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Wr. 269

Dienstag, den 18. November 1902.

11. Jahrgang

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A^-»eme»t preis : in Gießen, abgebolt monatlich dO Ptg., ins HauS gebracht 60 Psg., durch die Post bezogen Viertel8 jährlich Mk. 1.50.

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.iu,^tio»SvreiS : Die einspaltige Petit,eüe für Gießen wie ganz Oberbeffen, die Kreise Wetzlar und Marburg 10 Pig- sonst 15 Pfg.; Reklamen die Pelitzeile 30 resp. 40 Psg.

Postzeitungsliste No. 3032.

Redaktion und Expedition: Gießen, Neuen weg 28. Fernst recha»schlaft Nr. 362.

Nnaöyängige Tageszeitung

(Gießener Zeitung)

für Oberhefseri und die Kreise Marburg und Wetzlar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung.

Enthält alle amtl'chen Bekanntmachungen der Großherzoglichen Bürgermeisterei Güßen.

K Ter Mordanschlag gegen den König der Belgier lenkt die öffentliche Aufmerksamkeit wieder auf bie Ge­fahren des Anarchismus, der so alt ist, wie die inensch- »2^Bö^ 1 59 lche Organisation selbst, der aber mit wechselnder starte r^Z^ft^S ouftaucht und wieder verschwindet. Seinem ^Wesen nach

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ist er nichts anderes als die Ausrufung des eigenen Willens zum unumschränkten Herrn der Entschlüsse und Handlungen. Ein Anarchist leugnet alle Pflichten und sittlichen Begriffe; für ihn gibt es weder Gutes noch böses, denn er legt weder sich, noch anderen Rechenschaft Über sein Tun und Lassen ab. Indem er aber alle sitt- ; ichen Gemeinschaften verneint, macht sich ein Anarchist ; ;um Feinde jeder menschlichen Kultur. Er glaubt frei » iu sein und ist in Wirklichkeit nur der Sklave seiner r Leidenschaften. Schon die theoretische Vertretung anar^ j Histischer Grundsätze ist sonach eine öffentliche Gefahr, sveil sie die Bedingungen eines geordneten Zusammen­lebens der Menschheit, die Sittlichkeitsbegriffe, aufhebt : and an die Stelle der kulturellen Friedensgemeinschaft * das brutale Prinzip des Rechts des Stärkeren und des

Kampfes aller gegen alle setzt. Und doch ist der rein theoretische Anarchismus noch verhältnismäßig ungefähr­lich gegen die in neuerer Zeit gepredigte Propaganda der Tat, die an die Stelle der Gerechtigkeit, als Len­kerin der Menschheit, den Terrorismus setzt. Die Pro-

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er bedaure, den König nicht getötet zu haben, hoffe aber, daß ein anderer glücklicher bei der Ausführung einer solchen Tat sein werde. „Eines Tages wird mein Sohn großjährig sein und sich daran erinnern, was ich für und durch die Gesellschaft erlitten. habe; er wird mich rächen." — Weiter wird aus Brüssel gemeldet: Die Po­lizei nahm mehrere Verhaftungen vor, von denen fünf aufrecht erhalten wurden. Unter den Jnkriminierten be­findet sich auch ein Elsässer namens Kiener, der erst seit etwa acht Tagen in Brüssel weilt und sich standhaft weigert, sein Logis anzugeben. Der Anarchist Mesdag sagte freiwillig aus, daß Rubino wohl versucht habe, sich an ihn zu drängen, daß er ihm ein Packet mit Rasier­zeug und Zeitungen fanbte und ihm mitteilte, daß er für den 15. November eine Beschäftigung hätte, ihm — Mesdäg — aber sowohl wie seinem Kameraden Chape­lle, dein sofort wieder freigelassmen Anarchisten, sei Ru­bino widerlich und verächtlich vorgekommen. — Es ist das erste Mal, daß man auf König Leopold in seiner fünfunddreißigjährigen Negierungsperiode ein Attentat versucht. Er war eines der wenigen zeitgenössischen Staatsoberhäupter, die bis jetzt von Mordanschlägen ver­schont blieben.

Die Politik

pnganbiften der Tat wollen die Welt neu aufbauen, in

* In Frankreich wird ein Ge se tz g e ge n d e n vi l koholismus vorbereitet. Dann wird es gehen, wie in Amerika, wo manche Männer von ihren grauen zwan­zigmal im Tage heißes Wasser — „zum Rasieren" — fordern, weil sie ihren Rum und Brandy nicht kalt trin­ken wollen.

* Ein nationalistischer französischer Abgeordneter will einen Gesetzentwurf einbringen, wonach die Berg­arbeiter an dem Reingewinn beteiligt werden sollen — also ein Wettbewerb der Nationalen gegen die Sozial- bemofratie.

* Nach einer Meldung aus Paris will man auf den seinerzeit abgelehnten Vorschlag Clömenceaus zurückkom men und den Krondiamanlen „Regent" zu Gunsten der Stiftung von Arbeiterpensionen verlaufen. 1791 betrag der Schätzwert des Juwels 12 Millionen Francs.

* Das neue Kabinett in Bulgarien ist ^cbilbet und folgendermaßen zusammengesetzt: Danew Präsidium und Aeußeres, Sarafow Finanzen, LudSkanow Inneres, Ra dew Unterricht, Todorow Justiz, Popow, Vizepräsident der Sobranje, öffentliche Arbeiten, Abraschew Handel und Paprikow Krieg.

♦ Ter Generalpostmeister der Vereinigten Staaten wird beim Kongreß beantragen, die Verhandlungen mit Deutsch­land, England und Frankreich zu genehmigen, wonach das Briefporto auf 2 Cent festgesetzt wird.

* Ter Prätendent, der dem Sultan von Marokko die Herrschaft streitig machen wollte, ist gefangen ge­nommen worden. Damit ist der Aufstand zu Ende.

* Die Barcelonaer Polizei entdeckte in eine • Land­haus bei dem Hospital 35 Gewehre und 6000 Patronen für einen am Freitag geplanten Karlistenputsch. In - der betreffenden Nacht wurde der Telegraph tatsächlich dort Durdjfdmittcn, aber die Verschworenen führten ihre weitere Absicht angesichts der Wachsamkeit der Be­hörden nicht aus. Man glaubt, daß noch mehr Waffen verborgen sind.

* Mehrere Stämme haben dem Gouverneur von Te- tuan dem spanischen tobtet von Marokko, ihren Bei- ftan^ angeboren. Die Operationen gegen die Zemmur- Kal :: wird der Sultan von Marokko mit einer Armee von 25 000 Mann persönlich leiten.

Der Kaiser in England.

£ Sonntag Vormittag wohnte der Kaiser mit anderen in Lowther Castle anwesenden Gästen dem Gottesdienste in der Kirche in Lowther bei. Nach dem Frühstück unter­nahm er bei schönem Wetter einen Spaziergang. Während )es Diners und am Abend spielte die Kapelle Earl Lons- )ales. Der Kaiser überreichte persönlich dem Earl Lvns-

dem sie durch schreckensvolle Taten Furcht unter ber Menschheit verbreiten. So lauten ihre Theorien. In Wirklichkeit aber wollen sie keine Erziehung der Mensch- fait, sondern es regt sich in ihnen die grausame Lust der Zerstörung und der Vernichtung. Je grauenvoller - und entsetzenerregende die Wirkung ihrer wilden, ver­brecherischen Taten ist, um so höher ist das Machtgefühl mid die persönliche Befriedigung des Anarchisten, dessen Zerstörmigstrieb nicht gesättigt werden kann. Mit Vor­liebe wählen sich die Anarchisten ihre Opfer unter de- »an, die aus des Lebens Höhe wandeln, weil die Wir­kung ihrer Verbrechen und damit ihre persönliche Be­friedigung mit der persönlichen und sozialen Bedeutung ; ihrer Opfer wächst. — Niemand ist sicher, ob er nicht : in der nächsten Stunde das Opfer eines anarchistischen .Nordanschlages wird. Denn auch der Massenmord ist ^„ es, der die grausame Phantasie des Anarchisten beschäf- 5^ rigt und seine blutgierige Wollust reizt. Es ist daher ^L unbedingt notwendig, daß die menschliche Gesellschaft ^- die anarchistischen Elemente nach Möglichkeit ausrottet. 3? Hieran haben alle Schichten der Gesellschaft und alle 0,: kleien ein Interesse, — and) die Sozialdemokratie. Z- ^^kn namhafte Führer versichern in durchaus glaub- § : würdiger Weise, daß die Sozialdemokratie die schärfste y* ^' 'gucrin des Anarchismus sei, und dennoch empfiehlt § «ihre Presse durch die Betonung des defekten Geistes- z-zustandes die anarchistischen Verbrecher dem Mitleide SÄ der Gesellschaft. Selbst wenn man annehmen will, daß sittlichen Defekte die Folgeerscheinungen geistiger ^.Mängel sind, wird die menschliche Gesellschaft darauf Wbedacht sein müssen, diese Feinde der Ordnung und der ^;men)d)Iid)en Kultur unschädlich zu machen und, soweit V^dies möglid) ist, auszurotten. Das kann nur geschehen, ^»iuenn bie einzelnen Staaten unetereinander die Ver- A " zeichnisse verdächtiger Personen austauschen und solche r# Elemente, die sich als Anarchisten bekennen und als rt- 5a Wime agitieren, an einen Platz deportieren, von wo sie 7 » " nicht entrinnen können, am besten nach einer Meeresinsel durch Schiffe in einer für Feuergeschütze erreich­st^ £ ? baren Nahe bewacht wird.

^'^^^ e Weber ben Attentäter Gennaro Rubino

§ § HtJ'nerben auo Bttonto folgende Einzelheiten mitgeteilt: Er £ ^H^Ä??"â' am 24. November 1859 geboren als Kind acht- rt dS^S -^arer Eltern. Er hat seinerzeit im 50. Jnfanterie-Rc- ‘S fi ^^ftP911.1.16111 Zu Florenz gedient und sollte als Feldwebel ent-

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Solisten werden; er wurde aber vor ein Kriegsgericht ge- ^^i^^^^ und zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt, weil er t'&'?!?™" Artikel gegen seinen General veröffentlicht hatte. v 2 seiner Entlassung aus dem Gefängnis wurde er 305 $ ? Sozialist. Er verkaufte Hab und Gut, um den imglück-

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, . Er verkaufte Hab und Gut, um den unglück- x ^n 'Sauern zu helfen. Als er mit seinen Mitteln zu » ^'oe war, unternahm er Reisen. Vor sieben Jahren er nach London, wo er eine Buchhalterstelle erhielt, ^om Sozialismus ging er zum Anarchismus über und and Aufnahme in "den Anarchistenklub der Charlotten- ,ßraße „Autonomie". Während dieser Zeit heiratete er $ eine Engländerin, mit der er ein nunmehr vierjähriges 0 "tob Oft- „ Später wurde er als Spitzel verdächtig und s ausgeschlojsen. Während der Brüsseler April-Unruhen v sandte er Beiträge zur Fortsetzung des Ausstandes nach 5 Brüstet an die belgischen Sozialisten, um seinen ehemali- » gen Freunden zu beweisen, daß ihre Verdächtigung falsch K ft. Später entschloß er sich, nach Brüssel zu reisen, 7 zu dem ausgesprochenen Zweck, ein Mitglied der könig- bchen Familie zu erworben. In dem Verhör sagte er.

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)ale die Insignien des Kronenordens erster Klasse.

Verständigung in der Zolltariffrage.

CB. Wie wir zuverlässig erfahren, ist durch die 'chiedenen Verhandlungen zwischen Regierung und Vertretern der Mehrheitspartnen ein vorläufiges

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kommen dahin gehend erzielt worden, daß die Sätze ber Regierungsvorlage angenommen werden, daß aber die höheren Sätze für Getreide und die Bindung der Vieh­zölle in einer Resolution der Regierung empfohlen wer­den. Weiterhin will die Mehrheit für eine Durchführung der Zolltarifreform vor Ablauf der Gesetzgebungsperiode — also vor Juni 1903 — dadurch sorgen, daß bei der Beratung des Zentrumsantrages, aus den Mehrergeb­nissen der Zölle eine Witwen- und Waisenversicherung ;u schaffen, die Annahme des ganzen Zolltarifs en bloc beantragt und beschlossen werden soll.

Zur Jugendfürsorge.

r Im Anschluß an das Fürsorgegesetz hat das preu­ßische Ministerium des Innern kürzlich Bestimmungen über das Vorgehen gegenüber jungen Mädchen getroffen, die sich eines liederlichen Lebenswandels schuldig ma­chen. Es wird die Weisung gegeben, an die Eltern oder die Vormünder die Aufforderung zu richten, dem un* sittlichen Treiben der Pfleglinge ober der Kinder Ein­halt zu tun. Bleibt diese Aufforderung erfolglos, so ist bei Minderjährigen unter 18 Jahren auf Grund des Gesetzes vorn 2. Juli 1900 der Antrag auf Fürsorge­erziehung durch die dazu berechtigten nnb verpflichte­ten Behörden zu stellen. Es ist sehr zu begrüßen, daß jugendliche Personen, wenn man einen unstatthaften Le­benswandel an ihnen beobachtet, nodmiatë der strenge­ren elterlichen Zucht oder den Einwirkungen der Zwangs­erziehung unterworfen werden.

Die Angelegenheit der Seeräubers rage im Mittelmeer ist zwischen Italien und der Kürtet ge­ordnet. Kommandant Arnone hat die für die Familien der beiden in Midi getöteten Seeleute festgesetzte Ent- [d)äbignng ausgezahlt erhalten, die Sdm Pippen der See­räuber sind zerstört worden. Sieben von ihm genommene Sceräuberschaluppen hat Arnone nebst drei Flüchtlingen aus der Erythräa, die an den Seeräubereien beteiligt waren und ihm von den türkischen Behörden allsgelieferi worden sind, unter Eskorte nach Massauab geschickt. Ar­none hat dort eine Entschädigung für Räubereien, die von Piraten der Insel Tahlai begangen worden sind, sowie für Abgaben eingezogen, die willkürlich von Fahrzeugen aus der Erythräa erhoben worden sind, r d ist dann mit seinen Schiffen nach Massauah in ^<mtgen.

Sturze politische Nachrichten.

* Prinz Eduard von Sachsen-Weimar, eng­lischer Feldmarschall und Oberst des 1. Regiments Lste- Guards, ist im Alter von 79 Jahren an Blinddarm­entzündung gestorben. Die Verwandtschaft des Verstor­benen mit "bem regierenden Weimarer Hause liegt sehr wert zurück; der letzte gemeinsame Ahnherr war .der Groß- Herzog Karl August, der Freund Goethes. Prinz Eduard hat am Krimkriege teilgenommen.

Plab und fern

V Deutsches Eigentum in Guatemala zerstört. Der Generalkonsul der Vereinigten Staaten in Guatemala sagt in seinem Berichr über Len durch den Ausbruch des Vulkans Santa Maria den Kaffeepflanzungen zugefügten Schaden, den er auf 5 Millionen Dollars schätzt, daß viele der zerstörten Pflanzungen Eigentum deutscher Staatsangehöriger seien. Diese seien dadurch vollständig verarmt, da sie die Pflanzungen mit dem Gelde frem­der Banken angelegt hatten.

8 Raubmord an Bord eines deutschen Kriegsschiffes. An Bord S. M. S. „Loreley", die augenblicklich zur Re­paratur im Hafen Piräus bei Athen liegt, wurden nachts der Posten, Matrose Köhler, und Wachtunteroffizier Franz Bideritzki ermordet und über Bord geworfen. Eine Kiste mit geheimen Sachen wurde vermißt. Zwei Matrosen, die außer den Getöteten an B ord schliefen, hatten nichts gehört. Die Leiche des ermordeten Unteroffiziers wurde von Tauchern in unmittelbarer Nähe der „Loreley" im Hafen aufgefunden, auch die geraubte Kiste entdeckte man beim Leuchtturm. Sie war beschädigt, aber nicht geöffnet. Werftarbeiter erscheinen der Tat verdächtig, vielleicht in Kollusion mit Leuchtturmpersoual. Am Leuchtturm wurde eine verdächtige Frau verhaftet. Ter deutsche Gesandte hat die erforderlichen Maßnahinen beantragt; die griechischen Behörden zeigen großen Eiser. — Nach anderen Mel­dungen handelt es sich bei dem Raube um einen eiser­nen Schrank, der wichtige Dokumente der deutschen Bot schaft in Athen enthielt. Die Räuber seien in der Schiffsbarkasse entflohen, die man später am felsigen Ufer angetrieben auffand An Bord des Schiffes befan­den sich nur die nötigsten Wachmannschaften, der übrige Teil der Besatzung und die Offiziere wohnten während der Reparatur am Land. Ter Kapitän der „Loreley", Kapilänleutnant von Reuter, hat eine Belohnung von 1000 Frcs. für die Entdeckung der Täter ausgesetzt.

^ Ein Gymnasiast als Ltraßenräuber. In Budweis machte seit einiger Zeit ein halbwüchsiger Bursche, der mit einem Havelock bekleidet und mit einem Revolver bewaffnet war, die Umgegend unsicher, indem er ein­sam gehende Frauen und Männer am lichten Tage an­fiel, sie mit dem Revolver bedrohte und von ihnen Geld forderte. Zuletzt überfiel der Bursche einen Magazcns- arberter, doch diesem gelang es, dem Angreifer nach längerem Ringen den Revolver zu entreißen, woraus der Attentäter die Flucht ergriff. Jetzt konnte der jugend­liche Straßenräuber dingfest gemacht und verhaftet wer­den. Es ist ein 16jähriger Tertianer des Budweiser cze-