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gier I Nr. 243.

iHv^.iement preis : in Gießen. a>>gebolt monatlich 50 Psg., ins Haus gebracht 60 Pia. durch d,e Post bezogen vicrtel- jSbrlich Mk. 1.50.

<«r-tiSb.il°g-° Lbe. h.'ttsch- ^-mlli.nz-itu.gttäg'ich» Qderheiiischr Zeiischri't für Landwirtschaft. Ob» o«d («atttuban, sowie die Gießener S-if-ndlase» wochentbch). Das Blatt erscheint an «Den Werktagen nachmittags.

Zweites Blatt

Samstag, den 18. Oktober 1902

11. Jahrgang

Gießener

Zv)^tio«Svrets : Die einspaltige ^etitjeile für Gießen wie ganz öberbeffen, die Kreise Wetzlar und Marburg 10 Pfg. sonst 15 Pfg.; Reklamen die Petitzeile 30 resp. 40 Pfg.

Postzeitungsliste No. 3032.

Redaktion und Expedition: Gießen, Neuenweg 28. Fernst rechanschluß Nr. <162.

Verteile Nachrichten

i (Gießener Uageötatt) Unabhängige Tageszeitung (Gießener Zeitung)

für Oberhessen und die Kreise Marburg und Wetzlar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung Enrhält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großherzoglichen Bürgermeisterei Gießen.

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Ein Besuch aus der Grube Friedrich

Von Hermann Frei.

Mitarbeiter derGießener Neueste Nachrichten." *)

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, Wenn Jemand eine Reise thut, dann kann was "erzählen, drum nahm ich meinen Stock und Hut und thät das Reisen wählen." Damit ist die ganze Tricbfcoec meines Handelns gekennzeichnet, doch nicht so, daß ich diese klassischen Verse als eine Prophezeih- ung auf meine kleine Landpartie aufgefaßt haben wollte. Wie dem auch sei ichfloh hinaus ins weite Land", doch hatte ich mir daßteure Buch aus Nostro- damus eigner Hand" nicht zum Reisebegleiter erkoren aus dem zweifachen Grunde, weil ich erstens nicht im Besitze dieses zauberkräfligen Buches bin und weil ich zweitens auch gar nicht im Sinne hatte oder habe, mich der Magie zu ergeben und die Geister in Luft, Wasser und Erde zu meinem Dienste zu zwingen. Mit dem Fliehenaus des Städchens drückender Enge" war es

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mir aber heiliger E nst, und da ich fürchtete, meine etwas eingerosteten Kommißstiefel würden mich nicht rasch genug aus dec Bannweite des zu flehenden Octes bringen, bestieg ich das Dampfroß.Da es aber nicht gut ist, dag dec Mensch allein ßi", hatte ich mir für alle im menschlichen Leben möglichen Fälle dec Lang­weile für Gesellschafter gesorgt, die es gewünscht hatten, sich meinerForschungsreise" anzuschließen. Bald waren Wic auf der Haltestelle Trais angelangt. Außer zwei Schülern waren wir die beiden einzigen Fahcgäste, die ausstiegen. Wir wurden von einec Dame empfangen, die uns zu Ehren, als Angehörige des hessischen Staates eine werb-rote Festschleife angelegt hatte. Leider mußten mir eria^ren, daß die Frau wohl unsertwegen dort stand, uns aber nur in unserer Eigenschaft als Fahr­gast der Oberhessischen Eisenbahn eines Interesses würdigte und daß sich dieFestschleife" o Tücke des Schicksals als Dienstabzeichen entpuppte Nichtsdesto- nicmger wurden ein paar freundliche Worte gewechselt, und nachdem wir uns davon überzeugt hatten, daß wic im engen Wagenabteil unsere Beine nicht ver­wechselt halten, setzten wir dieselbe in Bewegung in der Marschrichtung auf TraisH ocloff.

Die Herbstsouue meinte es gut, doch die Schatten spendenden Bäume meinten es in ihrer Weise ebenso gut und da die. erfrischend kühle Horloff mit ihrem klaren Wasser sich als unser Begleiter aufmachte, war

*) Nachdruck nur mit Genehmigung des Verfassers.

der Weg leidlich zu passieren. Auf sauberen Straßen zwischen kleinen aber reinlich und freundlich anschauenden Häuschen hindurch zogen mir in Trais an der Horloff ein, uns sofort nach dem Wege zur Grube erkundigend. Viele Leute waren nicht zu treffen, war es doch ein Werktag, den wir uns für die Tour ausgewählt hätten, wartete doch die Ernte vieler fleißiger Hände. Schon am Ende des Dorfes nach dec Grube hin, merkt man, daß man hier im Zeichen desBergbaues" steht, denn an Häusern und Wirtschaften sind bergmännische Embleme angebracht. Nachdem wir in einem appetitlich aussehenden Gasthause die ermatteten Lebensgeister durch ein Glas Gectrudisbcunnen erquickt hatten, be­gaben wir uns dann mit dem Vorgeschmack eines für unser Leben und Wissen großen Ereignisses auf die Suche nach der Stätte, die durch ihre Produkte, ihre schön n Plakate mit der wundervoll gewachsenen Dame, die am Feuerherd steht und mit der feinbehandschuhten Rechten ein Brikett der Grube Friedrich anpreisend in die Höhe hebt, noch mehr aber durch das furchtbare Unglück, daß sich dort vor kurzer Zeit ereignet hat, überall bekannt geworden ist Neugier, Wissensdurst, Zuversicht, den gewünschten Einblick in den Betrieb zu erhalten, Zweifel, ob es uns gelingen würde, das waren die seelischen Zustände, die in mir und wohl auch in meinen Begleitern wechselten . . .

Kaum hatten wir das letzte Haus des Dorfes im Rücken, als wir dec Gruben- und Fabrikgebäude an­sichtig wurden.In den öden Fenstechöhlen wohnt das Grauen und des Himmels Wolken schauen hoch hinein".... In welch grauenhafter Weise das Feuer hier gewütet, weiß Jedermann aus den Berichten, die anläßlich des Unglücks die Zeitungen durcheilten. Als Zeuge steht hier ein Eisenbahnwagen, dessen Holzteile gewiß ver­brannt sind, dessen eiserner Unterbau verglüht und durch die Glut verbogen ist, dort liegen verglühte Schienen. Die Maschinen- und Fabrikräume sind Ruinen, in denen sich aber schon wiederneues Leben regt, indem die fleißigen Hände rühriger Bauleute das Abgebrannte er­neuern. Doch wird es noch eine geraume Z it währen, bis dec volle Betrieb wieder ausgenommen werden kann. DieGunst des Augenblicks" konnten wir nicht rühmen, denn wir trafen den Direktor des Werkes, der uns allein die Erlaubnis zur Befahrung der Grube geben konnte, in seiner Geschäftsstube nicht an, da ihn sein Amt im Betriebe zu schaffen gab. So hatten wir denn Muße, ein wenig um die Anlage herumzuschlendern. hinter denselben bemerkt das Auge überall Boden-

Senkungen, Folgen der Unterminierung; zwei ziemlich große Teiche befinden sich in denselben, dicht durch­wachsen von Schilf, belebt von Fischen. Die Gruben­verwaltung hat die gesunkenen Ländereien antaufen müssen und überläßt sie jetzt, soweit sie noch bebauungS- fähig sind, gegen einen geringen Pacht ihren Arbeitern und Angestellten als Pflanz- und Ackerstücke. Für eine verwöhnte Nase giebt es hinter den Gebäuden gerade keinen Hochgenuß, denn hier liegen die teilweis noch schwelenden Rückstände der Kesselheizung, auch noch glühende Reste des Brikettvorcates. Desto mehr kann sich ein schönheitsdurstiges Auge an den landschaftlichen Reizen dec näheren und weiteren Umgebung weiden, hier an den sanft ansteigenden Hügel dec Wette rau, dort an den in feinen Dunst gehüllten massigen Er­hebungen des Vogelsberges

Unser zweiter Besuch im Verwaltungsgebäude war von mehr Erfolg begleitet als dec erste. Anstandslos wurden wir an den Steiger gewiesen, der uns in das Innere des Bergwerks führen sollte. Doch erst mußten wir im Maschinenhaus etwas Toilette machen. Nicht etwa, daß diese dem Steiger für den Besuch der Erd­geister schlecht gewesen wäre, sondern aus Rücksicht auf unsere nicht ganz werktäglich gewählten Kleider wurde uns bedeutet, die Hüte und Röcke abzulegen. Dafür erhielten wir denn andere aus dem Vorräte des Steigers, für die es weniger schade war, wenn an ihnen etwas verdorben ging. Jeder von uns erhielt ein Grubenlicht und nach kurzem Warten betraten wir den Fahrstuhl zur Fahrt in die Tiefe.In das ew'ge Dunkel nieder, steigt dec Knappe, dec Gebieter, einer unterirdischen Welt." Wenn wir auch das Gruben­licht bereit hatten und zur Hälfte Knappenkleidec trugen, so war es uns doch keineswegs zu Mute, wie es einem ehrlichen Knaben sein muß, der Reiz des Ungewohnten machte die Pulse etwas rascher schlagen und ein eigen­tümliches Befangensein machte sich in mir geltend, als sich dec Fahrstuhl in Bewegung setzte war es doch die erste Gcubenfahct in meinem Leben. Bald waren wir auf dec Sohle des Becgwecks, 60 Meter unter der Erdoberfläche, angelangt und wurden durch ein herz­lichesGlück auf" der dort arbeitenden Bergleute be­grüßt. Nachdem uns dec Steiger die unterirdischen Pumpwerke gezeigt und ihre Thätigkeit erklärt hatte, führte er uns viele Meter weit durch einen Stollen; auf schlüpfriger Bretterbahn in gebückter Haltung folgten wir ihm zur Stelle, wo die Förderkarren von einem höher gelegenen Stollen ausgefüllt werden. 400 Mtr.

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