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Nr. 245.

Dienstag, den 21. Oktober 1902

11. Jahrgang

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Postzeitungsliste No. 3082.

Redaktion und Expedition: Gießen Neuenweg 28. AernsprechaMfchlnß Nr. 868.

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(Gießener Tageblatt) Anaöhängige Tageszeitung (Hießener Zeitung)

sür Oberhessen unb die Kreise Marburg und Wetzlar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung.

Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großherzoglichen Bürgermeisterei Gießen._______________________

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Die Kehrseite.

Epilog zum Besuch der Burengenerale.

CB Das deutsche Volk hat den Burengeneraten bei ihrem Besuch in der Reichshauptstadt eine Sympathie und Herzlichkeit entgegengebracht, wie man sie selten erlebt jM Wie wenn es unsere eigenen Helden seien, so wur­den die tapferen Generale ausgenommen und begrüßt; den Kundgebungen der Redner standen auch die metalle­nen Kundgebungen der Beitragsspender nicht nach. Fast eine halbe Million wurde den Buren übergeben, obgleich sie jetzt englische Untertanen sind und obgleich die ge­währten Spenden sonach in einem gewissen Grade den Engländern zu Gute kommen müssen. Aber wahre mensch­liche Größe, namentlich, wenn sie sich als eine sittliche Stärke in der Erduldung unverschuldeten Unglücks zeigt, ist in Deutschland stets verstanden und stets geehrt worden. Man hat den Buren nachgesagt, sie seien keine Diplo­maten. Das, was man einen zunftgerechten Diplomaten , nennt, sind sie allerdings nicht. Aber sie verfügen über diplomatische Fähigkeiten und Instinkte; das haben sie bei ihren Reden und in ihrem Tun bewiesen. Sie unter­ließen jede Anspielung auf die mißlungene Audienz; aber Dewet hatte den Schalk im Nacken, als er derweltberühm­ten Berliner Polizei" für ihre treffliche Aufrechterhaltung der Ordnung seinen Dank aussprach. Von großer diplo­matischer Ueberlegung zeugte auch ihr Besuch im Reichs­tag, dem eigentlichen Hause des Volkes. Sie wollten da­mit bezeugen, daß sie bei dem deutschen Volke zu Gaste seien. Ebenso war gewiß eine Absicht damit verbunden, daß sie an dem Nationaldentmal Kaiser Wilhelms keinen Kranz niederlegten. Die Schleifen seien nicht rechtzeitig fertig geworden, hieß es. Das wäre aber neu in der Reichs- Hauptstadt, daß eine in wenigen Stunden zu erledigende Sache eine Tage lange Vorherbestellung bedingte. Die Generale wollten damit bekunden, daß sie das sein wollten, was sie für die Behörden laut amtlicher Verfügung sein sollten: Privatpersonen. In allen seinen Reden hat Ge­neral Dewet seine deutsche Abstammung betont, wie auH Delarey seine Stammesverwandtschaft mit den Fran­zosen als Hugenottensprößling hervorhob. Beiläufig be­merkt, ist Dewet auch ein deutscher Name und heißtder Weiße", wie beispielsweise der berühmte Schauspieler Devrient mit dem französischen Sprachidiom nichts gemein hat; er ist nach niederländischer Weise geschrieben worden und heißtder Freund". Dewet ist* in der Tat deutsch, und wird auch, da er eine deutsche Mutter gehabt hat, aus warmem Herzen gesprochen haben, als er deutsche Treue und deutsche Tapferkeit feierte.Wenn wir tapfer waren," so rief er unter dem Beifall der Menge am Freitag Abend in der Philharmonie aus,so verdanken wir dies Ihrem Stamme." Ein schönes Wort, das nicht 'so leicht ver­klingen wird. Aber nicht immer haben die Buren so über die deutschen aedacht. Selbst der Kommandant Banks

8]

Dr. Rumseys Patient.

Roman von Dr. Halifax und T. L. Meade. Autorisierte Bearbeitung von C. Weßner.

(Nachdruck verboten.)

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Sie vergessen, daß die Ebene unendlich groß ist", antwortete Andrey. ,,5061111 ich aber geahnt hätte" er stockte und biß sich auf die Lippen.

»Beachten Sie meine Thorheit nicht", entgegnete sie lächelnd, tnoein sie heiter auszusehen versuchte,ein Unglück irgend welcher Art, und sei es noch so gering, bedrückt mich stets in gewissem âane. Ich kann nicht dafür, ich bin von Natur äugstlich ver- Es wäre aber thöricht von uns, wenn wir die Ebene Eliten, weil hier der unglückliche junge Mann eines unnatürlichen Lodes starb noch dazu soweit von hier entfernt" es Oschatz sehr weit von hier", bestätigte der Baron. »Der Arme thut mir unendlich leid."

-in bod) Platz, Herr Baron", lud Margarete ihn ein,und erzählen Sie mir von ihm."

^i^riin S Men will ich liegen mit tausend Freuden! wo^n das schaurige Thema noch länger erörtern?"

n Äm(e Gedanken davon losreißen soll, muß ich noch getrost^ a8 c" also, Sie hätten ihn gestern abend Ja", Lab Andrey zögernd zu.

»löÄ Endend?" ^"d »u seltnen, weèljalb et ein so Teilweise nur*

»Bitte nennen Sie ihn mir."

wMl!? Wenigen Worten erzähle». Sie feinten Armitage?-^* 9 '**' ^ ^EBur weihen Taube", Hetty r»..^!^wib kenne ich sie. Ich versuchte, sie in meine Sonnlaaè- schtile zu bekommen, sie wollte jedoch nicht." " benfsidTem ein merkwürdiges Geschöpf", warf Audrey nach-

^T schönes Mädchen ist sie", fügte Fräulein von Schonburg hinzu.

Und eben diese ihre Schönheit hat dem unglücklichen Franzins den Kops verdreht! Ich traf ihn und Hetty gestern am Bache, oder vielmehr sie gingen an mir vorbei. Er wolk^ Hetty küssen.

Olaubte, er nähme sich eine Dreistigkeit ihr gegenüber heraus, wett sie sich ab wehrend gebärdete und auffchrie, und trat zwischen beche. Daraus erklärte mir Franzius, Hetty w«, setue Braut,

gestand im vorigen Jahre, als die Berliner Studenten- schast ihre Kundgebung gegen den englischen Kolonial­sekretär Chamberlain veranstaltete, daß die Buren im An­fänge nicht besonders freundlich gegen alle Ausländer ge­sinnt waren.Schiet, loop", schieße und laufe, das heißt marschiere ab, das mären ihre Worte, wenn deutsche Offi­ziere sich zum Waffendienst meldeten und als dienendes Glied mußten sie sich trotz ihrer reicheren Erfahrungen in der Kriegstechnik dem Ganzen anschließen, wenn sie für die gerechte Sache der Buren Knochen und Leben einsetzten. In dem mißfälligen Verhalten gegen die Deutschen lag ein Stück ihres Schicksals. Ein deutscher Mitkämpfer, der eine hervorragende Stellung im Operationsheere der Bu­ren einnahm, hat dem Verfasser dieser Ausführungen aus­drücklich versichert, daß Joubert und Cronje mit ihrem Mißtrauen und ihrer Parteilichkeit gegen die Deutschen verderblich wirkten. Das deutsche Korps unter Oberst Schiel wurde bei Elendslaagte geradezu als Kanonen­futter benützt. Dazu kam, daß die Disciplin sehr viel zu wünschen übrig ließ; die Feldkornets und sonstigen Offi­ziere erhielten hohe Gehälter und hingen darum an ihren Aemtern. Da sie aber gewählt wurden, so litt die Dis­ciplin in einer für die Kriegserfolge entscheidenden Weise Darunter. Das Unglück hat sie geläutert und hat Führer an die Spitze des Heeres gestellt, die nicht um des Soldes willen, sondern für die Freiheit des Vaterlandes ihr Le­ben einsetzten. Als der Idealismus allein sie beseelte, Da erst waren die Buren den Deutschen gleich, die nur um Der idealen Sache der Gerechtigkeit willen den Buren ihre Faust und ihren Degen zur Verfügung stellten. Nun hieß »s nicht mehrschiet, loop", wie im Anfang des Krieges. Die Tapfersten und die Besten von ihnen haben wir unter uns gesehen und trotz allem, was dazwischen liegt, kön­nen mir sagen, daß dre freundlichen Kundgebungen in Berlin aus warmem Herzen kamen.

* * *

Ueber die weiteren Veranstaltungen zu Ehren der Bu- cen und ihren Abschied wird uns aus Berlin geschrieben: Am Freitag Abend fand in der Philharmonie eine öffent­liche Volksversammlung statt, die durch die unter Orgel­klang vorgetragenen Liederspenden des Männergesang-Ver- rins eine besondere Weihe erhielt. Sämtliche Buren-Ge­nerale ergriffen das Wort und schilderten ihre Leiden und ihre Dankbarkeit für die warmherzige Teilnahme und die Gaben des deutschen Volkes. Am Sonnabend fand imKaiserhof" eine Festveranstaltung des Alldeutschen Verbandes unter dem Vorsitze des Professors Dr. Hasse statt. Das HotelPrinz Albrecht" war bis zur Abreise Der Generale förmlich belagert. Eine vieltausendköpfige Menge gab den Generalen auf der Fahrt zum Bahnhöfe unter brausenden Hochrufen das Geleite, und als der Zug vorüberfuhr, ertönte aus vielen Kehlen ein über das andere Mal ein herzlichesLebet wohl, lebet wohl!"

was diese energisch in Abrede stellte. Ich begleitete Hetty nach Hanse, sie war sehr still und niedergeschlagen. An der Thür des Gasthofes stand ein anderer hübscher, junger Mann. Als ich ihn erblickte, flog mir der Gedanke durch deu Sinn, daß vielleicht auch u ein Bewerber Hettys und am Ende der bevorzugte sei. Das M'dcheu ging ins Haus, ich trat den Heimweg an. Unterwegs naf ich Franzius abermals. Er suchte Streit mit mir, welcheu ich natürlich im Keim erstickte. Dabei wiederholte er abermals, er habe die ehrlichsten Ansichten auf Hetty unb werde sie heiraten. Als ich ihm vorhielt, daß sie jede Beziehung zu ihm abgeleugnet hätte, sagte er, er wolle sofort zu ihr gehen und mit ihr sprechen. Wir trennten uns, und ich ging nach Hause."

Andrey hielt eine Weile inne, dann fuhr er fort:

Das erste, wovou ich heute früh hörte, war der Mord. Dttiu Vater als Maagistratspersou, hatte die Geschichte natürlich zu ungewöhnlich früher Stunde erfahren. Der arme Everett, auf welchen der Verdacht der Thäterschaft fiel, wurde verhaftet inib soll morgen vernommen werden. So, das ist alles, was ich weiß. Sie sehen jetzt noch viel bleicher aus als zuvor, guädiges Kraulern. Nuu halten Sie auch Ihr Versprechen und vergessen Sie die unglückliche Geschichte möglichst schnell."

Margarete hielt die Augen zu Boden gesenkt; als sie fie zu Andrey aufschlng, schimmerten sie feucht von Thränen.

Ich glaube doch, ich kann es nicht vergessen", flüsterte sie. Dieser arme junge Mann ein so entsetzlicher Tod - und der andere, der bedauernswerte Everett! Wenn er die That wirklich beging, dann hat er sie zweifellos in unzurechnungsfähigem Zu­stande, im Wahnsinn vollbracht."

Sie haben recht, das ist auch meine Meinung", stimmte der Baroii bei. .,.

Man kann ihn doch nicht als Mörder verurteilen, nicht wahr?"

Meiil Vater glaubt, man könne höchstens das VerdiktTot­schlag" fällen." , .

Andreu blickte besorgt in das schöne, bleiche Gesicht: Mar­garetes leibendes Aussehen und ihre sichtbare ErgriNenheit weckten Gefühle in seiner Brust, die zu beherrschen er kaum imstande war.

»Es thut mir so unsagbar leid, daß Sie um die ssb"^'^f Lache .wisseu", ftainiiielte er erregt.Sie sind so garnicht dazu geschaffen, die rauben Seiten des Lebeus zu ertragen.

Welche Thorheit!" widersprach liessest, sah "Welches Recht hätte ich, die schönen Selten de-- Dasems Hin- zunehmen und die rauben von, mir zu wei nen? Hoffen feige bin ich nichts Wissen Sie, was ich mochte. Am Heulten ginge ich zu Herrti Everett und sagte ihm, daß er mir unendlich

Deutscher Reichstag.

^ ZolltarifberatunA

CB. Berlin, 18. Oktober.

Heute, am Tage der Völkerschlacht bei Leipzig, war die Parlamentstribüne und auch der Sitzungssaal nur rnäßig besetzt. Auf der Bundesratsestrade hatten sich

einige neue Gesichter eingefunden. Mit dem Reichskan^ ler erschienen nämlich der württenibergische Minister des Innern Dr. v. P i s ch e k und der badische Finanz- minister Dr. Buchenberger, der später auch im Laufe der Verhandlungen das Wort ergriff. Als erster Red-

bcr Verhandlungen das Wort ergriff. Als erster Red- ner trat der Abg. Dr. Pach nicke vvn der freisinnigen Vereinigung aus, der, um der langen Rede kurzen Sinn an zu geben, die deutsche Regiernng für die schutzzöllnerr- 'che Stimmung, die in allen Staaten herrscht, verant- wörtlich machen möchte. Der Präsident d,es Bundes der Landwirte Freiherr v. Wangenheim aber war der gegenteiligen Ansicht, daß die Reichsregierung eigent, uch noch nicht genug an Schutzzöllen geboten habe. Die­sem Vorkämpfer der Bauernschaft aber stellte der ba- dische Finanzminister Dr. Buchenberger die braven badischen Bauern gegenüber, die ihm gesagt hätten, Herr Minister, wir nehmen, was wir kriegen können." Dieses dem sonstigen professoralen Tone Buchenbergers eigentlich nicht recht angepaßte Wort löste die Spannung der Gemüter durch einen fröhlicheil Ausbruch der Heiter- keit. Nach Dr. Buchenberger trat der sozialdemokratische Dauerredner Stadthagen, keuchend unter einer Laß von Zeitungen und Akten, auf die Tribüne. Seine we­sentlichen Behauptungen in seiner dreistündigen Rein gingen dahin, die Mindestzölle seien verfassungswidrig, weil sie das im Paragr. 11 vorgesehene Recht des Rer- ches zu Vertragsabschlüssen beseitigten, und die hohen Zölle würden sich in einer zunehmenden Kindersterblich­keit äußern. Fluchtartig verließen die wenigen Abge­ordneten den Saal, da sie den langatmigen Ausfüh­rungen desHausleerers" ohne eine Nervenanspannung nicht folgen konnten. Dieser zog sich übrigens im Laufe seiner Rede den üblichen Orgnungsruf zu, weil er die Forderungen der Rechten und des Centrums die Tak­tik von Räubern nannte. Erst gegen 6 Uhr erfolgte der Schluß der Sitzung; am Montag: Fortsetzung.

Oie Politik

Der Kaiser in Fehrbellin.

Am Sonnabend wurde auf dem Kanonenberge bei Fehrbellin, wo sich die Vasallen;reue in der Aufopferung Frobens für seinen Herrn der Sage zufolge betätigt ha­ben soll, das vom Kaiser gestiftete Denkmal des Großen Kurfürsten feierlich enthüllt. Der Monarch heckte sich

zu gut für Diele Welt!"

[, lassen Sie mich weinens Die

leid thut! Ich möchte ihn bitten, mir alles, alles von Beginn an, und zwar von seinem Standpunkt aus, zu erzählen. Ich möchte ihm helfen, ihn von diesem gräßlichen Verdacht zu reinigen. Und dann Blumen möchte ich streuen über den armen Toten! O mein Gott, ich ertrage es nicht! Warum ist die Welt so voller Schmerz und Traurigkeit!"

Margarete brach in bitterliches Wemen aus.

Margarete, o Margaretes flehte^ Audrey tief erschüttert, Sie sind ein Engel! Sie sind zu gut sur. diese, Welt.!

Wie thöricht! Nein, nein, lassen Sie mich meinen! Die Thränen erleichtern mein Gemüt."

Sie trocknete ihre Angen und erhob sich hastig.

Ich höre meinen Namen die Kiiwer rufen," sagte sie. Aber jetzt ist es mir unmöglich, irgend jemand zu sehen. Wohin aeben wir?"

Hier hinein ins Unterholz," versetzte Audrey schnell,ich weiß einen Weg, den niemand kennt."

Er reichte ihr bie Hand und bog die Zweige der Baume auseinander. Bald befanden sie sich in einer stillen, kleinen Welt sanften, grünen Zwielichts. Der Weg war sehr schmal. Andrey ging voraus, Margarete folgte ihm. Nach etwa einer Viertel­stunde wurde der Wald lichter, eine kleine, entzückende Anhöhe wurde sichtbar, die dem jungen Mädchen völlig unbekannt war.

Ach, wie schöli, wie entzückend schön ist es hier! rief sie

bewundernd aus.

Es macht mich glücklich, daß es Ihnen hier gefällt!" en^ gegnete Audrey.Ich habe diesen Pfad zu oer Anhöhe hier erst vor acht Zagen entdeckt und feiner Menschenseele etwas davon gesagt."

Während der Baron die letzten Worte sprach, mischte sich ein leises Stöhnen in dieselben, und gleichzeitig führte er die Hand 011 ^FâJhnen etwas?" fragte das iunge Mädchen ängstlich.

Nein, ich habe mich im ganzen Leben nie so wohl gefühlt, wie jetzt."

Sie sehen bleich ans, Sie sind plötzlich ganz anders"

Sagen Sie das nicht!" unterbrach er sie ungestüm, während durch seine Stimme eine geheime Augst klang.

Margarete sah ihn tiefernst an.

Sie sind ganz verändert", wiederholte sie bestimmt Ihren Angen liegt ein so seltsamer Ausdruck."

Mir fehlt aber wirklich nichts", versicherte er rasch,nur - nur

Wasnur"? Sprechen Sie doch!" bat fir.