Mr. 146. Erstes Blatt.
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IratWbeilage«: Oberhesfische F«mttie»zeitu»g (täglich) cberhessische Zeitschrift für L.udwirtschast, Obst- neb «arteuba«, sowie die chietzeuer Sekfe»blase» (wöchentlich).
Das Blatt erscheint an alle» Werktagen nachmittag«.
7 Freitag, den 27. Juni 1902.
Gießener
________________11- Jahrgang.
J»ferti»»SpreiS > Die einspaltige PetiUeile für Gießen wie ganz Oberbefsen, die Kreise Wetzlar und Marburg 10 Pf., sonst 15 Psg.; Reklame» die Pettlzelle 30 resp. 40 Pfg.
Postzeitungsliste No. 3032.
Redaktwn und Expedition: Gießen, Neuenweg 28.
Deueffe Nachrichlen
(chietzener Hagevratt) Anavyüngige Tageszeitung (chietzener Zeitung)
für Oberheffen und die Kreise Marburg und Wetzlar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung.
Druck und Verlag der Gießener Verlagsdruckerei, vorm. Wilh. Kellcr'sche Buchdruckerei (gegr. 1783); für die Redaktion verantwortlich: Albin Klein, Gießen.
* Dom deutschen Parlamentarismus.
Von Niemanden, der die parlamentarischen Vorgänge in Deutschland mit Aufmerksamkeit verfolgt, wird ernsthaft die Behauptung bestritten werden, daß sich der deutsche Parlamentarismus im Niedergang be- sindet, vor allem, soweit er sich in der ersten pac- limentarischen Vereinigung Deutschlands, dem Reichstag, verkörpert. Während in den Landtagen der ein- jtlncn deutschen Staaten vielfach noch eine sehr ernste mb maßgebende Arbeit geleistet wird, ist der Reichstag mehr und mehr zu einer dürftig besuchten Redehaue für ein kleines Häuslein berufsmäßiger Parlamentarier getvorden, und seinen Beschlüssen wohnt selten nur — abgesehen natürlich von ihrer verfassungswürdigen Notwendigkeit — entscheidende Bedeutung oder Kraft bä Jnhaltsarmut der Reden und Beschlußunfähigkeit des Hauses — das sind allmählich die hervorsteckenden Eigenschaften des deutschen Reichstages geworden. In auffälliger Weise ist während des letzten Jahrzehnts das geistige Niveau dieses Parlaments gesunken, verschwindend gering ist die Zahl bedeutender Köpfe, die teilte die Bänke des Reichstages zieren. Dement- tzrcchend haben auch die Reden, die von den Abge- iidnetcn im Reichstag gehalten werden, gegen früher erheblich an innerem Gehalt, Eigenart und Ueberzeugung verloren, in den allermeisten Fällen sind sie nur ein schwacher Widerhall dessen, was vorher in der Presse zu dem Thema gesagt worden war. Man braucht hierbei nur an die Reden zu erinnern, die im Reichstag zur ersten Lesung des Etats gehalten worden sind. Angesichts des geringen Interesses vieler Debatten ist es allerdings kaum verwunderlich, daß die Mehrzahl bet Abgeordneten es für überflüssig erachtet, diese Auseinandersetzungen persönlich anzuhören, und den Kitzungen der deutschen Volksvertreter einfach fern bleibt.
Aber auch die Regierung hat einen erheblichen Lil der Schuld an diesen Verhältnissen zu tragen, vs Würde sie sich endlich entschließen, den Reichstagsab- ? zeordneten Diäten zu gewähren, so würde sicherlich die - jtyönliche Zusammensetzung des Reichstags und damit in Wert der Versammlung, wie auch der Besuch des Iikichstagsplenums eine starke Aufbesserung erfahren. Richt allein aber in den Persönlichkeiten der Reichstags- abgeordneten liegt ein Niedergang ßdes deutschen Par- ümentarismus begründet, auch bietet der Behandlung btt gesetzgeberischen Aufgaben trägt dazu bei. Immer
H«erteerd. v *
* Novelle von E. Vely.
*•1 iNachdru« »eilotinj
Steifs Augen haben einen Hellen Schein, Thränen und Zahre haben ihn nicht verlöschen machen. Das muß Geerteerd denken, als Jene jetzt wieder den Kopf hebt und sagt: Ja, ja, r "t oö’ dem sände ich mich ab, nur nicht, daß mein Jo die S todter von seines Vaters Mörder lieb hat.
n Mutter!
2 Reick!
I Mn heiser« und ein schriller Schrei, dann hat sich das d »»dien losgerrsfen, ihr Antlitz ist erdfahl.
j Du lügst! ruft sie.
£ od| luge nicht, sagt Reick und hebt die Hand wie zum
5 ichwur. Geh', frag Deinen Vater, warum er Hineck Toben mit
S »mausgenommen hat, und warum er allein wieder an Land S Minnien ist und mein' Hineck am andern Tage von den
5 Hellen herangespült ist, und frag ihn, was ich ihn, in's Gesicht zwufen habe, dem Maniel Hay, als er neben der Leiche stand I Hub frag' ihn auch, warum der todte Hineck ein Büschel Haare ii der Hand hielt, die so aussahen, wie dem Maniel seine I
Geerteerd wankt zurück, ihre schwarzen Augen haben einen ferrw Blick, auch sie streckt beide Arme von sich und dann I sagt sie mit hohler Stimme: Geh', Jo Toben — zwischen Dir wb mir ist keine Gemeinschaft — gehl
Geerteerd, schreit er aus, und Leidenschaft und Schreck seinen in ihm mit einander zu streiten.
Reick sieht wie gewachsen aus.
Geerteerd Hay, Du hast mehr Ehre in Dir, al« ber, welcher ll* mein Sohndhier steht.
Die Anerkennung hat sie dem blaffen Mädchen zu schulden ( totint — aber es weist sie mit einem irren Lächeln zurück. , "<«1 ist's klar, warum der Maniel und sie eigentlich gemieden j ™ — die Mutter eine Pflichtvergessene, der Vater ein noch Meter Sünder — schaudernd schlägt sie die Hände vor'« Gesicht,
mehr ist es Beguemlichkeitssitte geworden, die wichtigen Verhandlungen vom Plenum in die Kommissionen zu verlegen, deren Beschlüsse das Plenum in den meisten Fällen „unbesehen acceptirt. Das endlose In die Länge ziehen parlamentarischer Beratungen, wie es eben wieder mit dem Zolltarif geschieht, das wesentlich von parteitaktischen Erwägungen mitbestimmt ist, kann nur zur Minderung des Ansehens parlamentarischer Arbeit beitragen. lind die „Oostruktion", die bei der lex Heinze in das parlamentarische Leben Deutschlands eingeführt worden ist, und die noch immer für die Zolltarifberatung in Aussicht gestellt wird, muß letzten Endes mit ihrem gewaltsamen Brechen des Willens der Mehrheit zu einer Untergrabung des Parlamentarismus führen. Das sollten ihre Befürworter immer bedenken. Es liegt noch mehr im Interesse des deutschen Volkes, als im Interesse der Regierung, daß der deutsche Parlamentarismus nicht noch weiter gleitet auf der Bahn des Niedergangs.
Politische Nachrichten.
Der Kaiser besichtigte gestern Donnerstag Vormittag die Neubauten auf der Kaiserwerft in Kiel, besuchte mittags den Geh. Rat Krupp aus seiner Dampfyacht „Puritan" und begab sich später auf das Regattaseld. Zur Frühstück«- tasel beim Kaiser war Staatssekr. v. Tirpitz geladen.
General Graf Häseler« Befinden
ist trotz großer Schmerzen gut. Die Heilung dürste einige Wochen erfordern. Nach dem Unfall hatte Gras Häseler an den Kaiser telegraphiert: „Bin gestürzt. Bitte Korps zu behalten." Der Kaiser antwortete: „Herzlichst bedauere. Antrag genehmigt."
Darmstadt. Der Staats- und der Finanjminister hielten am Mittwoch Nachmittag gemeinsam mit dem Bureau der 2. Kammer, bestehend au« den drei Präsidenten und den beiden Sekretären eine nahezu l‘/a ftünbige Sitzung ab, in welcher über die Geschäftslage des Hauses beraten wurde; wie jetzt bekannt wird, beabsichtigt die Regierung, die Vorlagen bezüglich de« Hoftheaters und der Technischen Hochschule zurückzuziehen und ist der Schluß de« Landtage« durch Se. Königl. Hoheit den Großherzog, welcher Freitag von England zurückkehren wird, für Donnerstag, 3. Juli vorgesehen.
Darmstadts Die er.st e Kammer^dürste nächsten Mittwoch, den 2ifJuli zusammentreten. ^ <”1
Darmstadt, 26. Juni. Heute Donnerstag Nachmittag fand bei dem Präsidenten H a a « ein Diner statt, zujwelchem
Komm! sagt Reick zu dem Sohne, aber er wendet sich auch von ihr und eilt die Dünen hinab an den Strand, wohin sie eben das Rettungsboot geschleppt haben, um es klar zu machen, denn drüben kämpft das Seegelboot mit großer Gefahr und der Leuchtthurmwächter hat herabgeschickt und noch von zwei anderen Fahrzeugen berichtet, die hülssbedürftig scheinen.
So recht, murmelt Reick, dem Sohne nachsehend, er ist mir immer noch gesund wieder an Land gekommen, aber lieber wüßte ich ihn aus dem Meeresgrunde — als —
Sie redet doch nicht aus, sie hat ein plötzliches Erbarmen mit dem blassen Mädchen, das zu dem, was sie sagt, so eigenthümlich nickt. Dann geht sie langsam nach den anderen Weibern zuriick.
Geerteerd kauert sich auf der Düne nieder und blickt dem Treiben der Männer zu, aber sie weiß gar nicht, was dort eigentlich vorgeht. — Sie mühen sich freilich um das Boot, das sonst in dem schwarzen Schuppen der» Insel wie in einem Sarg eingeschlossen ist, und ja auch fast nur wie zu Todes- nöthen hervorgeholt wird — aber wem's gilt — ihr, ihrer Mutter und einem fremden Matrosen oder der blöden Meerie und Jo — das saßt sie nicht. Es ist Alles so unklar in ihrem Kops — einmal meint sie, Jo und sie seien wieder Kinder und das Boot dort das Fahrzeug, aus welchem sie in die weite Welt wollen.
Langsam kommt sie herab, sie weiß nicht, treibt sie der Wind oder ihr eigener Wille in die Nähe der Männer. Der alte ausgediente Kapitän, der auf dem Eiland die Kurwirth- schaft hat, und auch ein kleines Rettungsboot besitzt, das eben herangefahren wird, ruft den Fünfen zu, die hinaus wollen: Jungens, ich komme Euch nach, wenn'S schlimm wirb.
Da drängt sich Jo heran.
Bin auch dabei!
Du, sagt einer, bist kaum Heil, woher sollen die Kräfte kommen?
Ich will!
der 2. Präsident Schmitt der dritte Präsident R e i n h a r t sowie die beiden Sekretäre Schmalbach und Brauer sowie die Abg. Dr. Heydenreich, Dr. Gutsleisch und von Brentano geladen waren.
Gras Ballestrem beim König Georg. Am Dienstag wurde sofort nach dem Empfang des Stellvertreters des Reichskanzlers Grafen von Posadowsky der Präsident des Reichstags Graf Ballestrem vom König Georg in einer Privat-Audienz empfangen. Dieser drückte dem König namens des Reichstages das Beileid aus Veranlassung des Ableben« des Königs Albert aus und brachte dem König Georg ebenfalls namens des Reichstages seinen Glückwunsch zum Regierungsantritt dar. In herzlicher Weise sprach der König seinen Dank aus.
hessischer Landtag.
Darmstadt, 26. Juni.
(Schluß.)
Von anderen kleinen Vorlagen kommen dann noch zuv Verhandlung der Gesetzentwurf über das Eigentum der Kirchen, Pfarrhäuser ?c.
Staatsminister Rothe bemerkte: Den äußeren Anlaß zu dieser Vorlage gab ein auf dem vorigen Landtag gestellter Antrag des Abg. Dr. Schmidt. Die Regierung zeigt durch diese Vorlage, daß sie bereit ist, dem Antrag Folge zu geben, doch wollte sie ihn nicht auf die katholischen Gemeinden eingeschränkt wissen, sondern durch die Vorlage ist der Antrag ausgedehnt worden auch auf die evangelischen Gemeinden.
Ministerialrat Best: Es sei ungerecht gewesen, und unbillig, daß durch die französische Revolution mit einem Federstrich das Kircheneigentnm zum Staatseigentum gemacht wurde. Man wolle also nur mit diesem Gesetzentwurf das wiederhecstellen, was billigerweise der Kirche zugesprochen werden müsse. Man wolle aber ebenso auch dabei die Interessen der politischen Gemeinde wahren. Der Redner verteidigt darauf die Vorlage im einzelnen
Abg. Ulrich erklärt, weil durch das Gesetz eine Anzahl Gemetndeeigentum thatsächlich der Kirchengemeinde zugeführt werde, so stimme'jseine Partei»Ig egje.n die Vorlage. ^
Darauf wird die Vorlage^ mit allen gegen die Stimmen dec Sozialdemokraten angenom.men. Nächste Sitzunglmorgen^ö Uhr.^, Tagesordnung: L a n d -
Darauf widerspricht keiner mehr und Maniel Hay mubmelt: Braver Jung!
Reick Toben steht unbeweglich, sie hält den Sohn nicht zurück, sie weiß, was sie gesagt hat — lieber auf dem Meeresgrund als mit Maniel Hay's Kind verbunden. •
Geerteerd nickt, wie im Traum. Sie sieht, daß Jo ihr noch einmal das bleiche Gesicht zuwcudet, wie ein abschiednehmen- des Lächeln gleitet es darüber — bann stößt das Boot ab. •
Noch eins, Jungens, schreit Maniel durch die hohle Hand. Habt Acht aus die Laterne — ich schicke hinaus — er soll sie gleich anzünden! —
Sie wissen Alle, was das bedeuten soll, einen Wegweiser bei Tageslicht, wenn die feuchten lllebelivvlkew den Lichtschein durchdringen lassen — Geerteerd, bring's bei dem droben an — hast jüngere Beine, als ich, sagt des Vaters Stimme bann neben ihr und sie nickt und dreht sich den, Wege inselwarts zu. Erst hoch dnnsnaufwärts geht's, dann landein, die Fremden. Häuschen stehen verlassen, der große Saal hat geschlossene Läden, sie gleitet pseilschncll über den steingepflasterlen Weg und nach dem Lenchtthurn, hin. Ihr ist, als schwanke er vor ,hren Blicken wie ein Rohr Hill und her in dem Unterbau die Stiege hinauf.
Fritz West blickt unverwandt mit dem Kieker seewärts, er sieht, wie die Fahrzeuge sich durch die Wellenberge kämpfen, und welche Anstrengung das Rettungsboot machen muß, um vom Strande zu kommen, wohin die Wogen es immer wieder zurückwersen. Dann und wann entgleitet ein lebhafter Ausruf feinen Lippen — wenn er doch von hier oben sie dirigiren, ihnen Rathschläge geben könnte! -
Neben ihm eine Bewegung — erst glaubt er nur ein Trugbild zu sehen, bann stößt er einen jubelnden Laut aus, ver läßt das mächtige Fernrohr und eilt dem Mädchen zu Hülse, das mit halbem Oberleib emportaucht —
Geerteerd! ,
i (Fortsetzung folgt.)