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Nr. 146.Zweites Blatt.

Freitag, den 27. Juni 1902.

11. Jahrgang.

«bo»eme»«sprets: in Gießen, abgeholt monatlich 50 Pfg-, Haus gebracht 60 Psg durch die Post bezogen Piertel=

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Gießener

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Postzeitungsliste No, 3032.

Neueste Kachri

(chießener Dagâtt) Unabhängige Hageszeitung (Hietzener Zeitung)

Redaktion und Expedition: Gießen, Neuenweg 28.

stir ^llei-kefsen und die Kreise Marburg und Wetzlar: Lotalanzeiger für Gießen und unMlmnq

' t, norm. Wilh. Keller'sche Buchdruckerei, <«cgr. 1783); für die Redaktion verantwortlich: Albin Klein. Gießen.

Druck und Verlag der Gießener VerlagSdrucker i,

Owr Landtag.

Darmstadt, 26. Juni.

Tagesordnung: Wohnungsfürsorge für

Minder bemittelte.

Aba Ulrich (Soz.): Er und feine Partei können sich für diese Vorlage nicht allzusehr erwärmen, weil sie nicht bringe, was notwendig ist, um der Wohnungs­not einigermaßen entgegenzuwirken. Es ist nicht ge­nügend, die ungesunden Wohnungen zwangsweise zu beseitigen, sondern man muß den aus diesen Wohn­ungen Ausgetricbenen zugleich gesunde Wohnungen zur Verfügung stellen können. Solange hierfür nicht gesorgt ist, wird das neue Gesetz nur wenig zur Be­seitigung der Wohnungsnot beitragen. Es muffe den Gemeinden ein direktes Recht zum Bauen gegeben werden, und die Gemeinden müssen von Staatswegen zum Bauen angehalten werden. Dies Gesetz komme den minderbemittelten Gemeinden, insbesondere auf dem Lande, zu Gute, denn die Wohnungsvcrhältnisse in den Gemeinden unter 5000 Seelen seien zum Teil himmel­schreiender, als in den Städten. Durch die Schaffung der Landeswohnungsinspektion werde man überhaupt erst ein richtiges Bild von den Wohnungsverhältnissen, zumal auf dem Lande, erhalten. Der Mangel an kleineren Wohnungen in der Stadt ist der Grund ihrer Verteuerung. Der schlechte Zustand der Mietwohnungen auf dem Lande wird verursacht dadurch, daß sich dort zu wenig solvente Mieter finden. Für die Arbeiter ist die Wohnungsfrage zur Zeit eine Lohnfrage und nichts anderes. Es ist außer Zweifel, daß die Wohn­ungen der Arbeiter ihr Einkommen weit mehr belasten, als es bei allen anderen Leuten der Fall ist. In den Industriestädten werden die Arbeiter oft weit über ein Viertel ihres Einkommens durch die Wohnungen be­lastet. Mit Recht habe Ministerialrat Braun gesagt, daß alle Heilstätten nichts nützen, wenn der Rekonvaleszent sofort wieder den schädigenden Wirkungen seiner Be­hausung ausgesetzt wird. Die Heimarbeiter müßten vor allen Dingen auch dec Wohnungsinspcktion unterstellt werden und so Gewerbeinspcktion und Wohnungsinspek­tion Hand in Hand mit einander arbeiten. Freilich, um alle diese Wünsche zu verwirklichen, genüge der gute Wille der Regierung nicht. Die Gemeinden bedürften auch besonderer Gemeindeinspektoren. Auch müsse eine Revision des Exp r o p r i a t i o n s r e ch ts durchgefühct werden. Ein Reichswohnungsgesetz sei hcrbei- zuführen, und die hessische Regierung solle dahin wirken, daß die Gedanken dieser ihrer Vorlage dem Bundesrat nahe gebracht würden. Jedenfalls habe das Vorgehen der hessischen Regierung in dieser Frage die große Be­deutung, daß es für alle anderen deutschen Staaten ein Vorbild und ein Ansporn sei, daß in der Wohnungs- sürsorge weit mehr geschehen müsse, als bisher. So sei ihm dann der Vorschlag der Regierung acceptabcl, denn er werde dazu führen, daß ein größeres Verständnis für die Wohnungsfrage in weitere Kreise dringe.

Abg. Kramer (Soz.) wendet sich gegen den Ge­brauch, die Arbeiterschaft zu isolicen und herauszusetzen in die Nähe der großen Fabriken außerhalb des Weich­bildes der Stadt. Das demoralisirt. So liege denn viel daran, bei der ganzen Wohnungsfrage, wo, in welcher Lage gebaut werde. Das möchte er der Re­gierung zu bedenken geben.

Ministerialrat Braun: Wenn u. A. Einwendungen gegen denumständlichen Instanzenweg" gemacht worden feien, so bemerke er, daß ein solcher weder im Gesetz noch in der Begründung vorgesehen sei. In dec Praxis würden doch die Nachweise, die zum Eingreifen in Wohnungsfragen nötig wären, ohne Weiteres der Wohnungsinspektion reichlich Zuströmen. Gerade in einem kleinen Land, wie Hessen, sei das zu erwarten. Die Wohnunginspektion solle überhaupt nur die Zentral­stelle sein für die ganze Wohnungsfürsorge und eng zusammenwirken mit den Gewerbeinspcktionen. Auch denke er, daß die großen Gemeinden ihreLokalwohnungs- inspektion nun besser ausbauen und zu städtischen Wohnungsämtern entwickeln würden. Die Frage der Ausdehnung des Enteignungsrechts der Gemeinden habe die Regierung vielfach beschäftigt. Auch habe sie nicht außer Acht gelassen das große Interesse, das die Gemeinden daran haben, nicht nur ihren Bodenbesitz iu erhalten, sondern noch zu erweitern. WaS den Wunsch nach einem Reichswohnungsgesetz und einem Wohnungsamt angehe, so könne er erklären, daß wenig

Aussicht zur Zeit vorhanden sei, daß das Reich sich mit dieser Frage befassen werde. Die Frage, wo man bauen solle, sei eben einfach eine Bodenpreisfrage. Ec halte zur Beseitigung der hier liegenden Schwierig­keiten für den praktischen Weg den, daß zur Ent­wicklung des Vorortverkehrs möglichst viel gethan werde.

Abg. Wolf (parteilos) ist gegen Erbauung von Mietskasernen, er will die Arbeiter bodenständig gestellt haben. Würde auch der kleine Bauer die Vorteile dieses Gesetzes genießen können, so sei er zufrieden- gestellt.

Abg. Weidner (christl. Soz.) wendet sich gegen den Abg. Wolf. Die Wohnungsnot auf dem Lande bestehe in der That so, wie sie der Abg. Ulrich dargestellt habe. Dieser Not aber könne der Staat nicht sofort abhelfen. Es genüge, den Gemeinden das Recht zu geben, die Landeskreditkasse in Anspruch zu nehmen. Man möge dem Gesetz weiter keine Schwierigkeiten machen.

Abg. Seelinger (nl.) stimmt dem, was der Abg. Ulrich gesagt hat, im Großen und Ganzen zu und spricht sich für die Vorlage aus.

Abg. Hacnsel (nl.): Dec Staat könne nicht weiter Vorgehen, als dieser Entwurf es vorsehe! Er verspreche sich von der Ausführung diese? Gesetzes, wenn mit Vorsicht vorgegangen werde, einen großen Erfolg. Er freue sich als einer, der sich seit Langem mit dieser ganzen Materie intensiv beschäftigte, daß die Re­gierung eine so schwierige Materie so gut gelöst habe.

Nach kurzer Spczialdebatte wird das Gesetz, die Wohnungsfürsorge für Minderbemittelte betr., im Sinne der Ausschußanträge angenommen.

Die Schnellfahrt Paris-Wien.

Auf der Höhe von Ehampigny, 15 Kilometer östlich von Paris, nahm gestern Donnerstag Morgen die Schnellfahrt Paris-Wien ihren Anfang. Um 3 Uhr 30 Min. fuhr der erste Wagen ab, dem die anderen in Abständen von 2 Minuten folgten: 1. Giradot, 2. Fournier, 3. Edge, 4. De Knyff, 5. Gabriel, 6. Caters, 7. Foxall-Keene, 8. Moritz Farman, 9. Heinrich Farman, 10. Parrott usw. An 19. und 20. Stelle kamen die beiden Wagen der d e u t s ch e n Firma Mercedes in Ean nstatt, gelenkt von Zborowsky und Forest. Die Abfahrt der übrigen Teilnehmer zog sich bei herrlichstem Wetter bis 10 Uhr Vormittags hin. Im Ganzen beteiligten sich 143 Wagen, also mehr als je an einem Rennen teil- genommen haben. Davon sind 44 schwere und 57 leichte Rennwagen, 11 einsitzige Wagen und 16 Motor­fahrräder.

Die genaue Route der Wettfahrt ist folgende: 1. Etappe: Paris-Belfort, 26. Juni, 408 km. Provinz, Troyes, Bar-sur-Aube, Ehamont, Langres, Vesoul.

2. Etappe: Belfort-Bregenz, 27. Juni, 312 km. Neutralisiert. Delle, Laufen, Basel, Rheinfelden, Baden, Zürich, Winterthur, St. Gallen, Rorschach, Bregenz.

3. Etappe: Bregenz-Salzburg, 28. Juni, 337,5 km. Feldkirch, Bludenz, Arlberg, Landeck, Imst, Inns­bruck, Brixlepp, Unken bis Reichenhall auf bayrischem

Gebiet.

4. Etappe: Salzburg-Wien, 29. Juni, 335,13 km. Völklabruch, Wels, Linz, Enns, Amstetten, Melt,

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St. Polten, Stockerau, Floridsdorf, Prater.

In den weiteren Kreisen der Bevölkerung erregt die Fahrt nach Wien längst nicht das Interesse, das im vorigen Jahre die Fahrt nach Berlin erweckt hatte. Dagegen interessiert sich die Sportwelt weit leb­hafter. An der Fahrt beteiligen sich, ohne als Wett­renner zu figuriren, der junge Van der bild und der Baron Henri de Rothschild. Der Letztere hat seinen Mercedes-Wagen mit einer Feldapotheke ausgerüstet und stellt sich als Arzt in den Dienst der Fahrt. ~

* Paris, 27. Juni. Der erste Teil der Fahrt ist, soviel bisher bekannt wird, ohne Unfall verlaufen. AIs Erster kam R. de Knyff um 10 Mt 57 Mm. und 30 Sek. in Belfort an. Ec hat die 408 Kilometer in 4 Stunden 6 Min. und 30 Sek. zuruckgelegt. Als Zweiter folgte Henry Farmann um 11 Uhr 10 Min. und weiterhin bis Mittag in kurzen Abständen Maurice Farman, Jarrott, Pinson und Teste.

Gießen bei Uacht-

Gießen, 26. Juni 1902

Sehr geehrter Herr Redakteur!

In Ihrem geschätzten Blatte erschienen vor einigen Monaten Artikelserien, Plumps und Müller und Schulze benannt, um deren Wiedererscheinen ich Sie höflichst b tte.

Ostmots ist es vorgekommen, daß wir den Skatblock über ihren Plaudereien vergessen haben so letzt noch beim Wein-Rinn Nachsolger tn Klein-Linden.

Mein Freund halte sich eben so auf (einen köstlichen Handkäse gefreut, da schnitt derdritte Mann" die Müller und Schulze'sche Plauderei über Holzmann an. Der bis dahin zum Verschwinden geneigte Handkäse schien aber anderer Meinung geworden zu sein, Denn unter einem fürchterlichen Getöse, halb meßend und halb fluchend, erfchien der Handkäse im höchsten Auflösungsprozesse und Donner­wetter Donnerwetter intonierte die Begleitung.

Ich mußte über dieses wirklich komische Intermezzo herzlich lachen, erreichte aber damit unsereszweiten Mannes" Liebesergüsse, die zum Schlüsse in einem recht deutlichenSchasSkopf" ausklangen.

Diesen ruhig mit Dank quittierend, offerierte ich ihm - denselben en tortue gefaßt uno bemerkte, vaß Holzmann durch Müller und Schulze in ähnlichem Seanceverhältniè serviert worden sei. Er reagierte aber nicht mehr Darauf und lenkte unser Gespräch aus Die kommenden Klinikrbauten, bezw. Bauten der Veterinäranstalt.

Ec erwähnte, und zwar wohl nicht mit Unrecht, warum man den ganzenFrank,urler Berg" jetztDertliniten" wollte.

Nachdem einseitig die vorhandenen Klinikrbauten eine bedeutende Strecke der Frankfurter Straße beherrschten, würd« es wahrlich im Stadtbild nicht gerade interessant er­scheinen, auch rechtsseitig Klinikrbauten erblicken zu müssen. Die Stadt Gießen habe ja das Gelände der Margaretyen- Hülte durch billigen Kaus, Rüsing und Schlesinger, durch I Expropriationen erlangt, warum man denn nicht an dieser Stelle, wo gewiß Platz genug fei, die Veterinäranstalt er- bauen wolle.

Das Gelände an der Frantfurter-Straße habe einen Wert von ca. 15 Mk. pro qm, wohingegen das der Mar- garethenhütte nur ca. 2 Mk. pro qm koste, mithin ergäbe sich eine unnötige Mehrbelastung der Gießener Steuerzahler. Er sei ihm allerdings bis jetzt eine Ehre gewesen, Gießen mit ca. 3000 Mk. Steuern jährlich unterstützen zu können, aber wenn das so weiter ginge wurde er doch noch der Einladung Wiesbadens Folge leisten undGießen Valet" sagen. Der dritte Mann war ganz erstaunt über Die kühnePhilippika" unsererZweiten" und meinte, endlich endlich einen wahren Anarchisten gesunden zu haben. Er solle doch froh sein, daß er in Gießen dar Asylrecht habe, denn . ... in Wierbaden, da könne er sich drauf verlassen, wäre er mit solchen Ansichten bald hinter schloß und Riegel. Auf dem Heimweg verführte uns die ^bevor­stehende Johannirnachl 1902 noch zu einem kleinen Streich u> d ließ uns den Wunsch zum Beschluß erheben, heute den Sonnenuntergang von derschönen Aussicht" zu beobachten. Wir gingen bie Klinikstraße entlang an derißiUa Riegel vorbei und kamen über ein prachtvoll gelegener Ackerland an dar erstrebte Ziel. _

Die (Feld- und Wald-) Affen führten bei unserem Er­blicken einen sehr natürlichen Eröffnungsreigen auf und ver- suchten sofort unser Gespräch in eine ihnen genehme Richtung zu beeinflussen. Herr und Frau Psou gingen einträchtig neben einander spazieren, von Zeit zu Zeit ihren Grußnah näh" allseits entbietend, dann wackelten die Enten mit be­schleunigtem Schritt und stürzten sich todesmutig m bi« Pfütze Flut, die - noch - so lang schon deè Wassers Dünnflüssigkeit entbehrt«. .

In Dem äußersten Ecktempelchen fanden wir drei uns angenehm von zarter Hand bewirtet und moncheS Glaèlem Hopsentropfen verkündete die StimmungSschonheit unserer Situation zu Gießens Abendhimmel. Da hörte ich im H chl- wege ein kleines Stimmengewirr uns nahen und eine jugend­lich kecke Stimme stellte Die Frage:Meine Damen, missen Sie etwas Neues?"Ach, m-in lieber Willy, erzählen Sie."Ja meine Damen, recht gern, wissen Sie, wie dieser Jahr die Heuernte riecht?"Nein, Nein, nein, Nun denn, nach reinstemKrystall-Petroleum" feit Stadt und Land diese Ueberschwemme haben." Munteres Lachen war deè Rätselstellers Dank, das uns in immer ent- sernter klingenden Jnterwallen noch lange im Ohre tönte. Die Sonne hatte sich allmählich der Bieberthales Horizont genähert und warf ihre Strahlen, hier und da durch kleine Wolkenstreifen aufgehalten, in tausendfacher Form Die