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Nr. 139.

Erstes Blatt

Abonnement^prciS : in Gießen, abgeholt monatlich bO Pfg., in'« Haus gebracht 60 Psg., durch die Post bezogen viertel­jährlich Mk. 1-50.

Gratisbeilage» : Qberhrssische ff-milie-zeituaa ltüglich) -7berhesni»e Zeitschrift für tka-dwirtschast, Qbn nnd Gartenbau, sowie die Gießener Sei,enbla,en wöchentlich'. Das Blatt erscheint an allen Werktagen nachmittag«.

Donnerstag, den 19. Juni 1902.

Gießener

________________11.5 Jahrgang.

JusertiovSvrel« Die einspaltige Pclitieile Mr Gießen wie, ganj Oberhefsen, die Kreise Weßlar unb Marburg 10 sonst 15 Pfg.: Reklamen die Petttzeile 30 resp. 40 Pfg

PoslzeilungSttstc No. 3032.

Rebaktton und Expedition: Gießen, Neuenweg 28.

Aenefle Nachrichten

(chiekener Uageötatt)

Zlnaöhängige Tageszeitung

(Oiekener Weitung)

für Oberhefsen unb die Kreise Marbnra und Wetzlar; Lokalanzeiaer für Giesten und Umgebung

Druck und Hering der Gießener Verlagsdruckerci, Vonn. Wilh. Keller'sche Buchdruckerei, (gegr. 1783); für die Redaktion verantwortlich: Albin Klein. Gießen

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-l» nähme der direkten und geheime« Wahl durch die Zweite Kammer

Die Zweite Kammer hat in ihrer Sitzung vom Dienstag den Artikel 4 der Regierungsvorlage:Die Zweite Kammer geht aus direkten Wahlen mit geheimer Abstimmung hervor", mit 40 gegen 5 Stimmen angenommen.

Die Kammer hat mit dieser Abstimmung zweifellos dem Empfinden weiter Volkskreise Rechnung getragen und wir sind auch der Ansicht, daß sie mit der Annahme der direkten und geheimen Wahl recht gethan hat. Nicht, daß wir dieses Wahlrecht für das vollkommenste oder nur ge­rechteste hielten. Denn die Reichstagswahlen zeigen, daß die Ergebnisse sehr vieler Wahlen aus geschickter Agitation und aus Kompromissen hervorgehen, wobei die Meinung der Mehrheit nicht zum Ausdruck kommt. Aber eine Be­schränkung der Wahlfreiheit, wie sie in den indirekten Wahlen liegt, steht im Widerspruch zu der Entwicklung, die das gesamte Volksleben unter dem Einflüsse der modernen Gesetzgebung seit 1870 genommen hat. Nachdem diese Gesetz- »gebung dasfreie Spiel der Kräfte" namentlich auf j wirtschaftlichem Gebiete zur Geltung brachte, das vielen st Kleinen an den Lebensnerv ging, Kapital und Rücksichts­losigkeit zu ersten Machtfaktoren erhob, aber doch die In­dustrie und den Nationalwohlstand zu riesiger Höhe empor- sührte, sehen wir nicht ein, warum diese»freie Spiel der Kräfte" nicht auch bei den Wahlen zu Volksvertretungen zugklassen werden sollte. Es scheint uns dies eine einfache Konsequenz der Gesamtentwicklung des Volkstums zu sein, her auch die Erste Kammer nicht widerstreben sollte Wir versprechen uns als h-ilsamste Folge der direkten und ge­heimen Wahl eine Aufrüttelung der lauen Wählermassen auch oh nie gesetzliche Wahlpflicht. Wer sich po­litisch nicht unterkriegen lassen will, muß eben mitthun; und wer nicht mitthut, hat kein Recht zur Klage. Staats- minister Rothe sagte ganz richtig, wenn die staatserhallenden Purteien nicht ohne Wahlzwang zur Urne schreiten, dann sind sie nichtst aatserh a lten d". Wer in der harten Schule des wirtschaftlichen Konkurrenzkampfes steht und sich nicht werfen läßt, wird auch dem politischen Kon­kurrenzkampf, wie ihn das neue Wahlgesetz entfesseln wird, furchtlos entgegensehen.

Politische nachrichten.

* Der Kaiser trifft heute in Aachen ein, woselbst er auf dem Rathause eine belgische Abordnung empfängt.

Darmstadt, 17. Juni. Der erste Ausschuß der Kammer beantragte den Antrag Haas - Darmstadt

über die Förderung genossenschaftlichen Ver-! kaufs von Getreide und anderen landwirtschaft­lichen Erzeugnissen (K o r n l a g e r h ä u se r) zur Zeit für erledigt zu erklären mit Rücksicht auf die ungünstige Finanzlage und den nahe bevorstehenden Schluß des gegenwärtigen Landtages. Ebenso beantragt der erste Ausschuß, den Antrag des Abg. Köhler-Langsdorf über die Zurückvergütung der Baukosten für von den Kreisen zu übernehmende Gemeindechausseen für er­ledigt zu erklären, da eine Aenderung des Gesetzes im beantragten Sinne im Hinblick auf Art. 6 des Kunst­straßengesetzes nicht begründet sei.

* lieber das Befinden des sächsischen Königs wird gemeldet:

Sibyllenort, 18. Juni. Auf den gestern ohne wesentliche Störungen verbrachten Tag folgte eine un­ruhige Nacht. Der König hat wenig geschlafen, das Atmen war zeitweise erschwert. Puls 100, regelmäßig, keine Fiebererscheinungen.

(gez.) Dr. Fiedler. Dr. Selle. Dr. Hoffmann.

BreSlau, 19. Juni. Anläßlich des gestrigen 4 9. Hochzeitstages des sächsischen Königspaares waren in früher Morgenstunde bereits über viele 100 Glück­wunschtelegramme eingegangen, darunter von fast sämtlichen deutschen Fürsten, Kaiser Franz Joseph unb. dem französischen Präsidenten. Kaiser Wilhelm sandte bem kranken König ein wunderbares Blumenarangement und ein Handschreiben. Der König ist über die vielen Beweise sichtlich erfreut. In der Schloßkapelle fand um 9 Uhr eine stille Festfeiec des kgl. Hofes statt. In der unmittelbaren Umgebung des Königs hat man heute mehr Ivie bisher den Eindruck, daß die Kräfte im Ab­nehmen begriffen sind. Trotzdem versah auch heute Vormittag der König eine Anzahl Regierungssachen mit seinem Namenzuge. Er beantwortete wiederholt die Frage, ob ihn die Geschäfte nicht zu sehr ermüdeten, verneinend.

Generalfeld marsch all Gras Waldersee ist vom Kaiser telegraphisch zur Teilnahme an den Fest­lichkeiten nach Aachen berufen worden. Auch Reichs­kanzler Graf Bulow und Generaloberst Freiherr von Loe treffen dort ein.

* Die deutsche überseeische Auswanderung betrug int Mai d. J. 3520 Personen gegen 2569 im Mai vorigen Jahres. Aus deutschen Häfen ivurden im Mai b. J. neben 2775 deutschen Auswanderern noch 32 004 Angehörige fremder Staaten befördert.

* In diesem Jahre sind in Deutschland nur 392

Zuckerfabriken mitRsibenvecacbeitung im Betriebe, gegen 397 im Vorjahre. Für diese jFabriken sind 429 341 Hektare bepflanzt worden, gegen 476 373 im Vorjahre.

Eine neue Schußwaffe. Der Oberst der franz. Kolonial-Truppe Humbert, machte eine Erfindung, welche eine Dodftänbige Umwälzung auf militärischem Gebiet Hervorrufen dürfte. Es handelt sich um einen an allen Schußwaffen anzubringenden Apparat, durch loelchen der Schall beim Schuß vollständig beseitigt wird.

Oesterreich.

Der Kaiser unternahm Mittwoch früh die Fahrt auf den Hochschneebecg. Im Berg-Hotel sprach der Kaiser auch den die deutsch-französische Kriegs-Medaille tragenden Fabrikanten Engau an und fragte ihn, unter wessen Kommando er den Feldzug mitgemacht habe. Als der Fabrikant antwortete: Unter König Albert von Sachsen, erwiderte der Kaiser, der liegt leider krank darnieder. Sein Ableben wäre ein großer Verlust für uns alle.

Aus unseren Kolonien. In dem Süden unseres südivestafrikanischenSchutzgebietes sind seit Ende Mai d. J. 36 B n r e n f a m i l i e n mit 313 Köpfen eingewandert. Denselben sind Grundstücke pachtweise überlassen worden in der Erwartung, daß da» Pacht­verhältnis mit der Zeit zur eigentümlichen Erwerbung der Farmen führen wird.

tonischer Landtag.

Darmstadt, 18. Juni.

Spezialdebatte über das Wahlgesetz.

Zu Artikel 1 des Gesetzes wird der Antrag H a a «- Darmstadt mit allen gegen eine Stimme angenommen, der dahin geht, daß in diesem Artikel nicht von Landständen die Rede sein soll, weil das den Eindruck erweckt, als handle es sich um eine ständische Vertretung, sondern statt dessen vom Landtage, womit deutlich zum Ausdruck gebracht sei, daß es sich um Vertreter des ganzen Volkes handle.

Abg. David will die erste Kammer überhaupt beseitigt wissen; deshalb würde er und seine Partei gegen den Artikel 1 stimmen. Staatsminister Rohtc: An der ersten Kammer würde die Regierung unbedingt fest« halten.

Darauf wird Artikel 1 des Gesetzes mit allen Stimmen gegen die der Sozialdemokraten angenommen.

Gerrteerd.

Novelle von E. V e l y.

(Nachdruck verboten.«

Der Tag läßt sich aber schlecht an für ihn die Leute lihen heute in ihren Häusern, wie die Hamster

giebt absolut nichts

im Bau, es

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Eilie Zeil lang schissen seine Gedanken auf den fremden neu, die er gesellen, dann müssen sie anch

nid|t immer

'"üZenclnu nun, denn sein Gesicht verfinstert sich, er macht eine unmuthige Bewegung und ruft Geerteerd.

, bat den Laut schnell vernommen und steht bald "iiviiiii neben ihm.

6in Reiter, sagt er, das ist gar nichts, so windstill.

Morgen, meint sie. Es ist Henle alles hell an ilii. dn Mnne, das «leib, die Summe.

teilt -egel lann sich rührig brummt der Alle.

Mag sich äubern, antwortet

tilgen

ist's auch still Abend die Kohlen

Die Jungens, feiner kommt daher.

und sieln

GecNeerd, legt die Nachbarhaus bin.

Hand Tort

unb wird sich ändern, meint Reick zum jclnirt, weiß sie mehr, als am Morgen.

Manie!, sind alle am Land, aber

spricht

Wart- ab!

Er schüttelt den Kopf.

Sie schlägt die Arme

Edo Finnink ist kopischeu.

. , unter der Brust zusammen; sie hat

ein Gefühl, als gäbe es nichts mehr zu thun, als zu warten. Alles ändert sich, sagt Maniel, von Bestand ist niditv. Sie reißt die großen, schwarzen Augen aus. Wenn Zwei einander gut fin^tbaS bleibt, spricht sie wie im Traum.

Ein heiseres Lachen antwortet ihr.

Ueber Nacht kann eine Springfluth kommen, Deern Ja, Vater, wie Anno 55

Er nimmt die Pfeife aus dem Munde und deutet nach dem Hause. Kann weg sein, als wenn ich's von der stachen Hand wische

Ja ja entgegnet sie. Ihr war, als habe sie drüben am Fenster Jo's Kopf auftauchen sehen. Warum soll das nicht sein? sie blickt ja auch nach ihm aus.

Einmal, spricht Eilande so nahe

der alte gelegen,

Spiekerooge ein Brod auf reichen können

Sie nickt, die Erzählung

Seemann weiter, sind die beiden daß sie von Wangerooge nach der Ofenschaufel haben hinüber-

ist für ein Jnselkind nicht neu.

Dazumal ist ein Flüßchen gewesen, heute gehl die See dazwischen.

Vierzig Fuß tief! bestätigt Geerteerd.

Der Alte guckt sie lauernd an.

Kannst was draus lernen, Deern!

Ach, Vater

Kannst es! braust er aus. Edo Finnink hast Du kopf­scheu gemacht der war mir recht. Wenn Du einen Andern bringst .... setzt er zögernd hinzu, heute sind Junge und Deern einander gut kann eine Nacht sein, da ist Tiefwasser dazwischen

Wie ein kühler Wind weht es über sie hin, dann aber schüttelt sie den Kopf.

Ist Dein Denken immer so gräuclich gewesen, Vater?

Wie ich noch ein Scart war, nicht.

Einen Augenblick sieht sie ihn forschend an.

Baler, warum hast Du keine Freundschaft unter den Leuten wie die Andern?

Brauche feine!

Wieder eine Pause, dann fragt sie: Warum hat Reick Toben Feindschaft aus Dich und mich?

Er rückt aus bem Stuhle hin und her.

Habe lischt nachgefragt.

War meine Mutter gut mit ihr?

Er stößt einen Fluch aus und hebt wie drohend die Faust.

Weib-bilderarl kannst Einen nicht in Ruh' lassen?

Sie huscht mit einem Lächeln in's Haus, jetzt N»t sie nichts an, auch des Balers Uligeduid nicht, der sie doch selber gerusen hat.

Der Mittag kommt. Maniel ist noch immer allein ge­blieben, er läßt seinen Unmutb an Geerteerd aus. Sie senkt die langen Wimpern und sagt: Zwischen jetzt und Abend kann noch viel sein. , e

Wartest etwa auf einen Freier?

Kann sein! lacht sie. Häufig sitzt sie lässig herum. Dabe: denkt sie, wie es wohl jugegangen ist, daß ihre Mutter tw Vater hat gut sein können. Dazumal mu8 ex fieüuü nach anders gewesen sein. Sie hat keine Erinnerung an die WinUer. Es fällt ihr ein, daß ihr nie der Hügel derselben gezeigt i|i.

Die alle Großmutter, welche in Mani el's Haus gewnlb schaslet hat, hat« vergessen nun ist bereit Ruhestätte eben­falls längst verweht. Kaum vierzehnjährig ist Geerteerd all gewesen ' aber die Haussrauensorgen haben ilm jungen Schultern nicht gedrückt, sie ist schlank unter ihnen cmpvrgervachien und drüben im Nebenhanse Jo und zwischen lOneu buc Gutsein.

Heimlich genug denn Reick Toben ihre Augen sind wach­sam gewesen hal sich Jo zu Geerteerd zu finden geunrnl. wenn sie auf den spärlich bewachsenen Wiesen herumgelann o m, ober halb vom Dünenhafer verborgen im Sande lag, den kleinen Eidechsen zusehend, wie sie bcherrd hin und her schlinnlen ^ibiiie bat er ihr gebaut aus allen angeschwemmten Brettern und dann hat sie allemal gesagt: Jo, wenn Du groß bist nnd über s Wasser kannst, gehn wir in die weite Welt. Die nächste Welle hat dann oft das kleine Fahrzeug davon gerissen, aber die Aiuder- augen haben einander zuversichtlich angeguckt.

So soll's einmal sein.

Es kommt jetzt über Geerteerd wie ein Druck, sie kann es in den engen vier Wänden nicht niehr aushalten, sie ,uuß hinaus das Meer sehen.

Heimlich eilt sie in die Dünen und bahnt sich geradeweg« den Psad nach dem Strande. Im Stillen hat sie gehofft, Jo wäre auch draußen. Aber kein Mensch ist weit und breit zu sehen das Meer glatt und träge, endlos vor ihr.

(Fortsetzung folgt)