Nr. 242.
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Gratisbeilagen : Oberhesfische ^amilienzeitung stâglich) Oberhelfische Zeitschrift für Landwirtschaft, Obst nud Gartenbau, sowie die Gießener Seifenblasen wöchentlich). Das Blatt erscheint an allen Werktagen nachmittags.
Freitag, den 17. Oktober 1902.
Gießener
____11. Jahrgang.
Jnie^tionSvreiS : Die einspaltige Petttzeile für Gießen wie ganz Oberbessen, die Kreise Wetzlar und Marburg 10 Pfg. sonst 15 Pfg.; Reklamen die Petttzeile 80 resp. 40 Pfg.
Postzeitungsliste No. 3032.
Redaktton und Expedition: Gießen, Neuenweg 28.
Ferusprechanschluß Nr. 868.
Quelle Nachrichle»
(Gießener Tageblatt) Unabhängige Tageszeitung (Gießener Zeitung)
für Obcrhcfse» und die Kreise Marburg und Wetzlar; 8-kalanzeiger für Gießen und Umgebung.
Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großherzoglichen Bürgermeisterei Gießen.
Deutscher Reichstag.
— Der Reichskanzler über den Zolltarif. —
CB. Berlin, 16. Oktober.
Die heutige Reichstagssitzung war für die Reichs- Voten und die ziemlich zahlreich erschienenen Tribünew- besucher ein großer Tag. Man merkte es schon an dem vollzähligen Ministertische auf der Bundesrats-Trr- büne, daß etwas Besonderes vorgehe. Reichskanzler- Graf Bülow erschien — übrigens am Vorabend seiner zweijährigen Kanzlerschaft — mit einer glänzenden Suite, aus der wir die Staatssekretäre Graf Posa- d o w s k y, Freiherr v. Richthosen, Freiherr v. Thielmann und die Minister Freiherr v. Rheinb aben und v. Podbielski nennen, um zu Beginn der zweiten Lesung der Zolltarifvorlage das Regierungsprogramm zu entwickeln. Seine Rede war im wesentlichen eine Wiederholung seiner früheren Ausführungen, mit denen er die Einbringung der Zolltarifvorlage begleitet hatte. In seiner verbindlichen Art dankte er zunächst der Kommission für ihre mühevolle Arbeit und wies auf die am 31. Dezember 1903 bevorstehende Beendigung der Handelsvertragsperiode hin. Deutschland wolle auch in Zukunft solche langfristige Verträge und suche sich zu diesem Zwecke mit einer neuen Rüstung zu versehen. Aber die Regierung wolle keine Verträge um jeden Preis. Amerika, Rußland und die Schweiz hätten ebenfalls ihre Tarifpositionen und zwar lediglich zu Gunsten der Industrie geändert; um von jenen Ländern, zu denen auch Oesterreich-Ungarn zähle, Zugeständnisse zu erhalten, müßten wir ihnen auch etwas zu bieten haben. Die Befürchtung, daß die Getreidezölle die Lebenshaltung der Arbeiter verschlechtern könnten, sei entschieden übertrieben, zudem dürfe die Blüte der Industrie nicht auf einem Niedergang der Landwirtschaft beruhen. Allerdings könne die Regierung einer weiteren Erhöhung der Mindestzölle für Getreide, die auf Grund sorgfältiger Erwägungen zu stande gekommen sind, und einer Ausdehnung der Mindestzölle auf andere Positionen nicht Äuftimmen. Werde der neue Tarif abgelehnt, so müsse Die Regierung entweder die alten Verträge erneuern, oder auf alten Grundlagen neue Verträge vereinbaren. Er bat zum Schluß um Annahme der Vorlage und warnte die Opposition vor der Obstruktion, die schließlich doch das Parlament selber schädige.
Bevor der Reichskanzler zu Worte kam, war die Fleischteuerungs-Jnterpellation durch die Mitteilung des Staatssekretärs Grafen Posadowsly erledigt, daß die Regierung sie nach Beendigung der Erhebungen beantworten wolle. Sodann wurde nach einer lebhaften Debatte, an der sich die Abgg. Graf Bal le st rem, Singer und Dr. Barth beteiligten, beschlossen, zunächst über die Zollsätze für Roggen und Weizell zu beraten; der Beratung selbst schickte dann der Reichskanzler seine Programmrede vorauf. Alsdann erstatteten die Abgg. Speck (Ctr.) und Graf Schwerin-Löwitz (kons.) die Kommissionsberichte. Der freisinnige Abg. G o t h e i n , der erste Debatteredner, drohte in verschleierter Form mit der vom Reichskanzler verpönten Obstruktion, indem er sagte, die Vorlage unterliege noch dem Volksreferendum, d. h. mit anderen Worten, die Beratung wird vor den Neuwahlen nicht zu Ende gebracht, so daß die Zolltarifreform die Wahlparole werden müßte. Der Redner trug im übrigen eine ganze Reihe von Bedenken vor und schweifte so sehr von dem eigentlichen Thema ab, daß der Präsident Graf Ballestrem feinem Redefluß mit der Bemerkung Einhalt gebot: Das Obst zuletzt. Noch unter der Heiterkeit des Hauses gab Graf Kanitz im Namen der Reichspartei die Er- narung ab, daß an den Beschlüssen der Kommissionen sestgeyalten werde. Dann schloß die heutige Beratung. der nächsten Sitzung: Fortsetzung der heutigen Ta-
Kurze politische Nachrichten.
* Kai serWil Helm wird bei seinem Besuch in England auch eine Parade über sein Regiment in Shorn- cliffe abnehmen.
* Die Vorstände der christlichen Bauernvereine haben sich in einer soeben zu Berlin abgehaltenen Sitzung mit Ausnahme des rheinischen Bauernvereins, der noch höhere Forderungen stellte, dahin ausgesprochen, daß an den Beschlüssen der Zolltarifkommission über die Mindestsätze für Getreide festzuhalten sei.
* Das Befinden des Reichstagsabgeordneten Dr. v. Kevetzow hat sich verschlimmert.
* Ueber die Besuchsfrage des serbischen Königs- Paares verlautet, der serbische Gesandte in Petersburg habe verfrüht die Meldung von der Besuchsabsage nach Belgrad gemeldet, weil er eine beiläufige Notiz des Ministers Grafen Lamsdorff für den endgültigen Bescheid gehalten habe. '
* Die bulgarische Regierung und die Bischöfe von christlichen Kirchen mahnen die makedonische Bevölkerung, Ruhe zu halten.
* Nach einer offiziösen Mitteilung aus Newyork ist der amerikanische Kohlenarbeiter-Ausstand beendet.
* In dem südamerikanischen Staate Columbia steht die Revolution in Heller Blüte. Der Präsident Marmo- quez ist gefangen genommen und General Fernandez hat sich zum Diktator erklärt.
* In der chinesischen Provinz Kanton ist die Reisernte mißraten; es herrscht Hungersnot. Unruhen drohen, Sammlungen zur Unterstützung der Notleidenden wurden eröffnet.
Die Politik.
Von der kaiserlichen Familie.
Der Kaiser traf am Donnerstag abend im Neuen Palais zu Potsdam ein. Früh 7 Uhr reiste der Monarch von Cadinen ab, nachdem er sich zu Fuß von dem Gutshause zum Schloß begeben hatte; bereits kurz nach 8 Uhr traf er in Marienburg ein, wo er eine Rast von etwa einer Stunde im Schloß machte. Um 9 Uhr trat er dann über Langfuhr bezw. Danzig die Rückreise an. LIn Danzig selbst kam der Kaiser um 11 Uhr vormittags an und zwar in der Uniform des Leibgardehusarenregiments Nr. 1. Er begab sich nach dem Generalkommando, dann besuchte er den vor kurzem verunglückten General von Mackensen und nahm schließlich eine Parade über die Husarenbrigade ab. Um 12 Uhr reifte er weiter, nachdem er vorher im Offizierskasino noch eine Unterredung mit dem neuernannten Oberpräsidenten Delbrück gehabt hatte. Der Kronprinz war bereits um 91/4 Uhr früh in Potsdam eingetroffen. Die Rückreise von Creuth aus hatte er am Mittwoch angetreten. Abends um 9 Uhr traf er in München ein, wo er von dem Herzog Ludwig Wil-- Helm von Bayern und von dem stellvertretenden Gesandten Grafen Bernstorff empfangen worden war; bei letzterem soupierte er. Da er um 10 Uhr seine Weiterreise fortsetzte, hatte er im Fürstensaale noch eine Begegnung mit dem Prinzen Ludwig Ferdinand und Alfons von Bayern nebst Gemahlinnen, die dem Herzog von Genua das Abschiedsgeleite gegeben hatten. Die Prinzen August Wilhelm und Oskar weilen augenblicklich in Düsseldorf, wo sie die Ausstellung besichtigen. Am 18. ds. wird der Kaiser in Fehrbellin und der Kronprinz in Myslowitz einer Denkmalsenthüllung beiwohnen.
Wie uns nachträglich gemeldet wird, wäre dem Kaiser in der Hauptstraße von Langfuhr bald ein Unglück zugestoßen. Das rechte Pferd seines Wagens stürzte und riß das linke mit sich, doch gelang es dem Kutscher, Unheil zu verhüten.
Zwei Jahre Reichskanzler.
Am 17. Oktober 1900 wurde der Reichskanzler Fürst zu Hohenlohe-Schillingsfürst in hohem Greisenalter, der Bürde seiner Aeinter als Reichskanzler und preußischer Ministerpräsident enthoben. Sein Nachfolger Graf Bülow wurde bei seiner Ernennung nach seiner langjährigen und vielfach erfolgreichen Tätigkeit von der ganzen Bevölke- rung mit Vertrauen begrüßt. Er hat sich dieses Vertrauens in vollem Maße würdig gezeigt. Unsere Beziehungen zu den fremden Staaten sind die denkbar besten, und im Innern hat Graf Bülow jedenfalls verstanden, alle Konflikte nach Möglichkeit zu vermeiden.
Die Zivillisten des Kaisers Franz Josef.
Es ist ganz naturgemäß, daß von Zeit zu Zeit die Zivillisten der Monarchen erhöht werden müssen, weil das Geld eine immer geringere Kaufkraft erhält. Ob es aber klug ist, wie es jetzt in dem verbündeten Nachbarreiche.geschieht, die Erhöhung in einer Zeit sinkenden Geschäftsstaudes zu fordern, das ist eine andere Frage. Verlangt wird eine Erhöhung von 4 Millionen Kronen, d. i. 3,4 Millionen Mark, wovon Oesterreich und Ungarn je bte Hälfte beitragen sollen. Diese Forderung ist im gegem wärtigen Augenblicke um so bedenklicher, als Ungarn um von Oesterreich schon in der Berechnung der Zollverteilung übervorteilt sieht. Wenn es nun ebenso viel zum Unterhalt des Königs beitragen soll, wie das größere Oesterreich, so wird das die politische Mißstimmung zwischen beiden Ländern verstärken und die Stimmung gegen das Yaos- burgische Haus ist bekanntlich auch nicht die beste in Ungarn ; sie kann dadurch nur verschlimmert werden.
Ein angeblicher deutscher Spion.
Auf dem Dampfer „Kaiser Wilhelm" schote srch in Cherbourq Herr Hecken nach Bremen em, £°" "/^ das Blatt „Patrie" erzählte, er sei deutscher Offizier und habe sich drei Monate in Cherbourg aulgehalten, wahren welcker ^eit er das Fort Cavaignac und die Pelse bhotoaraubiert habe Bei einer Haussuchung seien seine
S selbst ausgewiesen worden.
Die parlamentarische Lage in I^â'ch-
An dem gleichen S0Mnbb^^ tag die unterbrochenen Abgeordnetenkammer wieder zu- sammel Sie steht°üntP dem Eindruck einer fortschreiten.
den Zersplitterung unter den bürgerlichen Partèièn. So hat sich eine neue Parteigruppe unter dem Namen „die Freidenker" gebildet: der Volksmund nennt sie die parlamentarischen Freimaurer. Offenbar ist diese Gruppe ein Ergebnis der fortschreitenden Kultrirkampsstimmung, gegen die außer den Klerikalen und Nationalisten auch die Monarchisten Widerspruch erheben. Von letzteren ist die Forderung aufgestellt worden, daß die Gemeinden allein über Fortbestand oder Aufhebung der Ordensschulen entscheiden sollen. Die Gruppe der Linken fühlt sich derartig gestärkt, daß sie den sozialdemokratischen Abg. Jaurès für die Präsidentschaft vorschlägt, was die Radikalen unterstützen, während die Nationalisten Jaurès lebhaft bekämpfen, weil er von einer Revanchepolitik abgeraten hat. Allem Anschein nach gibt es stürmische Sitzungen, deren Verlauf je nachdem vielleicht das Kabinet Combes zu Fall bringen kann. Sturmeszeichen tauchen schon auf, und zwar ist Pelletan, der Marineminister, die Zielscheibe für die Kanonen der Oppositionspresse. In den Blättern wird erzählt: Der Kabinetschef des MarineministerrumS soll einen Schweizer namens Pictet im Marinebureau angestellt haben, wo er an den Plänen für die Herstellung neuer Unterseeboote mitarbeitete. Dieser Pictet wird beschuldigt, die Pläne an Deutschland verraten zu haben. Der Marineminister wird sich in der Kammer daher zu verantworten haben.
Mädchenhandel nach Südafrika.
Neuerdings ist man einem ausgedehnten Mädchenhandel nach Südafrika auf die Spur gekommen. In allen Gegenden Englands und Irlands sind förmliche Agenturen eingerichtet, die verlockende Anzeigen erlassen und die auswanderungslustigen Damen mit Handgeld versehen. Auch die Stellenvermietungsbureaus leisten unbewußt diesem verbrecherischen Treiben Vorschub, indem sie auf Kapstadter Scheinofferten Reslektantinnen für die ausgeschriebenen Stellungen zu- werfen.
Zum Besuch der Burengenerale.
Die Burengenerale Botha, Delareff und Dewet sind gestern Abend in Berlin eingetroffen, wo sie von ven Mitgliedern des Burenausschusses, der Alldeutschen und des Ostmarkenvereins herzlich begrüßt wurden. Der Aufenthalt in der Reichshauptstadt dauert zunäckst bis aum Sonnabend, da sie an jenem Tage zur Erledigung dringender Geschäfte nach London reisen. Sie wollen aber wieder zurückkehren, um in verschiedenen Städten Vorträge zu halten. Ob die Sammlungen allerdings so sehr viel ergeben, ist mehr als zweifelhaft, denn die seither gebrachten Opfer sind bereits ziemlich beträchtlich. Aus der Burensammlung des Alldeutschen Verbandes sind 116 jetzt heimgekehrte deutsche Mitkämpfer mit 15 756 Mk. unterstützt worden. Hierzu kommen 10 591, die früher heim- gekehrten deutschen Mitkämpfern zugewendet wurden, so daß im ganzen bisher 26 347 Mk. für diesen Zweck verwendet wurden. Ferner wurde eine Unterstützung von 10 000 Mark für die deutschen Gemeinden der Hermannsburaer Mission in Transvaal bewilligt. Es sind dies nur Die Aufwendungen aus allerletzter Zeit, der vielen Tausende und Abertausende, die schon vorher für die Buren gesammelt worden und abgesandt sind, nicht zu gedenken. Bis heute ist übrigens die gewiß schon zur Genüge besprochene Audienzfrage noch nicht zur Ruhe gekommen. Pfarrer Schowalter in München, der Sekretär des Buren- komites, ist der Ansicht, sie sei von England hintertrieben worden. Dieser Auffassung aber tritt eine Darstellung der Süddeutsch. Reichscorr.", eines offiziös bedienten Organs entgegen. Dort heißt es: Die Generale können nicht in Abrede stellen, daß sie durch den lediglich auf Bezeichnung des richtigen Weges für die Audienz gerichteten deutschen lZnitiativschritt sehr befriedigt waren und sich bereit erklärten, diesen Weg zu betreten. Die amtlichen deutschen Stellen waren hiernach zu der Erwartung berechtigt, daß ihnen die Abgabe des burischen Gesuches an den britischen Botschafter angezeigt werden würde. Statt dessen wurden sie durch eine Mitteilung überrascht, welche die Erfüllung der durch den Kaiser vorgeschriebenen und durch Die Burenführer schon angenommenen Empfangsbedingungen von einer weiteren kaiserlichen Willensäußerung abhängig macht, d. h. die Generale suchen England gegenüber Deckung hinter dem Kaiser und wollen an die britische Vermittelungsstelle nicht ohne gleichsam entschuldigenden Hinweis auf einen von deutscher Seite ausgeübten Druck herantreten Ein solches Drängen aber lag von vornherein außerhalb der deutschen Absichten. Der Kaiser und seine Regierung haben sich in dieser Sache von Anfang an aus den Standpunkt gestellt: Wohltaten werden nicht aufgedrängt. — Die ganze Sache beruht auf Mißverständnissen. Tie Buren erwarteten noch eine offizielle Einladung, um England gegenüber nicht in dem Schein der Illoyalität zu verfallen und die deutsche Regierung hatte erwartet, die Buren würden alsbald nach Bekanntgabe der beim Kaiser bestehenden Geneigtheit zu einem Empfang sofort ihr Audienzgesuch einreichen. Wir glauben, daß nunmehr die Erörterung über diesen Fall geschlossen werden kann. Die konservative Presse hat die Buren sehr freundlich begrüßt; auch die Bevölkerung bringt ihnen lebhafte Hympathie entgegen. Die Generale werden.sich ^^&^