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Nr. 225.

Erstes Blatt

Samstag, den 27. September 1902

11. Jahrgang

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Das Blatt ertönt an «Oe» Werktagen nachmittag».

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ganz Oberhessen, die Kreise Wetzlar und Marburg 10 Pfg. sonst 15 Pfg.; Reklame« die Petitzeile 30 resp. 40 Pfg.

Postzeitungsliste No. 3082.

Redaktion und Expedition: Gießen Neuenweg 28.

Fer«sprecha«schluß Nr. 368.

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Aeuefle Nachrichten

(Hießener Hagevtatt)

Hlnaöhängige Tageszeitung

(Hießener Bettung)

für Oberhefsen und die Kreise Marburg und Wetzlar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung

Druck und Verlag der ©ieBener Verlagsdruckerei, borm. Wilh. K-ll-r'sche Buchdruckerei igegr. 1783); für di- Redaktion verantwortlich: Albin Klein, Gießen.

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Der 3. deutsche Handwerks- und Gewerbe- tammertag zu Leipzig

vom 25. bis 27. September 1902.

(Von unserem Spezia lberichterstatter.)

(Unbefugter Nachdruck verboten)

' 1. Vorversammlung (25. September, Abends

8 Uhr Beginn.)

In einer Stadt, auf deren Messen sich West und Ost, Süd und Nord zu regstem Austausch von materiellen wie geistigen Gütern einstellen, in einer Stadt die sich neben ihrer alten Bedeutung als Handelsstadt auch einen großen Ruf als moderne Industriestadt erworben hat, da haben sich heute die Vertreter des deutschen Hand­werks- und Gewerbekammectages und zwar Zum dritten Male seit seinem Bestehen ein Stelldichein gegeben. Aus allen Gegenden des deutschen Vaterlandes sind sie zusammengekommen, um darüber ernsten Rat Zu pflegen, wie dem alten ehrsamen Handwerk, dem so viele Un- glückspropheten den baldigen Untergang verheißen, auch im modernen Getriebe wieder eine geachtete Stellung und ein besseres Auskommen zu erringen. Ist dies möglich, fragt sich bang auch so mancher aufrichtige Freund des gewerblichen Mittelstandes. Allein gerade hier in Leipzig vermag er manchen Trost Zu schöpfen, herrscht doch hier ein rühriger Handwerkecgeist, ragt doch gerade Leipzig durch sein blühendes Jnnungswesen wohl vor allen deutschen Städten hervor. Uno ist dies hier möglich, wo Handel und Industrie in hoher Blüte stehen, so darf man auch für das Gesamte deutsche Handwerk frischen Mut und neue Hoffnung schöpfen, wenn es sich nur nicht selbst verläßt.

Dieselbe günstige Aussicht eröffnet auch dec Jahres­bericht, den dec Vorort Hannover des Deutschen Hand­werks- und Gewerbekammertages in der Vorversamm­lung durch Herrn Syndikus Dr. Lindström erstattete, nachdem der Vorsitzende Herr Plate-Hannover die Versammlung eröffnet und der Vorsitzende der Leipziger Gewerbekammec Herr Gruner sie begrüßt hatte. Es haben sich schon 63 von 71 Handwerks- beZw. Gewerbe­kammern zusammengeschlossen. Einen gleich erfreulichen Fortschritt läßt die handwerkliche Organisation mit Bezug auf die Jnnungsfrage erkennen. Die entsprechende Umfrage des Vorortes hat für die Bezirke der an­geschloffenen Kammern ergeben, daß bei einem Gesamt- bestande von 8800 Innungen sich 175 Zwangsinnungen und 74 freie Innungen auflösten (von letzteren aber 28

Zur Umbildung in Zwangsinnungen); dagegen haben sich insgesamt 778 Innungen neu gebildet, also mehr als dreimal so viel. Auch die von verschiedenen Seiten behauptete Thatsache, daß das Handwerk sein Dasein lediglich von derLehrlingszüchterei friste, hat sich nach den angestellten Echbeungen als falsch er­wiesen. Auf 48 Millionen Einwohnec (in den Bezirken der 63 Kammern) entfallen 1 000 000 selbständige Hand­werksbetriebe, in denen 900 000 Gesellen und 350 000 Lehrlinge beschäftigt werden. Bei einem Verhältnis von 11:9: 3^2 kann also von einerLehrlingszüchterei" im allgemeinen keine Rede sein. In denselben Bezirken bestehen ferner 2564 Zwangsinnungen mit 171000 Mitgliedern, 6271 freie Innungen mit 201 000 Mit­gliedern und 1642 gewerbliche Vereine mit 100 000 Mit­gliedern. Ferner sind 257 Genossenschaften neu gebildet worden. Diese Fortschritte dec handwerklichen Organi­sation finden ihre Erklärung in der intensiven Arbeit der Handwerks- bezw. Gewerbekammern. Und diese wird wieder am treffendsten illustriert durch die Angabe, daß 14161 Gesellen- und 3603 Meistecprüfungsaus- schüsse ihres Amtes walten.

Es wurden nun zur endgiltigen Feststellung dec Tagesordnung eine Reihe von geschäftlichen Erörterungen gepflogen. Aus denselben sei besonders nur hervoc- gehoben, daß ein Antrag auf allgemeine Diskussion des Befähigungsnachweises mit 27 gegen 23 Stimmen ab­gelehnt wurde.

Weiterhin wurde sowohl die Vorortskammer Hannover und der geschäftsführende Ausschuß, dem ins­gesamt 7 Kammern angehören, einstimmig wieder­gewählt.

Als Ort der Tagung des 4. Deutschen Handwerks­und Gewerbekammectages wurde München ins Auge gefaßt. Schluß gegen 11 Uhr.

Politische Nachrichten.

Berlin, 26. Sept. Von der angeblichen Absicht des russischen Finanzministers Witte, den Handelsvertrag mit Deutschland noch rechtzeitig, also bis 31. Dezember 1902 zu kündigen, ist an hiesiger amtlicher Stelle bisher nichts be­kannt. Immerhin wird aber diese Möglichkeit ins Auge ge­faßt, wenn auch nicht gerade abzusehen ist, zu welchem Zweck gerade Rußland die Initiative zu einer Neuordnung der handelspolitischen Vertrags-Verhältnisse ergreifen sollte.

Wie verlautet, beabsichtigt die Militärverwaltung an freiwerdendem Festungsgelände in Spandau eine Fabrik zur Herstellung von Uniformen zu errichten. Bon einem solchen Vorhaben der Militärverwaltung in Spandau war schon vor mehreren Jahren die Rede. Die in Betracht kommenden Textilindustriellen erhoben damals gegen ein der­artiges militärfiskalisches Unternehmen lebhaften Einspruch, weil sie in der Lage seien, allen Ansprüchen der Heeres­verwaltung gerecht zu werden.

Berlin, 26. Sept. Für den Kirchenrat und die Ge­meinde-Vertretung der katholischen Pfarreien Berlin- werden letzt in allen Kirchen-Sprengeln polnische Kandidaten auf­gestellt, um die polnischen Bestrebungen aus kirchlichem Ge­biete, die Einführung polnischer Predigten usw. zu fördern.

In der Zolltarif-Kommission der Reichstages wurde gestern für Spiegel- und Tafelglas die Vorlage wieder hergestellt und für Mikroskope Zollfreiheit beschlossen. Die Mitglieder der Kommission werden nach Beendigung der zweiten Lesung einer Einladung folgend die Düsseldorfer Ausstellung besuchen.

Wie ein parlamentarischer Berichterstatter meldet, ist die Ansicht verbreitet, daß der Taris erst am Dienstag durchberaten sein wird. Man rechnet mit dem Umstaude, daß die Eisenzölle, die gestern begonnen worden sind und der Rest weit mehr Zeit in Anspruch nehmen werden. Die Meinungen darüber, ob die zweite Lesung deS TarisgesetzeS schließlich nur eine Sitzung erfordern oder eine ganze Woche dauern werde, soll sofort der Bericht über denselben auSge- arbeitet und festgestellt werden.

Leipzig, 26. Sept. Der dritte deutsche Handwerks - undGewerbekammertag wurde heute Vormittag durch den Vorortsvorsitzenden, Klempnerobermeister Plate-Hannover, eröffnet. Geh. RegierungSrat Lehmann be­grüßte die Tagung im Namen der Reichsregierung, 06er* regierungSrat Krische im Namen der sächsischen Regierung, Bürgermeister Dittrich im Namen der Stadt Leipzig. Die Versammlung beschäftigte sich zunächst mit dem Submissions­wesen. ____________

Thorn, 26. Sept. Nach einer neueren Bestimmung der Unterrichtsbehörden ist den wegen Geheimbündelei Ver­urteilten polnischen Gymnasiasten der Berechtigungsschein zum einjährigen freiwilligen Dienst belassen worden.

Entlarvt.

Roman von Moritz Lilie.

(Nachdruck verboten.)

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Die Toten stehen auf.

. ,W dem Falkenhofe harschte reges Leben unb Treiben, Biegung °"ângen zu Ernas Hochzeit setzten alle Hände in rnini^mh ft1 .?rie- besuchte seine Braut allwöchentlich mehrere i- rf irfn^ °e »°" zartester Aufmerksamkeit, gütig und wenn g- , hi. Seine Augen strahlten bon Glück und Freude, ®6en rnhtL inniger Siebe aus dem schönen rarten San ^ ^°""en sich allgemach wieder mit dem und wenn^ und Gemudheit zu färben begannen, * anf @rtia§ Mn^ altgewohnte Zug ernster Schwermut Mit ihrer Stirn "* legte, dann kuhte er die trüben Wolken

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In der kleinen Dorfkirche sollte die Trauung stattfinden

Unter brennenden Seclengualen, unter Honen und Bana-n vergingen die Tage und Wochen, und der Zciwuntt wo 8eè ««kommen ^and $$ und Erna vereinigen sollte, war heraus =.,.<$'< Kirche war mit Laubgewinden und Blumen, soviel der her b<m^°D-n U°K bergab, geschmückt, und mit Blumen war auch

^"Ä"lb der Kirche und der Altarvlatz bestreut Pe^Sr^ft^ l^et-n die feierliche Handlung ein', °^a" ^.er bitlt eine warmherzige Traured-, das zustimmende Ringe wurden gewechselt, und langsamen Schrittes verließen endlich die Neuvermählten den heiligen Ort, Sakristei die Glückwünsche der Verwandten und der Vertreter der Kirche und der Gemeinde entgegenzunehmen.

-d^ harrenden Equipagen bestiegen und die Rückkehr ms Schloß angetreten.

^nM WLÄ^iSZahl vorüber war und die Gäste sich in ^« düngenden Parke ergingen, eilte abruleaen ^Meder N^ den bräutlichen Schmuck 2>ie§ fm ft h^H fi7tlr^^Ä0^ ^r Kammermädchen bemerkten waren sie ihr gefolgt, um ihr behilflich zu sein. Der

jungen Frau war dies gerade recht; sie fühlte das Bedürfnis, allein zu sein, noch einmal die Erinnerungen an ihre Jugend, die nunmehr abgeschlossen hinter ihr lag, an sich vorüberziehen zu lassen und sich im Geiste in jene Zeit zu versenken, die ihr soviel freudige Stunden, aber auch soviel Jammer, so bitteres Weh gebracht hatte.

. Sie trat ans Fenster und öffnete dasselbe, um die milde, weiche Herbstluft einatmen zu können.

Da fiel ihr Auge auf eine Mannesgestalt, die unter einer mächtigen Ulme stand und mit einem Blicke, der ihr bis ins innerste Mark drang, zu ihr emporschaute. Das Blut erstarrte ihr in den Adern, sie rang nach Atem, Leichenblässe bedeckte ihr Antlitz und krampfhaftes Beben durchzuckte ihren Körper.

Heiliger Gott im Himmel, das ist Franz von Halek!" stöhnte sie in höchster Seelenpein, und namenloses Entsetzen lag in dem stieren Blicke, mit welchem sie auf die gespenstige Er­scheinung hinabichaute.

Dann wnrde es ihr dunkel vor den Augen, ihre Gedanken verwirrten sich und sie sank bewußtlos auf den weichen Teppich nieder.

Gleich darauf öffnete sich die Thür und Herr von Falkenhof trat ein.

Wie gelähmt stand er einige Augenblicke da, als er seine Tochter leblos liegen sah.

Mit vor Aufregung und Schreck schlotternden Knieen trat er näher und beugte sich zu der Ohnmächtigen herab; ihr leises Atmen verriet ihm, daß sie noch lebe.

Einige Tropfen frisches Wasser aus der auf dem Tische stehenden Karaffe, mit denen er ihr das bleiche Antlitz besprengte, brachten sie sehr bald wieder zum Bewußtsein zurück.

. Langsam öffnete sie die Angen und schaute angstvoll um sich; niit Hilfe des alten Herrn- erhob sie sich langsam und schwankte nach dem Divan, in dessen Kissen sie kraftlos niedersank.

,Ist er noch da, Papa, steht er noch an der alten Ulme? hauchte sie.

Herr von Fries, Dein Gatte ist liicht hier", versetzte der Schloßherr, an das Fenster tretend.Aber ich will ihn rufen assen; seine Anwesenheit wird Deine durch die Aufregung der letzten Tage geschwächten Nerven beruhigen." .

pent, nein, ich kann Alfred jetzt nicht sehen, um alles in der Welt nicht!" schrie Erna mit angstvoll gellender Stimme

Wissen unsere Gäste, weiß Alfred schon dm, Entsetzliche. O,.rch weiß es, man wiri mich verhöhnen,, wird mit Fingern auf mich zeigen, niich vor den Staatsanwalt Torbern - o, es ist entsetzlich!"

I Sie schlug beide Hände vor das Gesicht, ihr ganzer Körper bebte.

Herr von Falkenhof wußte nicht, was er von den ver­worrenen Reden seiner Tochter halten sollte. Er begann für ihren Verstand zu fürchten. ,

So sprich doch endlich und erzähle mir, was Dich so furchtbar erregt", rief er in ärgerlichem Tone.Aus Deinen unzusammenhängenden Reden wird sein Mensch klug. Wer hat an der Ulme gestanden? Was ist es, das Dich in so namen­lose Angst versetzt und Dich dem Hohne und sogar staats anwalt­lichen Erörterungen aussetzt?" .

Siehst Du ihn nicht mehr tm Garten stehen, den Baron Franz Halek? schaut er nicht mehr mit jenem entsetzlichen Blick zu mir heraus, der mein Blick erstarren machte?" versetzte sie mit zitternder Stimme. , . f

Immer wieder dieser Elende, der Deinen Weg kreuzt! fiel Falkenhof ein, während er wiederum ans Fenster trat und in den Garten hinabichaute.Vor Deinen Augen schoß er sich eine Kugel durch die Brust, um sich dem Zuchthause zu entgehen. Au? der Landstraße endete das Leben des Fälschers und Be­trügers, Dich aber brachte sein Tod ebenfalls an den Rand des Grabes. Und heute, an Deinem Hochzeitstage, zaubert Derne erregte Phantasie Dir diesen Menschen vor, und Du giebst Dich dieser Sinnestäuschung mit selbstquälerischer Lerdemchastlichkert hin, als handele es sich nicht um ein Phantom, sondern um eine unumstößliche Thatsache. Das Grab giebt ieme Toten nicht zurück: was es umschließt, ist für uns verloren auf ewig."

Kranz' ist nicht tot, nein, er, lebt . verletzte Erna in festem Tone, in welchem sich ihre innerste Ueberzeugung wrder- sp^äd wenn er lebte - was dann?" fragte Falkenhof erregt. Du bist jetzt Frau von Fries. Ich werde Deinen Gatten rufen: vielleicht wirkt das beruhigend auf Dich."

Um Gotteswillen, thue das Nicht 1' schrie sie, indem sie auf. sprang und ihren Vater zurückhielt.Ich kann ihn jetzt nicht sehen; es wäre mein Tod, wenn er mir jetzt nahte!"

Was soll das heißen?" fragte Falkenhof streng.

Ich mag Alfred nicht sehen, Papa, jetzt nicht - niemals mehr!" rief sie angstvoll aus. Dann sank sie erschöpft und matt in einen Sessel.

Wie?"

«Franz, lebt - er ist hier, ich. täusche mich nicht. Und SHfreb, mein Gatte, mit mir unter einem Dache! o, nie mehr will ich ihn sehen."

Hast Du den Verstand verloren?" fragte der Schloßherr rauh

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