Nr. 225.
Zweites Blatt
Samstag, den 27. September 1902.
11. Jahrgang
B^^^»eme«t preis: in Gießen, abgeholt monatlich 50 Pfg., è . . .
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Postzeitungsliste No. 3032.
Redaktion und Expedition: Gießen, Neuenweg 28.
Ferusprechanschlufi Nr. 362.
L-Neueste Nachrichten
y (Gießener Uagevtatt) Unabhängige Tageszeitung (Gießener Zeitung)
für ^berheffen lind die Kreise Marburg und Wetzlar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung
Drues unöHag der Gießener VerlaqSdrucker i, wni. Wilh. Keller'sche Buchdru^erei, (gegr. 1783); für die Redaktion verantwortlich: Albin Kletn, Gießen.
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Hopfen und Malz.
Man schreibt uns: An einem sonst unpolitischen Stammtische fiel dieser Tage die Aeußerung, wer d e Verhandlungen dec Zolltarifkomm.ss.on lese dem mu se das Wasser im Munde zusammenlaufen. Denn da ist s» ziemlich von allen jenen irdischen Ding.n die Rede, aus denen man sich ein schönes Menu zuiammenstellen kann, von Rind- und Schweinefleisch, Wursten, Gemüse, Brot und Salz; alles wird vocgenommen und mtiUert. Lbcr zu einem guten Mahle gehört auch ein guter Tropfen und da wirkt es dann wie eine wahre Erlösung, daß dec bayerische Centcumsabgeordnete Dr. Heim auch des deutschen Mannes Leibgelränk, das Bier nämlich, auf das Tapet brachte.
Er schlug bekanntlich in dec Sitzung vom letzten Dienstag eine Erhöhung des Gersten- und Hopfen- zolles vor und weckte damit bei denen, die den Genuß "eines guten Bechers Bier zu schätzen wissen, klapperndes Entsetzen. Wer für Hopfen und Malz, so rief man ihm zu, noch die Zollsätze steigern will, der verteuert dem deutschen Steuerzahler seinen wohlverdienten Dämmerschoppen, bei dem er durch Aussprache mit Gleich- gt filmten, wie schon in Goethes „Hermann und Dorothea" nachzulesen ist, seine staatsbürgerlichen Qualitäten vervollkommnet und dec eigenen Kultur sich baß erfreut. Dr. Heim aber wandte dagegen ein, daß das Bier wegen dieses Zuschlags unmöglich verteuert werden könne, denn ec sei so gering, daß er an den einzelnen Seideln gar nicht in Erscheinung trete. Außerdem sei es eine bekannte Thatsache, daß die deutsche Ware ohnehin teurer sei, als die Auslanderzeugnisse, aber immer noch nicht hoch genug, um den Anbau von Gerste und Hopfen zu lohnen. Die deutsche Ware werde vorzugsweise von Mittel- und Kleinbauern gekauft, während die großen Bierfeudalherren große Mengen ausländische Gerste und fremden Hopfen für ihre Brauzwecke verwendeten. Da aber die Großbrauer ohnehin für ihr Bier mehr forderten, als die Mittelschicht, so könne ihnen auch eine Einbuße nichts schaden. Auf alle Fälle sei es Unrecht, daß der Bauer für die Geschäfte dec Großbcauec die Haut ^u Markte tragen müsse, und hier sei auch eine Möglichkeit gegeben, den mittleren und kleineren Brauereien zur Seite zu stehen.
Ohne uns in eine Erörterung dec Heimschen Darlegungen einzulassen, möchten wir darauf Hinweisen, daß in letzter Zeit in wissenschaftlichen Kreisen. den Mittelbrauern allerdings warme Verteidiger erstanden
Entlarvt.
Roman von Moritz Lilie.
(Nachdruck verboten.)
„Wollte doch der Himmel, es wäre so", jammerte das un- gluckitche junge Weib. „Ich wäre mir dann wenigstens des Gräßlichen nicht bewußt. Aber leider weiß ich, was um mich her Jeidnebt, vermag ich klar zu denken und zu urteilen, und deshalb lebe ich Dich an, sage Herrn von Fries, er soll zurückkehren auf eine Besitzungen, er möge den heutigen Tag aus feinem Ge- Ewigkeit “ 1etncm Leben streichen und mich vergessen für alle
XII.
Enthüllungen.
^immt^f^ ging der Schloßherr von Falkenhof in Achter auf und ab, und in seinen Zügen, und ®iTcq"beit™^ öanicn ^ien zeigte sich auffallende Unruhe seine^TockterÄ “* den Rücken gelegten Händen vor .,ist Dein unabänderlicher Entschluß, Herrn von Fries mcht wiederzulehen? fragte er in jenem scharfen, befehlenden Tone, den feine Untergebenen so sehr an ihm fürchteten.
„Ich darf nicht, Papa, ach. wenn Du wüßtest
„Gut denn, Du willst es so - sei es darum!" sagte er mit Mger Kälte, die seltsam gegen seine vorherige Erregtheit ab- nach. Von dieser Stunde sei auch die Gemeinschaft zwischen uns aufgehoben. Du hast aufgehört, meine Tochter zu fein, für welche Du bisher galtest."
~ kWer!* schrie die Gequälte in herzzerreißendem Tone, „mich Du stoßt mich von Dir?"
Sie sank vom Sessel herab auf die Kniee, und ihr Haupt fiel matt und schwach auf die Brust nieder.
„Baler? wiederholte der Mann in demselben kalten Tone, der Er^a durch Mark und Bein drang, „Vater? Ich bin nicht ^kin Vater, obschon ich vor der Welt dafür galt. Niemals sollte vas Geheimnis über meine Lippen kommen, diese Stunde aber ist zum Verräter geworden: ich bin nicht Dein Vater!" «^^cc^uge Pause entstand, während welcher Erna vergeblich nacy Fassung rang.
_ Endlich erhob sie sich ' ' “ ~ 1
Manne zuwendend, Lv öt mit leiser zittery-er
^ sich, und ihr kreidebleiches Antlitz dem | ben sie bisher Vater genannt hatte, fragte w Stimme: I
sind. Vom kapitalistischen Standpunkte seien, so wird hier behauptet, die Großbrauereien ein Fortschritt, weil sie die betriebsverbilligende Massenerzeugung ermög- lichen und auch durch die raschen Umsätze mehr Gewinn abwerfen; aber das frühere Gärv^rfahren habe seine großen Vorzüge vor dec neueren Technik. Früher wurde der Gärprozeß auf natürlichem Wege durch Lagerung herbeigeführt, bei den neuzeitigen Großbrauereien sei ein derartiges Verfahren gar nicht mehr durchführbar, weil sich für die Unmassen des erzeugten Bieres die erforderlichen Gärkellec gar nicht Herstellen lassen. Deshalb werde der Gärpcozeß durch chemische Mittel beschleunigt und in dec Wirkung verschärft. Aber es sei ohne Zweifel, daß die „gute alte Zeit" ein schmackhafteres und bekömmlicheres Bier gekannt hat, als wir modernen Menschen. Erfahrene Stammtischpwpheten, die von diesen Ansichten der theoretischen Wissenschaft hörten, haben sie auf Grund ihrer Erfahrungswissenschaft mit Zungenschnalzen bestätigt. Also muß diese Ansicht wohl richtig sein. Nur Eines darf man nicht übersetzen. Dec verschärfte Kamvf ums Dasein, die größere Technik und die größere KÄpitalkraft lassen sich in ihrer Wirkung durch künstliche Mittel nicht zurückdrängen; die Großbcauec haben den Vorsprung, die Mittelbrauereien werden durch Gründungen in Großbetriebe umgewandelt oder aufgesogen und die ganz kleinen Brauer schwinden dahin; an ihnen ist — Hopfen und Malz verloren.
Zu den Landtagswahlen.
Für die Vorbereitung der Landtagswahlen giebt das Kreisamt Gießen an die Bürgermeistereien Albach, Allendorf a. d. Lumda, Allertshausen, Beltershain, Bersrod, Beuern, Burkhardtsselden, Climbach, Geilshausen, Gießen, Göbelnrod, Grünberg, Harbach, Holzheim, Kesselbach, Lauter, Lindenstruth, Londorf, Lumda, Odenhausen, Q reckborn, Reinhardshain, Reiskirchen, Saasen, Stangenrod, Steinbach, Stockhausen, Treis a. d. Lumda und Weickartshain folgendes bekannt:
Auf Grund der Gesetze vom 8. November 1872 und 6 Juni 1885, sowie der dazu ergangenen Ausführungs- destimmungen haben wir die nachverzeichneten Wahlgemeinden gebildet, der n jede die beigesügte Zahl von Wahlmännern zu wählen hat.
Wah l g e m ei n d e n: a) die Provinzialhauptstadt Gießen als eigen r Wahlbezirk (25491 Seelenzahl) 50 Wahlmänner, b) im dritten Wahlbezirk der Provinz Oberhessen: Holz-
ZS
„So ist denn auch dieses Band zerrissen, welches mich bisher an Dich und Dein Haus fesselte? Wenn ich nicht Deine Tochter bin, wer bin ick beim? Ist meine Vergangenheit in Dunkel gehüllt, bin ich ein Kind der Straße, dem Mitleid und Barm- herzigkeit ein Obdach gewährte?"
„Du sollst alles wissen, Erna; diese entscheidende Stunde möge Dir enthüllen, was bisher der Schleier der Verschwiegenheit verbarg", sagte Herr von Falkenhof ruhiger.
Er schwieg einige Augenblicke, als überlege er, ob er weiter sprechen solle. Aber der fragende Blick seiner Adoptivtochter ließ ihn jedes Bedenken überwinden.
„Den Kindern ist die Schuld der Väter nicht zur Last zu legen, darum sage ich Dir auch ohne Rückhalt, was ich weiß", fuhr der Alte fort. „Dein wirklicher Name ist Helene Bozdech, und Dein Vater, ein Czeche von Geburt, endete in Australien am Galgen, weil er beim Spiel einen Gefährten niedergeschossen hatte. Bei einem Aufenthalte in Wien lernten wir — meine Gattin und ich — Dich kennen und nahmen Dich an Kindesftatt an.
„O, mein Gott, mein Vater ein Mörder!" stöhnte Erna.
„Es war kein Raubmord, sein Verdrecken aus Eigennutz, Erna", suchte Herr von Falkeuhof das junge Weib zu beruhigen. „Meine Frau legte Dir zur Erinnerung an ihre Lieblingsfchwester den Namen Erna bei, wir nahmen Dich mit nach Italien und Frankreich, und als wir auf mein Stammschloß, den Falkenhof zurückkehrten, galtest Du für unser eigenes Kind." ,
„Ich selbst wußte es nicht anders", hauchte die junge Frau.
„Meine Frau hatte mir das Versprechen abgenommen, Dir Deine Abstammnng zu verheimlichen; Du selbst aber zwaugst mich dazu, mein Wort zu brechen. Herr von Fries gehört einer alten, hochangesehenen Familie an, er ist reich und ein Kavalier durch und durch. Würde dieser Ehreninann nicht namenlos unglücklich fein, wenn er erführe, daß Du die Tochter eines Mörders, eines Gehenkten bist?"
„Ja — eines Gehenkten!" flüsterte Erna tonlos
„Und würde diese Schmach nicht auch auf meinen Namen zurückfatten, wenn die Welt dies erführe?" ergänzte der alte Mann seine vorige Bemerkm'g.
„Gewiß!" hanckte das inuge Weib. ,
„Und doch willst Du bieten Schimpf nicht von uns abwenden, dennoch weigerst Du Dich, dem Dir angetrauten Manne zu folgen? Um eines Irrtums, eines Hirngespinstes willen fetzest Du den guten Namen zweier Familien aufs ^PtelJ
„Um eines Hiriigespinstes willen? fragte ^una erstaunt.
„Eine zufällige Aehulickkeit eiiies,rliibekaunteu Memcken mit dem Mannt, welcher eine flüchtige Neigung in Dir erweckte, hat
heim (1107) 2; c) im sechsten Wahlbezirk der Provinz Oberhessen: 1. Albach (341) 1, 2. Allendorf a. d. Lumda (1106) 2. 3. Allertshausen (268) mit Climbach (249) 1, 4. Beltershain (298) mit Göbelnrod (242) 1, 5. Bersrod (395) mit Winnerod (34) 1, 6. Beuern (996) 1, 7. Burkhardsfelden (683) 1, 8. Geilshausen (476) 1, 9. Grünberg (1992) 3, 10. Harbach (343) 1, 11. Kesselbach (437) 1, 12. Lauter (418) 1, 13. Llndenstruth (344) 1, 14. Londorf (850) 1, 15. Lumda (390) 1, 16 Odenhausen (297) mit Appenborn (11) 1, 17. Queckborn (529) 1, 18. Reinhardshain (286) 1, 19. Reiskirchen (768) 1, 20. Saasen mit Bollenbach, Veitsberg und Wirberg (479) 1, 21. Stangenrod (306) 1, 22. Steinbach (984) 1, 23. Treis a. d. Lumda (1138) 2, 24. Weickartshain (378) mit Stockhausen (135) 1.
Die Wahl der Wahlmänner erfolgt in jeder Wahl- gemeinde unter der Leitung einer Wahlkommissin, welche aus dem Bürgermeister (oder in dessen Verhinderung dem Bei- geordneten) und zwei weiteren Urkundspersonen besteht. Die Wahl der letzteren durch den Gemeinderat sind sofort zu veranlassen. Wenn eine Wahlgemeinde aus mehreren Bürgermeistereien besteht, so hat jeder Gemeinderat nur eine Ur- kundsperson zu wählen ; die Leitung der Wahlmännerwahl steht in diesen Fällen dem Bürgermeister der am meisten bevölkerten Gemeinde zu. Sobald die Wahlkommission gebildet ist, hat dieselbe die Urwählerlisten, soweit nötig richtig zu stellen und sodann nach Vorschrift des § 19 der Wahlanleitung vom 8. November 1872 abzuschließen.
Gleichzeitig hat die Wahlkommifsion nach Vorschrift der §§ 5, 7 und 15 der Wahlanleitung eine besondere Liste der Wählbaren aufzustellen.
Wenn hiernach die Listen der Urwähler und Wählbaren festgestellt sind, haben dieselben von Montag, de« 13. Oktober an 3 Tage lang in dem Wahlorte offen zu liegen.
Endlich sei auf die Bestimmung des §§ 22 der Wahlanleitung aufmerksam gemacht, wonach in der Lifte der Stimmberechten nach stattgehabter Offenlegung die Namen derjenigen darin ausgesührten Personen, welche mit der Entrichtung ihrer StaatSsteuer, oder falls sie zu einer solchen nicht herangezogen sind, ihrer Kommunalfteuer länger al» 2 Monate sich im Rückstände befinden, in der Spalte, „Bemerkungen" mit „St. R." bezw. „C. R." (Restant) mit roter Tinte bezeichnet sein müssen. Seitens des Gemeindeeinnehmers dürfen nur solche kommunalsteuerpflichtige Personen als Restanten bezeichnet werden, welche eine StaatSsteuer überhaupt nicht entrichten.
Die Wahlen der Wahlmänner finden Mittwoch den 29. Oktober statt.
die Wahnvorstellung in Dir hervorgerufen, der Tote sei wlede^ auferstanben, um angebliche Rechte an Dich geltend zu machen - sagte Herr von Falkenhof. „Wäre der Mann, den Du für „ben Baron Halek hieltest, wirklich der Totgeglaubte gewesen, er wurde gewiß längst Annäherung an Dich gesucht, Dir mitgeteilt haben, daß er noch unter den Lebenden welle. Ern Skier von ihm hätte doch sicher den Weg zu Dir gefunden."
Die junge Frau schaute nachdenklich vor sich hrn. Der alte Mann hatte recht; es war gewiß eine Täuschung gewesen, denn Halek würde sie, seine Gattin, sicherlich nicht so lange rm Ungewissen gelassen haben. Und wenn hier wirklich ein Irrtum vorlag, woran kaum zu zweifeln, dann wäre es der schnödeste Undank gegen ihren Pflegevater wie auch gegen ihren zweiten Gatten gewesen, Schmach und Schande über sie zu bringen.
Sie erhob sich, schlang ihren weichen Arm um den Hals ihres Pflegevaters und sagte mit überraschend fester und sicherer ^m^^m Leben würde vergiftet sein für alle Zeit, wenn durch mich der Name meines Wohlthäters und meines harmlos^ vertrauenden Gatten gebrandmarkt wurde. An der Seite Alfreds soll fortan mein Platz sein, und nichts soll mich mehr von ihm '""Zwei Stunden später rollte die elegante Equipage des Herrn von Fries mit dem jungen Ehepaare davon, dem neuen Heim Ernas zu, und noch lange horten die beiden die Hochrufe der zum Abschied herbeigeeilten Bewohner des Dorfes Falkenyof.
XIII.
Zufall oder Bestimmung.
Eine seltsame Verkettung von Umständen hatte Paul Ancelot. den Bruder des Barons Lon Halek, gerade am Tage von ErnaS Vermählung nach dem Schlöße geführt, und die merkwürdige Aehnlichkeit mit dem thatsächlich längst im Grabe ruhenden Gatten der Braut war wohl geeignet, diese zu täuschen und in Angst zu versetzen.
Von dem Eindrücke, den er auf die bräutliche Erscheinung am Fenster machte, war er teilweise Augenzeuge gewesen, obwohl ihm der Gnlnd für den Augenblick völlig unerklärlich blieb. Doch war es bei einiger Ueberlegung für ihn nicht schwer, den Zusammenhang zu ergründen. Er selbst war der jungen Dame völlig unbekannt, folglich mußte ihr auffallendes Benehmen auf die Bekanntschaft mit seinem Bruder und seine wunderbare Aehnlichkeit mit diesem zuruckzuführen sein.