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Nr. 168.

Erstes Blatt

Mittwoch, den 23. Juli 1902.

11. Jahrgang.

Ubonnement^preiS : in Gießen, abgeholt monatlich 50 Pfg-, I in'S HauS gebracht 60 Pfg., durch die Post bezogen viertel­jährlich Mk. 1.50.

Gratisbeilagen Oberheffischc Familievzeitung(täglich) cberhessische Zeitschrift für Landwirtschaft, Obst und Gartenbau, sowie die Gießener Leifcublase« wöchentlich). DaS Blatt erscheint an aUe« Werktagen nachmittags.

Gießener

Iusrrtio»SvreiS : Die einspaltige Petitzeile für Gießen wie ganz Oberbessen, die Kreise Wetzlar und Marburg 10 Pfg. sonst 15 Pfg.; Reklamen die Petitzeile 30 resp. 40 Pfg.

Postzeitungsliste No. 3032.

Redaktion und Expedition: Gießen, 9t eue n weg 28 Ferusr rechamschlaß Nr. 362.

Neueste Nachrichten

(Hießener Gagevratl)

Unabhängige Tageszeitung

«Lietzener Leitung)

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für Oberhessen und die Kreise Marburg und Wetzlar; Lokalanzeiaer für Metzen und Umgebung.

7hij und Verlag der Gießener Verlagsdrucker i, vorm. Wilh Keller'sche Buchdrutierei, tgegr. 1783); für die Redaktion verantwortlich: Albin Klein, Gießen -- ^^ «^MgPMaK gat timwJ ^

Der Untergang des Passagierdampfes Primus"

hat uns Menschen, die wir doch wie alles andere auch nur den Weg alles Fleisches gehen, gelehrt, wie das Leben doch so manchmal inmitten festlichster Stimmung in Gefahr und zu Ende ist.

Ein Augenzeuge berichtet:Hansa" fuhr demPrimus" direkt in die Flanke. Der Kessel desPrimus" explo­dierte und der größte Teil der Passagiere wurde über Bord geschleudert. Am Strande spielten sich schreckliche Szenen ab. Jammernd suchten Eltern ihre Kinder, Männer ihre Frauen. Als die Katastrophe eintrat, ipielte die Musikkapelle auf demPrimus" geradeNach Hause geh'n wir nicht, nach Hause gch'n wir lange nicht." Ein Musiker, der später im Wasser trieb, gab mit der Trompete Hilfssignale bis er verstummte.

Ein anderer von den Geretteten, der Glaser Lippelt, giebt folgende Schilderung von dem Unglück: Ich saß mit meiner Braut und etwa sechs anderen Personen unter Deck. Wir hatten eben ein Lied angestimmt, als plötzlich ein heftiger Stoß erfolgte. Ehe wir uns be­sinnen konnten, flogen wir von unseren Sitzen auf den Boden. Einige Augenblicke war es still, dann aber, als das Elbwasser durch die zertrümmerten Fenster strömte, schrie alles wirr durcheinander:Wir er­trinken! Das Schiff geht unter! Unser Schiff ist in Grund gebohrt worden!" Es entstand ein wildes Drängen. Jeder wollte zuerst auf Deck kommen. Wie ich mit meiner Braut nach oben gelangt bin, weiß ich nicht. Als ich oben auf dem Deck Umschau hielt, sank das Schiff schon in die Tiefe. Der Schlepper, dec anscheinend in unserem Dampfer fest saß, schob unser Schiff dem Lande zu.Primus" sank immer mehr und mehr in -die Tiefe. Als das Wasser uns schon umspülte, umhalste meine Braut mich und sprach angesichts des Todes:Wir gehen in den Tod; ich gehe mit Dir in den Tod." Ich kroch auf allen Vieren mit meiner Braut und meinen wenigen Sangesbrüdern auf den noch aus dem Wasser stehenden Schiffsteil hinauf, wo wir uns festklammerten. In dieser gefährlichen Lage hielten wir uns. Einer von uns, ein Musiker, nahm seine Trompete zur Hand und -blies darauf, um vorüberfahrende Dampfer oder Boote auf uns aufmerksam zu machen. Bald kam denn auch ein Boot und brachte uns auf den SchlepperHansa".

Eine Frau erzählt Folgendes: Auf dem Dampfer herrschte ein recht lustiges Leben. Alle besprachen den Ver­lauf des Auèfluges. Keiner dachte daran, daß er in den

nächsten Augenblicken den sicheren Tod vor Augen haben würde. Ich stand mit meinem sieben Jahre alten Sohn, meiner zwölf Jahre alten Tochter und meiner Schwieger­mutter auf dem Hinterdeck, während mein Mann mit seinem Schwiegervater etwas weiter von uns entfernt standen. Eben sprach ich mit meinen Kindern, als plötzlich ein heftiger Stoß denPrimus" erbeben machte. Im Nu durchdrangen gellende Hülserufe die Luft. Alles schrie wirr durch­einander:Ein Dampfer hat uns angefahren! Das Schiff sinkt! Wir gehen unter!" Als der heftige Stoß erfolgte, fragte mich mein kleiner Sohn ängstlich Mutter, wir gehen doch nicht unter?" Kaum hatte er dies gesagt, als das Wasser von allen Seiten auf uns einstürmte. In Folge der nun ausbrechenden Panik wurde ich mit meinem Sohn ins Wasser geschleudert. Zwei Mal sank ich mit meinem Knaben in die Tiefe, kam aber immer wieder in die Höhe. Als ich zum dritten Male untersank, ergriff mich eine Hand und zog mich in ein Boot. Mein Sohn aber war verschwunden. Er war ein Opfer der Katastrophe ge­worden. Ich wurde mit noch einigen anderen Geretteten gelandet. Als ich in meiner Wohnung ankam, fand ich meinen io d t g e g la u bte n Mann dort zu mincr großen Freude gesund und munter vor, (die Glückliche, wie viele aber trauern jetzt um die Angehörigen). Bald traf auch mein Schwiegervater ein, den man auch schon zu den Ertrunkenen gezählt hatte. Mein zwölf Jahre altes Mädchen war, als ich mit meinem Sohn in die Elbe geschleudert wurde und das Wasser ins Schiff strömte, am Schornstein unseres Dampfers herauf geklettert und von boit auf den noch in unserem Schiffe festsitzenden SchlepperHansa" gesprungen. Meine Schwiegermutter dagegen ist ertrunken.

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Zu der Dampfer-Katastrophe wird noch gemeldet, daß die Zahl der amtlich als vermißt Gemeldeten bis jc§t auf 96 angewachsen. Voraussichtlich werden die Ar­betten heute soweit gefördert sein, daß die Hebung erfolgen kann.

Der Reichskanzler telegraphirte an den Oberpräfidenten in Schleswig: Tief ergriffen von dem Unglücksfall bitte ich Sie, den Familien der Verunglückten mein innigstes Beileid auszusprechen. Einem Bericht über Vorschläge für die Unter­stützung der Hinterbliebenen sehe ich entgegen.

Die erste Meldung, daß etwa 100 Tote zu be- klagen sind, ist richtig. 183 Personen waren an Bord.

Politische nachrichten.

Ter Minister des Innern Freiherr von Hammerstein hat gelegentlich der Grundsteinlegung in Wilmersdorf eine Aeußerung gethan, die trotz ihrer scherz-

hasten Form einen Einblick in die von ihm gewünschte Hand­habung der Verwaltung gewährt. Unter den dem Minister vorgestelllen Persönlichkeiten, so meldet unser bl.-Mitarbeiter, befand sich auch der Gemeindevorsteher von Wilmersdorf. Herr von Hammerstein begrüßte ihn freundlich und richtete an den Octsgewaltigen dann die Frage:Na! Halten Sie in Ihrer Gemeinde auch die Zügel recht straff'? Ich liebe es, daß man die Zügel straff hält. Man kann dabei freundlich sein, aber immer stramm!" Und hierbei ahmte der Minister die Handbewegung eines Rosse­lenkers nach, der sein Pferd fest an die Leine nimmt.

Ueber die Beseitigung der Gerichts- ferie n schreibt man derBoss. Ztg." Von juristischer Seite: Man denkt es sich in Laienkreisen so leicht, die Ferien zu beseitigen, ohne nicht nur den Richtern und den Anwälten die Gewähr für eine regelmäßige Er­holungszeit zu nehmen, sondern auch der Justizverwaltung die ordnungsmäßige Leitung der Geschäfte zu erschweren, ja unmöglich zu machen. Man verweist dabei aufandere Zweige des Staatsdienstes", vergißt aber, daß bei den Richtern die Persönlichkeit des Einzelnen eine ganz andere Rolle spielt als bei den Verwaltungsbehörden. Dies gilt besonders von den Kollegialgerichten, wo jede Aenderung des Kollegiums zu Unzuträglichkeiten und Verschleppungen fuhrt und eine einheitliche Recht­sprechung in Frage stellt. Beispielsweise wird eine Zivilkammer, bei der jeder der drei Richter einen sechswöchigen Urlaub hat, mehr als ein Drittel des Jahres hindurch nicht regel­recht zusammengesetzt sein. Welche Schäden dies für die Allgemeinheit haben kann, liegt auf der Hand. Kommissarische Hilfsarbeiter werden, zumal bei größeren Gerichten, niemals das volle Arbeitspensum eines ordentlichen Richters leisten können, wenn sie immer nur auf die Zeit dec Beurlaubung eines Richters .eingestellt werden. Die Folge wird sein, daß die Be­arbeitung der Sachen leidet. Ueberdies wird auch die Möglichkeit, Hilfsarbeiter aus der Zahl der über­flüssigen Assessoren zu stellen, überschätzt. In Preußen würden, wenn man die Ferien auf las ganze Jahr verteilte, bei einer Ruhepause von sechs Wochen etwa 550, bei einer solchen von vier Wochen etwa 400 Assessoren ständig nötig sein, um die beurlaubten Richter zu vertreten. Da es aber ungemein unbillig wäre, fast drei Viertel der Richter zu einer Zeit zu beurlauben, in der sie mit dem Urlaub der Jahreszeit wegen nichts anfangen können, müßte, falls die Mehrzahl dec Beur­laubungen im Sommer stattfände, eine Zahl von Ver­tretern zur Disposition stehen, wie wir sie selbst in

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In eigener Sache Richter.

Roman von L. Haidhei m.

(Nachdruck.verboten.) (Fortsetzung.)

Sie umstanden minutenlang in tiefem Schweigen das Bett, dann war es vorbei; der letzte Atemzug zitterte von den weißen Lippen.

Die drei Herren murmelten ein kurzes Gebet, Graf Joseph konnte es nicht. Es war furchtbar, was er in dieser Minute litt.

Die Schwester drückte dem Toten sanft die Augen zu Welch hartes unschönes Gesicht er hatte. , 8

<r.^'U-Ä Joseph, Graf Ebern aus Wien, Sohn des Grafen ?«?^è^oeru , ttat dieser zu dem bunflen jungen Manne, der an ctn ®n^ war. Derfsl.be blickte sehr überrascht ...Unb ich fürchte ich habe ihn" Graf Josephs Livven la6e $t «schreit "^ ° Bkl 9,1166 um auszusprechen:Ich totoSunbÄ bk H"â- er sah so grenzenlos er- to»tf ^è ^ w°- °m Sterbender, '

Wie ihm das Wort wohlthat! Er dankte dem Tröster in­dem er ihm die Hand bot. ' '

Daß er gern genug glauben wollte, was ihm Erleichterung gab' daß er «glaubte, obwohl er es im geheimsten Innern besser wußte' machte er sich auch nicht klar, vor dem ihn von neuein packenden Bewußtsein seiner verzweifelten Lage. Daß der Alte seinen Bater und ihn enterbt hatte, bezweifelte er jeet garnicht mehr. . nScb glaube, meine Herren, wir lassen die Schwester Veronika jetzt ihres Amtes walten", sagte der Arzt und alle drei wandten Dich der Tbur zu, um hinauszugehen.

, Der dunkle Herr nahm ohne weiteres Josephs Arm:Bitte, Herr Vetter!" unb bot ihm so den Vortritt.

Mechanisch schritt der hinaus, die anderen folgten ihm.

- n "Was soll werden? Was fange ich an?" schrie eine wilde, »effnnungslole Ausregung in Graf Joseph, indes sie hinabstiegen.

lm ^ der Treppe hielt er plötzlich den Schritt an.

^obe meinen Großvater nie gekannt, ich möchte ihn'" sprach beifer vor Aufregung.

<5üe glaubten ihn zu verstehen.

Ler Gehen Sie zurück!" stimmte andere Enkel ihm freundlich ernst am

Während die drei befreundeten Banner im Eßzimmer ver­schwanden, stieg er mit bleischweren Gliedern die Treppe wieder hinauf.

Ich will leben! Ich will!" weiter empfand er nichts; von Denken konnte keine Rede sein.

Im Vorzimmer traf er die Nonne.

Schwester, lassen Sie mich einen Augenblick mit meinem Großvater allein!" forderte er.

Gewiß! Sofort Herr Graf!" sagte sie unterwürfig.

Ob sie vorhin gehört hatte? Er dachte darüber nicht nach, all seine Geistesklarheit konzentrierte sich auf einen einzigen Punkt.

Fast bewußtlos that er alles was die Klugheit gebot Zunächst schloß er die Thür des Sterbczimmers, nachdem er der Schwester stumm bedeutet, auf den Vorplatz zu treten. Oder that sie dies freiwillig, zufrieden dort Luft zu schöpfen. Er kümmerte sich nicht barum.

Er blieb, wie ihr schien, ziemlich lange im Gebet an der Leiche, in Wahrheit mochten es kaum zehn Minuten sein.

Als er herauskam mar er aschfahl und sah förmlich ent­stellt aus.

Möchten Euer Gnaden sich nur nicht zu sehr beunruhigens, sagte sie wohlmeinend zu ihm,der Herr Graf hätte die Nacht nicht überlebt."

Ich danke, Schwester, ich danke Ihnen", murmelte er und ging an ihr vorüber.

Ein ältlicher Diener trat eben zu ihr; er trug was zur letzten Toilette des Toten gehörte.

Die Schwester fand die Bettdecke, die Kissen verschoben, als sie in das Sterbezimmer zu. :^lam. Der arme Herr! Er hatte sich über das Bett hcrgewcrfcu in seinem Schmerz den Sterben­den erschreckt zu haben, meinte sie bei sich.

Sie hatte, gleichgültig geworden im Laufe ihres Amts, wirklich vorhin nicht geborgt, sondern sehnsüchtig am, offenen Fenster gestanden und ihr Brevier mechanisch lesend, über Die Blätter des Buches hinweg gesehen.

_, Zu dem alten Thomas sprach sie von dem allen rein zuort Schweigsamkeit war eine der Pflichten ihres Amtes, und noch mehr Verschwiegenheit.

Graf Joseph Ebern stieg die Treppe hinab. »Ruhe! Ver­rate Dich nicht. Lasse Dir nichts.merken! rief er sich zu, mit der eiskalten Hand über die Stirn fahrend. Aber ihm war momentan die Selbstbeherrschung ganz unmöglich. Eun outern überlief ihn.

So schritt er ein paarmal im Hausflur auf und ab, bis er sich wieder in der Gewalt hatte.

Den drei Männern hatte dieser hergeschneite Enkel nicht schlecht gefallen.

Er sah gut aus, war, was man so nannte, einfescher Kerl", elegant, Lebemann, aber ein Mensch, der offenbar ein Berz hatte und dessen Offenheit einen günstigen Schluß auf feinen harakter zuließ.

Nun trat er ein, verbeugte sich und wandte sich an den »Herrn Vetter".

Ich habe mich Ihnen vorhin vorgestellt, mein Herr,, aber ich fühle, mein plötzliches Erscheinen bedarf doch einer Erklärung. Die Sache ist die, daß ich nicht wußte, wie es um den Groß­vater stand, der sich um mich nie gekümmert, mich aufwachlen ließ wie ein Unkraut im Feld."

Das klang sehr bitter. Er sprach aber sofort weiter: »Ohne das mindeste gelernt zu haben, tröstete ich mich damit, daß ich meines Großvaters Erbe sein werde, bis mein Vermögen vollm aufgezehrt war. Da erst erfuhr ich zufällig, mein Vater und ich seien enterbt: ich kam so schnell ich konnte meinen Großvater um Gerechtigkeit und - ehrlich gestanden! um Geld zu bitten; er empfing mich nicht sehr gütig, aber er war ein Sterbender. Sich schüttelnd schwieg er. Offener konnte man nicht sein. Und keiner der Männer, die den Fremdling intereniert anpliaten, ver­hehlte sich, daß da vor ihnen eine dieser Existenzen sich offenbarte, welche noch einen letzten Derlei selten Vernich vor dem Unter­gänge machen. Und er war Graf Eberns Enkel!

Ich danke Ihnen für Ihre offenen Mitteilungen, Vetter Ebern und will sie in derselben Weite erwidern. Zunächst stelle ich mich Ihnen als Burkard von ,yrobberg vor, meine Mutter ist die Schwester ihres verstorbenen i?enn Vaters und ebenso wie jener bei dem Großvater in Ungnade gefallen, seit sie gegen seinen Willen heiratete, ^iese beiden Herren", er stellte sie vor: , Doktor Freimann und Notar Haberkorn, haben dem Verstorbenen näher gestanden, wie irgend ein Glied seiner Familie und selbst sie haben keine Ahnung, in welcher Weise Großvater, der das unbeschränkteste Verfiigungsrecht über seinen großen Besitz hatte, über denselben testiert hat. - Er war zerfallen mit seiner ganzen Familie. -Nur das eine weiß ich, Herr Graf, daß das Testament erst ein volles Jahr nach dem Tode des Erblassers eröffnet wer- den soll un^ daß das letzte, er machte deren fünf im Laufe der letzten beiden Jahrzehnte, vor reichlich fünf Jahren beim Kreis- gerlcht depomert worden ist. sagte Notar Haberkorn.

(Fortsetzung folgt.)