Nr. 145. Erstes Blatt.
Donnerstag, den 26. Juni 1902.
11. Jahrgang.
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Giëßenër
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Postzeitungsliste No. 3082.
Redaktton und Expedition: ©testen, Neuenweg 28.
Deueke Machrichlen
(Gießener Tageblatt) Unabhängige Tageszeitung (Gießener Settung)
für Oberheffen und die Kreise Marburg und Wetzlar; Lokalanzeiger für Metzen und Umgebung.
Druck und Verlag der Gießener Verlag-druckerei, vorm. Wilh. Kcller'sche Buchdruckerei (gcgr. 1783); für die Redaktion verantwortlich: Albin Klein, Gießen.
Politische nachrichten.
Zu Thielens Scheiden.
Berlin, 25. Juni. Der Kaiser hat an dem Staats- mtnister von Thielen am 23. ds ein Handschreiben geachtet, in dem er ihm sein lebhaftes Bedauern über sein Scheiden und seinen Dank für die geleisteten Tienste ausspricht.
Dresden. Im BefindenderKöniginKarola von Sachsen ist in der vergangenen Nacht eine Aenderung zum Besseren nicht eingetreten. Die Königin leidet unter einer heftigen Gemüts-Depression.
Darmstadt, 25. Juni. Die zweite Kammer nahm heute die Regierungs-Vorlage betreffend die Errich- ' lung einer Hypothekenbank zur Förderung des Realkredits an.
- Wie die Berliner Thierärztliche Wochenschrift mitteilt, hat das preußische Staatsministerium sich dafür entschieden, daß die Zulassung zum Studium der Tierarzneikunde von der Ablegung der Reifeprüfung abhängig gemacht werden soll.
König Eduards Befinden.
Nach einem Telegramm des Lokal-Anzeiger- aus Kopenhagen erhielt die dänische Kronprinzessin wie verlautet, von ihrem in London weilenden Gemahl die Nachricht, daß der Zustand bei König- Eduard als hosfnungslo - gelten müsse.
Von der Operation teilt man mit; Er wurde ein 10 dir 12 cm langer Einschnitt über die Lende gemacht, die krankhaften Teile entfernt und die Cirkulation im Darme durch eine Röhre wieder hergestellt. Nach Ansicht der Aerzte dürsten wenigsten- d r e i W o ch e n vergehen, ehe eine Besserung im Befinden bei König- zu erwarten ist.
Wie ferner mitgeteilt wird, muß der König sich wahrscheinlich demnächst einer zweiten Operation unterziehen Telegramme au- der Provinz berichten, daß entgegen dem Wunsche des König- sämtliche Festlichkeiten aufgeschoben worden sind. In Handel-kreisen ist man e r - dittert über da- Verhalten der Aerzte, welche erst im letzten Augenblick die kritische Lage und den Gesundheitszustand bei König- erkannt haben.
Folgen der Erkrankung Eduards.
Eine ganze Anzahl Prozesse sind bereit- anhängig gemacht worden gegen Hausbesitzer, Hotelbesitzer rc., welche sich weigern, die für die vermieteten Fenster erhaltenen hohen Beträge zurück zu erstatten. Die Restaurants in den Haupt
straßen werden kolossalen Schaden zu verzeichnen haben, da viele bereit- große Vorräte an Lebensmitteln ausgespeichert hatten, welche nunmehr zum größten Teile dem Berderben ausgesetzt sind. — Der entstandene Schaden be. läuft sich aus viele Millionen. Da- Material für die Errichtung der Tribünen allein hat einen Kostenaufwand von über einer viertel Million Pfund Sterling verursacht Die Gesellschaft, welche die Tribünen errichtet hat, weigert sich entschieden, die Gelder für die belegten Plätze zurückzuzahlen. Der Gottesdienst und das Bankett am 26. dr. sind gänzlich abgesagt worden. — Admiral Hotham empfing heute Morgen die Kommandanten der fremden Schiffe, teilte ihnen die Situationen mit und erklärte ihnen, daß die Flotten-Revue bei Spithead nicht stattfinden würde.
Wien, 25. Juni. Wie von informierter Seite verlautet, erteilte die Regierung den Landes-Finanz- Direktionen in den an Ungarn angrenzenden Provinzen die Weisung, alles vorzubereiten, daß am 1. Januar 1903 der Grenz-Finanz-Wachtdienst seinen Anfang nehmen könne.
Brüssel, 25. Juni. Hiesigen Blättern zufolge sind aus Anlaß der heute Abend stattfindenden Buren-Versammlung große polizeiliche Sicherheits-Maßregeln getroffen.
Trieft, 25. Juni. Die Straßenbahn-Angestellten sind in den Streik eingetreten. Der Verkehr mußte gänzlich eingestellt werden. Dagegen ist der Ausstand der Fleischhauer beendet, da zwischen den Meistern und Gehilfen völlige Einigkeit erzielt wurde.
Echt russisch. Den Juden ist verboten, in der Mandschurei zu wohnen oder sich dort anzusiedeln Selbst die Durchreise durch die Mandschurei ist ihnen nur auf Grund eines Auslandspasses gestattet.
New-Hork, 25. Juni 4 N.. Das Komitee des Repräsentantenhaus für die Konferenzen bezüglich des I sth mus ka na lè beschloß, gleich dem Senat, die Panamaroute zu begünstigen, sofern der Präsident ein vorteilhaftes Arrangement mit den Beteiligten machen kann. Dieser Beschluß stellt einen großen Fortschritt in den Vorbereitungen für den Durchstich dar, da sofern die Panamaroute unerreichbar ist, der Präsident sofort die Vorbereitungs- arbeiten für den Nicaraguakanal beginnen kann.
Graf Waldersees Trinkspruch.
Die zwischen Feldmarschall Graf Waldersee und Feldmarschall Lord Roberts gewechselten Trinksprüche sind mehr als höflich und verbindlich, sie sind überraschend herzlicher Art. Beide Toaste scheinen nicht vom Augenblick eingegeben, sondern programmgemäße Kundgebungen, sodaß man annehmen darf, daß dieser Austausch von Erklärungen den Intentionen des deutschen Kaisers und des Königs Eduard entspricht. Es ist bekannt, daß die Herrscher den lebhaften Wunsch hegen, die durch den südafrikanischen Krieg übrigens nicht durch diesen allein, auch durch britische llebergriffe — hervorgerufene Verstimmung in der deutschen Bevölkerung gegen England zu beheben. Nachdem der Krieg seinen Abschluß gefunden, greift in der That allmählich ein ruhigeres Urteil hüben wie drüben Platz.
Gleichwohl wird vielleicht manchem Einzelnes in dem Trinkspruch des Grafen Waldersee nicht zusagen, z. B. das der Menschlichkeit der britischen Armee gespendete Lob. Alles Mögliche kann anerkannt werden, wenn man den britischen Truppen Ehre erzeigen will: Die Hingabe an ihr Land, sogar die Tapferkeit, denn es sind immerhin Fälle von Mut und Entschlossenheit zu verzeichnen gewesen — aber das Lob der Menschlichkeit hätte man wohl in dieser Ansprache gerne vermißt. Uebertrtebene Schilderungen auf das richtige Maß zurückgeführt, bleibt immer noch genug übrig, um un- schwer den Nachweis zu erbringen, daß die Humanität gerade in diesem Kriege sehr wenig zu Ehren gekommen ist. Dagegen kann man als ein Kompliment für die Buren auffassen, daß Graf Waldersee die Aufgabe der britischen Armee in Südafrika als „schwer und mühsam" bezeichnete. Die britischen Truppen hatten eben einen schwächeren, aber an Wert, an Heroismus, an Ausdauer überlegenen Gegner; dieser Unterschied machte die Aufgabe „mühsam", ja zu einer verzweifelt schwierigen. Lord Roberts versicherte in [feiner Antwort, daß die britischen Soldaten „tief empfänglich für die freundliche Gesinnung seien, die Graf Waldersee getrieben habe, von ihnen in so anerkennungsvollen Worten zu sprechen." Man kann hinzufügen: doppelt empfänglich, weil den Engländern aus der ganzen internationalen Zuschauer- Korona während des Burenkrieges selten und kärglich der Preis zuerkannt worden ist. In einer sympathischen Beleuchtung erblickt man auch heute noch nicht speziell den „stets siegreichen" Feldmarschall Lord Roberts.
Wir stehen auf dem Standpunkte, daß die Bestrebungen zweckmäßig und è fördernswert''smd, Idie auf
Geerteerd.
, Novelle von E. Bely.
8*l tNachdte» Webten.)
Bist noch da? fragt er, als er sich umwendet.
Sie lacht halblaut. Bin ich Dir nicht schnell genug fort? Dann gleitet sie hinaus. Maniel folgt langsam. Hie und da, wo ein Mann in den Häusern zurückgeblieben, tritt er hinaus, sie bebiirfen eigentlich keiner besonderen Mahnung, an den Mirand zu kommen. Sie sind alle wetterkundig und begierig zugleich, Ausschau zu halten. So findet sich ein Häuflein zu- sammen, das den Dünen zuwandert.
Die Dampsschiffe, welche zwar mühsamer wie sonst vorüber- ziehen, erwecken weniger das Interesse der Insulaner — die 'ümpsen sich schon durch — die kleinern Segelschiffe und Fischerboote sind's, die am meisten Gesahr lausen.
Der Wind heult wilder und wühlt die See tiefer auf, schwarz sind die Wogen, wild schlagen sie an den Strand.
Geerteerd ist die Straße entlang geschlüpft bis zu Talke Möllers Haus, wo Jo und Meerie wohnen. Es ist ein müh- sames Durcharbeiten durch die Wolken von Flugsand — aber iie thut es mit milder Lust — und wie sie sonst immer einen Umweg um das Haus ihrer Nebenbuhlerin gemacht hat, tritt sie heute mit einer Art von grausamer Freude ein.
Talke und Meerie sitzen am Herdfeuer, der rothe Schein spielt über den blonden Scheitel des jungen Weibes, das mit einer häuslichen Arbeit beschäftigt ist.
Wo ist Jo? fragt Geerteerd, ohne einen Gruß.
Wer was von ihm will, muß ihn suchen! sagt die Wittwe, während Meerie erstaunt die Blicke hebt.
Darum bin* ich da! ruft die Schwarze. Talke hält die Hand über die Augen.
Den, Maniel Hay seine Geerteerd bist Du, murmelt sie — sie sagen, der Jo wäre Dir einmal nachgegangen. Um meine weerie wär' mir's recht gewesen — konnte einen Bessern "legen, denk' ichi
Meerie wird blutroth und marfjt sich am Feuer zu schassen; Geerteerd will sich zum Gehen wenden, da trifft sie das Wort: Gleichst Deiner Mutter wie ein Sandkorn dem andern — laß sehen, sind bald an die zwanzig Jahre, daß die aus und davon ist —
Meine Mutter? stammelt Geerteerd verwirrt.
Ein langer Seufzer Talke's, eh' die Worte Nachkommen: Mit dem fremden Matrosen — ja, ja — die schwarze Sophei!
Tas schlanke Mädchen lehnt sich gegen die Wand, ihr ist kraftlos zu Muth, während die Wittwe murmelt: Ja, ja — es giebt viel Unglück in der Welt.
Jst's das, was Jo gemeint hat mit dem Wort, sie sei die Erste nicht?
Ja, ja, spricht Talke weiter. Darum ist Dir auch die Reick feind — ihr Mann hat Gefallen an der Sophei gehabt.
Jo ist nicht hier, murmelt Geerteerd, sich wie hülslos um- sehend.
Was willst Du von dem? rüst da Meerie und erhebt sich aus bcm Feuerschein, als sei ein plötzlicher Muth über sic ge kommen. Von dem laß ad — magst Künste kennen, wie Deine Mutter, aber ân dem verfangen sie nicht!
Talke bewegt beide Hände durch die Luft. Sag nicht, roa? eine Sache ist — es liegt im Blute, sie hat's geerbt von der Urgroßmutter und der Mutter.
Meerie lacht hell auf, sic versteht kaum den Sinn von dem, was ihre Mutter meint, aber es freut sie, die Feindin so ge- demüthigt dastehen zu sehen.
Ich had'è nicht gewußt, stammelt Geerteerd.
Auf dem Gesicht des jungen Weibes bleibt der spöttische Ausdruck.
Die Möven und Spatzen aus dem Eiland haben davon reden können — Reick Toden auch.
Reick! wiederholt das Mädchen und streicht über bar Haar. , „
Meerie mag denken, daß sie die Gelegenheit benützen lou, die ihr Geerteerd so hülslos in die Hand giebt.
Hast nie gefragt, daß Du so schwarz bist? Ein Franzosen find ist Deine Großmutter gewesen.
Nun schüttelt sich Geerteerd, als müsse der Bann von ihr weichen durch die heftige Bewegung, das seltsame Glühen tommt in ihre Augen und dann beugt sie sich tief hinab zu bet Sitzenden.
Lach' nicht, Meerie - zu früh ist's - wenn ich gewollt hätte, so saßest Du schon an Deinem Hochzeltstag allein und warst eine Wittwe — und wenn ich will —
Sic stockt einen Augenblick, richtet sich dann rasch empor, hebt wie drohend die Hand und sagt: Ja, ich will!
Dann ist sie verschwunden und die beiden Frauen, denen ihre Worte unverständlich sind, blicken einander erstaunt an. .
Hochausgerichlel geht Geerteerd weiter. Als sic mit bu: Gedanken, die Jo Toben suchten, vorhin bort uoer bie Schwelle getreten ist und das friedliche Bild gesehen hat, ist 6 ihr wie Reue gekommen — soll sie das Gluck zelstorcn; Wie dann aber die Worte der beiden Frauen an ih. gisch lagen sind, wie sie unter dem Spott und Hohn fast gcbrochen ist, da ist der Entschluß fest in ijr 8«. - «l o • Blut st's bei ihr - soll sic besser sc, n, als ihre Mutter gewesen ist - besser, um dieses ka .herzigen, blonden G-lchöpftS willen» Sie lach., der scharfe W.nd nimmt ihr bie «ne von
den Lippen.
Wo soll sie Jo nun suchen? Aber dann weiß sie es ebenso schnell, als sie fragt. Er wird mit den Andern am Strand fein — dorthin wendet sie sich.
Schwer ist's Durcharbeiten nach den Dünen; bis dort hinauf spritzen die salzigen Tropfen, die Sand.volten, welche empor gewirbelt werden, erschweren das Sehen. * Gruppen - weis stehen die Männer der Insel auf den höchsten Spitzen und lugen auf das immer erregter werdende Meer aus und beobachten die jagenden Wolken und suchen den Jahr zeugen zu folgen, die sich mühsam ihren Weg bahnen.
.(Jorljetzung folgt.)