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SSL Nr. 220.

Zweites Blatt

Montag, den 22. September 1902.

11. Jahrgang

I Ao^^«eme«t preis : in Gießen, abgeholt monatlich 50 Pfg-, ins HauS gebracht 60 Pfg., durch die Post bezogen viertel­jährlich Mk. 1.50.

SW Heuen' Gratisbeilagen Oberhessische ^amilievzeitung (täglich) NUiber rn. v Oberhelnsche Zeitschrift für Landwirtschaft, 0bst und lttarteubau, sowie die Gießener Seifenblase« wöchentlich).

Das Blatt erscheint an alle« Werktagen nachmittags.

Gießener

J«fe^tio»SvreiS: Die einspaltige Petitzeile für Gießen wie ganz Oberbessen, die Kreise Wetzlar und Marburg 10 Pfg. sonst 15 Pfg.; Reklamen die Petitzeile 80 resp. 40 Pfg.

Postzeitungsliste No. 3032.

Redaktion und Expedition: Gießen, Neuenweg 28.

Fer«ftrecha«schl»ß Nr. 368.

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Weiteste Nachrichten

(Hietzener Tageötalt)

Unabhängige Tageszeitung

(Hießener Betfuttg)

für Oberhefsen und die Kreise Marburg und Wetzlar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung

--------- -Druck und V^rl^gHi-b-Ë D-rlagSdruck-ri, norm. Wilh. K-ller'sch- Buchdrucker-i, lgcgr. 1783); für die Redaktion verantwortlich: Albin Klein, Gießen.

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Olas bieten die „Giessener neueste nachrichten“ ihren Lesern?

Die ,Mießener Neueste Nachrichten" wollen zur politischen Aufklärung Jedermann beitragen und die' Jnteresse<aller^Stände,'vornehmlich ! die' des gesamten Bürgerstandes und der wirtschaftlich Schwachen vertreten; sie dienen keiner ausgesprochen politischen Partest aber weniger" dem.Jnteress« eines Einzelnen.

Die „Gießener Neueste Nachrichten" besprechen in zahlreichen Original-Leitartikeln und einer sorgfältig ausgearbeiteten ^politischen ^Rundschau^die politischen und wirtschaftlichen Tages- und Zeitfragen in unabhängigem Sinne und Geiste.

Täglich werden der Redaktion die wichtigsten Nachrichten aus aller Welt durch eins dec größten Depeschen-Bureaus auf dem.sichersten und chnellsten Wege übermittelt.

Zahlreiche Korrespondenten aus dem gesamten Verbreitungsgebiete unseres Blattes teilen alles Wissenswerte in volkstümlicher und kerniger Form mit, decken vorhandene Mißstände auf und geben so ein interessantes und treues Spiegelbild des ländlichen Lebens.

Im lokalen Ceil werden die Tagesneuigkeiten zur Kenntnis gebracht, kommunale Fragen und Wünsche besprochen, die Erscheinungen des^VereinS- lebens registcirt, über die Stadtverordnetenfitzungen unterrichtet.

Vorzügliche Romane, Feuilletons aus allen Gebieten, praktische Mitteilungen verschiedenster Art, allgemeiner Briefkasten bieten des Unterhaltenden und Belehrenden eine Fülle.

In den Beilagen: Oberbtsfifcbe familienzeitung (täglich) kommen vorzügliche Romane und packende Gedichte zum Abdruck, dabei ist für unsere Kleinen eine Rätselecke mit eingefügt.

Die Giessener Seifenblasen (wöchentlich) sorgen für den nötigen Witz und Humor und in dec Oberbesfischen Zeitschrift für Landwirtschaft, Obst- und Gartenbau (wöchentlich) finden unsere Landwirte und Gartenbesitzer reiche Anleitungen und Belehrungen für die Bewirtschaftung ihrer Ländereien und für die Haltung aller nützlichen Haustiere; den schädlichen Tieren wird zur passenden Zeit ein Wort für deren Vernichtung und Bekämpfung geschrieben.

Unablässig ist die Redaktion der „Gießener Neueste Nachrichten" bemüht, den Kreis des Gebotenen zu erweitern, ausgehend^von^dem Gedanken, daß

für das Volk nur das Beste gut genug ist

Man abonnirt für 60 Pfg. pro Monat bei freier Zustellung (incl. der drei Beilagen) bei unsern Trägern, in der Expedition, Gießen, Neuen­weg 28, oder bei der Post.

Dk' Redaktion der „Giessener’neueste RachrkMen“.

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Uermifcbtes.

* Verwundeter Wilderer. Am Sonntag, 14. Sept, stieß ein in Privatdiensten stehender Jäger bei Be­gehung seines Reviers in dec Waldabteilung Weichsel­garten bei München auf einen jagdmäßig ausgerüsteten Mann, der, als er den Jäger erblickte, mit raschem Sprunge hinter einem Baum sich deckte und auf den Jäger anlegte. Der Jäger seinerseits gab rasch hinter­

einander drei Schüsse auf den Wilderer ab, worauf dieser zusammenstürzte. Als dec Jäger sich ihm näherte, bat ihn der Wilderer, der stark blutete, ihn in Ruhe zu lassen, da er doch bald sterben werde. Dec Jäger nahm die Büchse des Wilderers und begab sich, um Hülfe zu holen, zum Bürgermeister von Groß­hadern. Als er mit diesem zuc Stelle zurückkehrte, war der Wilderer verschwunden und nur mehr eine große Blutlache sichtbar.

* Wien, 19. Sept. DerZ hiesige Gerichts-Advokat Dr. Randel wurde wegen Untreue im Amte zu 2 Jahren schweren Kerker und Ersatz der vom Gläubiger-Ausschuß beantragten Summe verurteilt.

* Ala (Tirol), 19. Sept.VDer Advokat Murri wurde hier durch den Polizeikommissar Dr. Muck ver­haftet.

* Decazeville, 19. Sept. Der Ausstand hat seit gestern Abend bedeutend an Umfang zugenommen und

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Entlarvt.

Roman von Moritz Lilie.

(Nachdruck verboten.)

fernte Verwandte von mir, über deren Verbleib Sie Auskunft I Kind ausgaben. Nach dem Tode meines Mannes kehrte ich in zu geben vermögen", erklärte der Gefragte. „Sie ist die Tochter die Heimat zurück."

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Offenbar befand sie sich in sehr gedrückten Verhältnissen, wenigstens sah ihre Kleidung ärmlich genug aus. Jetzt packte dre r^rau einige Düten in einen mitgebrachten Korb, legte eine kleine Münze auf den Ladentisch und entfernte sich.

c. In dem Augenblick, als sie die Thür hinter sich schloß, traten beiden Männer vor.

r r"$™a Raday, wir haben mit Ihnen zu reden", sagte Mark- ^•Chäa^ den Mantelkragen zurückschlug, sodaß das Licht der imchsteii Laterne voll auf sein Gesicht fiel.

s/Ä^.?hnehlii schon bleiche Antlitz der Frau nahm eine erd- A?ârbe an, und starr heftete sich ihr Blick auf den Sprecher.

Sekunde, dann wandte sie sich, und in vollem ma^n£aürC^^ Straße entlang, Ancelot ihr sofort nach, zuruckblieb^^ âstraüer. der mit so schnell zu folgen vermochte, Durch, Schmutz und Vstitzen ging die tolle Jagd, bis die Frau endlich erschöpft an der Schwefe eines Hanses niedersank „2)aimt bte enbltcö Gefundene nicht zum zweiten Male ver­schwand, faßte Ancelot sie kräftig am Arm.

„Weshalb fliehen Sie, Frau Raday?" sagte er, indem er muhfam nach Atem rang.

„Ich heiße nicht so", versetzte die Frau kurz und barsch. »Soll ich als ehrbare Frau nicht fliehen, wenn mich auf offener Straße fremde Männer anreden?"

„Herr Riarkhofer ist Ihnen nicht fremd", sagte Ancelot vestimmt. Er kennt Sie von Australien her, als Sie mit ihrem Manne auf der Farm des Herrn Reinhard bedienstet waren."

„Aber um des Himmels willen, sagen Sie mir doch nur, was Sie voii mir wollen!" jammerte die Frau. „Ich habe Sie nre Stehen; ich bin nicht die, für welche Sie mich halten."

„Gut^, entgegnete Ancelot mit eisiger Ruhe, „dann weiß ich Rat, die Wahrheit zu ergründeu. Ich werde mit Ihnen nach der Wohnung des Herrn Markhofer fahren. Kennt er Sie in der That Nichtz so werde ich sie nicht weiter behelligen und für den gehabten Schreck entschädigen; andernfalls werde ich Sie aber zwingen, hören Sie es, Frau, zwingen, mir Rede und Antwort zu stellen."

„Aber so sprechen Sie doch, was wollen Sie von mir — was soll ich thun? fragte bie Frau in ängstlichem Tone.

”3$ suche ein junges Mädchen, Emmy Reinhard, eine ent­

jenes Farmers, der Sie in Australien in sein Haus aufnabm. Nach dem Tode der Eltern haben Sie sich des Kindes bemächtigt. Sie sehen, ich bin gut unterrichtet; Ihr Leugnen hilft also garnickts."

„Und wenn ich nun wirklich die wäre, für welche Sie mich halten, wie wollten Sie mich zwingen, die Wahrheit zu sagen?" versetzte die Frau. „Das vermag selbst die Polizei nicht."

„Das käme auf einen Versuch an; vielleicht würden Sie doch gefügig werden", sagte der andere in spöttischem Tone. „Aber es üt besser für uns beide, wenn wir es nicht erst dahin kommen lassen, sondern ein Abkommen in Güte treffen. Hier sehen Sie", fuhr er fort, ein Papier aus der Brusttasche nehmend und der Frau zeigend, „diese Fünfhundertguldennote schenke ich Ihnen, wenn Sie meinen Wünschen Folge leisten."

Gierig schaute die Frau auf das Wertpapier.

Eine Weile schien sie zu überlegen, dann sagte sie:

„Folgen Sie mir in meine Wohnung. Wozu sollen wir hier in Wind und Regen stehen? Sie sollen erfahren, was Sie zu wissen wünschen."

Sie schritt in den Hausflur voran, in welchem die tiefste Finsternis herrschte.

Unwillkürlich packte Ancelot den Griff seines Revolvers fetter, den er in der Tasche trug.

Bis hinauf unters Dach führte die Frau den jungen Mann, der es schon fast bereute, sich der ihm gänzlich unbekannten Führerin anvertraut zu haben. Aber das brennende Verlangen, das Geheimnis von Emmys Aufenthalt zu lüften, ließ ihn jedes Bedenken überwinden.

Endlich waren sie oben angelangt. Die ganze Einrichtung des Zimmers zeugte von großer Dürftigkeit.

Ancelot hatte der Frau gegenüber Platz genommen.

„Sie wollen wissen, ob ich Frau Raday bin?" begann sie. „Nun ja, ich führte früher den Namen Eva Raday, aber als cch, nachdem mein Mann gestorben war, aus Ausftalieu zurückkehrte, heiratete ich zum zweiten Ntale und wurde Frau Mende; das war der Name meines zweiten Mannes. Auch mein zweiter Ataiiu starb wenige Jahre nach unserer Verheiratung.,

„Das alles ist mir zunächst Nebensache", versicherte der Franzose mit einer abwehrenden Handbewegung. . „Bleiben wir bei dem Hauptpunkte stehen: Wo ist Emma Reinhard, welche Sie ohne jedes Recht an fick nahmen?" , ~ . ,

„Wir nahmen die Kleine, als wir „die, Farm, aufgeben mußten, mit uns nach Sidney, wo wir ne rur unser eigenes

-erlegen, dann sagte sie: Wohnung. Wozu sollen wir hier

Sie schwieg und schien weitere Fragen abzuwarten.

„Es waren zwei kleine Mädchen, welche sie bei Ihrer Abreise mit sich führten", sagte Ancelot nach einer kurzen Pause. „Das eine war Emmy Reinhard, wem aber gehörte das andere

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„Helene Bozdech ist die Tochter eines Mannes, der in einer Branntweinschänke beim Spiel seinen Partner erschoß und bafür an den Galgen kam. Als ich nach Europa reifte, nahm ich beide Mädchen mit mir, und kein Mensch zweifelte, daß sie meine eigenen Kinder seien, obgleich Emmy viel zarter und vornehmer aussah als Helene, die von gewöhnlichen, ungebildeten Leuten abstammt"

„Eines Tages ging ich mit den Kindern im Prater spazieren: sie waren ein wenig zurückgeblieben. Plötzlich vernahm ich Geschrei, Rufen und fluchen, und zu meinem Schrecken bemerkte ich, daß eines der Mädchen von einer herrschaftlichen Equipage überfahren worden war. Die Ander waren im Eifer des Sprels der Fahrstraße zu nahe gekommen, der Kutscher hatte nicht recht­zeitig auszuweichen vermocht, und so war das Unglück geschehen. Die vornehme Dame, die in der Equipage gesessen, war aus­gestiegen und erkundigte sich nach meinen Verhältnissen. Als sie erfuhr, daß ich Witwe sei, machte sie mir den Vorschlag, ihr das Mädchen zu überlassen, dem seltsamerweise nichts geschehen war. Ich stimmte zu; denn ich sah, daß die Kleine ihr Gluck machen werde, und am nächsten Tage unterschrieb ich vor Notar und Zeugen einen Verzicht auf alle Rechte an das Kind, wogegen mir die Dame und ihr Gemahl als Entschädigung dreitausend

Gulden auszahlten." u m

Und dieses Kind war natürlich Emmy Remhard?" unter- bracy sie Ancelot hastig.

In dem Gesichte der Frau zuckte es plötzlich auf, und ein lauernder giftiger Blick traf den Fragenden.

„Habe ich das gesagt? forichte sie in ängstlicher Haft. „Dann habe ich mich geirrt. Es war nicht Emmy, sondern Helene, die Tochter des Gehenkten. Emmy Reinhard ist noch sie wohnt und schläft hier, wenn sie des Abends ihre han hat."

Helene, bei mir

Arbeit gethan hat."

Ȁre Arbeit - und des Abends?" fragte Ancelot erstaunt.

„Sie Kleine ist schon und jung dazu, kaum achtzehn Jahre

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alt" memte die Frau mit widerlichem Schmunzeln. Sie ist Mt- glied emer Smgwielgesellichaft und der Liebling des Publikums." . . «Mitglied einer Singspielgesellschaft?" fragte Ancelot entsetzt. I indem er aun prang.