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Nr. 220. Erstes Blatt. Montag, den 22. September 1902.

11. Jahrgang.

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J«sertio«Sprei Sr Die einspaltige Petitzeile für Gießen wie ganz Oberhessen, die Kreise Wetzlar und Marburg 10 Pfg. sonst 15 Pfg.; Reklame« die Petitzeile 30 resp. 40 Pfg.

Postzeitungsliste No. 3032.

Redaktion und Expedition: Gießen Neuenweg 28.

Fervsprechamschlusi Nr. SSL

Meuelle Nachrichten

(Gießener Pagebtatt) Unabhängige Tageszeitung (Gießener Zeitung)

für Oberhefsen und die Kreise Marburg und Wetzlar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung.

Druck und Verlag der Gießener Verlagsdruckerei, vorm. Wilh. Keller'sche Buchdruckerei (gegr. 1783); für die Redaktion verantwortlich: Albin Klein, Gießen.

Politische Nachrichten.

Berlin 20. September. Das erste für den Dienst aus den aroßen Strömen Chinas zur Zeit im Bau be- ariffene Kanonenboot soll in bet ersten Hälfte des Sabres 1903 die Ausreise nach China antreten. Es sollen mehrere derartige Fluß-Kanonenboote für China in Dienst gestellt werden.

Auf die Eingabe des Ausschusses der deut­schen Turnerschaft an den Reichskanzler wegen Unterstützung von Turnhallenbauten in den polnischen Gebieten des Reiches ist die Antwort ergangen, daß anheim gestellt wird, sich mit bezüglichen Anträgen an die zuständigen Oberpräsidenten zu wenden, denen die Verfügung über den zur Förderung des Deutschtums bereitgestellten Fonds übertragen ist.

Berlin, 20. Sept. Der frühere Präsident des Oberverwaltungsgerichts Dr. Persius ist gestorben.

DieGermania" kann die Meldung, daß bei der Kölner Erzbischoswahl namentlich Bischof Dr. Schneider von Paderborn, Professor Dr. Ess e r aus Bonn und Dom-Kapitular Hespe cs in Betracht kommen, auf Grund guter Information als irrig be­zeichnen. ____________

Berlin, 21. Septbr. Die seit einiger Zeit um­laufenden- Gerüchtte, daß ein Mitglied des Centrums für den Posten des Untecstaatssekcetärs im Reichs ^mt des Innern in Aussicht genommen sei, beziehen sich, wie dec Lokal-Anzeiger erfährt, auf den Reichs­gerichtsrat Dr. Spahn.

In dec am Samstag zu Berlin abgehaltenen nahezu vollzählig besuchten Sitzung dec konservativen Fraktion gingen die Beschlüsse dahin: die konservative Partei steht nach wie vor fest auf dem Boden des aus­reichenden Schutzes der gesamten nationalen Arbeit. Daher ist 1. die Zolltarif-Vorlage der verbündeten Re­gierungen nicht annehmbar, 2. auch die Beschlüsse dec ersten Lesung dec Kommission berücksichtigen die be­rechtigten Wünsche der Landwirtschaft nicht genügend. An der Bindung aller Getreide- und Viehzölle ist un­bedingt festzuhalten, 3. falls die Forderungen dec Landwirtschaft nicht eine wesentlich weitergehende Be­

rücksichtigung finden, ist eine namhafte Herabsetzung dec Jndustciezölle notwendig.

Heilbronn, 20. Sept. Die hiesige Fleischer- innung beschloß m ihrer heutigen außerordentlichen Versammlung, von einer Erhöhung dec Wurst- und Fleischpceise vorerst Abstand zu nehmen, dagegen im Hinblick auf die hohen Viehpceise den Gemeinderat um zeitweise Aufhebung der Konsumsteuer zu ersuchen und ihn zu veranlassen, für das Oeffnen der Grenzen Stellung zu nehmen.

Ueber den Tod der Königin der Belgier wird noch berichtet, daß dieselbe um 5 Uhr nachmittags ein leichtes Unwohlsein verspürte. Dec herbeigerufene Leibarzt erklärte, dec Zustand sei sehr unbefriedigend. Die Königin legte jedoch eine große Charakterstärke an den Tag und verriet keinerlei Aufregung. Sie er­kundigte .sich vielmehr nach mehreren Tagesfragen. Plötzlich gegen halb 8 Uhr versuchte sie sich zu erheben und sagte zu der Krankenschwester, sie fühle sich sehr unwohl. Als die Schwester herbeieilen wollte, sank die Königin bereits zusammen und war sofort eine Leiche. Umgehend wurden die Mitglieder der königlichen Familie benachrichtigt, ebenso die Minister. Wie es heißt, wünschte die Königin in der letzten Zeit auf das bestimmteste, in Spa beigesetzt zu werden. Man glaubt jedoch nicht, daß diesem Wunsche entsprochen werden wird, die Beisetzung vielmehr in Brüssel in dec Königs- gcuft erfolgen dürfte.

Brüssel, 20. Sept. Dec Gemeinderat versammelte sich gestern Abend 11 Uhr und erließ einen Aufruf an die Bevölkerung, in welchem dieser dec Tod dec Königin mitgeteilt wurde. Dec Gemeinderat berief alsdann die Mitglieder des Bucenkomitees und vereinbarte mit diesen eine Vertagung des Besuches der Burengenerale in Brüssel.

Vom Zar Ein Mitarbeiter desBerl. Tagebl." hatte in Wien eine Unterredung mit dem Ehren-Leibarzt des Zaren Berthenson. Derselbe erklärte die Gerüchte, daß der Zar wegen angegriffener Gesundheit und Depression über das Ausbleiben eines Thronfolgers sich mit Rücktrittsgedanken trage, für unsinnig. Trotz seiner kleinen zarten Figur be­sitze der Zar eine außerordentliche Widerstandskraft und be­deutende Arbeits-Kapazität. Der Typhus vom Vorjahre habe keine Folge-Erscheinungen gehabt. Das Zarenpaar sei

ferner überzeugt, daß ihm noch ein Thronfolger bescheert werde. Es liege gar kein Grund vor, daran zu zweifeln. Bezüglich der Pest in Odessa sagte Dr. Berthenson, daß die Seuche infolge umfassender Vorkehrungen lokalisiert und für Europa keine Gefahr bestehe.

Zu den venezuelanische« Unruhen. Port of Spa in, 20. Sept. Präsident Castro befindet sich mit 3000 Mann auf dem Wege nach Valenzia, wo eine Schlacht geschlagen wird. General NatoS befindet sich auf dem Wege nach Carracas. Die Lage wird immer ernster. Die Lebens­mittel-Preise steigen bedeutend. DaS Schlachtvieh kann nur mit großer Mühe über die Grenze gebracht werden und Jedermann sammelt Vorräte, um für alle Eventualitäten ge- sichett zu sein.

»«» Algier meldetPetit bleu", daß dort der russische Großfürst Paul Alexandcowitsch, der vor kurzem mit dec Frau eines Ingenieurs aus Petersburg verschwand, durch einen Revolverschuß in den Kopf einen Selbstmordversuch gemacht habe. Das Motiv hierzu ist noch nicht bekannt. Man glaubt aber, daß er den Selbstmordversuch verübte, weil die betreffende Frau erklärt habe, sie wolle wieder nach Petersburg zurück­reisen.

13. Parteitag der Deutsche« BolkSpartei.

Offenburg, 20. Septbr.

Der Parteitag ist zahlreich besucht. DieFrankf. Ztg." berichtet darüber in folgender Weise: Zu Vor­sitzenden der Verhandlungen werden gewählt :Heimburger- Karlsruhe, Payer-Stuttgart und Rößler-Frankfurt, zu Schriftführern Rieth-Aschaffenburg nud Zirndorfer- Frankfurt.

Den Parteibecicht erstattet Dr. Heinrich Rößler. Ec gedenkt ehcend des zu früh gestorbenen Abgeord­neten S ä n g e r-Fcankfurt, bespricht die Wahlen in Baden, die Stuttgarter Gemeindewahlen und die Frank­furter Landtagswahlen. Die Volkspartei, sagt er, ist keine yroße Partei und krankt nicht an Größenwahn, aber sie hat doch eine wichtige Mission im Vaterlande, sie muß die Kluft zwischen der Arbeiterpartei und der bürgerlichen Linken überbrücken helfen und durch ihren Einfluß wird im Süden so mancher Fortschritt durch­gesetzt, der auch für den Norden vorbildlich wird. Der Redner schließt unter allseitigem Beifall mit dem Mahn-

7]

Entlarvt.

Roman von Moritz Lilie.

(Nachdruck verboten.)

"Schreck, Gemutserschntterung, Nervenausregung - kein Wunder! tagte er leise vor sich hin. Dann gab er der alten Wärterin genaue Verhaltungsmaßregeln und versprach, früh am folgenden Morgen wiederzukommen.

Brigitte begleitete ihn hinaus.

Sagen Sie mir, Herr Doktor, ist Gefahr vorhanden?" Nagte sie angstvoll.

Arzt wiegte das Haupt hin und her. mnÄe Gehirnentzündung ist wohl niemals unbedenklich", SSnS ""^ Ane, solche wird sich zweifellos entwickeln. tiiÄ und sorgen Sie das Krankenzimmer Mllck.^ 8raU °^ kehrte sorgenvoll in daraus ließ sie der Schloßherr rufen und hörte

KÄÄT beW » ^ nutzte ..Die Nacht verging sehr unruhig. Die Kranke laa in schwerem Fieber und phantasierte. 1116 1110 1'

Ä« frühzeitig am nächsten Morgen erschien Ernas Vater im Krankenzimmer, um nach seiner Tochter zu sehen ^hr üu- Ä K °ut>chi-den bedenklich, was auch der Arzt bestätigte' oer bald darauf emtraf. '

"Thun Sie alles, was Sie können, Doktor, die Kranke ru retten; wenden Sie Ihre ganze Kunst an, ihr das Leben zu erhalten und rechnen Sie aus meine Dankbarkeit", sagte Herr von Kaltenhof in einem Tone, dessen bittender Klang ganz un­gewohnt an ihm erschien. -

In den ersten Wochen kam der Arzt täglich zu früher Morgen- ftunde, und eine Zeit lang schien es, als wundere er sich jedes- ' Allste noch am Leben zu finden. Endlich aber zeigte sich eine Wendung zum Besseren, und als der Frühling ins gekommen, war jede Gefahr vorüber.

m S ersten Tagen des Mai saß Erna, in einen weichen Polsterstuhl gebettet, an dem weit geöffneten Fenster ihres Zimmer- und Aaute in den sich mit zartem Grün bedeckenden Park hinaus. Em ichwermütiger Ausdruck lag in diesem, auch m feiner krankhaften Blasse noch so lieblichen und anmutigen

Gesicht, ein Ausdruck von Müdigkeit und Lebensüberdruß. Schwere Seufzer hoben die Brust des Mädchens, und zwischen den Wimpern stahlen sich perlende Tropfen hervor.

Es ist aus mein Lebeusglück begraben, mag auch das Geheimnis begraben sein, daß ich verheiratet war!" flüsterte sie leise vor sich hin.Niemand soll es erfahren, keine Seele toll es ahnen, und vergessen will ich, was hinter mir liegt, ver­gessen wenn ich dies vermag!"

Wohl kannte außer dem Küster und dem Geistlichen drüben in dem bayrischen Gebirgsdorfe niemand ihr Geheimnis, und von denen hatte sie nichts zu fürchten.

VI.

Die Pflegemutter.

Wahrend sich die geschilderten Ereignisse auf dem Falken- pore sinnigen, waren die Bewohner des Schlosses Nodeck eifrigst bemüht, die Enkelin des Grafen ausfindig zu machen. Freilich verfolgten die Beteiligten dabei verschiedene Pläne und Absichten. Dem Grafen und feinem Nechtsanwalt war es um das juuge Mädchen zu thun, das in ihre Rechte eingesetzt werden sollte, Ancelot. dagegen war lediglich darauf bedacht, die Frau Naday ausfindig zu machen, um mit ihr gemeinschaftlich seine Pläne zu verfolgen, die darauf zielteu, sich selbst in den Besitz des un­geheueren Vermögens seines Gönners zu setzen. Um seine Nach­forschungen bequemer ausführen zu können, mietete er sich in Wien eine Wohnung, und allwöchentlich einmal fuhr er hinaus nach Schloß Rodeck, um dem Grafen über das Resultat seiner Bemühungen Bericht zu erstatten.

Sofort nach seiner Ankunft in Wien suchte Ancelot den ehe­maligen Reisegefährten des Sohnes des Grafen, Markhofer, auf, dessen Adresse er von Hartlvig erfahren hatte. Der junge Mann teilte Markhofer den'Zweck seines Besuches mit und fand dielen gern bereit, ihm bei dem Aufsuchen der Frau Raday zu unter­lagen.

»Ich würde mich uueudlich freuen, die Tochter meines armen Freundes Georg Reinhard, wie er sich in der Fremde nannte, wlederzuseheu", beteuerte der Mann treuherzig,und ich will Ihnen mit allem Eiser suchen helfen. Ich bin der festen Ueber­zeugung, die Ungarin wohnt hier in Wien und wahncheinlich auch in der Gegend, wo ich sie kürzlich gesehen habe.

Wir werden sehr vorsichtig zu Werke gehen wüsten, Herr Markhoser", meinte Ancelot,beim wenn die Frau merft, baß man sie verfolgt, verschwindet sie möglicherweiie aus ^Ummer- Wiedersehen."

Das Weib hat ein böses Gewissen, das beweist ihre Flucht

vor mir", sagte der Australier nachdenklich.

Frau Raday hatte zwei kleine Mädchen bei sich, als sie sich nach Europa einschiffte", warf Ancelot ein.Emmy war ohne Zweifel eins davon: aber wem gehörte das andere? war vreS ein Kind der Frau Raday?"

Nein, die Ungarin besaß keine Äinber/

Dann haben wir wenigstens nicht zu fürchten, daß sie ibre eigene Tochter an Stelle der wirklichen Erbm unterschieben wird", versetzte der naturalisierte Franzose befriedigt.

Die Frau weiß überhaupt nicht, von welch' vornehmer Ab­kunft ihr Pflegling ist", erläuterte der ebemaliae Auswanderer. Noch weniger hat sie eine Ahnung, daß dieser Anwartschaft auf ein reiches Erbe besitzt. Die Klugheit wird uns gebieten, ihr für den Fall, daß wir sie auffinden, keinerlei Mitteilung von dem wahren Sachverhalt zu machen; sie würde sonst gewiß ihre Kenntnis zu Erpressungen mißbrauchen."

Das ist auch meine Ansicht, Herr Markhofer , fiel Ancelot rasch ein. Es ist große Vorsicht nötig. Lassen Sie uns Hand in Hand gehen, bester Herr, Ihrer Umsicht und meinem Eifer wird es gewiß gelingen, die Angelegenheit einem guten Ende zuzuführen."

Er reichte dem Australier die Hand, in welcher dieser kräftig einschlüg.

Es gilt", sagte der letztere, und.es wird mich glücklich machen, meinem Freunde noch im Grabe emen Dienst zu erweisen?

Von diesem Tage an wanderten Markhofer und Ancelot allabendlich die Straße auf und ab, wo ersterer die Ungarin gesehen zu haben glaubte, aber feine Spur von der Frau war wieder aufzufindeu. Die Frau schien verschwunden zu sein.

Es war an einem unfreundlichen, regnerischen Abende, als die beiden Verbündeten wiederum ihre Wanderung antraten.

Zum Schutze gegen den Regen in ihre Mäntel gehüllt, schritten sie langsam dahin.

Plötzlich blieb Markhofer stehen.

Mit festem Griff packte er den Arm seines Begleiters.

Eine Frau besorgte in einem Viktualienladen kleine Einkäufe.

_ .Sie ist es; flüsterte der Australier seinem Begleiter zu, .eS ist die Raday.

Mit weit abgerissenen Augen starrte Ancelot auf das Weib.

Diese Frau, das glaubte er aus dem roden Gesichtèauèdrucke schließen zu müssen, war zu allem kahig.