Nr. 143
Oberhcssische Familienzeitung.
Seite 4.
gerade ausgefertigt, als der Freiherr sich unerwartet zur Audienz meldete. Einzuschalten ist, daß dieser seit 12 Jahren verheiratet war und sehnsüchtig aber vergebens einen Stammhalter erwartete. Endlich traf dieser ein, und freudig erregten Herzens eilte der Freiherr an den Hof, um dem König das frohe Ereignis zu melden.
„Ew. Majestät", rief er aus, als der König ihn begrüßt hatte, und in der Aufregung gegen die Etikette dessen Frage nicht abwartend, „mit ist soeben ein junger Freiherr geboren worden."
„Sagen Sie: ein junger Graf", rief der König lächelnd, ihm damit die Standeserhöhung verkündend.
Mit Recht hat man den König mit Kaiser Wilhelm dem Ersten verglichen. Neben anderen Charakterzügen hatte er mit ihm auch den der Einfachheit gemein. Es dauerte verhältnismäßig lange, bis er einen von ihm vielgetragenen Rock ganz ablegte, und sein Kammerdiener hatte alle Mühe, ihn zum Anpassen eines neuen Kleidungsstückes zu bewegen. Als er einst nach einer solchen Anprobe in den großen Rittersaal des Dresdener Schlosses trat, sagte er seufzend: „Wie gut hatten es die alten Ritter in ihren ehernen Rüstungen! Die konnten keine überflüssigen Falten werfen!"
Selten finden sich bei den Eingaben, die der König durchsah, Randglossen von seiner Hand, doch find von humoristischen Bleistiftbemerkungen folgende bekannt:
Aus die Eingabe eines Hauptmanns a. D., der um die Erlaubnis nachsuchte, seine Uniform tragen Su dürfen, und von dem es bekannt war, daß er tar! unter dem Pantoffel seiner Frau stand, schrieb er: „Meinetwegen, wenn seine Frau es erlaubt." — Und als eine der Primadonnen des HoftheaterS um Gehaltserhöhung bat, notierte er am Rande: „Ist nicht nötig. Die muß ohnehin bald die Altersrente erhalten."
Sind diese Aeußerungen des königlichen Humors nur spärlich, so konnte der sächsische Herrscher selbst viel Vergnügen empfinden, wenn Personen seiner Umgebung ihrem Witz die Zügel schießen ließen. Einst kam der Kommerzienrat R., ein älterer kahlköpfiger Herr, zur Audienz, um sich für einen ihm verliehenen Orden zu bedanken.
„Wie? Das scheint ja Ihr erster Ordensstern zu sein?" fragte er, als er den einsamen Stern auf dem Frack des Kommerzienrats bemerkte.
„Jawohl, Majestät!" erwiderte dieser seufzend, und auf seinen Kahlkopf deutend, fügte er hinzu: „Bei uns vom Zivil kommen die Sterne immer erst, wenn der Mond aufgegangen ist."--
Ueber diese witzige Aeußerung amüsierte sich der König ebenso sehr, wie über die einfältige des Bürgermeisters eines erzgebirgischen Städtchens, welches der König besuchte. AIs er fragte, ob die Stadt vielleicht einen Wunsch habe, erwiderte der Bürgermeister:
„Majestät, wir bitten, unseren Ort zum Kurort ernennen zu wollen."
Und die guten Leute waren glücklich, als der König diese „Ernennung" auf der Stelle vollzog.
Guter Rat.
Jage nicht dem Ruhme nach Thöricht Menschenkind, Wie ein schimmernd Rosenblatt, Trägt ihn fort der Wind.
Jage nicht dem Glücke nach, Kind'scher Menschenthor, Wie ein Irrlicht lockt cs nur Dich in Sumpf und Moor.
Auf der breiten Straße bleib' Freudlos und allein, Wenn Du eine Schenke triffst, Trink den sauren Wein.
Goldene Worte.
* Lern' glücklich sein! Es wird dem Erdenleben Der Schmerz als ernste Prüfung mitgegeben. Lern' glücklich machen! Dadurch allein Lernst du am besten glücklich sein.
* Irrtum verläßt uns nie, doch ziehet ein höher Bedürfnis
Immer den strebenden Geist leise zur Wahrheit hinan.
Humor und Witz.
(In der stillenZeitJ KommiS (zum Kollegen): „Wohl herzlich wenig zu thun jetzt?" — „Na, ich sage Dir, bei unS auf dem Kontor hat schon jede Fliege ihren Vor- und Zunamen!"
(Stimmt.) „Cohn ist pleite! WaS sagst Du dazu?" — „Nu, was soll'n mer denn verlieren darum noch viele Worte? Ist es nicht genug, daß wer verlieren viel Geld?"
* Gemütlich. Bauer: „Was machen Sie denn da auf meinem Apfelbaum?"
Handwerlsbursche: „Na, heer'n Se, mei Kutester, Sie kennen aber emal dumm fragen!"
* Die Grafen D. rühmen sich, das älteste Adelsgeschlecht des Landes zu sein, viel älter als das erhabene Herrscherhaus. — Der Landesfürst fragt mal einen Grafen D.: „Na hätten Sie nicht Lust, Kammerherr zu werden?" — „Werden?" — Nee, halten möcht' ich mir so'n Kerl," war die Antwort.
* (Wie sieht ein V o lkSschullehrer aus?) Der Bankbuchhalter Franz Bolda, gebürtig aus Bobau, Kreis Pr.-Stargard, welcher in einem größeren Bankhause als Kassierer angestellt war, ist nach Verübung erheblicher Defraudationen flüchttg geworden. Er hat Wechsel im vorläufig fcstgestellten Betrage von 20000 Mark gefälscht- Ob noch andre Veruntreuungen vorliegen, muß erst die momentan noch nicht abgeschlossene Revision ergeben. Der Verhaftbefehl erwähnt, daß Bolda 45 Jahr alt ist und eine Brille trägt; er sei früher Volksschullehrer gewesen, und „sein Aussehen sei dementsprechend."
"(Saison-Beginn.) Münchener Kutscher (zu seinem Pferd): „Bräundl, jetzt kommen die Fremden, da siehst a paar Monat lang nix mehr alS'S Hofbräuhaus!"
Rätselecke.
Gleichklang.
Tönt im Innern dir das Wort, Freu' dich, daß „das Lämpchen glüht"; Trifft's dich aber, ist sofort Auch dein Dasein schon verblüht.
«aflSsaag »er Rätsel in Rr. ISS n. 139;
Suaheli — aus — Eli.
Tauschen — täuschen.
Nr. 143.
Dienstag, den 24. Juni
ObcrbcnHcbc famMenreltung.
UnterhaltungsBeilage der äHeftentr Neueste Ha<^H^t<it.
Druck und Verlag der Gießener Verlag-druckerei, vorm. Wilh. Keller'sche Buchdrucker« (gegr. 1783); verantwortlich: Albin Klein
Der Australier.
Koman von E W Hornung.
12] (Nachdruck verboten.)
„Wenn Du einen Tag später abgefegelt wärest, würdest Du mehr gehört haben."
„Was?" rief nun Dick wieder.
„Dan er entfloh."
„Entfloh?"
„In derselben Nacht. Er brach aus ben Polizeibarackcn in Mount Clarence — so hieß das kleine Stadtgebiet — aus. Sie bekamen ihn nicht wieder, und man glaubt daß cs ihm gelang, außer Landes zu entfliehen. wahrscheinlich nach Amerika."
„Bei Gott, ich bedaure es nicht", rief Dick aus.
„Hier sind einige Zcitungsauètchnitt« darüber", suhl Flint fort, indem er die Zettel aus seinem Taschenbuch nahm und sie Dick einbändigte. „Lies sie später, sie werden Dich interessieren. Er wurde mit einem anderen Burschen zusammen ergriffen, aber der war bereits tot, durch baS Herz geschossen. Das muß derselbe gewesen sein, den sie „Ben" nannten, denn der dicke Schurke, welcher Dich niedcrstechcn wollte, verschwand schon einige Zeit vorher. Als sie ergriffen wurden, war es bekannt, daß sie irgendwo eine Menge Geld versteckt haben mußten — ich meine Sundown — denn sie hatten gerade die Mounl Clarence-Bank gesprengt."
„Ja, ich hörte es mit der Gefangennahme zugleich."
„Nun, man nimmt an, daß Sundown einen Angriff der Polizei sürcktete, den Fang irgendwo verbarg, nach seiner Flucht dorthin zurückkehrte und mit dem Ganzen verschwand. Aber Bestimmtes weiß man nicht, denn weder von Sundown noch dem Golde wurde je etwas wiedergesehen."
„Mama, freust Du Dich nicht auch, daß er entkam?" rief Fanny mit glühenden Wangen. „Es mag unrecht sein aber ich kann nicht ander!.* Nun, was würdest Du also thun. Dick?"
„Wozu darüber sprechen", sagte Dick.
„Dann will ich Dir tagen, was ich thun würd«. Ich würde diesen Sundown vor dem Gericht schützen, ich würd« ihm Gelegenheit geben, ein ehrlicher Mann werden, als zu Dank, ja, das würde ich thun. Und wenn ich an Deiner Stelle wäre, würde ich mich immer und immer darnach sehnen."
Flint konnte sich nicht enthalten, zu lächeln. Dicks Gefühle bei dieser Angelegenheit waren wirklich schon übertrieben genug, aber nun erst diese junge Dame! War dieser sonderbare, romantische Zug denn in bet ganzen Familie zu finden?
Aber Dick sah ernsthaft auf feine Schwester. Ihre Augen glühten wie lebendige Kohlen in dem Zwielicht des in Schatten gehüllten Zimmers. Sie belaß eine große Einbildungskraft, und die Gefchichtc von Dick und dem Buschräuber rief sofort ihr tiefstes Mitleid wach. Sic sah ben nächtlichen Angriff in dem schweigenden Wald deutlich vor sich, und ein Gelickt von wilder, malerischer Kühnheit, das Ideal eines Räubers, tauchte in lebhaften Farben vor ihrem geistigen Auge auf.
„Fanny, ich glaube, ich könnte in Versuchung kommen, ähnliches zu thun", sagte Dick sanft. „Einer von meinen wenigen Grundsätzen ist der, daß, wer mir Gutes gethan hat, eS mit Sütien zurück erhält Einen ähnlichen habe ich aber au» für den, der mir Böses thut."
„So ist es also ein grobes Verdienst, einen Mann, den man i<6w angegriffen bat nicht noch iu berauben?" bemerkte Flint ironisch.
„Eè ist ein gutes Werk, jemand daS Sehen zu retten.’
1902.
„Sehr wahr, aber Du scheinst mehr an Dein ®elb als an Dein Leben in denken."
„Ich glaube, ber vier Jahren that ich eè", sagte Dick lächelnd, aber das Lächeln erstarb, als Flint nach der Uhr sah und hastig ansstand,
Dick stritt mit ihm, bis ein regelrechter Lärm entstand, aber alles umsonst. Flint schüttelte den Damen schon die Hand.
„Mein lieber Junge", sagte er, „ich verlasse heute abend schon dies User, es sind meine Ferien. Ich bin im Begriff, meine Bauern in Paris und Italien für ein paar Wochen zu vergeben. Wenn ich bitten Zug verpasst. erreiche ich heute abend das Boot nicht mehr, ich habe nachgesehcn, ehe ich kam. So leb' denn wohl. mein —"
„Nein, ich gehe mit zum Bahnhof", sagte Dick, „diesen letzten Liebesdienst lasse ich mir wenigstens nickt nehmen."
Mrs. Edmonstone sagte, daß sie hoffe, Mr. Flint als ihres Sohnes bester Freund werde cs möglich machen, aus seiner Heimreise einen oder zwei Tage bei ihnen zu bleiben. Mr. Flint versprach eS, dann verließ er mit Dick das Haus. Sie waren kaum auf dem Wege, als Flint sieben blieb, sich umwandte, aus je von Dicks Schultern eine Hand legte und sofort sein Herz erleichterte:
„Es ist etwas nicht in Ordnung. Ich sah es sofort. Sage es mirl"
Dick senkte seine Augen vor seines Freundes forschendem Blick.
„O. Jack", sagte er traurig, „es ist alles ausl'
Ebe sie den Bahnhof erreichten, wußte Flint alles, was geschehen war — eine abgekürzte, aber ungeschminkte Schilderung von dem Welken und Sterben der Homiungen Dicks. Sie sprachen leise zusammen, bis der Zug hineindampfte. Donn kam Dick im letzten Augenblick auf eine kaum berührte Sache zurück. *
.Aus den Ball heute abend — sagst Du — muß ich gehen?"
„Natürlich mußt Du: e8 geht nicht, dab Du fortbleibft Einesteils möchte Colonel Bristo sich gekränkt fühlen, und bedenke, dab er jetzt Dein bester Freund ist. Dann mußt Du ein vergnügtes Gesicht zur Schau tragen: sie darf es nicht sehen, daß Du Dich nach dem ersten Zusammentreffen so grämst. Beinahe möchte ich glauben, dab noch nicht alles in End» ist. Du kannst es nicht wissen."
Dick schüttelte seinen Kopf.
„Lieber ginge ich nicht. Es wird zu bitter sein. Du weißt, wie es wird, die beiden zusammen zu sehen. Unb jtb weiß, es ist olles vorbei. Du verstehst Frauen nicht, Jock."
„Du vielleicht?" fragte der anbere schlau.
„Sie konnte es nicht leugnen, daß — dab — ich kann er nicht auSsprechen, Jack."
„Ja, aber Du fordertest sie zuerst heraus. Auf jeden Fall mubt Du heute abend aber schon der Deinigen wegen hingehen. Deine Schwester fr ent sich unendlich darauf, sie ist bisher noch nie auf einem Ball mit Dir zusammen gewesen, sagte sie mir. Wahrhaftig. ich wollte. ich könnte mitkommea "
„Ich wollt«. Du könntest anstatt meiner."
„Unsinn, ich sage Dir, halte den Robs hoch! ÉebeBobll*
Fort brauste der Zug mit Jack Flint. Und Dick stand allein aus der Plattform und fühlte noch ben Druck der treuen Freundeshand und bürte noch den liebevollen Ton seiner guten Worte, während sein Herz ihm schwer und immer schwerer ward.