Montag, den 20. Oktober 1902.
11. Jahrgang.
«o^.»eme»t Preis : in Gießen, -ba-bolt monatlich M W, n« Hau» gebracht 60 Pfg. durch d-e Post bezogen viertcl- jährlich Ml. 150.
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Gießener
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Postzeitungsliste No. 3032.
Redaktion und Expedition: Gießen, Neuenweg 21.
Ferusprechanschlnß Nr. 368.
Ieueste Machnchlen
(Gießener Dageötatt) Unabhängige Tageszeitung (Hießener Zeitung)
für Oberhessen und die Kreise Marburg und Wetzlar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung.
Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großherzoglichen Bürgermeisterei Gießen.
frkdenspalmen.
^Politische Wochenschau.I
(Vin «Hnibt’ifm;- — Der Reichskanzler als Friedensparlamentür - Die ^t'iaiiwerwirrung. — Die Zivilliste als Einigungsamt. — bajaUeofalut des Ungekrönten- — Rehabilitiert. — Frieden in bei denen Welt.)
Am Donnerstag sah die Reichshauptstadt ein Schau- piel und eine Voltskundgebung seltener Art. Aus Pacis waren die Burengenerale eingetroffen, die von einer dichtgedrängten Menschenmenge mit Hochrufeu und Tü- cherschwenken begrüßt und die int Triumphzuge zu dem Hotel „Prinz Albrecht" geleitet wurden. Des Abends aber bei dem Festmahl offenbarte sich erst recht die Herzlichkeit der Empfindungen. Es war ein ergreifender Augenblick, als der Hofprediger Stöcker im Gebet die Hilfe des Höchsten für das Burenvolk anrief und als der Vorsitzende des Buren-Hilfskomitees den Wunsch aussprach, Gott möge das Heldenvolk der Buren nicht un- x tergehen lassen. Und die Generale selbst waren tief be- iuegt von dieser großartigen Kundgebnng warmer Herzlichkeit und ein Mal über das andere Mal betonten sie ihre Stannnesgemeinschaft mit dem blutsverwandten deutschen Volke. Als Dewet dann mit herzergreifender Einfachheit der Darstellung die Leiden seines Volkes und das durch den Krieg über sein eigenes Haus .her- eingebrochene Unglück schilderte, da mag doch wohl einen Augenblick eine heiße Empfindung gegen jene aufge- wallt sein, die das südafrikanische Gebiet verwüstet haben. Aber die Generale selbst fanden die lindernden Morte. Es ist Friede, und der Friede soll gehalten werden, das war stets der Refrain ihrer Reden. Ob freilich die Volksgenossen auf heiinischcr Erde so denken und ob die Nachkommen der in den Konzentrationslagern von Elend und Schande heimgesuchten Frauen der- mnlcinft auch die Friedenspalme auf das Grab der ge- fallenen Helden legen, oder ob nicht vielleicht doch aus den modernden Gebeinen Rächer entstehen, wer wollte das heute sagen! Heute trägt das Volk die Friedenspalme.
Mit dieser erschien auch der Reichskanzler am Don nerstag im Deutschen Reichstage. Er hielt eine äußerst verbindliche Rede über den Zolltarif, unterließ es dabei allerdings nicht, einmal nach rechts wegen der erhöhten Forderungen und einmal nach links wegen der drohenden Obstruktion seine kleinen Seitenhiebe auszuteilen, aber er bleibt doch immer der glatte, verbindliche Herr. Zürn Schluß imn er wieder ganz der fried liche Parkettredner, der den streitenden Parteien mit Frie denspal men naht. Und wenn man sich das Echo in der Presse ansieht, dann wird man Heraussinden, daß man allenthalben an ein Gelingen der Zolltarifvorlage glaubt. Die Friedenspalmen werden bereits sichtbar.
7]
Dr. Rumseys Patient.
Heman von Dr. Halifax und T. L. Meade. Autorisierte Bearbeittmg von C. Weßner.
(NachdraS »erbaten.)
Als Audrey die entsetzliche Wahrheit endlich begriff, lachte er laut auf. Es war ein seltsam schauerliches Lachen inmitten der Grabesstille. Wieder griff er in die Tasche, ans welcher er eine Schachtel Streichhölzer brachte. Er zündete eins an und blickte bei dem ungewissen kargen Licht einige Augenblicke in das Antlitz des Niannes^ den er getötet.
„Ich weiß nicht einmal seinen Namen", dachte er bei sich. UWinn in aller Welt habe ich ihn getötet? Er ist wirklich tot, oer arnce Niensch! Warum habe ich das nur gethan!"
Endete ein zweites Hölzchen an und betrachtete seinen . ^os Ende desselben war mit einer Stahlzwinge versehen letzt mu Blut befleckt.
â^^m irgendwo vergraben", murmelte der Baron. Areichholz aus und verließ langsam den Ort der ^cm Gang war schwankend, unsicher. ÄÄÄ Innfl bi"ri-h-"d-n Dickicht, in beschloß er, nach Hause zu gehen. ^uJ^ J^ .'El tonte ln leinen Ohren, und in seinem Haupte wiihlie und tobte es. Ihm war w dstute als merde er ?on bösen Geistern verfolgt (MülÄ daß, wenn S W.die Augen erhob unb vor M Hinblicke, das Gesicht des Wienen vor ihm stehen wurde. Es war noch vor Mittcr- T^ V »der den schlotzhof ging, schlug es gerade zwölf, lick- "o^.d/"Vde, ich komme durch diese Geschichte in eine siirchter- ben otXsw^ "3* batte ia garnicht die Absicht, " Diann zu toten. Es war nur Notwehr, Selbst- aetöÄ uN' HL"^ '$ ^n nicht getroffen, io würde er mich È friÄ’i 06 ** weinen Vater jetzt noch anfsuche? Er ist s er weiß am besten, was zu thun ist."
-^lO^ Er wankte wie ein Tnvckener. yn letzt lemanb so im Dunkeln gesehen, er würde ihn a haben. Nun öffnete er eine der Seitentbüren des ÄLn^ Die Audreys waren Frühaufsteher, die
H ?c 511 gehen pflegten. Die Lampen waren alle ba^ gan^e Haus lag in tiefster Ruhe. Audrey be- ^Nuete keiner Memchenstele, während er die Stufen Hinaufstieg Ä™™ ^orribore^ entlang schritt, um zu feinen Zimmern zu gelangen. An der ^hür blieb er zögernd stehen.
Allch in dem benachbarten Oesterreich wollte der leitende Staatsmann von Körber die Rolle des Friedensengels spielen. Er legte zu diesem Zwecke dem Hausc den Gesetzentwurf über die Sprache vor. Wer er hat dadurch das Gegenteil erreicht. Die Deutschen sehen durch die Vorlage grundsätzlich ihre Normachtsstellung bedroht, und den Tschechen geht die Vorlage nicht weit genug. Beide Parteieu danken also gleichmäßig für die Palmenspende. Ob schließlich auch der immer noch schwebende Ausgleichsstreit zwischen Oesterreich und Ungarn einen anderen Verlauf nimmt, ist sehr fraglich. Die österreichische Regierung wollte anscheinend bei der Zivilliste ein Muster von Ausgleich geben, indem sie auf hälftige Teilung spielte. Aber auch das gefiel nicht, wie denn' überhaupt der ganze österreichisch-ungarische Ausgleichshandel mit Deutlichkeit zeigt, daß in Geldsachen die Gemütlichkeit aufhört.
Größere Erfolge hat der Friedensengel im Orient gehabt. Die türkische Rgierung hat durch ein Rundschreiben die Mächte auf die doppelzüngige Haltung des ungekrönten „Zaren von Bulgarien" aufmerksam gemacht -'das wirkte. Jetzt hat Ferdinand der Untertan brav seinem Lehnsherrn in Konstantinopel den Besuch augekündigt, er läßt die Grenzen bewachen und maßregelt die am Ausstand beteiligten Offiziere, und die Patriarchen und Exarchen der christlichen Kirchen mahnen die Gläubigen zum Gehorsam gegen die von Gott gesetzte Obrigkeit. .
Auch am serbischen Königshose steht eine FriedenS- bolscbaft bevor. Der serbische Gesandte in Petersburg soll nämlich dem Gemahl der Königin Draga mitteilen, daß sein Besuch wirklich wegen Erkrankung der Zarin verschoben werden mußte. Man hat ja über che angeb lichen Ungeschicklichkeiten des serbischen Gesandten seine * eigenen Gedanken, aber da Alexander der Kleine sofort Miene zu einer politischen Frontveränderung gegen Rußland machte, so mußte der friedliebende Zar, nachdem er ursprünglich geneigt war, sich verleugnen zu lassen, schließlich sich selbst verleugnen, indem er wiederum dem König und der Königin die Hand zum Gruße bot. Das serbische Königspaar wird natürlich die dargereichte Friedenspalme mit großer Genugtuung hinnehmen.
Auch in den Grubenarbeiter-Ausständen herrscht nun Ruhe; selbst die unbotmäßigen Amerikaner werden in nächster Woche wieder die Arbeit aufnehlnen, nachdem die Grubenbesitzer ihnen durch Zustimmung zu dem Plane der Einsetzung eines Schiedsgerichtes die Palme gereicht haben. Allerdings wurde die Berufung eines durch den Präsidenten der Vereinigten Staaten aus unparteiischen Kreisen zu berufenden Schiedsgerichtes verworfen, den Arbeitern kein Einfluß auf die Verhandlungen zustand. Nachdem aber die Besitzer zugestanden haben, daß die Streitfragen vor einen aus In-
„Mem Vater schläft gewiß schon", murmelte er. „Es hat keinen Zweck, ihn zu wecken, um ihm die entsetzliche Geschichte zu beuchten. Er erfährt sie morgen noch zeitig genug."
Dann trat er in sein Zimmer.
Zu seinem Erstaunen erblickte er auf der inneren Schwelle ein Briefchen. Er hob es auf und erbrach es. Das Schreiben war von seiner Schwelter Annie und lautete:
„Lieber Robert! Ich war heute bei Wildensteins, wir haben zu morgen ein Picknick auf der Ebene verabredet. Da Du heute so zeitig zu Bett gegangen bist, schreibe ich Dir dies, damit Du nicht etwa morgen beim ersten Hahnenschrei aufftehst und irgendwo hingehst, von wo Du nicht zur Zeit zurück bilt. Vergiß also iiicht! Wir brechen um zwei Uhr nachmittags auf. Margarete fommt auch mit — Deine Dich liebende Schwester Annie!"
Audrey las das Briefchen mehrmals durch. Das ungestüme Klopfen seines Herzens ließ nach. Erschöpft sank er auf emen ^tnhl, uahm den Hut ab und wischte sich den Schweiß von der ^tirn.
„Nicht um alles in der Welt möchte ich Margarete missen", flüsterte er inbrünstig vor sich hin.
Ein sonniges Leuchten tauchte in seinen dunkelgrauen Augen auf. Kurze Zeit später lag er im Bett und war bald fest eingeschlafen. Er ^erwachte um dieselbe Zeit wie gewöhnlich, stand auf und kleidete sich an. Den Mord auf der Ebene und alles, was mit ihm Zusammenhing, hatte er absolut vergessen — das Verhängnis seines Hauses hatte sich auf ihn herabgesenkt.
Viertes Kapitel.
„Ach bitte, erzählen Sie mir von ihm, Herr Baron", sagte Margarete von Schönburg.
^ie war ein sehr hübsches Mädchen, schlank unb graziös von Gestalt, mit nachtschwarzen Sammetaugen, tiefschwarzem Haar und einer ganz leicht gebräunten Gesichtsfarbe. Sie befand sich ein wenig abseits von der Picknick-Gesellschaft, Robert von Audrey stand in ihrer Nähe. Sein Gesicht war bleich und hatte einen sanften, hingebenden Ausdruck.
„Was soll ich Ihnen erzählen?" fragte er. .
„Sie sagten doch, Sie hätten den Unglücklichen geitern abend noch gesprochen. Das Ereignis ist so furchtbar, und da.ll es gerade auf dieser Ebene hier geschehen mußte — w^lljMr stattfindet - das ist mir geradezu schrecklich. Patte rcy oas gewußt, ich wäre wirklich nicht mitgefommen! ,.
. „Der Mord wurde nmibeiten^ ^^h ° IteS entfernt beaanaen" antwortete bei Barom ,, -Ler ~gatort liegt in der Nähe unseres Schlosses. Ich war heute früh mit meinem
keressenten und Unparteiischen gemischten SchieHsgmchtr erledigt werden, sind die besten Aussichten auf Erhaltung des Friedens vorhanden. Vielleicht erblüht sogar aus diesem Ausstande der Segen, daß das Spekulâns. fieber der amerikanischen SHejentrufte durch die Wrder. stände realer Verhältnisse gedämpst wird.
Hus der Reicbsbauptftadt.
sNachdruck Verboten.] 2 W CB. Berlin, 17. Oktober
Das Fleisch ist teuer, und der Winter fiommt, wir müssen Kohlen kaufen: z-wei Dinge, die dem sorgsame« Familienvater energisch an den 'Geldbeutel greifen unü deshalb seine Gedanken besMstigen können. Der Milchkrieg zwischen der Zentrale der Milchproduzenten und der Vereinigung der Händler tobt noch immer, und uu- gelöst ist die Frage: wer wird Sieger sein? wird es schließlich eine Verteuerung ober Verbilligung geben?
-7 eine Frage, die den Familienvater und bte Familien mut ter auch recht lebhaft beschäftigen darf, denn auch sie geht an das Portemonnaie. Der Reichstag ist zusammengetreten, und es naht die Entscheidung über den Zolltarif, der Reichskanzler bat eine wichtige Rede gehalten — auch ein Gegenstand, der den politisch denkenden Staatsbürger teils aus dies«:, teils aus jenen Gründen wohl interessieren könnte. Auch kommt die - Zeit der Bälle und Bazare, Mütter und Töchter verlangen neue Kleider, und Vater fragt sich, ob er den alten Zylinder noch einmal ausbügeln läßt ober sich einen neuen zulegen soll — schwerwiegende Fragen oes Kostenpunktes in diesen schweren Zeiten. Waren dies Die Fragen, die in dieser Woche den Berliner Bürger beschäftigten? Bildeten sie das Thema der Untermal tung, der Diskussion, den Gegenstand von Meinungsverschiedenheiten und Verständigungen?
Nein! Alle diese Interessen wurden erdrürkt, verschlungen, beiseite geschoben, erwürgt von dem einen Interesse: kommen die drei Burengenerale oder nicht? Wohin man kam, in den Familien, in den Gesellschaften, in den Wirtshäusern, auf der Straße — immer dieselbe Frage, immer und immer die Buren und die Buren! Diese drei tapferen Helden aus dem stammverwandten Volke sitzen tief im Herzen des deutschen Volkes. Die spitzfindigen Erörterungen in den Zeitungen, warum aus der Audienz beim Kaiser nichts geworden ist, ob wirklich die Generäle einen Fehler ge- mad)t haben — du lieber Himmel! Sie sind ja keine Diplomaten — ob irgend ein Vermittler sich ungeschickt benommen hat, ob die Engländer es nicht wollten, das alles hat uns ziemlich kalt gelassen. „Der andre hört vor allem nur das Nein!" Mögen die Herren Diplomaten das unter sich ausmachen, und welches auch das
Vater und einem unserer Pächter dort, man hatte die Leiche jedrch bereits fortgeschleppt."
„Hat der Vorfall Sie nicht sehr erfchüttert«*
„Gewiß. Ich bebaute vor allem von ganzem H«N» ta armen Everett/
„Everett? Wer ist d 's?*
„Ein junger Mann, auf welchetn der Verdacht des Mordet ruht. Es sprechen sehr gravierende UmMude für feine Schuld. Er und Fratlzius hatten am Abend zuvor einen Wortwechsel, und Armitage, der Wirt von ber „Weißen Taube", behauptet, Everett sei erst nach zwei Uhr nachts nach .Hause gekommen. Als er am Abend fortging, sagte er noch ju dem Wirt, er wolle seinen Freund Franzius aufiucheu, der in großer Aufreamig das Wirtshaus verlassen hatte.'
„Was mag diese Aufregung wohl verursacht haben?*
„Die alte Geschichte", versetzte Audrey, indem er A^argarete mit einem vielsagenden Blick ansah, vor welchem sie eirütenb He
Augen senkte.
„Erzählen Sie mir", bat sie mit leiser Stimme, „es interessiert mich so sehr, es ist so unendlich traurig/ .
„Za leider, es ist furchtbar. Kommm Sie, gnädiges Fraulerr^ nehmen Sie hier Platz, ober wollen wir lieber ein Stück gehen? Dort am Ende der Allee ist ein entzückendes Ruheplätzchen."
„Gehen wir dorchin", entschied das jun-e Mädchen. Sie ging voran. Der Baron folgte ihr. Unablässig ruhten seine dunklen Augen auf der schönen, eleganten Gestalt, die vor ihm einherznschweben schien, so leicht und anmutig war ihr Gang. Einmal drehte sie sich um und bückte Audrey mit den herrlichen, schwarzen Augen lächelnd an, daß dessen Herz unaefiüm klopfte. Jetzt war man an einem Kreuzweg angelangt; Audrey trat rasih neben das junge Mädchen.
„Hier ist ein schönes RuhMtatzchen für Sre, gnäbioeS Fräulein. Sehen Sie die entzückende Moosbank, die einen förmlich jan Sitzen ein lad et!"
Margarete nahm Matz und blickte liebenswürdig lächelnd zu ihm empor.
Sein Heitzer Bück verwirrte sie; sie schlug die Au«, »ehe. ihre Livpen bebten leise.
„Warum sind Sie so blaß?" fragte der Barou.
, -rZa, das kann ich kaum erklären/ erwiderte sie. .Trotz berchcheu Tages unb. ber köstlichen Lust fühle ich mich seltsam ^rucfL Wie ein Gefühl der Angst liegt es über mir. Es maß chonchter Aberglaube sein, aber rch halte es für ein Unglück, M begangen Unnrö abzuhalten, auf der kurz woran Amd