dieser Zeit des Assessorenüberflusses nicht besitzen. Wie sollte das nun werden, wenn einmal wieder ein Assessorenmangel, wie wir ihn vor 25—30 Jahren gehabt haben, eintritt, wenn etwa ein Krieg oder nur eine Mobilmachung dem Zivildienst den größten Teil der jüngeren Kräfte entzieht? In Berlin sind mehr als 500 Richter thätig. Ein Urlaub von sechs Wochen dürfte bei dec angestrengten Thätigkeit der hiesigen Richter als normal angesehen werden. Nimmt man an, daß nur drei Viertel dieser Richter den Wunsch haben, zwischen dem 15. Juni und 15. September beurlaubt zu werden, so würden in dieser Zeit in Berlin allein etwa 200 Assessoren als Vertreter von Richtern gebraucht werden, abgesehen von denen, die für erkrankte, zu andern Behörden beurlaubte usw. Richter nötig sind. Die Justizverwaltung würde hier vor einer Unmöglichkeit stehen, und ein allgemeines Justitium würde zeitweilig unausbleiblich sein. Da ist es schon besser, auch für das rechtsuchende Publikum, einfach den Sitzungssaal zu schließen, zumal ja alle ihrer Natur nach schleunigen Sachen weiterlaufen. Auf einem anderen Gebiete liegt die Frage, ob es nicht angezeigt und möglich wäre, den Kreis der sogen. Feriensachen etwas auszudehnen Hieranzusetzen, wird die Aufgabe reformatischer Bestrebungen sein müssen. Die Gerichtsferien ganz abzuschaffen, diesen Gedanken sollte man nicht nur im Interesse der Richter und Anwälte, von denen die letzteren nur dann in Ruhe sich der Erholung hingeben können, wenn ihre großen Processe nicht Weiterläufen, sondern auch im Interesse der sachgemäßen einheitlichen Rechtsprechung aufgeben.
— Professer Karl Gerhardt, der berühmte Kliniker, über dessen Tod wir gestern berichteten, wurde am 5. Mai 1833 zu Speyer geboren. Er studierte von 1850 an in Würzburg Medizin und promovierte 1856 daselbst unter Vorlegung einer Dissertation: „Beitrag zur Lehre von der erworbenen Lungen-Atelektase". Gerhardt war Assistent von Bamber und Rinecker, später bei Griesinger in Tübingen. 1860 wurde er Privat- > dozent daselbst. Ein Jahr nach seiner Habilitation ,
wurde er nach Jena als innere Kliniker berufen. Ec wirkte daselbst bis 1872. Von da folgte ec einem^Ruf der Universität Würzburg, woselbst ec bis 1885 thätig war. In diesem Jahre starb plötzlich der bekannte Kliniker Frerichs in Berlin. Gerhardt wurde sein Nachfolger und damit Leiter der zweiten medizinischen Klinik. Garhardt war ein Feind jeder Pose, jeder Effekthascherei, ein gerader Charakter konnte ec gelegentlich auch grob werden, ohne verletzen zu wollen.
— In der Zolllarif-Kommission des Reichstages erklärte gestern Staatssekretär Posadowsky, keinem Bundesstaate könne man das Recht nehmen, Abänderungen zum Zolltarife zu empfehlen. Dies sei ein unbeschneidbares Recht der Staaten, das ihnen verfassungsmäßig zustehe. Der Staatssekretär bezeichnete hierauf der Oeffentüchkelt gegenüber es für erfunden, wenn in Zeitungen etc. gesagt worden sei, der Tarif sei aus einem Ressort herausgegangen. Es hätten sämtliche reichs- und ernzelstaatlichen Ministerien dabei mitberaten. Zum Schluß sagte Graf Posadowsky: Trotz vielfacher lebhafter und eindringlicher Warnungen, die von ihm ausgegangen seien, habe die Kommission Erhöhungen gegenüber der Vorlage beschlossen. Das müsse er schmerzlich bedauern. Er glaube, daß der Zolltarif niemals zu Stande komme. Die Rede des Staatssekretärs erregte allgemeine Verblüffung und wurde mit vollem Stillschweigen ausgenommen. Wie die „Vossische Zeitung" hört, beabsichtigt die Mehrheit der Kommission am 8 Aug. eine Pause in den Verhandlungen eintreten zu lassen. Sie trägt sich mit der Hoffnung, bis dahin die erste Lesung zu beenden.
— Im Leipziger Bankprozeß wurde amb noch die gestimmte Verhandlung am Montag durch die Plaidoyers der Verteidigec ausgefüllt, als letzter von ihnen sprach Rechtsanwalt Dr. Zehme, in Verteidigung der Aufsichtsratsmitglieder Fiebiger, Vorester und Wilkens. Neuerdings wurde das Urteil in diesem Sensa- tionspcoceß für Mittwoch erwartet.
— Der Gesundheitszustand Krügers läßt viel zu wünschen übrig. Er erklärte gegenüber seiner Umgebung, er wolle gern sterben, da in der Transvaal-Sache doch nichts mehr zu erreichen sei.
— In Reuß ä. L. sind Strömungen eingeleitet zur Herbeiführung eines Anschlusses an die preußischen Eisenbahnen. Bisher haben die Bahnen von Reuß zu Sachsen gehölt.
Posen, 22. Juli. Der Enthüllung des Kaiser-Denkmals am 1. September werden auch der Reichskanzler, Graf Posadowsky, die Minister von Rheinbaben, Studt und voraussichtlich auch Freiherr von Hammerstein beiwohnen.
Wien, 22. Juli. Sämtliche Blätter widmen dem verstorbenen Kardinal Ledochowski längere Nachrufe. Die Mittagszeitung schreibt : Mit ihm scheidet einer der fanatischsten Verfechter der national-polnischen Sache aus dem Leben. Das Neue Wiener Abendblatt bezeichnet Ledochowski als den streitbarsten Vertreter einer intransigenten Politik.
Rom, 22. Juli. Kardinal Ledochowski ist heute gestorben; L. war seit 1865 Erzbischof von Posen und wurde anläßlich des Kulturkampfes am 3. Februar 1874 verhaftet und in das Gefängnis in Ostrowo verbracht, woselbst er e ne 2 jährige Strafe verbüßen mußte. Der Kardinal ist nahezu 80 Jahre alt geworden.
Giessener Cagesneuigkeiten.
53 ** Das Regierungsblatt, Beilage Nr. 19, ausgegeben am 21. Juli enthält u. a. die Bekanntmachungen für die Prüfung sür Hochbauaufseher, Dammeister und Kreiè- straßenmeister im Späljahr 1902; den Steuerausschlag zur Bestreitung der Bedürfnisse der Landwirtschaftskasse für das Rabbinat Darmstadt II pro 1902/03, die Aufbringung der Mittel zur Bestreitung der Bedürfnisse der Landwirtschaft der Provinz Oberhessen.
** Aenderung in der Justizprüfungskommission. An Stelle des verhinderten Senatspräsidenten Schäfer ist für die nächste Staatsprüfung der Ministerialrat D r. B e st in Darmstadt zum Mitglied der Prüfungskommission für das Justiz- und Verwaltungsfach ernannt worden.
** Durch die Gcoßh. Handelskammer Gießen wird uns mitgeteilt, daß für den Arbeitecveckehc der Strecke Wetzlar-Cöln seitens der Eisenbahndirektion
Frankfurt a. M. Fahrpreisermäßigung zum Besuch der Düsseldorfer Ausstellung gewährt wird. Arbeitern industrieller Werke einschließlich der sachverständigen Führer wird eine Erleichterung des Besuchs in dieser Weise zugestanden, daß bei einer Teilnehmerzahl von mindestens 20 Personen, jedoch nur an Sonntagen, für die Person und das Kilometer in 3. Wagenklaffe für die Hinfahrt und die Rückfahrt ein Preis von je 1,5 Pfg. (Zusammen also3Pfg.) berechnet wird. Die Hin- und Rückfahrt muß an ein m Kalendertage ausgeführt werden. Anträge auf Gewährung dieser Ermäßigung sind von den in Frage kommenden Unternehmungen 3 Tage vorher bei der Abfahrtstation Zu stellen, bei großer Anzahl der betreffenden Besucher empfiehlt sich eine frühere Anmeldung. Seitens der Bürgermeisterei Gießen, des Vereins Zur Förderung wirtschaftlicher Interessen zu Hennef a. d. Sieg und der Handelskammer Gießen war an die Eisenbahn- direktion Frankfurt das Ersuchen gerichtet worden, eine allgemeine Fahrpreisermäßigung für den Dicektions- bezick eintreten Zu lassen. Dieselbe wurde jedoch abgelehnt.
** Der heutige Krammarkt war infolge des schönen Wctters sehr belebt. Die Kauflust ließ nichts Zu wünschen übrig. Für Unterhaltung sorgte ein Karroussel und Schlffs- schaukel.
** Aus wie viel Teilen setzt sich ein Fahrrad zusammen? Drese Frage beantwortet R. Hffer in der „Rad-Welt". Er zählt alle Einzelheiten aus und kommt zu dem Ergebnis! ein Fahrrad besteht aus 980 Stücken. Wers nicht glaubt, der möge nachzählen.
** Auf Grund einer Auslieferungsforderung der deutschen Regierung hat die Polizei heute Vormittag in Paris in der Rheinstraße den 40 jährigen, aus Schrattenbach gebürtigen Schreiner Wilhelm Bocher, der von der Staatsanwaltschaft in Gießen wegen Fälschung und Betrügereien verfolgt wird, verhaft.t. Bocher wird bis zur Erledigung der Auslieferungsformalitäten im Gefängnis de la Santo gehalten.
** Gegen den Patentverschluß. „Die internationale Mineralquellen" bringt folgenden Artikel, weicher allgemeines Interesse haben dürfte. Die zu- stäneige Vezirkshauptmannschaft hat an das Bürgermeisteramt Marienbad einen Erlaß gerichtet, in welchem unter Hinweis darauf, daß sich die Patent- flaschen zur Füllung von Mineralwässern nicht eignen, der Brunnenvecsendung aufgetcagen wird, daß fortab Zur Füllung von Wässern, insbesondere dec Rudolphs- quelle, nur solche Flaschen verwendet werden dürfen, die mit einem guten Kork verschließbar sind. Diese Maßregel ist nicht nur aus hygienischen Rücksichten, sondern auch im Hinblick auf die Haltbarkeit dec Minecalwäffec von hoher Wichtigkeit.
** Zur Erhöhung der Betriebssicherheit sollen auf den preußisch-Hessischen Bahn die Hauptbahnlinien nach und nach mit Fernsprechanlagen versehen werden, die eine schnelle und bequeme Verbindung zwischen den Stationen und den Bahnwärter- posten ermöglichen. Zwischen je zwei Stationen soll eine Fernsprechleitung gelegt werden, an welche alle auf dem Betciebsstceckenabschnitt befindlichen Bahnwärterposten angeschlossen werden.
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Schotten, 21. Juli. Heute Morgen 10 Uhr brach in der Scheuer und anhängendem Stall der Konrad Schmidt Ww. F uer aus, das auch auf die Nachbarscheuer des Herrn Böhm sich verbreitete. Dem raschen und energischen Eingreifen der Freiwilligen und PfUchtfeuerwehr ist es zu verdanken, daß das Feuer auf seinen Herd beschränkt blieb. Die Scheuern wurden zusammengerissen. Dem bei den
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Blankenese, in dessen Nähe sich das entsetzliche Dampfer-Unglück ereignet hat, ist wohl in dec ganzen Welt als ein Vococt von Hamburg bekannt, der wegen seiner malerischen Lage und des großartigen Schiffsverkehrs viel und gern besucht wird. Ein großer Prozentsatz dec Landratten, die zum ersten Mal in Hamburg an der „Wasserkant" vorsichtig vor Anker gehen, fährt zum mindesten nach Blankenese hinaus. Die Fahrt auf dem Elbufer unterhalb Altonas mit seiner ununterbrochenen Reihe von Gärten und Landhäusern an dem schiffbelebten Strom, bildet dann den eisernen Bestand der Wander- Erinnerungen für alle Zeiten. Die Dampfboote an der St. Pauli-Landungsbrücke machen die Fahrt alle Stunden; hierzu treten zahlreiche Extradampfec, so daß dieser Lieblingsausflug dec Hamburger immer auf das bequemste zu erreichen ist. Aber auch dec rüstige Fußgänger kommt auf seine Rechnung, wenn ec auf der Elbchaussee nach Blankenese marschiert; reizende Landhäuser begleiten seinen Weg; die Aussicht auf die Elbe und die sogenannten Harburger Berge ist entzückend. Blankenese ist das größte aller holsteinischen Dörfer und zählt fast 4500 Einwohner. Sein Name hat einen sehr prosaischen Ursprung; er leitet sich von einem früheren ganz wüsten und kahlen Sandberg, der " sogenannten „Blanken Nase" her. Das zu- • V ^ meist von Schiffern und Fischern bewohnte ' Dorf steigt terrassenförmig zwischen den
Hügeln auf; zahlreiche schmucke Villen im ^r^^ ~—- - Besitze reicher Hamburger Familien geben
- ^^^^^ ------------ ihm das Gepräge der Wohlhabenheit. Die
schönste Elbaussicht hat man von dem 76 Meter hohen Süllberg, der höchsten Spitze dec Hügelgruppe. Diese Erhebung ist mit einem Aussichtsturm bekrönt; von diesem Standpunkt aus ist unser Bild ausgenommen.
Blick auf Blankenese vom Süllberg aus gesehen.
* MHM
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