Nr. 169.Erstes Blatt.Donnerstag, den 24. Juli 1902,
Abo«neme«tSpreis : in Gießen, abgeholt monatlich 50 Pfg.. in'S HauS gebracht 60 Pfg., durch die Post bezogen viertel- jährlich Mk. 1.50.
(Gratisbeilagen : Oberhesstsche syamilienzettung (täglich) Lberhelstsche Zeitschrift für Landwirtschaft, Obst-und Gartenbau, sowie die Gießener Seifenblasen wöchentlich).
DaS Blatt erscheint an allen Werktagen nachmittags.
Gießener
11. Jahrgang.
InsertionSvreiS : Die einspaltige Petit,eile für Gießen wie gan, Oberbessen, die Kreise Wetzlar und Marburg 10 Pfg. sonst 15 Pfg.; Reklamen die Pctitzcile 30 resp. 40 Pfg.
Postzeitungsliste No. 3032.
Redaktion und Expeditton: Gießen, Neuenweg 28. Fernst recha«schl«ß Nr. SSL.
De«eAe Machrichlen
(Gietzener Dageötatt) Hlnaöhängige Tageszeitung (Gießener Zeitung)
für Oberheffen und die Kreise Marburg und Wetzlar; Lokalanzeiaer für Gießen und Umgebung.
Druck undVerlag der Gießener Verlagsdruckerri, vorm. Wilh. Keller'sche Buchdruckerei, tgegr. 1783); für die Redaktion verantwortlichUll b i n Kl ein, G ießen^
Der Leipziger Bankprozeß zu Ende!
Die ganze Welt wurde seit Monaten über den Verlauf dieses Monstre-Prozesses in Spannung gehalten, für die durch den Konkurs Betroffenen ein stetes schmerzliches Erinnern, den anderen eine Lehre und Mahnung zur Vorsicht. Wie viele Existenzen hat dieser Bank-Zusammenbruch mit in die Tiefe gerissen und so Mancher hat aus Gram darüber, daß er sein Vermögen dabei verloren hat, seinem Leben ein Ende gemacht.
Ist die Welt unter solchen traurigen Erscheinungen nicht berechtigt, diesen Betrügern, diesen Wucherern eine möglichst hohe Strafe zu wünschen. Und jetztI Gestern, am Mittwoch, ist das Urteil gefällt.
Exner erhielt 8 Jahre Anchthans und 5 Jahre Ehrverlust, Dr. Gentsch 8 Jahre Gefängnis. Beiden wurden je 7 Mona e Unter- fuchungehaft angerechnet. Die Aufsichtsrats- Mitglieder Dodel und Mayer wurden zu je 15,01)0 Mt., Fiebiger zu 8000 Mk. Wöl- ker und Schröder zu je 18,000 Mk., Förster und Wilkens zu je 5000 Mt. Geldstrafe LerurteUt
* *
Ueber den Verlauf der Beratung vor Bekanntgabe des Urteils wird uns folgendes gemeldet:
Leipzig, 23 Juli. Nach fünfstündiger Beratung betraten um 48/4 Uhr die Geschworenen den Saal. Der Andrang des Publikums war geradezu fürchterlich, die Spannung aufs höchste gestiegen. Der Obmann dec Geschworenen verkündete folgenden Wahcspruch: Die Geschworenen haben die Frage wegen betrügerischen Bankerottes betreffs Exner bejaht, die Frage wegen Verschleierung betreffs des Geschäftsberichtes und des Exposes bejaht, betreffs des Kommuniques verneint, die Frage ob Exner dadurch eine Verschleierung begangen hat, bejaht, die Frage wegen Betruges gegen die Firma von der Heydt u. Ko. in Berlin und wegen Untreue begangen gegen die Leipzigec Hypothekenbank verneint, die Frage nach mildernden Umständen verneint. — Betreffs Dr. Gentsch sind die Schuldfcagen in derselben Weise beantwortet worden, jedoch wurde als nicht erwiesen angenommen, daß er Handlungs- büchec abgeändert hat. Außerdem sind ihm mildernde Umstände zugestanden. Betreffs Dodel ist die Frage wegen Untreue verneint, dagegen die Frage wegen Verschleierung mit Ausnahme des Geschäftsberichtes bejaht. Betreffs aller anderen Angeklagten haben die Geschworenen die Fragen mit Ausnahme des Kommu- |
In eigener Sache -Richter.
Roman von L. Haidhei m.
(Nachdruck verboten.)
(Fortsetzung.)
Burkard von Frohberg nickte dazu und fuhr dann fort: „Großvater bat mich vor zwei Jahren zu sich beschieden: er mochte sich wohl zuletzt einsam fühlen und dann habe ich immer öfter kommen müssen. Auch meine Mutter hat er ein einziges Mal besucht, sie aber nie hierher eingeladen, überhaupt nie von ihr und meiner Schwester Notiz genommen. Sie sehen, Vetter Ebern, daß ich ebensowenig Chance habe zu erben wie Sie —."
„Aberdarum gerade, um Sie zu seinem Universalerben ein- -usetzen, wollte er ja heute testieren, Herr von Frohberg!" rief kummervoll der Arzt.
. . "?^der zu spat! Ich bin keineswegs unempfindlich gegen em so schweres Mißgeschick, wie mich heute in Großvaters Tode betrosten, sagte H-rohberg sehr ernst und es schien, er war blaß geworden.
, ., ."Anüweilen hat der Herr Graf Herrn von Arohbera schon seit sechs Monaten zu feinem Mandatar und für den Fall seines ^odcs zum ^estanientserekutor eingeiebt --", erklärte der Notar Graf Joseph des weiteren die Situation
Beide jungen Männer gaben sich niedergeschlagen die Hand: welche Lage, angesichts eines wichen Reichtums. Welche Gegensatze tn ihrer Erscheinung! Graf Joseph mochte nicht fragen: Können wir eventuell das Testament umstoßen? Es überkam ihn wie eine haßerfüllte Schadenfreude gegen den Toten. Er hatte ihn nun doch überlistet.
Keine Miene verriet was er dachte und empfand, aber er setzte sich plötzlich auf den nächsten Stuhl und starrte wie verloren vor sich hm.
Was waren ein paar Tausender gegen den Verlust eines solchen Erbes?
«^ .a • » r »^ ^ , »" ^"' ^uuitHuci ycycii vcn
Verlust eines solchen Erbes?
Aurk^d" von Frohberg legte seiner plötzlichen Ermattung einfachere Grunde unter. t Er trat an das Büffet, schentte Wein l”r^” ä^mr-Nd i^ ^ dem Vetter: „Trinken Sie, Ebern, Sie fuhren von Wien hierher, haben sicher nichts Rechtes genossen!" RmM?rA2 Joseph stufte den Wem hinab und bestätigte damit ^hÄa^FÄ d" klingelte und dem Diener befahl Fleisch und was sonst da et zu bringen
fwKÄ^^
niques bejaht, ihnen aber mildernde Umstände zu- I gebilligt. Der S ta a tsa nwalt beantragte gegen Exner langjährigeZuchthaus strafe, gegen Dr. Gentsch mehrjähriges Gefängnis und gegen die übrigen Angeklagten G e ld straf en.
* *
*
In der Urteilsbegründung wird ausgeführt, Exner habe durch schmählichen Mißbrauch des in ihn gesetzten Vertrauens großes Unglück über Tausende herbeigeführt und durch sein Vorgehen hätten Treue und Glauben im Handel und Verkehr tiefe Erschütterungen erfahren. Wohl habe er nicht aus Habsucht, sondern aus Ehrgeiz gehandelt, da ec aber immerhin eine niedrige Gesinnung an den Tag gelegt habe, sei auch auf Ehrverlust erkannt worden. Auch Gentsch täuschte das in ihn gesetzte Vertrauen aufs Aergste, stand aber vollständig unter Exners Einfluß und hatte wohl auch nicht das volle Bewußtsein dec Strafbarkeit seiner Handlungsweise. Die übrigen Angeklagten hätten, obgleich auch ihnen dieses Bewußtsein fehlte, durch unverantwortlichste Pflichtverletzung zur Herbeiführung der Katastrophe bei- getragen.
Polfiikbe Nachrichten.
Darmstadt, 23. Juli. Das auswärtige Amt hat einem Interessenten auf eine Anfrage erwidert, daß zur Erteilung einer amtlichen Bescheinigung darüber, daß schweizerische Urteile in Deutschland oder wenigstens in Hessen zur V o l l st r e ck u n g gelangen, an sich das Reichsjustizamt oder der hessische Justiz- minister zuständig ist. Die gewünschte Bescheinigung werde indeß, so schreibt das auswärtige Amt, von diesen Stellen wohl nicht erteilt werden, da weder ein Vertrag über die gegenseitige Vollstreckung von Civilurlerlen zwischen dem Reiche oder Hessen einerseits und dec Schweiz oder Kanton Luzern andererseits bestehe, noch auch sich in dieser Hinsicht eine allgemeine Uebung herausgebudet habe. Angesichts der Verschiedenheit der Civtlprozeßgesetzgebung in den einzelnen Schweizer Kantonen hätten die deutschen Gerichte von Fall zu Fall zu entscheiden, ob im einzelnen Fall dem in Betracht kommenden Kanton gegenüber die Vollstreckung für zulässig zu erachten sei.
AuS der Zolltariftommission.
Berlin, 23. Juli. In der heutigen Sitzung der Zolltarif-Kommission erklärte Staatssekretär Graf Posadowsky, daß er den Abgeordneten Paasche nicht unparlamentarisch
er sich zu äußerer Ruhe: die beiden Herren achteten kaum auf ihn, wre Abreise morgen in der Frühe verabredend.
Er trat an das Fenster und war froh sein Gesicht zu verstecken, indem er es an die Scheiben drückte.
Es währte eine ganze Weile, in Todesangst lauschend von Graf Ebern verbracht, bis Frohberg zurückkam. Er sah nachdenklich aus, zeigte sich aber ganz unverändert.
„Wie? Sie haben nichts angerührt?" rief er, auf den Speisetisch zeigend, der inzwischen neu gedeckt und mit allerlei Speisen besetzt worden war.
„Ich bitte die Herren meinem Vetter die Honneurs zu machen', fuhr er dann fort: „Mich rufen jetzt Geschärte; die Bestattung des Großvaters geht den ganzen Adel des Landes an. und für die unglückliche Frau von Wazlaw, die heute hier angekommen ist", wandte er sich an den Doktor Freimann, „habe ich noch garnichts thun können, sie nicht einmal begrüßt/
. Damit lief er hinaus. Die beiden Herren luden Graf Joseph ein, sich jetzt alle verstimmenden Gedanken aus dem Sinn zu schlagen und zuzulangen.
Er versuchte es auch, aber es schmeckte ihm alles gallenbitter.
„Wer ist Frau von Wazlaw? Mir schwebt vor, als hätte ich heute den Namen schon einmal gehört?" sagte er, um nur irgend etwas zu sprechen.
Sie erzählten ihm, die Dame sei auch eine geborene Ebern, eine Bruderstochter des verstorbenen alten Herrn, über die er einst Vormund gewesen und die er gezwungen habe, den reichen Baron von Wazlaw zu heiraten, der kaiserlicher Forstmeister war. „Er zwang sie, obwohl sie mit einem Offizier verlobt war, der freilich nicht viel hatte, jetzt aber ein berühmter General ist. Wazlaw war ein Verschwender, brachte ihr Vermögen und sein eigenes, viel größeres durch und als der Bankerott ausbrach, erschoß er sich. — Graf Ebern bot ihr eine geringe Pension, sie schlug dieselbe aber in ihrer Verzweiflung aus und zog nach Prag mit den Kindern. Dort ist es ihr aber so schlecht ergangen,, daß sie zuletzt den Alten um ein Unterschlupf bitten mußte. Dort b^lbenim sogenannten Kavalierhaus gab er ihr eine recht erbärmliche Frei tatt, sie nahm aber in ihrer Not auch dieses verfallene Nest an und heute ist sie eingezogen", schloß der Doktor.
„Und was wird nun aus ihr?" fragte Graf Joseph sehr viel lebhafter. Die Leidensgenossin in der Armut weckte ferne Sympathie.
Der Notar zuckte die Achseln.
behandelt habe, sondern ihm lediglich sachlich entgegen getreten sei. Der Sinn seiner Worte sei gewesen, daß die Rüstung zu schwer werde, wenn weitere Zollerhöhungen er»
König Georg von Sachsen ist an einer Lungenentzündung erkrankt und muß seit Dienstag das Bett Huten. Das Befinden des Königs giebt zu ernsten Besorgnijsen keinen Anlaß.
— Kronprinz Friedrich August von Sachsen ist mit Sonderzug gestern Mittag 2 Uhr in Ischl eingetroffen. Kaiser Franz Joseph empfing den Kronprinzen in sächsischer Ulanen-Uniform und begrüßte ihn aufs herzlichste.
Ein Weser-Kanal in Sicht.
Wie aus Bremen telegraphiert wird, hat der Oberbau- Direktor Franzius tm Austrage des Bremer Senats ein Kanal- und Hafen-Projekt ausgearbeitet, das zur Verbindung der Seeschiffahrt mit der Binnen-Schiffahrt aus der Weser und dem Mittellandkanal dienen soll. Der geplante Kanal soll von der Oberweser durch die Neustadt nach der unteren Weser führen. Die Kosten sind auf 15 Millionen geschätzt. Der Bau des Kanals ist jedoch nur dann ins Auge gesaßt, wenn die Aussichten des Mittelland-KanalS gesichert sind.
— Eine Statistik der organisierten Arbeiter aller Kulturstaaten und Angaben über die durchschnittliche B->schäftigungsdauer der Arbeiter veröffentlicht das Newyorker Arbeitsamt, wie die soziale Praxis mitteilt, in seinem 18. Jahresbericht:
Organisierte
Arbeitszeit in
Arbeiter
Stunden
Australien 250,000
8
Großbritannien 1,905,000
9
Dänemark 96,000
98/<
Vereinigte Staaten 1,614,000
- 98/<
Deutschland 995,000
lOVa
Schweiz 54,000
10^2
Frankreich 589,000
101 /s
Schweden 67,000
10^2
Niederlande 12,000
10»/.
Belgien 89,000
11
Italien 262,000
11
Oesterreich 110,500
$11.
— Die Beurlaubung eines
IiVolkSschul -
lehrers in Mecklenburg im Interesse der konservativen
Partei erregt, wie die „Freis. Ztg." schreibt, in Meck len-
bürg nicht blos in Lehrerkreisen Aufsehen.
DaS Organ der
mecklenburgischen Konservativen und des Bundes der Lano»
wirte, die „Meckl. Nachrichten", berichtet:
„Herr Leyrer
Ewers-Malchow tritt bei den „Meckl.
Nachrichten" in
Schwerin als Mitarbeiter ein. Das Ministerium hat ihn
„Ich kann mir auf der einen Seite nicht denken, daß der alte Herr sein eigenes Geschlecht, so verbittert er bagegen war, berauben und dem Untergang preisgeben sollte und bann würden die Verwandten doch für die Frau Baronin einfteben; andererseits käme das Geld in die tote Hand, an die Regierung, die Kirche oder sonstige Stiftungen, so wäre das ein unabsehbares Unglück für die arme Frau." , „ o
„Und der Vetter Frohberg? Er sollte Erbe werden? Warum eilte er dann nicht, <^ie das Testament machen zu lassen? Warum heute erst speisen und die ^eit vertrödeln?
„Der alte Mann schlief. Wir mußten ihn erst Tratte dadurch gewinnen lassen, Herr Graß sonst würde allerdings Ihr Vorwurf Berechtigung haben —" erklärte ruhig der Doktor.
Nein, diese Männer trugen feine Schuld, daß der Alte starb, ohne sein Testament geändert zu haben, sagte sich Graf ^^^Aber selbst die wenigen Bissen, die er gegessen, thaten, ihm wohl, er stürzte noch ein paar Gläser Wein hinab und fühlte mit Befriedigung, daß sein Kopf klar wurde, seine Nerven sich ^""^ie"hörten draußen Frohbergs Stimme. Er ging hin und her, sprach bald mit dem c um, bald mit dem anderen, gab Befehle nach allen Seiten, Pferde wurden gesattelt, Wagen fuhren
Endlich kam er, nun sei das Wichtigste in Ordnung. Depeschen mit allen Bclnllnngeu für die Beerdigung abgesandt, Wagen, die Leicheubena'k?r mit all den Dekorationen u. s. w. zu holen, an den Adelsmainhall geschrieben und per Erpreß den Brief abgesandt. Alles nach den vorgeichriebenen Formen, wie die Stellung des Verstorbenen sie vorschneb.
Unterdes schritt Burkard von Frohberg über den Hof, nach dem Gebäude, in dessen Fenstern Gras Joseph vorhin schon Licht Q^^a Vorhänge an denselben gänzlich fehlten und anscheinend niemand daran gedacht hatte die Laden zu schließen, konnte man von außen schon den weiten Raum übersehen, in welchem die schwarzgekleideten mmuengestalten ihm auch jetzt zunächst auf- fielen. Die altere lehnte mit einer unbeschreiblich finsteren Miene an dem Tische in der Mitte des Zimmers und sah aus wie eine Statue der Trauer, schon, anmutsvoll und würdig in Haltung und Gebärde. Eine ganz mgendliche, blonde Tochter saß lang hlngestreckt m einem mit Packleinen verhüllten Lehnstuhl und redete aus die Mutter ein wahrend kleinere Kinder mit Aepteln auf dem Fußboden berumkugelten. F
(Fortsetzung folgt.)