraus ^A :^' "l namentlicher Abstimmung der ganze § 12 ae- %%&V^- Dbg- Speck (Zentr.) referierte über die Pe- FL^rMe« gegen den Zolltarifentwurf; im ganzen sind Stück mit Millionen von Unterschriften eingelau- ^ ^ai Die Obstruktion machte nochmals ben Versuch einer ^ppW Mleppung, indem Abg. Dr. Barthzur Geschäfts- ? ^V^ MuS" den Wunsch einer gründlichen Beratung aus- ^ ^2 entspann sich hierüber eine lebhafte Geschäfts-

P' 555'2 »^bcbatte, an der die Abgg. Dr. Bachem, S i n- W^-^ K unb Stadthagen teilnahmen. Nach einem kur- VWA '^rat des Grafen Schwerin-Löwitz vertagte as Haus auf morgen. a

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steht aber die Möglichkeit, daß eine beleidigte Persor die Staatsanwaltschaft um Aufnahme der Strafverfol gung angeht, und diese kann dem Anträge stattgeben sofern ein öffentliches Interesse vorliegt. Bei den geger den verstorbenen Kommerzienrat Krupp gerichteten An griffen desVorwärts" hat die Staatsanwaltschaft bu Verfolgung ausgenommen. Diese ist dadurch aus den Bereiche der Privatklage herausgezogen und öffentlicher Rechtes geworden. Sonach gelten die §§ 433 und 187 bei Strafprozeßordnung nicht, sondern es geht nach dem Grundsatz, daß eine einmal anhängig gewordene Sacht von der Staatsanwaltschaft ordnungsgemäß erledig werden muß. Auf die Frage der Verfolgbarkeit Hai also der Tod Krupps keinen Einfluß.

Das neue Abstimmungs-Verfahren im Reichstag

hat sich durchaus nicht bewährt. Wie eine nachträglich Prüfung der Abstimmungsziffern ergab, sind bei der Abstimmungen der letzten Tage beim Zusammenzähler der Stimmen vielfache Irrtümer vorgekommen.

Die Sterblichkeit im französischen Heere.

j Auf eine Anfrage über die Sterblichkeit im franzö­sischen Heere, die sich zu der unsrigen, wie 2131 zu 432 verhält, hat General Andrè, der Kriegsminister, er­widert, daran sei nicht etwa eine mangelnde Gesundheits­pflege schuld, sondern die Tatsache, daß in Frankreich aie Schwindsuchtsziffer höher ist als in Deutschland. Sie verhält sich wie 1415 zu 129. Außerdem sei man bei ver Aushebung der Soldaten weniger wählerisch. Mit anderen Worten: Die Kriegsstärke Frankreichs geht fort­dauernd im Verhältnis zu der unsrigen zurück.

König Eduard als Salomo.

|: Zwischen den beiden südamerikanischen Staaten Chile mb Argentinien war ein Streit darüber ausgebrochen, velchen von beiden Staaten das Acregebiet gehöre und 'n dem kritischsten. Augenblicke des Streites, als schon leiderseits Truppen in Bewegung gesetzt werden sollten, rinigte man sich dahin, daß König Eduard Schiedsrichter sein solle. Er hat seines Amtes als weiser Salomo ge­waltet, indem er beiden Parteien Recht gab. Chile er­hält 54 000 und Argentinien 40 000 Quadratmeter. Da­durch wird ein Krieg, eine Einmischung der Vereinigten Staaten von Nordamerika und eine Festsetzung Nordame-

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Ü^^i^' Die Strafverfolgung gegen denVorwärts".

8^§^^IDie Frage, ob die Strafverfolgung gegen denVor- ^&^T&V^ ^^en der Angriffe gegen den Kommerzienrat ^^y^To t ^oiter bestehen bleiben kann, trotzdem der Belei- &' i?i^'^ mittlerweile ails dem Leben geschieden ist, wird y p^ ^ ^orliner ZeitungPost" von einem rechtskundi ^^.^ *V 1 Oiitarbeiter bejaht und etwa folgendermaßen be-

^^^ K^ ?^ Behandlung von Privatbeleidigungsklagen " ^^ s^ ^ ^s^en Fall des Ablebens des klägerischen Teiles <i^o^ ? ^O^ und 187 der Strafprozeßordnung maßgebend.

^^. '-^ ersterem erlischt in der Regel mit dem Tode des 1 Ji5Ji '^MlS^ die anhängig gewesene Sache. Liegt aber eine ^5*^1 £ß1euiiiberi)d)e Beleidigung vor, dann haben die Erben è"^»" Ä^lht, die Klage fortzusühren, sofern die Beleidigung ' èeWbar wider besseres Wissen erfolgt ist. Alle diese »«Planungen gelten nur für die Privatklage. Nun be-

Die Politik

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im Süden verhütet.

Knrze politische Nachrichten.

Wie es heißt, sollen Kaiser Wilhelm, Kaiser Franz und König Karol von Rumänien im März in Ab-

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bazia zusammen gekommen. Kaiser Franz Joses ist völlig wiederl>ergestellü

* Zum bayerischen Justizminister ist der Reichsgerichts­rat M'ldner ernannt worden, an seine Stelle ist der Landgerichtspräsident Männe zunl Reichsgerichtsrat de­signiert ivorben.

* Fürst Löwenstein hat in einer Dresdener Versamm­lung der Antiduelliga erklärt, König Georg von Sachsen interessiere sich für deren Bestrebungen. Die Liga will bekanntlich die' Abschaffung des Zweikampfs, bezw. dessen Bedrohung mit entehrenden Strafen.

* Die zahlreichen Zeitungsuntern chmungen des Ab­geordneten Kaplan Dasbach in Trier wurden in eine Gesellschaft mit beschränkter Haftung umgewandelt, bei Reingewinn soll zu Gunsten der katholischen Presse ver­wendet werden. Dastzach versteuerte ein Jahreseinkommen aus seinen Unternehmungen von 800 000 MjL

* In Brüx in Oesterreich hat der Prozeß des ehemaligen Führers der Alldeutschen K. H. Wolf gegen Den Fraktions'genossen Schalk wegen dessen Droschürr Warum ich den Abg. Wolf für ehrlos erklärte", be« gönnen. Sensationelle Enthüllungen sind zu erwarten

* Nach Telegrammen aus Odessa schiebt Rußland 10 000 Mann aus Turkestan an die Grenze von Af­ghanistan in Anbetracht der möglichen Störungen in dortiger Gegend.

* Der macedonische Aufstand lebt wieder auf. In Philippopel werden mit jedem Bahnzuge Verwundete von der Grenze gebracht. Die Aufständischen behaupten, siegreich zu sein.

* Von 61 französischen Ordensgesellschaf- t en, die um eine Aufenthaltsgenehmigung bei der Re­gierung nachgesucht haben, weroen nur 6 einen willsäh- eigen Bescheid erhalten. Das läßt einen scharfen Kul­turkampf erwarten.

* Auf der von Vulkanausbrüchen heimgesuchten Jn- 'el Martinique broht ein Aufstand der schwarzen Be­völkerung. Die Farbigen glauben das Uevergewicht zu haben, weil die Elemente Die weiße Bevölkerung zum größten Seil dahingerafft haben.

* Der siamesische Aufstand ist ziemlich beendet. Desgleichen der Aufstan d auf Kuba.

Krupps Leichenfeier.

f $?c skerbliche Hülle des größten deutschen Industries ^ MF E Mittwoch Vormittag vom Stammhause bei

^5 in ^ssen zur letzten Ruhe beigesetzt

. ln ^en niedrigen, engen Räumen, in denen K * ^^oßvater des Verstorbenen mit seiner Familie Jahre K un^ ^orge verlebte, hat der deutsche Kaiser, ge- von einer glänzenden Suite von Ministern, Gene- aien und hohen staatlichen Würdenträgern, demKa- aonenkönzg^' wahrhaft fürstliche Ehren erwiesen.

l"ver die Einzelheiten der Trauerfeierlichkeit wird uns aus Essen folgendes berichtet: Damit die Versam­melten den geschlossenen Sarg sehen konnten, hatte man, wie beim Begräbnis Alfred Krupps, eine Giebelwand her- ausgebrochen. Feuerwehrleute hatten die Wache an dem Large, vor dem man ein Arrangement von Palmen und Blumen angebracht hatte. Der kleine Platz, der zwischen oem Ltammhause und den ihn umgebenden Fabrikge- vauoen sich befindet, war mit Trauerdekorationen und schwarz drapierten Baldachinen umgeben. Hier fanden stch ein: Vertreter der Ministerien, der Armee, Marine und der Ltaatsbehörden, die Direktion und höhere Be-

Werke. Von den Ministern waren anwesend o. Goßler, Frhr. v. Rheinbaben, Möller, Budde unb vor Tirpttz. Ferner die Vertreter der städtischen Behörden .^^^reter gro^inbu^iieller Werk' aus ganz Deutschland )ie Cbeiuüujermcifter und Bürgermeister von Essen unt umliegenden Städten. Kurz vor 10 Uhr traf der Kaiser aus dem neuen Hauptbahnhofe ein und wurde vom kommam dierenden General von Bissing, vom Regierungspräsiden­ten von Holleuffer und Oberbürgermeister Zweigert em­pfangen. Der Kaiser, der die Uniform des 1. Garde Regiments zu Fuß mit dem Bande des Schwarzen Ad ter-Ordens trug, begab sich im offenen Wagen mit Ge neral von Bissing, eskortiert von zwei halben Schwadro­nen der Düsseldorfer Husaren, nach dem Stammhause. Ihm folgten General von Plessen, General von Löwen- seld, Flügeladjutant Hauptmann von Friedeburg, Hof- marschall von Trotha, sowie Generalleutnant von Hülsen- Häseler, Chef des Militärkabinetts, Dr. v. Lucanus, Ches des Zivilkabinetts und Freiherr von Senden-Bibran, Ches des Marinekabinetts. Im Stammhaus begrüßte er die Mitglieder der Familie Krupp, insonderheit die trau­ernde Witwe. Nach einem Gebet setzte sich unter den Män« gen von Chorälen und Trauermärschen der Leichenzug in Bewegung. Auf die Kruppsche Feuerwehr, welche Lea Zug eröffnete, folgten Angehörige des Werkes, welche viele Hunderte Kränze und Blumenarrangements trugen. Dann folgten die Beamten der Verwaltung Hügel. Un­mittelbar vor dem Leichenwagen wurden die Orden des Verstorbenen und der von dem Kaiser gewidmete, aus Veilchen, Orchideen und Palmenzweigen zusammengesetzte Franz getragen. Hinter dem Leichenwagen schritt der Kaiser zwischen Arthur Krupp-Bernsdorf und General Vis­sing. Es folgten die anderen Mitglieder der Familie Krupp, die Vertreter der Fürstlichkeiten, Minister, Ge- nerale, das Direktorium und viele frühere Mitglieder des­selben, darunter Geheimer Finanzrat Jencke und die übri­gen Leidtragenden. Der Zug bewegte sich durch ein Spa­lier, welches die 24 000 Essener Arbeiter des Kruppschen Werkes, sowie Krieger- und andere Vereine und Schulen und ein Bataillon des Infanterieregiments Nr. 159 bil beten.

Auf dem Friedhof hielt, nachdem der Sarg in die Erde hinabgelassen worden war, Superintendent Klingemann eine ergreifende Ansprache. Er hob hervor, daß Krupp ohne Bitterkeit und Haß aus dem Leben geschieden sei. Seine letzten Worte seien gewesen:Ich habe allen ver­weben, ich scheide ohne Groll und Bitterkeit aus dem Leben, auch gegen diejenigen, die mir bas Schlimmste angetan haben." Nach ihm sprach der Landrat a. D. Röttger, der Leiter des Direktorrums der Kruppschen Werke. Er würdigte die Verdienste des Verstorbenen in­sonderheit um das Wohl der Arbeiter und ging scharf mit denen ins Gericht, die die Ehre des Toten in Den Kot getreten hätten.

Auch der Kaiser sprach nach erfolgter Beisetzung in einem Gespräch mit dem Superintendenten Klingemann seinen Unwillen über die Vorfälle der letzten Zeit und die Verdächtigungen Krupps von sozialdemokratischer Seite aus. Er hoffe, daß die Arbeiter solche Elemente von sich abschütteln würden. Gleich hinterher fuhr der Kaiser mit der Husareneskorte zum Hauptbahnhof, von der vieltau­sendköpfigen Menge lebhaft begrüßt. Die Abfahrt nach Berlin erfolgte mittels Sonderzuges um 12% Uhr.

Nab und fern.

t Eine halsbrecherische Wette. Ueber ein tollkühner Wagestück berichten Erlanger Blätter. Danach sprang die. er Tage ein Student zwischen Fürth und Erlangen -aus nnen in voller Fahrt befindlichen Schnellzug. Ein Fahr- 3a[t soll den Verwegenen^ der an seinem Koupee hinL