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Nr. 167,___
Abo»«eme«tspreis: in Gießen, abgeholt monatlich 50 Pfg., in's HauS gebracht 60 Pfg., durch die Poft bezogen bieileh jährlich Mk. 150
Gratisbeilage« : Qberhesfifche Familie«zeitu«g (täglich) Oberhesfische Zeitfchrift für La«dwirtschaft, Obst-u«d Gartenbau, sowie die Gteße»er Leife«blafe« wöchentlich).
DaS Blatt erscheint an alle« Werktagen nachmittags.
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Usuelle Nachrichten
(chietzener Hagevtatt)
für LberheNen und die Kreifc Marburg und Wetzlar; Lokalan,eiger für Gießen III Id Umgebung
Dnick und Verlag der Gießener Verlagsdruckerfi, vorm. Wilh. Keller'sche Buchdruckerei, (gegr. 1783); für die Redaktion verantwortlich: Albin.Kletn, Gießen
Politische Nachrichten
— Der Kaiser ist gestern Abend an Bord der „Hohenzollern" von Molde in Drontheim eingetroffen. In Molde hatte der Kaiser schlechter Wetter, sodaß keine Partiecn unternommen werden konnten.
Das Regentschaftsgesetz im Groß- Herzogtum Hessen
ist gestern im Regierungsblatt veröffentltchlicht worden; es lautet: „Wir Ernst Ludwig :c. haben auf Grund des Artikels 5 des Gesetzes über die Regentschaft vom 26. März 1902 mit Zustimmung unserer getreuen Stände verordnet: Artikel 1. Da der zur Zeit unserem
"gle -r. „An Leuh lt Lehrer, er bleibt Met stets an \tb lche SdjuttAr« a
©lunui' UCLULUllCl . ^HUCI A. */u vvv QUV <;vu m.»|vw..* KMfim uh. u Throne am nächsten stehende Agnat des Gesamthauses -m ' Hessen dauernd verhindert ist, die Regierung des Groß- Herzogtums persönlich zu führen, so findet, im Falle sie auf ihn übergehen sollte, eine Regentschaft statt." Damit ist die eventuelle Thronfolge des Landgrafen Alexander Friedrich von Hessen und seiner Agnaten festgestellt.
— Podbielrki'r Rede, welche der Minister in Stolp am 24. Juni gehalten haben soll, ist erfunden. Gefallen sei thatsächlich nur daS Wort von den „vierspännigen Wagen, die mit 30 Centnern spazieren
i“ Professor Scan i Harvard, da- zw ^m in Amerika lieber deS Lehrerbmi nen."
amtlichem AMch^ Cholera vorgekom» ewyork Journal ml inzent kürzlich eineN!
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fahren." iH—IKönig Georg von Sachsen ist vom Kaiser von seiner Stellung als General-Inspecteur der 2. Armee- Inspection enthoben worden.
— D er Besuch des Königs von Italien in Berlin findet zwischen dem 25. und 28. August statt. Der Minister bei Aeußern Prinetti wird den König abermals begleiten. Bei dieser Gelegenheit wird in dem Kieler Hafen daS Schulschiff Amerigo VeLpucci entsandt, wahrscheinlich auch^das Panzerschiff Liguria unter dem Beseht bei Herzogs der Abruzzen.
— Große Soldaten Unfälle und Strapazen werden aus dem Truppenlager in der Senne bei Paderborns erzählt, denen stch das dort zusammen- aezogene, theil weise aus Landwehrleuten bestehende Reserveregiment Nr. 55 unterzogen hat Der „Vieles. Generalanzeiger" berichtet darüber: „Das Neserveregiment hatte überaus große Strapazen zu ertragen. Am 10. Juli ereignete sich ein Todesfall. Bei einem dreistündigen Marsche bis in die Nähe von ßipp* stadt^i fielâplötzlich?ein Mann um, den es nicht gelang, am Leben zu erhallen. Am anderen Tage meldeten sich mehrere^hundert Leute. Rund 200 waren am gleichen Tage schlapp geworden. Der Dienst erstrebte stch von Nachts 1 Uhr (Wecken; 2^2 Uhr Abmarsch) bis Mittags
In eigener Sache Richters
Roman von L. Haidheim.
(Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.)
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flDustAsllAn PA ;, L _ o f , ,^ b ^^^E i hat eine »Uleeaütance im Sinne des Familienstatuts geschlossen, gegen ausdrückliches Berbot des Faniilienhauptes —.
„Vorwärts, alles das gilt nicht, darf nicht gelten l' keuchte er atemlos vor Aiistreugung.
>,nr ik^?^â^ '7?üsem Augenblick still und menschenleer ^J’™i b?® Kabriolett des Doktors entdeckte sein uuiherirreiider ^henn^Ä0”"1 m E Ecke des Hofes, dort gab es in einem melAen Änt^n11 1^ "dellte Fenster zu ebener Erde, hinter ” mar ^"‘^’* F^9^”' schwarzgekleidete Frauen.
in d-n Hals'hi„ܰ" '°" Das Herz schlug Graf Joseph bis
Sollte er dort eintreten und fragen?
klar zu denkm »eS, “er’kÄÄlerÄer" Anast Sr schritt über den Hof, i° lauilI «tonnte ®Ä Ä »on mäßiger Grohe verdiente den Namen kaum, im Baroâ -rbaut. Einzelne Fcnlter mi Hochparterre und m Oberstock waren erleuchtet, die Hausthur, zu welcher eine Freitreppe führte nand osten, im Flur hing von der Decke eine Lampe Alles einfach und schmucklos.
Als er.die oberste Treppenstufe betrat, konnte er den ganzen Jiaum überleben; im Hintergründe führte eine breite Treppe w oben, eine andere in das Souterrain und auf dieser letzteren J®.jenen eben zwei Personen, ein Diener, welcher auf einem Tablett schusseln quer über den Flur in ein Zimmer zur Linken trug Mb eine Nonne mit einer kupfernen Wärmflasche: die Stufen irrten unter ihrem lautlosen Schritt, als sie in den Oberstock hiiiaurfheg.
. .. Graf Josephs Nerven mußten wohl sehr erregt sein, daß r die» leise Geräusch peinlich empfand und zugleich mit Genug- Mung in dem Zimmer zur Linken Stimmen durcheinander brechen horte.
lebt noch! Die dort essen zu Abend, sie werden mich stören 1 rubelte er fast.
.In* unter feinem Schritt knarrten die Stufen, aber er darüber weg, drei aus einmal nehniend.
.„; .;„ n lâstoß die Krankenschwester eine Thür, die dort oben lnuee an d« Wand"-chä "°" '"""^'^ den auch hier eine
Dienstag, den 22. Juli 1902.
Gießener
Unabhängige Tageszeitung
tchietzener Zeitung»
12 Uhr mit vollem Gepäck. Wobl war vom Generalkommando für die Zeit von Mittags 12 Uhr bis 3 Uhr Bettruhe befohlen, die aber durch die Einnahme des Mittagessens und das Reinigen dec Ausrüstungsgegenstände wesentlich gekürzt wurde. Bon B1^ bis 6 Uhr war wieder Dienst angesetzt. Am 14. Juli fand die Besichtigung durch den General der Kavallerie von Bissing statt. Von 2^2 Uhr Morgens bis gegen 11 Uhr Mittags wurde mit V/2 Stunden Pause marschirt. Nachdem nun einzelne Kompagnien bis Abends 7 Uhr im heißen Sande und glühender Sonne gelegen hatten, wurden sie ins Gefecht mit scharfen Patronen geführt, von wo die letzte Kompagnie gegen 8V2 Uhr wieder im Lager eintraf. Der Rückmarsch der Kompagnie hätte viel früher erfolgen können, wenn das Scharfsckießen nicht um P/i Stunde hinausgeschoben werden mußte, da das Gelände von schlappgewordenen Leuten übersät war. Auch Paderborner Blätter bringen ähnliche Meldungen. Rach der Bielefelder „Wests. Ztg." sind mit den Truppen Versuche zur Feststellung der Leistungsfähigkeit und Ausdauer bei größeren Marschübungen gemacht worden.
— „Beinahe Sailitätsrat," unter dieser Spitzmarke berichtet ein älterer Berliner Arzt in der „Med. Ref." über eine Vernehmung auf dem Polizeibureau in scherzhafter Form; die Sache hat aber eine sehr ernsthafte Seite, auf die es auch dem Arzt in seinem Bericht angekommen ist. Ec war zur Ernennung zum Sanitätsrat vorgeschlagen und wurde „in einer persönlichen Angelegenheit" auf die Polizei geladen :
„Ich werde, so berichtet er, „vor den Herrn Polizeileutnant geführt. Der nimmt Feder, Tinte und einen Bogen Papier und dann geht das Verhör los. Sie heißen also so und so — usw. Zu welcher politischen Partei zählen Sie sich oder welche politische Richtung verfolgen Sie?" Ich will gerade auf den Rücken fallen, denn so was ist mir denn doch noch nicht postiert, da kommt aber schon der Herr Leutnant mir mit den Worten zu Hilfe: Ich will Ihnen offen sagen, es handelt sich um die Verleih u n g des Sanitätsratstitels, und da man obige Frage von mir beantwortet haben will, hielt ich es für besser, Sie selbst direkt als Andere darüber zu fragen. Das leuchtete mir allerdings ein, denn welches Gerede wäre möglicherweise entstanden, wenn die Polizei nach meiner politischen Stellung andere Leute befragt hätte? Etwas verwundert war ich nur, daß die Polizei erst zu fragen brauchte. Ich beantwortete also die Frage
Eine Minute zögerte er noch, bann öffnete er die Thür. Das Gemach, in das er trat, war nidu beleuchtet, aber aus dem sehr großen Nebenzinuner nel ein breiter Viduureifen über den Teppich. Lautlos durchschritt er es und blieb in dein Rahmen der Thür stehen, nur Sekunden, um sich zil orientieren. Ein hohes altnlodisches Gardiueubett, altmodische Möbel. Aber der alte kranke Diann mit dem eingefallenen blauen Gesicht und den unnatürlich klaren Augen hatte ihn schon bemerkt: er griff hastig nach der Schulter der Pflegerin, welche ihui, den Rücken nach der Thür gewendet, die Wärmflasche an die erkaltenden Füße brachte.
„Wer ist da? Wer ist der fremde Mensch?" fragte er mit lauter, klarer Stimme, keuchender Brust. Sie wandte sich zu ihm, dann seinem Blick folgend zur Thür.
Der Fremde, den sie erstaunt anblickte, trat vor und kniete sofort am Bette nieder, nach des Alten knöcherner Hand fassend, die dieser schnell zurückzog.
„Wer sind Sie? Was fällt dem Manne ein?" schalt er, sich erzürnend und nach Atem ringend.
„Großvater! Ich bin Joseph, Deiites Sohnes Franz einziger Sohn. Schicke mich nicht fort, ich gehöre zu Dir, ich Dein Enkel!" bat er mit erregter, aber doch sanfter Stimme.
„Mein Enkel? Ei sieh!" lächelte der Alte höhnisch.
„Wer hat Dich denn gerufen? Ich doch nicht!"
„Schlimm genug, Großvater! Du hast mich aufwachsen lassen wie —" „ ,
„Schau! schau! Vorwürfe! Wie einen Wildling, wolltest Du wohl sagen? Der bist Du hier auch gewesen und bleibst es; ich hatte keinen Sohn mehr, als er —" _ _
„Sprich nicht aus, sie war meine Mutter! Wenn Du Grund hattest zu grollen, ich war doch unschuldig daran! Wie das Unkraut auf dem Felde hast Du mich aufwachsen lassen!
„Und jetzt kommst Du, weil Du Geld willst, ich will darauf wetten!" erregte sich der alte Mann und griff mit seinen krallen- artigen Händen auf feine Brust, fühlte in die Tasche seiner weiß- flanellenen Bettjacke und knöpfte sie mit zitternden Ringern und mit einer Miene zu, als wolle er sagen: „Gottlob, da sitzt mein Geld sicher und ich gebe keinen Pfennig."
, p Die Schw schlich hinaus in das Vorzimmer. Und fester drückte ber seine Hand auf die Brusttasche.
Graf Joseph iaM es mit Verzweiflung, sich auch, daß sich die Form einer Brieftasche deutlich durch den feinen weißen Stoff abâei^ort' hatte er Geld, der Alte - o, wenn er chm doch -
____11? Jahrgang.
IusertiovSvretS : Die einspaltige Petttzeile für Gießen wie ganz Oberbeflen. die Kreise Wetzlar und Marburg 10 Pfg. sonst 16 Pfg.; Reklame« die Petitzeile 30 resp. 40 Pfg.
Postzeitungsliste No. 3032.
Redaktion und Expedition: Gießen, Neuenweg 28 Ferusprecha«schl«ß Nr. .36)6.
und damit war das Verhör zu Ende." Aus der Ernennung wurde nichts. Sollte sich dieser Fall bewahrheiten, dann kann man ja im Abgeordneten- Hause und im Reichstag nächstens was hören.
Graz, 21. Juli. Wie das „Grazer Tageblatt" aus zuverlässiger Quelle meldet, tourte sämtlichen Offi. Zieren der hiesigen Garnison von maßgebender Seite nahe gelegt, dem in dieser Woche stattfindenden Sänger-Bundesfest fern zu bleiben. Sollte sich d^.se Meldung bestätigen, so wird sie hier in Sängerkreisen großes Befremden hervorgerufen. Was haben unsere lieben Sangesbrüder denn verbrochen oder fürchtet man sie etwa.
— Wir hab n bereit- gemeldet, daß Universität S- Professor Vetter seine Demission zurückgenommen. Es geschah die- durch folgende an die Berner Regierung gerich- tete Zuschrift:
„Nachdem der hohe Regierung-rat meine Voraussetzung, er werde gegen mich und meine Nürnberger Rede in ähnlicher Weise wie der Hochschulsenat St ellung mhmen, al- irrtümlich bezeichnet hat; nachdem eS mi* ferner bisher nicht gelungen ist, ander-wo eine Anstellung zu erhalten; nachdem mir endlich von Kollegen und Schülern, sowie vom Ausland her zahlreiche Bezeugungen der Schätzung und ^ Einverständnisse- zugekommen sind, betrachte ich eS als meine Pflicht gegen mich, gegen die Behörden, gegen meine Freunde und gegen meine Feinde, unter jetzigen Umstand en vorerst nicht wegzugehen und damit weitere unfreundliche Urteile bei Auslandes herauszufordern. Ich mache also von der mir rücksichtsvoll eröffneten Möglichkeit Gebrauch und ziehe mein Entlassungsgesuch vom 2 Juli zurück, in der Hoffnung, daß die gegenwärtig sich anbahnende ruhigere Beurteilung bei Geschehenen mir gestatten werde, aus die Dauer und mit Erfolg zu der feit_26 Jahren hier geübten Lehrthätigkeit zurückzukehren."
— Die Beziehungen zwischen England und Jtalie'n^'werden in parlamentarischen Kreisen andauernd ern st genommen. Im Unterhause soll deshalb eine Interpellation eingebrackt werden, in welcher die Regierung aufgefordert wird, eine klare Auskunft darüber zu erteilen, ob ein geheimer ßegen England gerichteter Bund mit russischer Unterstützung auf dem Festlande besteht.
Große Manöver auf der Balkanhalbinsel.
— Ein Kulturkampf ist seit einigen Wochen in F r a n k r'esi^ch bekanntlich entbrannt; die Regierung die unter der Aufsicht will, daß^der römisch-katholischen
„Ja, Großvater! darum komme ich. Ich bin ein Bettler, niemand hat mich sparen gelehrt, kein Vater, noch Bruder muD erwaen: ich kann nichts Nützliches, ich bin arm, Dein Enkel kann bad) nicht betteln gehen! Behalte mich hier, gieb mir zu leben, lasse mich arbeiten —" ...
„Und zuerst bezahle meine Schulden! schrie noch höhnischer der Alte: auch nicht der leiseste Hauch von Herzenswarme lag seiner Stimme.
„Ja, Schulden habe ich auch —.
„Lu Narr, meinst Tn, daß lch mein Lebelang gespart hätte und meine Güter verbessert, für Demer Mutter Sohn? * Ein krächzender Husten kam.
„Großvater! schweig, oder ich morde Dich!
Mit oeiden Händen hatte Graf Joseph des Allen Schuller umkrallt, in seiner rasenden wilden Witt.
„Hülfe! Hulse!" ächzte der im Todesschrecken, der feiner Stimme jeden Klang nahm. ,
Aber schon war Gras Joseph zur Besinnung gekommen und hatte losgelaü>n bemütta und jetzt ehrlich bereuend des Murn Hand ergreifen- . ^Ne Lippen führend. Er verstand nicht, daß ein Erstickungsau, »u eingetreten war. Da, sah er plotzUch .vie des Kranken Augen sich verdrehten, wie ein krampfhaftes ihnaen na^ ^^ rief er in furchtbarem Schrecken
^Die Barmherzige stürzte herbei, ihr Brevier noch in der
$ai%m Blick auf den Sterbenden genügte ihr
Sie riß an einer Klingel, die gellend durch»das ganze Hau- tönte, dann flog sie auf die andere <-ette des Bettes und nahm den Röchelnden, der bewußtlos in seines Enkels Armen lag, um 'b" ^reP^ stürzten die Treppe herauf in das Krankenzimmer, .der Arzt, der Notar und ein dunkler, breitschultriger, fehl gHas jst Schwester? Großvater? Großvater, was ist Dir?" rief dieser letztere, indes der Arzt dem Notar zuflusterte: „Es ist zu spät!"
Graf Joseph hörte, sah alles in einer an Wahnsinn streifenden Vet-zweiflung.
Daß er selber den alten Mann getötet, von dem allein ihm Hulse kommen konnte, war ihm nicht klar. Niemand fragte ihl wer er sei.