Nr. 144. Erstes Blatt.
Mittwoch, den 25. Juni 1902.
11 Jahrgang.
«bo»»eme»tspreis: in Bietzen, abaeholt monatlich SVPfg, W Md'
in'« HauS gebracht 60 Psg., durch die Post bezogen viertel- M .^, ^â Mâ A A A _^ ^^
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Gartenbau, sowie die Wieiexer Setse-blase» swLchentlich). ~
Da« Blatt erscheint an «llr» Werktagen nachmittags.
3»ferHo«eprei« > Die einspaltige Petit,eile für Sitten wie ganz Oberhessen, die streife Wetzlar und Marburg 10 M , sonst 16 Psg. : Reklame» die PetitreUe 80 resp. 40 Psg.
Postzeitungsliste No. 3082.
Redaktion und Trpedition : Sieten, Neuenweg 28.
Hkeuefie Äacljrichlen
tchietzener Pagektatt) Nnaöhängige Tageszeitung (chiehener Zeitung)
für Oberheffen und die Kreise Marburg und Wetzlar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung.
Druck und Verlag der Gießener Berlagsdruckerei, vorm. Wilh. Keller'sche Buchdruckerei (gegr. 1783); für die Redaktion verantwortlich: Albin Klein, Bietzen.
Politische nacbricbten.
England
In London gehen die Wogen des Festjubels am süßlich der Feier der Krönung des Königspaares immer höher.
Mit großer Genugthuung nimmt die gesummte englische Presse eine Rede auf, welche Fkldmarschall Gras Waldersee bei einem ihm zu Ehren von Lord Robert- gegebenen Bankett gehalten hat und in welcher Graf Waldersee der britischen Armee in Südafrika hohes Lob spendete, auch ihre Führung durch Lord Roberts ge- hörig herausstrich. In Deutschland hat man der Rede keinen Beifall gespendet.
Neues französisches Militär.
Infolge des günstigen Ergebnisses, welches ein vor drei Jahren vom Generalgouverneur von Indochina unternommener Versuch hatte, beschloß der Kriegsminister auf Grund des Gesetzes betreffend die Kolonialtruppen, in Indochina ein aus Eingeborenen bestehendes Bataillon chinesischer Schützen zu errichten. Vorläufig wird das Bataillon aus zwei Kompagnien bestehen. — Die aus Martinique zurückgekehrte amtlich« Kommission erklärte einem Berichterstatter, der nördliche Teil «r Insel sei für Ackerbau und Industrie als vollständig verloren anzusehen.
China
* Rußland thut in der gemeinsamen Verwaltung der wichtigen Stadt Tientsin durch die Generäle der Mächte nicht mehr mit; es berief seinen dortigen kommandierenden General, Wogack, ab.
In der China-Provinz Stschwan wurde die dortige Methodistenkapelle zerstört, 10 Christen fanden hierbei den Tod; die Boxerbewegung breitet sich aus.
Der Wechsel im Eisenbahnministerium.
In Bestätigung unserer Meldung in der gestrigen Ausgabe bringt der Reichs- und Staats-Anzeiger in seiner neuesten Nummer folgende amtliche Mitteilung: Seine Majestät der König haben Allergnädigst geruht:
dem Staatsminister und Minister der öffentlichen Arbeiten Don Thielen die nachgesuchte Entlassung aus seinem Amt unter Belassung des Titels und Ranges eines Staatsministers und unter Verleih ungdes hohenOrdens vom Schwarze»
Geerteerd.
Novelle von E. Bely.
K) (Nachdruck verboten.)
Solche Worte! sagt sie, aber in ihrem Herzen ist eine Stimme, di« spricht genau so, wie die seine — noch zur Stunde gönnt sie ihn lieber dem Tode — als der Andern. Und dann schaut sie ihn an mit den schwarzen Augen und hat nur den einen Gedanken babei: Wenn sie jetzt seinen Arm faßt, nur «in Work in sein Ohr flüstert, so ist die blonde Meerie für immer allein — so allein, als ob der Jo Toben unten auf dem Meeresgrund läge.
Glaub'è — glaub'è! bittet Jo.
Sic gewinnt wieder die Herrschaft über sich selbst.
Ob hier oder draußen, Jo, ich meine, allemal ist's zu spät. Der drân — der soll sich hüten! schwört der Matrose, c^ie W^t ihm die Hand auf die Schulter.
Brauchst Steinem in den Weg zu treten, Jo! sagt sie sanst und zwei Thränen rollen langsam über ihre Wangen. Er hat sie noch nie weinen sehen, das Zeichen von Schwäche macht ihn aber nur muthiger.
Du bist nicht wie die Andern, flüstert er, Du brauchst's auch nicht zu sein — sieh, sie haben Alle ein Reden, daß Du das mit dem Seehund vermocht hast — in ein Boot fteiqen ist leichter.
Geh heut, giebt sie zurück.
Aber wieder komm ich, sagt Jo.
Dann horcht er auf, sein Name wird gerufen, die Mutter oder Meerie schauen nach ihm aus.
Just nicht! sagt er mit einer bezeichnenden Handbewegung, greift dann nach,Geerteerd's Arm und zieht sie nah an sich heran. Ich lasse Dich nicht, Deern — daß Du's weißt — jie schnellt zurück, reißt sich los und eilt dem Hause zu, er ßtht, blickt ihr nach, nimmt den Hut vom Kops und fährt aber seine Haare, dann wendet er sich langsam zum »chen.
Adler zu erteilen und den Generalmajor a. D. Budde zum Staatsminister und Minister der öffentlichen Arbeiten zu ernennen.
Set ,ruhe,e Sifenoagnminifitc Igtelee.
Mit Herrn von Thielen scheidet eine der markantesten Persönlichkeiten aus dem Staatsministerium. Genau 11 Jahre hat er dem Eisenbahnministerium vorgestanden. Unter seiner Leitung haben. fichz die Staatsbahnen von 24,700 Kilometer auf rund 32 000 Kilometer vergrößert. Dazu sind auch die hessischen Staatsbahnc» gerechnet, die seit dem Jahre 1897 mit den preußischen Staatsbahnen zu einer Betriebs- und Finanzgemeinschaft vereinigt sind. Seit dem Jahre 1891 ist das Beamten und Arbeiterperso.nal der Reichs- und Staatsbahnen von rund 250 000 auf beinahe 400 000 angewachsen. Zu den Neuerungen und Verbesserungen, welche Herr v. Thielen für das Personal-geschaffen hat, gehören u. A. die Sonntabsruhe im Güterverkehr, eine Neuerung, durch die er ßsich den besonderen Dank seiner Unterbeamten erwarb.
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DXr neu ejM.i n i ft e r B.u dde gehörte bis zum'Ende des Jahres 1900.,dem Generalstabe an. Am 12. April 1869 wurde' er aus dem
Geerteerd steht nicht eher still, als bis sie den hintersten Winkel des Zimmers erreicht hat, wo der kleine Schemel ist. Auf den kauert sie sich nieder, stützt die Ellbogen auf die Knie und legt den Kopf in die Hände. Ihre Augen sind brennend heiß, sie schließt sie.
Was hat sie gehört —was muß sie denken? Eine Ordnung ist nicht hinein zu bringen in all das Wirre, das ihren Sinn durchkreuzt. Dann schreit sie' plötzlich laut auf — sie weiß jetzt, was sie muß, was sein soll — Jo Toben ist ihr Herr, ihr Abgott — und will er's, daß sie fortgeht, so muß es sein.
Sie sieht das schwankende Boot vor sich, sie sicht ein bleiches, weinendes Weib einsam am Strande Zurückbleiben — was kümmert sie Meerie, was das niedere Haus hier mit den bunten Porzcllanscheiben an der Wand — was der Wächter oben bei seiner Laterne?
Sie gehört dem Jo zu, weiß er's?
Zu jeder Stunde mag er komme», sie ist bereit. — Weit öffnet sie jetzt die Augen und schaut um sich, es ist ein glücklich Lächeln, das dabei ihren Mund umzieht. Jo — zu jeder Stunde!
Wie sie das aber plötzlich laut gesagt hat, ersaßt sie eine bange Furcht — weiß er's? Warum sind ihre Lippen denn eben stumm geblieben, als er geredet hat — so dringlich, so verzweifelt, so verlockend?
Sie springt auf. Wenn er unwissend, ungläubig da von ihr fortgegangen ist — und ist doch jede Fiber an ihr und jeder Blutstropfen in ihr sein — schreit, verlangt nach ihm — sie hält sich an der Wand, weil ihr die Kräfte versagen — wie soll er's wissen, daß sie jede Minute bereit ist, sorizugehen sie lacht wie geistesabwesend — all die Zeit her hat es „Ja, ja!" in ihrem Herzen geschrien und er weiß es nicht.
Des Vaters tappender Schritt — der kommt schon wieder.
Der alte Mann, den sie allein lassen will — bah, der braucht sie nicht. Jo, Jo ist all ihr Denken!
Welch ein Windstoß, welch ein Geheul in der Luft, dem Maniel schlägt die Thür aus der Hand.
Cadettencorps als Leutnant bei dem 81. Infanterie Regiment in Mainz angestellt.
Ster imiae Ctsrnbn «minister Budde.
Nach dem Kriege gegen Frankreich, in dem er sich das Eiserne Kreuz erwarb, wurde er Bezirks-Adjutant in Kassel, besuchte dann die Kriegsakademie und kam im Juli 1877 als Oberleutnant in das 116. Infanterie- Regiment nach Gießen. (Herr Budde ist also hier in Gießen keine unbekannte Persönlichkeit.)
Die Aufschiebung der Krönung König Eduard VII.
* London, 24. Juni. Die Nachricht von der Erkrankung des Königs und die Aufschiebung der Krönung ist, wie wir gestern noch durch Extrablatt verkündeten, offiziell und wurde vom Lordmayor im Mansion House mitgeteilt. Wann die Krönung stattfindet, hängt davon ab, wie bald sich der König von der Operation erholt. Jedenfalls dauert es Wochen.
Der König leidet an Perityphlitis. (Entzündung des Blinddarms und seiner Umgebung.) In der Westminster-Abtei übte gerade der Knabenchor, als der Bischof von London ankündigte, der König leide an einem Eingeweidebruch und die Krönung sei verschoben, weil der König operirt werden müsse. Der Bischof sagte, die Operation werde zu Mittag im Buckingham Palaste ausgeführt. Der Knabenchor wurde dann
Ja — so ist's recht! sagt er und tritt ein.
Geerteerd macht eine Bewegung auf ihn zu.
So ist's recht! wiederholt er, in der Mitte der Stubt stehen bleibend, das giebt ordentlich was.
Sie nickt mechanisch.
Alle Mann an den Strand! kommandirt Maniel, als steh« er in Hörweite sämmtlicher Einwohner, zwischen hier und einer Stunde erleben wir viel.
Dann kratzt er sich hinter den Ohren und setzt hinzu: Da sollt' unser gutes Strandrecht noch gelten!
Geerteerd wischt über die Augen. Ist denn noch etwas in der Welt, was außer Jo Werth haben kann? Aber sie muß dem Vater einen Beweis geben, daß noch Leben in ihr ist, daß sie nicht starr geworden, wie sein hölzern Bild da außen.
Sahst's von droben?
Freilich — von droben — ist heut lebendig aus dem Wasser, wie aus 'ncr Landstraße —
Sie seufzt — wenn sie draußen wäre mit Jo, was möchte sie der Sturm kümmern.
Die Sandbänke, ja, freilich — murmelt Maniel und wiederholt für sich: Alle Mann an den Strand.
An den Stuhllehnen sich haltend, kommt das schwarze Mädchen näher.
Wenn ich's in den Häusern sagen soll, spricht sie, mühsam dabei athmend.
Maniel Hay lacht auf. Deern, das ist nvch'n Wort zuy rechten Zeit ■— kann ein Tag fein, wo sich das Bergen un8 Heranlo'olscn lohnt — der mit dem Kieker meint's — sind freilich nicht viel Leute am Land — •
Geerteerd schlingt ein Tuch um den Kopf und hat schon die Thür in der Hand. Sie fühlt nur eins, daß sie Jo suchen muß, um zu ihm zu sprechen: Was Du willst, will ich —
Und wcnn er sie nimmt und an's Meer führt, was kümmert sie der Sturm. Der Alte zündet sich seine Pseise an, vielleicht sieht sie das zum letzten Mal.
(Fortsetzung folgt.)