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Nr. 297

Erstes Blatt

Samstag, den 20. Dezember 1902.

Mo«*eme«tSpreiS: m «ießen, abgehrlt monatlich üo Pi« < A A a

Haus gebracht durchs Post bezogen viertel- ââ^è ZD St jfff ^^ k»";f«r«» ISf ^^^Si^^-M^ S'rteeba«, sowie die Gießener re1fe«blase« (wöchentlich).

Du- Blatt nldcint an alle« Werktagen nachmittags.

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11. Jahrgang

3«frrHp»0prei -r Die einspaltige Petitzeile für liessen wie ganz Oberhessen« die Kreise Wetzlar und Marburg ^0 Psg sonst 15 Pfg. - Reklame« die Peritzeile 50 resp. 40 Pfg

Postzeitungsliste No 3269.

Redaktion unb Exr'edition : GieKcn 9? c u c h lü r g 2H. ^crnfpredioefdilnü Wr. S62.

Neueste Nachrichten

(Hiekener Tagevtatt)

Mnavvängige Tageszeitung

«Gießener Zeitung»

für Oberhesien und die Streife Marburg und Wetzlar; Lokalanzeiger für Gießen und Umncbunn

Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen und anderer Behörden von Oberhessen.

friede mit Venezuela ?

• Wenn bic ^ichcichleu vom Blockabeschauplay nicht den htjn<t).-ii eoroieiicn, ist Präsident Castro angesichts der äußeren uiid inneren Wirren, von denen er sich umstrickt jifiv von itiuein Großeuuwhn geheilt. Wie aus Caracas ocmelde! wird, hat Castro den amerikanischen (Gesandten in Venezuela Bowen mit aUer Vollmacht ausgeslattet, um mit England, Deutschland und Italien über ein Arrans zonal! ;ii rerlandeln. Bowen wartet nur noch aus die ir.L.iujagdHg jaum» des Staatsdepartements, um mit ben Sechandlungen zu beginnen. Die Frage ist nun, wie sich Ur ar et Großlnachte zu der Sache stellen werden. Wenn f.> sich desto i ,t, ia j Castro alle schwebenden Differenzen mir jamtli di c n Ländern, die überhaupt Forderungen an Venezuela haben, einem Schiedsgericht unterwerfen will, so kann Deutschland sich daraus laurn einlassen. Ganz abgesehen awon, daß ein solches allgemeines Schn d'- iifrirhr ein Wirr al von Schieds.ragen hervorcusen würde: Tic 96rfprüd)c Deutschlands aus finanziellen AulaoLn in Lene-Heia j.ho bei dem Vorgehen Deutschlands gegen die jkpublii nGMi ächlich gewesen. Der Hauptgrund zu den gegen man i gen Maßregeln sind die Mißhandlungen deictscher Untertanen während der venezolanischen Re­volutionen, unb die Beleidigungen Deutschlands durch Eastro bei der diplomatischen Ver'vlgung der deutschen Ansprüche. Deutschland kann sich aus ein Schiedsgericht nur entlassen, wenn Castro naleich sich verpflichtet, in einer bei Schwere seiner Beleidigungen entsprechenden joim Abbitte zu leisten un ' Garantien da ür ni bitten, daß er dem Schiedsspruch nachkonimeu werde. Diese For- hsiungen soll Deutsch and nach Meldungen aus London denn a uch gegenüber Dem Schiedsgcrichtsvorschlage geltend ivmacb. haben. E u g land da/egen tat nach derselben Meldung, mie wir das gleich vermuteten, das Schieds- }K r ich t glatt a n g e no m m e n! lind A me r i t a will für bic von Venezuela 311 ahlertden Schilldsummen zwar nicht garantieren, aber denjenigen, meld)? die G.'lduiittel für Venezuela auf bringen, zu sichern, daß im Ja l? der ^ichtzahinng die amerikanische Regiern ig sich iüv ii? Er inllung der Verpstich nuaeu ernst ich verwenden wi d.

Wenn Deutschland den Schiedsgerichtsvorschlag nun nicht annimmt, so ist erreicht, Ivas wir befürch­teten: Deutschland ist in der ganzen Aktion isoliert. Dann wird die Union sich G orr in die Sache mi chen, und schließ­lich werden wir nicht allzu aläuzend abschneiden. Hoffent­lich findet die deutsche Politik den rechten Weg und die rechten Mittel, dieses Maulwursstreilxm der Neider Deutschlands unschädlich zu ncacheu.

„Vom Mric ssch ruplatz."

Viel neues hat sich in Veiceznela sonst nicht ereignet, k 1 wupra und Puerto Cabello ist alles ruhig. Der deutsche Gcgandte ging am Donnerstag in La Guayra an c Ä Utiterhielt sich telephonisch mit seiner in Caracas bescndltchen Frau.

Die Politik.

Aördkruiij, bed Kleingcwerbrö.

,, ,2 ?//5^ ''ödiftiälii inen preußischen Etat ist eine Summe »on 100000 Kauf zur Förderung des Kleingewerbes durch L’K'?‘ "' " ■; " n h!:1 f " n«a-ft nt Fern r werden zur ^â ^/ "L ««!" Erljebiiiig und zur Erstellung der ??»^ m '^ den aeaenwärligeu Stand der st a a t - tchen Gewerdeiördcruug K>00(1 Mark ausae- looifeii. Es ,st wohl der ungünstigen Finanzlage in Preu ßen zuzulchrelben, daß die Regierung es bei Verhältnis mäßig 10 geringfügigen Aufwendungen für bic bezeich­neten jWtch beroenben lägt. Große Erfolge können mit diesen 100000 Mark nicht erzielt werden, wo es ich um eine Aufgabe von solcher Größe unb Bedeutung Handelt tute es bie Forderung des Kleingewerbes ist Trotz ber Ükringfiigigfcti der Mittel ist es aber mit Dank 311 be ßriißen, daß die Regierung tun will, was sie angesichts der augeublidlui)en ungünstigen Finanzlage tun tamr ^ie erweist bamit jedenfalls, daß es ihr mit einer Förde pmg des Kleingewerbes sehr ernst ist, und die begründete ^osfung besteht, daß bie Etats spät rer, weniger 'mageren ^âyre erheblich größere Posten für diesen Zweck enthalt n ineroen.

Ein Gnadenakt des ^jaren.

2. ^ach einer Meldung ans Petersburg hat bar J<n (Lit fernem Nameitsrage Freitag 58 von aus An- laß der jüngsten Srndeuteuunruheu nad) Sibirien Der* baiiiitert «tubenten beguabigt. Die Studenten, denen bi? Rückkehr gestattet wird dürfen eiustlvcilen in Städten, tüo ^XJ^ldjuIen und, nicht wohnen. Der betreffende Ukas iveist Yen ^clmster des Innern an, dafür zu sorgen.

dau t l^ . ückgelehrcen jungen Leute der Fürsorge ihrer Familien auverrraut werden, da eine solche Umqebnug ne an brbnuna aewofoun wird/' ^Qn früher, We

eptember, murbéh 0'2

vom

digt. Bei der großen Strenge die sein/ Studenten brobaddet wurde ist diese

Za reu begita kit gegen die

aus angezeigt.

Nnstland 11 nb die mazedonische Frage.

Milde durch

O Tie mazedonische Bervegung aus drill Balkan Hu nachgerade einen so bedrohlichen Charakter angenommen, daß die an der Erhaltung der Ruhe im Türken reich, interessierten Mächte allen Einstes mit der Wahischeinlith feit rechnen, im Frühjahr »rerde Uu großer mazedo nischer Aus stand ausbrechen. Um diesen hintanzu halten, bat Rußland, wie wir schon neulich berichtet.'n. den neinlUchen und offenen Gönnern der mazedonische! Aufslandsbelvegung, Bulgarien und Serbien, einen s h. deutlichen Wink mit bem Zaunpfahl. erteilt: Sie sollte, die Hände davon lassen, die Mazedonier zu begünstigen und zum Aufstand 511 reizen, sonst werde Rußland da zwischen fahren und die gesamte Ruhestörergesellschaft Mores leheren. Dieser Note läßt Rußland jetzt persönliche Einwirkungen folgen: Der russische Minister des Ans mar tigert, Graf Lambsdorff, trifft in den nächsten Tagen in Belgrad, Sofia unb Wien ein. In Belgrad und Sofia, um der russischen Note Nachdruck zu verleihen, in Wien, um darzutun, daß das Petersburger Kabinet den ernsten Willen hat, im Einvernehmen mit Oesterreich Ungarn die Ruhe in Mazedonien unb den Besitzstand im europäischen Orient zu sichern. Selbstverständlich wollen beide Mächte nicht nur die beiden Krakehler, Serbien und Bulgarien, zur Ruhe verweisen, sondern auch bei der Pforte auf Verbesserungen in der Verwaltung der europäischen Pro Dingen der Türkei dringen. Hoffentlich Hal das gemeinsame Vorgehen, der beiden Großmächte bt n Erfolg, daß für einige Zeit Ruhe im politischen Wetterwinkel Europas einzieht.

Britifche Ehrlichkeit.

□ Dev Ausländern in SüdLfrita gegenüber find bie Engländer noch viel weniger cntgegcniomni.no a s rüher die Buren, deren Abneigung gegen die Ausländer angeb­lich für England der Grnnd zum Burenkriege war. Auf Aufforderung Lord Milners hat der Stadtrat von J> Yannesdurg Vorschläge gemacht, mie bie dortige Stadt­verwaltung gehn 11 bleibt werden soll. Es wird darin empfohlen, nur britische Untertanen als Wähler zuzu­lassen. Der Bericht fügt hinzu, es würde richtig fein, Fremden auch nicht in der Kommunalvcrwalinng poli­tische Macht zu gemähten. Die englische Heuchelei kommt in diesem Vorschlag, der zweifellos bestellte Arbeit ist und befolgt werden wird, fraß zum Ausdruck.

Der „tolle Mullah"

sitzt in guter Ruh im Innern Ostafrikas und läßt die Dinge an sich herankommen. Wie aus Berbern gemeldet ivirb, macht er keinen Versuch, feine Stellung im Mn- dng-Bezirke aufzugeben, mo er seine Hauptmacht kon­zentriert unb sich an schickt, einen hartnärfigen Wider­stand zn leisten. Der Einstuß des Mullahs wächst immer mehr, und seine Beivaltigung wird, wenn sie überhaupt möglich ist, für die Engländer ein schweres Stück Arbeit bedeute»!.

Berlin, 19. Dezember. (H o f b e r i ch t.) Heute früh begab sich der Kaiser von Potsdam nach Berlin. Der Kaiser besichtigte hier in der neuen Akademie das Denk- ma( Kaiser Friedrichs für Köln und in der alten Akademie das Denkmal der Kaiserin Friedrich; im Marftall das Model: 311m Denkmal Kaiser Friedrichs und dann im Don: dic Modelle zur inneren Ausschmückung der Kuppel. — Im Schloß empfing der Kaiser später den Unterstaats­sekretär Hops und Direktor Dr. Richter vom Reichsamt des Innern, ferner die nach Petersburg abgel/ende De- putation des Kadettenkorps, den neveruannten amerika­nischen Botschafter E. Tower und den nach Rußland zu- rüdfcßrenben (Geheimen Rat v. Timiriafew von der rufsi- schen Botschaft. Abends nahm der Kaiser das Diner beim Reichskanzler ein. - Wie aus Oels gemeldet wirb, nahm der K ronprinz einer leichten Erkältung wegen am Donnerstag an der Jagd nicht teil.

* Die beut'dM)d)€d)iid)c Verständig ungs^akt i on in Oesterreich ist an ben Forderungen der Tschechen gescheitert, welche von den Deutschen schon früher als unannehmbar bezeichnet warben, da sie die Ablehnung aller deutschen Forderungen in sich schließen.

* Eine erschütternde Nachricht kommt aus Madrid. Dou Carlos, der spanische Throuprärendent hat^ 311 ©unsren seines Sohnes Don Jaime, „abgedaukt". ^etzt gehen die ftartifrenputfehe in Spanien also auf bis Konto der neuen Prätendentenfirma T-ou Jaime.

* Im P r ä s identenkampf auf Haiti ist ein neues Ereignis eingetreten: Der General Nord, einer der fünf Präsideurschaftskandidrten, die fid) unter eman* der bekriegten, ist von dem Heere zuni Präsidenten aiis* gerufen worden unb in das Palais ciugezogen. Ob er )id) lange der neuen Würde, die er übrigens )4)on früher einmal bekleidet hat, freuen wird?

JSapokoniscber frevelmut.

? Die Wahrheit über den Krieg von 1870. — (9?ad)buuf verboten.)

Ein interessantes Schriststück gelangte dieser Tage in Paris zum Verkauf: das Manuskrivt bei auf die svanische Thrvnkandidatur des P.inzen Leo ol^ von H henzollern be­züglichen Erklärilng, bie am 6. Juli von der kaiserlichen Re­gierung den Kammern vvrgelegt wurde. Bekanntlich war im Juni 1870 dem Erbprinzeii von Hohenzollern durch den spanischen Ministerpräsidenten General Prim die Krone Spaniens angeboten worden, und der Prinz hatte sich Anfang Juli zur Annahrne derselben bereit erklärt. Diese Kandidatur eines Hohenzollern suchte Napoleon zum Bor wände für einen Krieg mit Preußen zu machen, und um die Sache zürn Klappen zu bringen, erließ er die erwähnte Erklärung. Gleichzeitig ließ er durch seinen Gesandten Benedetti bei der preußischen Regierung gegen die Kan­didatur Einspruch erheben.

Der erste Entwurs der fSrfläruiig war von bem Herzog von Gramont, dem Minister des Aeußern, vorbereitet lvorden und zeichnete sich burd) einen sehr ruhigen Ton aus. ?(ber die von dem französischen Ministerpräsidenten, Emile Ollivier, unb von Napoleon III. gemachten „Ver­besserungen" gaben bem Entwurf eine kühnere Sprache, die wie Trompetengefd)metter klang. Einige dieser Ver­besserungen findet man schon im Entwurf. Das Schrift stück schloß folgenderrnaßen: „. . . Wir sind den verschie­denen Dhronbewerbercl gegenüber nicht aus der strengsten Neutralität herausgegaitgen und haben bei keinem von ihnen weder Vorliebe, noch Abneigung gezeigt. Aber wir glauben nicht, daß wir aus Respekt vor den Rechten eines Nachbarvolkes dulden müssen, daß eine auswärtige Macht dadurch, daß sie einen ihrer Prinzen auf den Thron Karls V. setzt, zu unserem Schaden das gegenwärtige Gleichgewicht der Kräfte Europas stört und die Jutereffen und die Ehre Frarckreichs in Gefahr bringt. Diese Eventualität wird, das hoffen mir bestimmt, nicht eiutreten Wir rechnen zugleich auf die Klugheit des britischen Volkes und auf die Freundschaft des spanischen Volkes, bie das verhindern werden. Wenn es aber anders sein sollte, so werden wir, stark gemacht durch Ihre Unterstützung, meine Herren, und durch die der Nation, unsere Pslicht zu erfüllen wissen, ohne Zögern und ohne Schwäche."

Ueber diese kriegerische Stelle mad)t der Herzog von Gramont folgende \V0ti3: „Der Schluß ist nach langer Diskussion im Ministerrate von Emile Ollivier hinznge schrieben unb nachher einstimmig vom Ministerrate ange­nommen und sestgehalten worden." Aus dem Dokument, das jetzt zum Verkauf gelangte, findet sich noch folgende Notiz des Herzogs von Gramont: „Es mürbe also nach diesem ersten Entlvnrf (mit den Verbesserungen und Zu sähen) die definitive Erklärung verfaßt und, nachdem sie zweimal im Ministcrrate vorgelesen war, votiert und als unabänderlich sestgehalten; bann mürbe sie vom Minister selbst abgeschrieben, nach der Ankunft in Paris vom Mi­nister zwei Angestellten des Ministeriums diktiert und von ihm eine ^iertelftunbe später in den Kammern vor gelesen." Durch diese „Anmerlnng" wollte der Herzog von Gramont offenbar feine KerannvortMjfeit ab. schwächen. Aus diese Erttärung hin zog der Prinz es vor. aus die spanische Kandidatur zu verzichten, um nicht den Anlaß zu einem Kriege z» geben, der von verhängnisvollen Folgen sein mußte „ .. ,

Fu einem Artikel, den die Pari,er Zeitmig „lemps diesem historisch bedeutungsvollen Tolunient widmet, heißt es am Schluß: „Man erkennt erst dann den ganzen verbrecherischen Wahnsinn der laiserlicheii Regierung und der Minister, wenn man bedentt, daß wir nach einer Er- tlärüna mit so kriegerischem Acceut jede wünschenswerte Genugtuung erhalten haben, und daß der Prinz von Hohen- ' ollern seine Kandidatur auch formell zurn-kzog, ein Schritt, der unter solchen Umständen ein völliges Zurück weiche« Preußens war und unsere Eigenliebe völlig zu sriedeustellen mußte. Und nun denke man, daß bet Herzog non Gramonl, der dann die eigentliche Berantwortlichkeit nbiufdm'ächeu suchte, im Einverständnis mit dem Kaiser und um der Kaiserin ein 'Vergnügen zu bereiten, deu Ge- sandten Benedetti ein ziveites Mal zum König von Preußen chickte otuvoyi doch alles zn unserer Zusriedenheit er- ledigt war l Taher stammt unser ganzes Unglück!"

Nab und fern

□ Schwere Unwetter werben aus West-, Mittel- und ^ubdeutschland gerneldet. Zu Köln mürben »nichts starke Gewittererscheinungen beobachtet. Ter Süd- bis Sü.w ft* üinb, tvelcher den lag über geherrscht ha t;, steigerte ich zum Sturme, der von starken Re^e i u fen unter Blitz inb Donner begleitet ivax — Das Unwetter erstreckte sich über den größten Teil der Rheiuprovinz, W.ft'alens, sowie den Teutoburger Bsald. In Aachen folgte auf das Gewitter Schneesatt.