Nr. 166.
Erstes Blatt
Montag, den 21. Juli 1902.
-lbonnementSpreis : in Gießen, abgeholt monatlich 50 Pfg., in’« Haus gebracht 60^-, durch d^e Post bezogen v.ertel- lüraltsbeilagen Oberhessifche Familienzeitung (täglich) rtahef^ f^ Landwirtschaft, Obst und
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Gießener
________________11. Jahrgang.
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Postzeitungsliste No. 3032.
Redaktion und Expedition: Gießen, Neuenweg 28. Ferusprechanschlnß Nr. 362,
Aeueke Machrichten
(Gießener Hagevtatt)
Unabhängige Tageszeitung
«Gießener Weitung)
für Oberhefsen und die Kreise Marburg und Wetzlar; Lokalanzeiaer für Gießen und Umgebung.
2in^ und Verlag der Gießener Verlagsdruckerei, vorm. Wilh. Keller'fche Buchdruckerei, lgegr. 1783); für die Redaktion verantwortlich . JI l b t n ti [ cm, i e ß e u
Politilcbt nachrkblcH.
Berlin. Der Schutzverband mittlerer und kleinerer Zuckerfabriken gegen die Gefahren der Brüsseler Zuckerkonvention wurde hier gegründet. Auch die kleineren Weißzuckerfabriken werden gegen die großen Raffinierten einen Schutzverband gründen.
Berlin, 19. Juli. Für den in Brüssel tagenden panacmenischen Kongreß beginnt man auch in Deutschland eine Reihe von Philantropen zu interessieren. Bon der deutschen Regierung hat die panacmenische Bewegung nicht die geringste Förderung und Unterstützung zu erwarten.
— Die Einnahmen der preußisch-Hessischen Eisenbahn- betriebsgemeinschast ergeben im Juni gegen das Vorjahr: beim Personenverkehr weniger 271,000 (0,8 Prozent), beim Güterverkehr eine Mehreinnahme von 656,000 (1 Prozent). Vom 1. April bis Ende Juni sind die Einnahmen aus dem Personenverkehr gegen das Vorjahr um 4,048,000 (4 Prozent) zurückgegangen. Die Einnahmen aus dem Güterverkehr sind um 2.194,000 (1 Prozent) gestiegen. Die Mindereinnahme aus dem Personenverkehr ist so groß, weil im Jahre 1902 das O sterfest in den März fiel. Der Güterverkehr hatte 3 Arbeitstage mehr gegen das Vorjahr. Zieht man den entsprechenden Betrag ab, so würde sich eine erhebliche Mindereinnahme gegen das Vorjahr ergeben.
— Zu der Nachricht, daß Professor Rudolf Virchow in letzter Züt wiederholt von Anfällen allgemeiner Schwäche befallen worden sei, wird berichtet, daß eine unmittelbare Gefahr nicht vorhanden ist. Von anderer Seite erfahren wir, daß sich der Zustand des Geheimrath Professor Virchow inzwischen erheblich gebessert hat. Es laufen täglich Briefe und Telegramme ein, in welchen Erkundigungen über das Befinden Virchows eingezogen werden.
- Dem Anträge der Vereinigung von Handelskammern des niedeccheinisch - westfälischen Industrie- bezirks an den Reichskanzler um Beseitigung der Gerichtsferien, da diese Ferien sich mit einer geordneten unverzögerten Rechtspflege nicht in Einklang bringen lassen und bei dem Verkehrs- und Wirtschaftsleben der Gegenwart nicht mehr entsprechen, hat sich auch die Handelskammer in Saarbrücken angeschlossen. Die Kammer erkennt den Antrag als durchaus gerechtfertigt an und wird in gleicher Weiser bei dem Reichskanzler vorstellig werden Wie wir schon erwähnten, hat der Justizminister bei seiner Anwesenheit in Essen geäußert, daß diese Eingabe nicht berücksichtigt werden könnte. Da sich aber jetzt schon die
In eigener Sache Richter.
Roman von L. Haid heim.
' (Nachdruck verboten.)
gut ausschreiten, es ist eine starke
& und bald Abend , sagte er, dankbar für die ungewohnte Spende von 10 Kreuzern.
bückte auf seine feinen Stiefeletten; der Weg glanzte veidachtlg, es hatte viel geregnet.
"At kein Wagen zu haben?"
heute "Kohlen^ ^ Triaden, aber die Pferde des Wirts holen
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M «MS HS iÄä’S^ mir immer an das Äcrguugen d ^ und
Stunde denkend, hatte er weder ferne9 ™Ä^
Kratt lenials ausgebildet Jeet sah er fi* ury"& ^Ä?^c L°?" '""fm. Bankier gewarnt, dem Nichts geqenübcMmb suhlte sich körperlich und geistig zusammeubrecheu. inSinbHdauf gébaX W ^ât. an die er in grenzenlosem Leichtsinn n“e O . War er doch ein Graf Joseph, Ebern, dem man all die Jahre bereitwillig borgte - bis - ja, bis es sich wohl aus- gesprochen haben mochte, daß ihm die Schulden über dem Kovfe zusammenschlugen.
Aber er war doch der rechte Enkel seines Großvaters, des (srafen Heinz Nepomuk Ebern-Klaino! Der Gedanke, der ihn ^^rfchledenen kritischen Lagen, d. h. in Geldnöten, oft getröstet, veifing plötzlich nicht mehr in der Stunde wirklicher Not.
-âr hatte ihm seinen Hinweis darauf, den er mit hochmütiger Sicherheit gemacht, dahin beantwortet, daß er 'hm mit starrer Höflichkeit erwiderte:
ln, Unkenntnis darüber sein, daß Ihr Herr SP? seinem ältesten Sohne bei Gelegenheit von unhÄÄ er Ihren Vater enterbt
chm die Ablchrist seines Testaments zugefandt hat? Sollten
Stimmen für die Beseitigung der den Handelsstand schädigenden Ferien bedeutend vermehrt haben und die meisten Kammern sich dec Eingabe anschließen, kann dec Justizministec sich nicht so leicht darübec hinwegsetzen und ec muß die Angelegenheit in Erwägung ziehen. Die „Rhein-Wests. Ztg." erhält darüber folgende Mitteilung: „Der Justizminister hat die preußischen Gerichtspräsidenten angewiesen, ihm über die Frage der Aufhebung dec Gecichtsfecien schriftliche Gutachten zu erstatten". — Mehr als platonische Liebe schaut aus dieser Anordnung nicht heraus. Es giebt in Preußen wohl über 80 un besold et e Assessoren, die gern bereit wären, einige Hundert Mack wähcend der Ferienmonate zu verdienen.
Um Beseitigung der Gerichtsferien sind auch die Aeltesten der Berliner Kaufmannschaft beim Reichskanzler eingekommen. Sie weisen darauf hin, daß eine Verteilung der Beurlaubungen über einen längeren Zeitraum stattfinden könnten. Soweit durch Familien- und sonstige Rücksichten eine Steigerung dec Beurlaubungen in der Zeit des Hochsommers bedingt sein sollte, würde sich durch Einstellung von kommissarisch zu beschäftigenden Hilfsrichtern während dieser Zeit Abhilfe schaffen lassen. Bei der großen Menge unbesoldeter Assessoren werde es an dec erfocdeclichen Anzahl von Persönlichkeiten nicht fehlen. Jedenfalls könnten verwaltungstechnische Interessen nicht die Beibehaltung eines Zustandes rechtfertigen, welcher einer Rechtsverweigerung während eines Teils des Jahres in wichtigen Zweigen des Geschäftslebens gleichkommt. Gerade aus den Kreisen des mittleren und Kleingewerbes sei geltend gemacht worden, daß nicht selten das Institut der Gerichtsferien von schlechten Zahlern benutzt werde, um sich der Erfüllung ihrer Verbindlichkeiten zu entziehen. Insbesondere macben sich derartige Mißstände im Nähmaschinen- und Fahrradhandel bemerkbar. Zum mindesten wird daher eine Ausdehnung des Begriffes der Feriensachen aufWarenklagen, besonders bei Objekten unter 300 Mk. gefordert.
Münster i. W. zur Universität erhoben.
Wie aus Münster in Westfalen gemeldet wird, ist die dortige Akademie durch eine königliche Urkunde vom 1. ds. zur Universität erhoben worden.
— Zur Polenbewegung. Der Kammechecc von Mocawski soll in Berlin bei einem der Minister gewesen sein und diesen ersucht haben, er möchte den Kaiser bestimmen, daß ec seine Reise nach Posen auf das nächste Jahc verschiebt.
Sw vergessen haben, Herr Graf, daß Sie und ich niemals 01^ unsere Briefe, an den Herrn Großvater Antwort erhielten? Dort, wo der alte Herr lebt, kennt man ihn und seinen unbeugsamen Äorn auf seine ganze Familie und niemand glaubt dort daran, daß er tich je lvurde erweichen lassen. Haben Sie aber diese Hoffnung — und wer wollte sich wundern, wenn Sie nach dem Strohhalm griffen? — so reisen Sie zu dem alten Manne und sehen Ste, was zu erreichen."
Keinen Gulden mehr im Vermögen, außer der eleganten Junggelelleneinrichtung, die der Nköbelhändler und Dekorareiir ihm tchon hatte pfänden lassen, nichts gelernt um sich sein Brot zu verdienen, faul und energielos von Natur und noch mehr durch bie Gewohnheit des Nichtsthuns, was sollte aus ihm werden?
Dumm war .Graf Joseph nicht und offene Augen hatte er auch: lein Urteil über die Welt, in der er bis jetzt gelebt, ließ an nüchterner Klarheit nichts zu lvünschen übrig und demzufolge machte er sich auch keinerlei Illusionen: Wenn Großvater nicht half, andere thaten es sicherlich nicht.
Er muß helfen! Ich bin der einzige des Namens! Meine Mutter — nun ja — sie war keine Ebenbürtige —! Nun ja---! Mein Vater hätte einen klügeren Streich machen können —!
Unerfreuliche Erinnerungen an schlimme Bilder, die sich seinem Gedächtnis in den hüben Knabenjahren eingeprägt, jnoebte er nicht weiter ausdenken. — Sie saßen da in feinem Innern fest — unzerstörbar fest, schien es: — aber so lange er überhaupt denken konnte, hatte er sich nie getraut sich klar zu machen, was sie bedeuteten.
Liebe zu der Mutter — Ehrfurcht und Liebe — hatte er nie für sie gekannt. Sie selbst kaum. Sie hatte ihn von nd) gegeben in eine Pension; — selten sah er sie und dann immer als Dame der großen Welt, umgeben von fremden Herren und einem Luxus, der dem armen Pensionszögling ganz königlich vorgekommen. — Als sie starb, war er ihr Erbe — wozu sollte er sich noch länger mit Lernen quälen —?
. Und heute — ein Bettler — mußte er stöhnend su^yuB durch den Schmutz waren zu dem Großvater, der von dem <:;. n [einer Mutter nichts wissen wollte, - nie hatte toiren wollen, sonst hätte er doch wohl ein einziges Mal nach ihm lieb erkundigt!
Auch er wußte nichts, garnicht von dem alten Manne, als was der Bankier und hier und da Fremde ihm aew-: Ein harter, herzloser Geizhals, ein Sonderling, aber einer der einen Herren Böhmens, hochangcsehen, lange politisch wichtig, pci - a grata bei dem Kaiser und dem deutschen Adel, letzt aber ein alter
— Zum Mi nist er wechsel in Bayern. Graf Crailsheim hat zu einem Interviewer gesagt: Ein formelles Entlassungsgesuch des Kultusministers Dr. von Landmann liege noch nicht vor, trotzdem stehe der Abgang desselben fest. Sehr entschieden verwahrte er sich gegen den Vorwurf, von Landmann sei von seinen Minister-Kollegen desavouirt und dadurch zum Rücktritt gezwungen worden. Das Ministerium habe den Kultusminister bis zum Schluß des Landtages halten wollen, doch habe dieser erklärt, sein nervöser Zustand gestatte ihm unter keinen Umständen weiter an den Arbeiten teilzunehmen. Justizminister Freiherr von Leonrod bleibe im Amte. Die Augen-Operation, dec ec sich unterziehen mußte, sei völlig gelungen. Herr von Landmann werde zu einem entsprechenden Amte berufen werden, sobald ein solches frei ist. In Bezug auf die jetzige Taktik des Centrums in der bayrischen Kammer sagte Graf Crailsheim, diese Schädigung der Kunst-Interessen wird den Regenten höchst empfindlich berühren.
Dresden, 19. Juli. Wie aus Dresden gemeldet wird, ist im Befinden des seit einiger Zeit schwer erkrankten Kriegsministers von der Planitz eine bedenkliche Wendung einge- - treten. Der Kriegsminister hat sein Abschiedsgesuch dem Könige unterbreitet. Die Genehmigung des Rücktritts dürste außer Zweifel sein.
Der Herzog Karl Eduard von Sachsen- Ko bürg und Gotha wurde am Samstag 18 Jahre alt.
— DieKöniginWilhelminevonHolland ist mit dem Prinz Gemahl Heinrich und dec Königin- Mutter am Samstag Vormittag nach Schloß Loo abgereist. Das zahlreich erschienene Publikum bereitete der Königin herzliche Ovationen.
— Dein niederländischen Kongreß, welcher oemnächst in Couctrai tagen wird, werden außer Botha auch Dewet und Delarey, welche inzwischen in Europa eintceffen, beiwohnen. Man spricht sogar von der Möglichkeit einer Teilnahme des Präsidenten Krüger.
Wien, 20. Juli. Dec Parteitag der deutschen Sozialdemokraten Oesterreichs wird am 15. August in Aussig seinen Anfang nehmen.
— Der Kaiser von Oesterreich verlieh dem Regierungspräsidenten Dr. V. Heydebrand und der Lasa in Breslau das Großkreuz des Franz-Josefordens.
* Wien, 18. Juli. Für heute den 21. Juli wurde im hiesigen Auswärtigen Amte eine Sitzung der österreichtsch- ungarischen Zoll- und Handels-Konferenz einberufen, in I welcher u. a. über die Gesamtlaqe, wie sie durch die letzte T schwacher Greis, an die Achtzig. So hatte ihm gelegentlich der I Bankier Auskunft gegeben über den Alten.
Diese Mitteilungen interessierten ihn nie, bis zu dem Moment, wo die Schlinge, in die er seinen Hals gesteckt, sich zuzog. — Aber da, da wurden sie ihm wichtig und eine trotzige Sicherheit sehnte in ihm auf: „Er ist doch mein Großvater! Ich bin em Ebern, er darf und kann mich nicht fallen lassen!"
So vereinsamt und vernachlässigt von aller Verwandtet^ liebe war er ausgewachsen, daß er nicht einmal wußte, ob seines Vaters verschollener Bruder, von dem ihm irgend jemand ernst erzählt, Kinder gehabt, oder nicht?
Es wurde dunkel, neuer Regen drohte. Seine Füße waren ganz durchuäßt, die Haudtasche, die feine Toilettengläser und Büchschen aus edelstem Krystall mit vergoldeten Verschlüssen ent* hielt, wurde, wie es schien, immer schwerer.
Ein Bauer begegnete ihm.
„Wohin geht der Weg nach Kravolno?"
„Wollen Euer Gnaden aufs Schloß? Dort links die Allee; nach dem Torfe gebt5 noch eine Strecke weiter geradeaus.
Der Mann sah ihn neugierig forschend an
„Wenn eie der fremde Herr Doktor sind, kommen Siv wohl schon zu spät; es steht schlecht, versehen ist der Herr Graf heute morgen schon", sagte er.
„In spät? Es darf nicht sein! Es darf nicht! Graf Joseph rannte vorwärts, der Schweiß non ihm von der Stirn.
„Wenn ich ihn nur noch eine Viertelstunde - Ein Sterbender hat Einsicht von der ganzen Mnere des Lebens er hänyt m t mehr am Gold; es rubrt sich doch auch ein Gefühl für die
' Mit solchen Gedanken lief er durch die Allee von alten schon fast entblätterten Linden, wo der Schmutz noch tiefer war« als auf der Landstraße.
Endlich! Er stand vor einem offenen Thor, das schief und zerbrochen -ur'G ui mächtigen aufgemauerten Thorpfeilern hing welche das Wappen der Ebern trugen; dasselbe zu erkennen war es schon zu duukel, er muBte, daß es die mächtigen Hauer ein^ Wildschweines waren, vereinigt mit den verschiedenen Wappen- zeichen hoher anderer Familien, die durch Heirat und zugebrachten Besiv den Eberus verwandt geworden.
Keinen Gedanken verschwendete Graf Joseph daran. Nichts kannte er von all bleien Dingen, aber heute tonnte er nur an bae eine beuten: „^ch bin seines ältesten Sohnes einziger Nach- komme, ich bm lein rechtmäßiger Erbel"