Nr. 193. Erstes Blatt.
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Hkeuelle Nachrichten
(Gießener Tageblatt)
für Oberüessen und die Kreise Marburg und Wetzlar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung
Druck und Verlag der Gießener Verlagsdruckerei, vorm. Wilh. Keller'sche Buchdruckerei, (gegr. 1783); für die Redaktion verantwortlich: Al bi n Kl ein, G i e ßen
Enthüllung des Kaiser Friedrich-Denkmals
in Grönberg.
Grönberg, 20. August. Heute fand hier die feierliche Enthüllung des vom Bildhauer Uphues in Berlin modellierten Kaiser Friedrich-Denkmals statt. Das 80. Infanterie-Regiment von Gersdorff hatte auf dem weiten Wiesenplan, auf welchem das Denkmal feinen Platz hat, Aufstellung genommen. Alle Zugangsstraßen Ivaren für das Publikum abgesperrt. Nur Geladene und Ehrengäste, für welche Tribünen errichtet waren, konnten passieren. Um 103/< Uhr — eine Viertelstunde vor der angcsetztcn Zeit — traf bereits das Kaiser- paar ein. Mit demselben waren erschienen: Dec Kronprinz, der Großherzog und die Groß - Herzogin von Baden, der Kronprinz und die Kronprinzessin vonGriechenland, dec Prinz und die Prinzessin Adolf von Schaumburg- Lippe, derPrinz und die Pcin zessin Fried rich Karl von Hef sen und die Erbprinzessin von Sachsen- Meiningen. Ferner bemerkte man neben den Spitzen dec staatlichen und städtischen Behörden noch den Herzog von Cambridge und auch den englischen Botschafter am Berliner Hose, Sir Frank Lascelles. Gleich nachder Ankunft des Kaiserpaares, welche durch Böllerschüsse und Trompeten-Fanfaren angekündigt wurde, schritt der Kaiser die Front der Ehren-Kompagnie ab. Sodann überreichte Frau Landrat Dr. von Meister der Kaiserin ein Bouquet, während Fräulein Kannengießer aus Wiesbaden dec Großherzogin von Baden ebenfalls ein solches überreichte. Nachdem der Main-Taunus-Sängerbund mit Orchester-Begleitung unter der Direktion des Kapellmeisters W. Geis aus Wiesbaden die Hymne: „Sehl er kommt" aus Judas Maccabäus vorgetragen hatte, richtete Herr Landrat von Meister, dec Vocsitzende des Denkmal-Ausschusses eine längere Ansprache an den Kaiser.
Der gegebner sagt etwa folgendes:
Wir stehen auf geweihtem Boden, auf einer Stätte, die geheiligt ist durch die Erinnerung an die erhabene Fürstin und Frau, welche hier „Friderici Memoriae“, wie es die Inschrift über dem Schloß- portal ankündet, das Schloß Friedrichshof als ihen Wittwensitz errichtet hatte. Wenn schon lange im deutschen Volke der Gedanke rege war, dem Kaiser Friedrich außerhalb des Lärms und Treibens der großen Städte und nicht auf den Schlachtfeldern, auf denen seid siegreiches Schwert die deutsche Einheit
In eigener Sache Richter.
Roman von L. Haidheim.
(Nachdruck verboten.)
(Fortsetzung.)
Vor Schrecken vergaß er zu anhvn icn. Da wiederholte der Fremde schon genau mit dem verdrießüh gereizten Tone, den die Leute von Krapolno so oft von dem Seligen gehört: wa- er gesagt. „Ich weiß er ist tot - ! Ich will den sprechen, der hier an seiner Stelle ist Wo ist er?
^^T madige Herr ist im Kriege -". gab der Gärtner WifäS ^n Verwalter, oder jemand. Ich bin der älteste ^^ Sohn des verstvrbenen Grafen und gekonnneu mein Erbe Mzutreten. So lauft, Mann, und rüst -"
y?ls?s^ük Sohn! Alle Welt wußte, der Verstorbene hatte
^n angst als tot betrachtet und sich nie um ihn gekümmert me von ihm gehört.
a Garwer rief den Hauslehrer.
war Thatsache — der Verschollene kehrte zurück um sem Erbe zu ,ordern: - Ernst Nevomuk Graf von Ebern der in Südafrika große Landsttecken sein nannte
-. habe mich in Prag beim Statthalter erkundigt, es ist seine Todeserklärung Jettens meines Vaters für mich erlassen worden. Mein Erbrecht ist nicht verfallen", sagte der alte Herr
Der Hauslehrer hatte den verstorbenen Grafen nie gesehen- aber des Gärtners Miene sagte ihm deutlich genug, es bedurfte der Papiere nicht und all der beglaubigten Atteste, die er ihm da hinhielt.
„Sie haben natürlich nur zu befehlen, Herr Graf! Der Mandatar unb Erbschastsvollstrecker des seligen Herrn ist im Kriege und unter den jetzigen Umständen seine Rückkehr wohl nicht sofort zu ermöglichen", hatte er endlich erklärt.
„Natürlich, lassen Sie, bitte, mein Herr, Dienerschaft kommen, welche den Wagen abpackt und uns Zimmer anweisen." Dann war Ernst Nepomuk Graf von Ebern in feinem altmodischen, aber von gutem Stoff gemachten Rock an den Wagen getreten und hatte hineingerufen was wie holländisch, oder ein Gemisch von holländisch und deutsch klang: „Kommt heraus, Jungen, es ist alles in Ordnung."
• Sofort stiegen zwei junge Burschen aus, bäuerisch, wie der Vater, gekleidet und in den Manieren ihm gleichend, sonst aber frisch und rundwangig und mit gutmütigem Lachen.
_ „Jetzt heißt Ihr hier Grafen!" sagte ihnen lachend der Kater. »Das sind meine Jungen, Geerd und Willem", stellte er
Donnerstag, den 21. August 1902.
Gießener
Unabhängige Tageszeitung
(Gießener Zeitung)
fochten, ein Denkmal zu errichten, so lag es nahe, diese Pflicht dec Dankbarkeit hier zu erfüllen. Hier in den Taunusbergen, in denen der Kaiser so oft und gerne verweilt, hier zu Cronberg zwischen Schloß Fciedrichshof und der alten Stammburg derer „von Cronberg", die auch in dec Ahnenreihe des preußischen Königshauses einen Platz gefunden. So ist dieses Denkmal entstanden und aufgewachsen, begleitet von dem kunstverständigen Interesse dec dahingeschiedenen Kaiserin, welche die erste Skizze für dasselbe entworfen, und unter der treuen Schirmherrschaft des Großherzogs von Baden. Der Redner dankte dem Großherzog und schilderte den unvergeßlichen Kaiser Friedrich, den Feldherrn im Tosen und Brausen der Schlacht, den hochherzigen Förderec von Kunst und Wissenschaft, der bei der Bethätigung der Werke des Friedens im Gemüt und in der Seele seines Volkes einen unverrückbaren Platz gefunden. Dieses Denkmal mit seinem herrlichen Park soll vorzugsweise für unsere Nachkommen bestimmt sein. Es sei ein Zeuge des Dankes, bin das deutscheVolk an der Jahrhundertwende einem seiner edelsten Fürsten entgegengebracht hat Uns aber und allen, die heute und späterhin das Wohl des Vaterlandes zu schützen und zu fördern haben, soll das Denkmal nicht nur zur Freude gereichen, sondern auch eine Mahnung sein. Es soll uns ermahnen,
die Tugenden zu pflegen, die von jeher uns Deutschen
eigentümlich gewesen: die Tapferkeit und die Pflicht-' Preußen treue: Tugenden, die sich in dem hohen, reinen und idealen Sinne Kaiser Friedrichs in so herrlicher Weise wiedergespiegelt haben. Es soll uns aber dabei jetzt und immerdar vor Allem des gemeinsamen deutschen Geistes gedenken lassen, der das Wunderwerk der
politischen Einigung unseres Vaterlandes zu Stande gebracht hat, nachdem Kaiser Friedrich hierzu die Brücke über den Main geschlagen. Ein frischer Seewind weht über unsere Küsten. Er streicht über die großenen Ebenen des Binnenlandes und zieht hinein in die deutschen Gebirge. Ec hat große unb neue Aufgaben mitgebracht, die dec deutsche Geist sieghaft lösen muß, dec deutsche Geist dec Einigkeit unseres teuren Vaterlandes, deren die heutige Ecrnnerungs- feiec an den unvergeßlichen Kaiser Friedrich ein Zeichen ist.
Nachdem der Redner geendigt, fiel die Hülle vom Denkmal. Kaiser Friedrich ist in der Uniform dec Pasewalkec Kürassiece dargestellt, auf der Brust das Großkreuz zum Eisernen Kreuz, den Orden pour le
sie bem Hauslehrer vor und ^ .cfer hielt es nun an der 3 eit seine ètâug lm Schlotte fMnsteÄn als Erzieher der Wazlawschen —. hermnnhf^ ^6 keinen Wazlaw gekannt, ist nicht mit uns verwandt , wurde er unterbrochen.
Wazlaw — ^oâtte ^üx von Ebern heiratete den Baron von c, -Sr - f Mr je der alte Herr auf: „die Alerandra? Lebt aach. Knd Witwe? Die! Die hab' ich gekannt, die wird Und Ocilk? -bei’1' bie anbcrcn â tot? Mein Bruder -? Stobers ö'mto ^' "uch ein Sohn Ihres verstorbenen .. -Cäcilie lebt?^ Wo? - Na - habe fast vierzig Jahr ohne ^L®^ fertig werden tonnen und stand mich wohl dabei, da w rd's auch lest zur Not gehe«. Nur die Alix - die kleine ü r sie war noch ein Kind als ich —. Also geheiratet? Unb hat bo^in?M?Kmder? Sehr spät geheiratet sagen Sie -? Muß doch eme Frau an Fünfzig sein? Etwa so alt wie meine Schwester?" war der Wagen abgevackt, der Heinikehrende und bekam einen Wortwechsel mit ihm über iu. der er nach Herrn Gürtlers Entscheidung StT ' weil er den österreichischen und holländischen Gulden verwechselte.
Dann waren die Fremdenstuben aufgeschlossen.
< SBtit em Schreckensruf halte die Kunde durch das Schloß Dorf,, der „Erbe fei gekommen und genau das Abbild seines Vaters im Aeußern wie im Wesen.
.das erwies sich wie in der ersten Minute, von da an stündlich, täglich.
W^ scharfsinnig, aber kleinlich und widerspruchsvoll, rr ^^9, aber das wirkliche Leben durchaus verkennend, .Begriff und doch mit dem engsten Horizont bäuerlicher mÄ?^"^lken, gierig und besorgt, sich kein Jota von seinen ^..Wen und keinen Kreuzer von seinem Gelde nehmen zu lassen, erkeme Minute, sondern war unablässig bemüht, sich aus eigener Anschauung ein Urteil zu bilden.
"falls überstieg der Reichtum, den er vorfand, seine «m das Vielfache. Als er — ein nichtsnutziger blut- Bursche — damals in die weite Welt hineinlief, war sein er geglaubt, ein armer Gutsbesitzer, dessen Geiz und unerträglich dünkten. Damals hatten sie aus dem ÄÄ^â^Ei?ohnt, das verfallen und verschuldet dem Vater zusiel. itand verkommen und auch ebenso verschuldet, Kravolno wie heute. Aber was hatte dieser geizige, strenge Vater oem Besitz gemacht?
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____11. Jahrgang.
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Postzei tungSlifte No. 3032.
Redaktion und Expedition: Gießen, Neuenweg 28.
Ferusprecha«schl«ß Nr. SSL.
morste und die Kette zum Schwarzen Adlerorden. Ein gewaltiger Mantel wallt von den Schultern herab. Die Rechte hält den Marschallstab, die Linke stützt sich in dec Hüfte, der Blick des Kaisers wendet sich nach der Burg Cronberg. Das Standbild, von H. Gladenbeck und Sohn in Berlin gegossen, ist etwas über 3 Meter hoch und in dem konventionell-militärischen Stil gehalten. Das mächtige Postament auS weißem- Kalkstein tragt die Inschrift:
Friedrich III.
Deutscher Kaiser.
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König von Preussen.
Rechts unb links führen breite Aufgänge Denkmal, an einer Balustrade vorbei, aus deren Mst^ ein Kopfcelief in eine Muschelschale und von ihr in ein tiefer liegendes Bassin Wasser sprudelt.
Der Kaisec verweilte nach der Enthüllung noch in längerem Gespräch mit dem Baurat Ihme, weicher die Umgebung des Denkmalsvlatzes arrangiert hatte, und nahm dann auf dec Hainstraße den Parademarsch des 80. Infanterie-Regiments ab. Hierauf begaben sie sich nach Schloß Friedrichshof, wohin ihm die Kaiserin und die Großherzogin von Baden zu Wagen folgten. Um 1 Uhr fand im Schlosse Familientafel statt.
Zum Dreiklassen-Wahlsystem in Preußen.
Die Aufwerfung der Wahlrechtsfrage in i erregt ohne Zweifel ein weitgehendes Interesse. Das ganze preußische Wahlgesetz und Wahl- verfahren ist veraltet. Die Klassenwahl wird dem fortgeschrittenen politischen Empfinden unerträglich und das Wahlverfahren läßt sich technisch überhaupt nur noch unter den größten Schwierigkeiten ausführen, so daß die Drohung der Sozialdemokraten mit Wahlobstruktion die gouvernementale Seite in sichtliche Verlegenheit bringt. Wird doch mit dem Anscyein der Osfiziösität bereits eine Aenderung der Ausführungsbestimmungen zum Wahlgesetz angekündigt, wobei einstweilen wohl der Wunsch der Vater des Gedankens ist. Natürlich kann durch derartige kleine Maßregeln die Frage nicht gelöst werden und wenn auch die Parteien bei Der Be
ratung des Antrags Barth im Landtag noch glaubten, ausweichen zu können, wenn insbesondere das Centrum den Antrag von oben herab abthun wollte, so werden sie sich doch bald gezwungen sehen, zur Wahlrechtsreform Farbe zu bekennen. Die Einteilung beruht auf dec Volkszählung von 1858 ! Inzwischen hat die Einwohnerzahl Preußens bedeutend zugenommen, aber sehr
gegenüber wie unreife Knaben; trotz ihrer Jahre, ohne jede Regung eigenen Willens, sich, wie der Vater, des ihnen zukommenden
Graf Eberns erster Beschluß war im Wege des ProzesseS sich das von seinem Vater aufgegebene Majorat zurück zu erstreiten. Sodann mußte er zu erfahren suchen, wie die Erbschaft sich verteilte; er war durchaus nicht gesonnen, Erstgeburtsvorrechte aufzugeben, dazu kam er nicht aus Afrika herüber. Im übrigen konnte er jetzt aber seinen Vater als vorzüglichen Haushatter nicht genug loben und wenn auch nie ein Hauch von Liebe für denseloen in seinem Herzen sich geregt, jetzt plötzlich bedauerte er, den alten Mann nicht gekannt zu haben, dem sich seine ganze Achtung zuwandte, weil er verstanden hatte „aus dem Heller einen Gulden zu machen." , „ ..
Seine beiden Söhne hatte er notdurfttg erziehen lassen; die gutartigen „Jungen", vielleicht energielos von Natur, standen der Despotte des Vaters gegenüber wie unreife Knaben; trotz ihrer achtzehn und zwanzig Jahre, ohne jede Regung eigenen Willens.
Aber sie freuten sich, wie der Vater, des ihnen zukommenden großen Besitzes, hatten auch Verständnis für wirtschaftliche Fragen und amüsierten sich „Grafen" zu sein; nannten sich gegenseitig aus Neckerei so, doch durfte der Vater dies nicht hören.
Dieser ritt und fuhr zunächst von einem Advokaten und einer Behörde zur anderen. Niemand war in diesen unbejchreivuch aufregenden Tagen und Wochen geneigt, sich um die viel besprochene Ebernsche Erbschaft den Kopf zu zerbrechen; der wenig sympathische, ältliche Mann, der sich allerdings vollauf genügend als Sohn des Erblassers auswies, fand eben um seiner Gleichgültigkeit gegen des Vaterlandes Rot willen eher Mißwollen als Entgegen-
kE^So rückte seine Sache nach keiner Seite hin vor; er brannte darauf in sein Erbe eingesetzt zu werden und niemand beeilte sich ^Unterdes lastete auf dem ganzen Lande die tteffte Trâuer. man sah nichts als decimierte Truppenteile, die sich auf dem Rückmarsch befanden, Ambulanzabteilungen, Leichenbegängnisse. Trübsal um Gefallene und Verwundete.
Und in das alles hinein lachte der blaueste Julihimmeh die Rosen bluten, und unzadstge wandten davon die thränenmüden Augen verbittert ab. War ihnen nicht zu Mute, als lachte die Sonne ihres Kummers? - - —
Eine Scheune bei Nachod hatte auch als Lazarett dienen müssen. Jetzt war man daran die transportfähigen Verwundeten fortzuschasten, soweit Krankenwagen, oder ordinäre Leiterwagm dies möglich machten. — Ach, und diese Sommerhitze! — Das Jammern der Verwundeten wurde noch weit erhöht durch die unbeschreiblichen Mißstände, welche allein der Juli mit seiner Sonnenglut heraufbelchwor.
(Fortsetzung folgt).