Nr 219. Zweites Blatt. Samstag, den 20. September 1902.
11. Jahrgang.
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-^i's!-«. (Gießener Gagevtatt) Unabhängige Tageszeitung (Gießener Weitung)
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für Oberhefsen und die Kreise Marburg und Wetzlar; Lokalanzeiger für Giesten und Umgebung
H^uno Verlag der Gießener Verlagsdruckerri, norm. Wilh. Keller'sche «uchdruckerei, lgegr. 1783); für die Redaktion verantwortlich: Albin Klein, Gießen.
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* Halle 19 Sept. Für die Ermittlung des Mörders der Gendarmm Huß, ist eine Belohnung von 1000 Mk. auSgesktzt worden.
♦ Bonn, 19. Sept. Der emeritierte Rabbiner Dr. Isaak Ruelf ist gestern abend bei einer Radtour in dem Augenblick, als er einem Fuhrwerk ausweichen wollte, zu Fall gekommen. Ruelf wurde von einem Rade der Daumen abgefahren. Nachdem er in seine Wohnung gebracht worden war, verschied er an einem Schlaganfall. Dr. Ruelf stand im 71. Lebensjahre und war früher Redakteur deS freisinnigen Memeler Dampsboot".
* Heidelberg. Prof. Windelbaud in Straßburg hat jetzt den Ruf an unsere Universität angenommen und wird sein Lehramt hier im nächsten Sommersemester antreten.
* Der Tod eines Liebespaares. Aus Zweibrücken wird geschrieben: Ein Liebesverhältnis in Wiebelskirchen hat mit dem Tod beider Liebenden ein trauriges Ende genommen. Ihrer beabsichtigten Heirat hatten jich Hindernisse in den Weg gestellt. Er, ein junger Bergknappe, Namens Jakob Bolz, wählte einen schrecklichen Tod. Er steckte eine Dynamitpatrone in den Mund und brachte sie zur Explosion. Die Wirkung war eine furchtbare, der vom Rumpf gerissene Kopf war gänzlich zerschmettert, der übrige Körper zerrissen. Das Mädchen, die 20jährige Tochter des Fuhrmanns Kolb, suchte und fand den Tod durch Ertrinken in dec Blies.
* Einen interessanten Beitrag zur Fleischnot meldet ein Bürger von Göttingen. Ein Bäuerlein aus dec Umgegend erkundigte sich bei dem Manne nach der Adresse eines Viehhändlers und auf weiteres Befragen erklärte ihm der Landmann, daß dec gesuchte Viehhändler bei ihm schon vor vier Wochen zwei Schweine gekauft und dieselben bis heute noch nicht geholt habe. Warum das Zaudern? Schweine sind doch ein warm und stark begehrter Artikel.
* Der älteste Lehrer Deutschlands ist der Lehrer Schlie im Dorfe Totenwinkel bei Rostock. Der alte Herr ist jetzt 90 Jahre alt und versieht immer noch mit Energie und Erfolg seinen schweren Dienst in einer^mit 60 Kindern besetzten Schulklasse. Zur Zeit hat er 66 Tienstjahre hinter sich. Ein schwerer Schlag war es suc den alten Schulveteranen, als ec vor einigen Wochen seinen im 60. Lebensjahr verstorbenen Sohn, den
Direktor des Großherzoglichen Museums in Schwerin, Geheimer Rat Professor Dr. Schlie zur letzten Ruhe geleiten mußte.
* Der Adler aus Preußen. Ein junger, sehr wohlhabender Gutsbesitzer in Oesterreich-Schlesien durchstreift mit seinem Jäger eines Tages seine hart an der preußischen Grenze gelegene Waldung und hat hierbei das Glück, einen Steinadler zu schießen. Erstaunt über das erlegte Tier, spricht er, zum Förster gewandt: „I hob halt immer g'docht, die Adler Hodens zwei Köpf'," worauf der Förster erwidert: „Gonz recht, Euer Gnoden, ober der hier würd woorscheinlich aus'm Preußischen rüber summen sein."
* Was heutzutage Alles unter Anklage gestellt wird. Eine Arbeiterfrau in Wien war erkrankt, und ihr Mann besorgte ihr eine Arznei, die die Kranke unter ihrem Kopfkissen verbarg. Das jüngste Kind bemerkte, als die Mutter schlief, den Kopf des Fläschchens, zog es unter dem Kissen hervor uud trank den Inhalt aus, Der Arzt wurde gerufen, der ein Gegenmittel verschrieb. Das Kind genas bald, doch wurde dec Vorfall dem Bezirksgerichte zur Kenntnis gebracht. Dec kranken Mutter konnte ein Verschulden nicht zur Last gelegt werden, allein der Vertreter der Staatsanwaltschaft klagte den Vater an, daß er durch Unvorsichtigkeit das Leben seines jüngsten Kindes gefährdet habe, da er, als er am Morgen zur Arbeit mußte, das Kind in der Mutter Bett gelegt hatte. (!!) Bei dec Verhandlung schilderte dec Angeklagte seine Familien- und Wohn- ungsvechältnisse und meinte, er habe gerade aus Vorsicht das kleine Kind zur Mutter gelegt; daß diese die Flasche unter dem Polster verborgen, habe ec gac nicht gewußt. Dec Richter (sprach den Angeklagten frei, da in seiner Handlungsweise nicht die geringste Unvorsichtigkeit zu finden sei.
* Der Mond und das kluge Fritzchen. Fritzchen ist ein sehr kleines dickes Kerlchen, das sich gerne auf dem Arm tragen läßt, weil sein großes Körpergewicht die kleinen Füßchen gar schnell ermüdet. Da er nun auch ein frisches, schönes Bübchen ist, wird er von seiner Wärterin sehr verwöhnt; liebkosend patscht sie öfter auf die Kehrseite und sagt dabei lachend: „Du mit Deinem Mond!" Nun ist aber Fritzchen sehr gescheit und als jüngst die Frau Oberamtsrichter zu Besuch anwesend war, durfte er zeigen, was er schon alles kann. Er trippelt zu seinem Tischchen im Kinderzimmer, holt sein Kinderbuch und legt es der Frau Oberamtsrichter aus den Schooß. Diese schlägt das Buch auf und beginnt zu examinieren: „Nan, Fritzchen, da steh' einmal, was ist denn das?" Und prompt erwidert das putzige
Männchen: „Die Sonn'!" „Schön!" belohnt ihn der Besuch. Und weiter fragt die Dame: „Und was ist denn daS?" Und wieder antwortete Fritzchen rasch: „Die Stern'" „Ja, das ist aber nett von Dir", lobt die Dame, „aber nun sage mir auch, wo ist der Mond?" Da dreht sich das Fritzchen schnell um, legt sich zu Boden, und indem er sich mit dem H^^bn auf die Kehrseite patscht, ruft er freudestrahlend:
* Innsbruck, 18. Sept. Der auf dec Salzfluel in Vorarlbecg verunglückte Tourist ist der 23-jährige Kandidat dec Medizin Ernst Lionett aus Berlin. Er stürzte 3000 Meter tief ab. Seine Leiche war furchtbar verstümmelt.
* Zu den großen Krawallen in Czenstochau wird gemeldet, daß bis jetzt gegen 600 Verhaftungen vorgenommen wurden. Das Vermögen des Klosters habe dec Gouverneur mit Beschlag belegt, um die Bestohlenen für ihre Verluste schadlos zu halteu. In eine unangenehme Lage sei die katholische Geistlichkeit gekommen, die man für die Ausschreitungen verantwortlich mache, trotzdein die Brüder des Klosters sich bemühten, den Aufruhr zu bekämpfen. Es seien vorläufig etwa 20 Geistliche festgenommen worden.
* Originelle Kandidatur. Paris, 13. Sept. Recht sonderbare Ansprüche stellt ein gewisser Raymond Bayle an die StaatSwähler deS Departements Drome, wo er sich um den erledigten Sitz für die erste Kammer bewirbt. „Ich bin noch ledig," erklärt er in seinem Wahlaufrufe, „und wenn ich das Glück habe, Ihr Vertreter zu werden, kann ich eine gute Partie machen. Sie, meine Herren Delegierten, die unter den ehrenwertesten Wählern Ihrer Gemeinden auserlesen sind, können mir die Gattin, die ich wünsche, verschaffen. Wenn ich eine Ihrer reizenden und edlen Töchter heirate, werden Sie über alle Beschreibung glücklich sein. Die, welche mich richtig zu nehmen wissen wird, kann sicher sein, ein Leben voller Seligkeit zu führen; da sie Madame Bayle heißen wird, kann sie sich auch eines schönen Namens rühmen." Jedenfalls würde die betreffende Dame, falls die Delegierten auf Herrn Bayles Lockungen eingehen, einen humorvollen und seiner Verdienste sehr bewußten Lebensgefährten bekommen.
* Chicago, 19. Sept. Die Polizei hat in Erfahrung gebracht, daß zwei Anarchisten beauftragt sind, Roosevelt bei seiner Ankunft in Chicago zu töten. Dec eine der beiden Anarchisten, ein gewisser Rosenbanm, ist bereits wegen anarchistischer Propaganda vorbestraft. Eine eingehende Untersuchung wurde eingeleitet.
Plakate
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Entlarvt.
Roman von Moritz Lilie.
(Nachdruck verboten.)
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Äugend schaute Erna zu ihm empor.
„Dem Vater hat uns hart angelassen", fuhr der Baron fort, „aber es nt doch immer Dein Vater! Vielleicht - und ich hoffe es - nt er müder gestimmt, wenn er sieht, daß sein Kind selbst vor dem äußerlten Schritt nicht zurückgejchreckt ist; er muß sich doch lagen, daß nur die heißeste Liebe sahia ist, ein solches Opfer Lg?Ven. . Darum wolleu wu , jetzt zuruckkehren zum Falken-
Vater um Verzeihuug bitten."
Fnnn nnil1 ^U^Q*' Franz?" ries Erna auftauchzend. O, dann belobe ^ Ä ^% Mit dem Fluche meines Vaters ich keine ruhige Stunde mehr haben *
eher raben^Vg^ ich mm nicht
0 ist e^rp^L m-§ A^ers Verzeihung erfleht habe." - I leise aber U f^ .süßes Weibchen!" sagte der Baron Blick ans ihn lenkte. * 9' ^ die junge Frau besorgt den
"Das nübf- uKa^ untoofcir fragte sie angstvoll. mich"zu Boden drückt", Derf efcV er miMdfe
jedoch ist die Zeit vorgerückt,, und wenn wi?noch v^oE der Nacht anf dem Falkenhose sein wollen, dürfen wir nicht lä!aer Wern. Unterwegs sollst Du bann erfaßen/ mag mÄ sein Geheimnis sei dann mehr zwilchen Dir und mir" * Eine Viertelstunde später ritten die Meubermählhm Dorse hinaus, und Erna erinnerte ihren Gatten an sein Verbrechen
. „Ich hätte Dir alles das, was ich Dir zu sagen habe v^r unterer Trauung mitteilen müssen", begann der Baron ' aber die Furcht, Du könntest mich dann von Dir stoßen hielt "mich davon ab. Ich habe ein wildes, zügelloses Leben geführt und trage einen großen Teil der Schuld, daß das bedeutende Ver- P?^Ä«.^Elues Vaters bis auf einen kleinen Rest verschwunden ist. Aber ich war der Verführte, mein eigener Bruder verleitete Mich dazu. Em leltlames Verhängnis fugte es, daß wir uns zum Verwechseln ähnlich sehen. Aber unsere Charaktere gleichen nur wenig: ich war leichffinnig, lebenslustig und genußsüchng, mem Bruder dagegen gewissenlos und zu allem Bösen fäbia: er
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: ich war leichffinnig, lebenslustig und genußsüchtig, «um nruoer oagegen gewissenlos und zu allem Bösen fähig: er hat manche schlechte That auf dem Gewissen. Noch als Kind * Ms deren drnmendes Verlangen, zu Verwandten nach "^ Aenl Tode aber wieder zurück, und zwar fand n Aufnahme im Hause des Grasen von Rodeck. Und jetzt begann
jene Zeit flotten Lebens. In Prag und Wien trafen wir uns oft, aber seine Mittel hielten mit seinen Ansprüchen nicht gleichen Schritt, und so verleitete er mich, Geld zu schaffen, gleichviel, auf weise Weise. So wurde ich zum Verschwender durch die Schuld meines Bruders und endlich sogar — zum Fälscher!"
Ein leiser Aufschrei kam von Ernas Lippen.
„Mein Bruder drang in mich, ein Papier mit einem fremden Namen zu unterzeichnen: er stellte mir die Sache ganz harmlos und ungefährlich dar. Für dieses Papier erhielt er eine große
Summe Geld, und er verflichtete sich, zur Versallzeit das Papier pünktlich einzulösen. Einen Teil des Ertrages gab er mir, und wir verlebten eine Reihe wüster Tage bei Spiel und Champagner, bis das Geld verjubelt war. Jetzt ist der Wechsel gewiß längst bezahlt, aber ein Betrug war es doch!"
„Eine Unüberlegtheit. Frauz", sagte die junge Frau. „Du hast
mir nie von diesem Bruder erzählt."
, „Ich meide den Verkehr mit ihm, seines heimtückischen und bösartigen Charakters wegen", erklärte der Baron. „Uebrigens führt er nicht meinen Namen, sondern nennt sich Paul Ancelot, nach seinem Pflegevater in Frankreich. Und nun, Erna, ist es klar zwischen uns. Kannst Du mich noch lieben, kannst Du mir den Fehltritt verzeihen, der mich in den Augen der Welt zum Verbrecher stempelt?"
Sie legte ihren Arm auf seine Schulter und hauchte einen
Kuß auf seinen Mund; Worte hätten ihre Vergebung nicht so herzlich auszudrücken vermocht.
„Und nun sei mit der Vergangenheit gebrochen und ein neues Leben an der Seite meines herrlichen Weibchens möge beginnen!" rief der junge Mann vergnügt aus. Der feste Wille, sein junges, edles Weib glücklich zu machen, reifte zum unumstößlichen Entschluß.
Es war spät am Nachmittag, als das junge Ehepaar in der Ferne die altersgrauen Zinnen des Falkenhofes erblickte., Plötzlich ertönte ein freudiger Aufschrei neben ihnen. Ernas Diener war unbemerkt auf einem Seitenwege aus dem Walde herausgekommen.
. „Gott sei Dank, daß ich das gnädige Fräulein endlich ge- Umden habe!" rief er sichtlich erleichtert aus. „Seit dem mchen Morgen durchstreifen wir die Umgegend nach allen Richtungen, um Sie zu suchen. Nun ist alles gut -" è vollendete nicht. o .
Wieder wurde Hufschlag hörbar, diesmal hinter thuen. Zwei Gendarmen parierten vor dem jungen Mann ihre Pferde.
„Sie sind der Baron Franz von Halek?" fragte der ältere.
„Der bin ich, aber was wollen Sie von mir? Und vor allem, lassen Sie die Zügel meines Pferdes los?" rief der Ge-
fragte erregt aus.
„Dann verhafte ich Sie im Namen des Gesetzes wegen Fälschung", erklärte der Beamte, indem er die Hand auf die
Schulter des Barons legte.
Kreidebleich starrte Erna auf die Scene. .
Der junge Mann wankte im Sattel: wie hilsellehend '' ite er sich nach allen Seiten um. Da fiel sem Blick auf
1 ' " - " " " * ■ Zweckte. Mit einem
!mn^unges Beiö7dessen Antlitz Le'i^nfarbe bedeckte Mit einem raschen Griff riß er seinen Revolver aus der Tasche, der wilde
^„Erna, mein Weib, verzeihe mir — lebe wohl!" kam von seinen Lippen, und ehe es noch jemand zu hindern vermochte, krachte ein Schluß, und blutüberströmt stürzte er vom Pferde.
Ein Mark und Bein durchdringender, gellender Schrei ertönte aus Ernas Munde, dann sank sie ohnmächtig in die Arme ihres alten Dieners. . . , . <
Die Gendarmen waren abgesttegen und knieten neben dem leblosen Körper des Selbstmörders, dessen Wunde unterluchend.
„Hier hat die irdische Gerechtigkeit ein Ende, sagte der ältere der beiden. „Mit dem ist es vorbei. Schade,, der Fang hätte uns gewiß eine Belobigung unseres gestrengen Herrn Vorgesetzten eingetragen!"
Ein dunkler Punkt.
Die Nacht war längst hereingebrochen, als Ema die Augen aufschlug. Sie lag in ihrem Bette, bewacht und mit rührend« Sorgfalt gepflegt von der alten, treuen^Brigitte. ,
Diese hatte mit Mühe ihre Pflegebefohlene in ihr Zimmer und ins Bett gebracht, wo ne m eme Art Betäubung verfiel. Ein flinker Einspänner wurde sofort nach der nächsten Stadt gesandt, um einen Arzt zu holen und Hem von Fallenhof von der Ankunft und dem Zmtan.de .seiM Tochter benachrichtigt. —
Schlürfenden Ganges, wie ein Gespenst, erschien er in threm
wird sich bei ihrer dummen Passion, in der Nacht draußm hemmzureiten, erkältet haben", sagte er in gleichgiMgem
Tone.
Ohne sich weiter um seine Tochter zu bekummmi, oalleh er das Zimmer, um zu feinen Buchern zurückzukehren.
Ser Arzt nahm eine genaue Untersuchung vor. und htabrt Krankheit!""" M M °°" der nächsten B««M>m, M,