J Mr. 137.Erstes Blatt.Dienstag, den 17. ^uni 1902.
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Gießener
__11. Jahrgang.
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Redaktion und Expeditton: Gießen, Neuenweg 28.
Weuesle Wachrichten
(chiekener Pageölatl) Hlnavyängige Tageszeitung (chiekener Ieiinng)
für Oberhessen und die Kreise Marburg ^nid Wetzlar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebttng.
Druck und Verlag der Gießener Verlagsdrucker i, vorm. Wilh. Keller'sche Buchdiuckerei, lgegr. 1783); für die Redaktion verantwortlich: Albin Klein, Gießen
Kleine politische nachrichten.
* Darmstadt. Ueber den Gesetzentwurf, betr. Ergänzung der Bestimmungen über die Bildung der Schulvorstände (bekanntlich hervorgerufen durch den Fall des frei= religiösen Predigers in Mainz) hat Abg. Schönfeld namens des Gesetzgebungèauèschusfes der Zweiten Kammer Bericht erstattet. Derselbe ha« folgenden Wortlaut:
„Bei der Beratung dieser Vorlage im Ausschuß war die Meinung eine sehr geteilte:
Einige Mitglieder vertreten die Ansicht, daß die Geistlichen als solche überhaupt nicht Mitglieder des Schulvorstandes sein sollten, daß aber die Regierung ander Hand des bestehenden Gesetzes schon in der Lage sei, auch die Geist- sichen und Religionèlehrer der auf Grund der Großherzogl. Beiordnung vom 23. Februar 1850 zugelassenen Religionsgemeinschaften in den Schulvorstand eintreten zu lassen, so daß es des Erlasses eines neuen Gesetzes gar nicht bedürfe.
Des Weiteren wurde der Anschauung Ausdruck gegeben, daß, wenn die geistlichen Mitglieder des Schulvorstandes so, wie im Gesetzentwürfe vorgesehen, vermehrt werden sollen, dann ebenso auch die Zahl der weltlichen Mitglieder des Schulvorstandes zu erhöhen sei und demnach bann eine Aenderung der gesetzlichen Bestimmungen über die Bildung der Schulvorstände überhaupt angezeigt erscheine.
Zum Dritten wurde aber die Ansicht vertreten, daß die Zahl der die Schulen besuchenden Kinder, welche der evangelischen und katholischen Konsession nicht angehören, gegenüber den Kindern der letzteren beider Konfessionen eine so geringe, 'ast verschwindende sei, daß eine Vertretung der i.Jtemi Konfessionen im Schulvorstand mit denselben Rechten, wie solche den Geistlichen der evangelischen und katholischen .Konfession zustehen, mit den Forderungen der Toleranz wohl nicht zu vereinigen, und daher nicht zu billigen sei.
Im Ausschusse hatte keine dieser Ansichten ein Majorität für sich.
Der Ausschuß kam daher, da es ihm bekannt geworden ist, daß die Auslegung des Artikels 69 des Volkèschulgc- setzeè noch nicht durch höchste Entscheidungen sestgelegt wurde, zu dem Beschlusse, zu beantragen: Hohe Kammer wolle den vorliegenden Gesetzentwurf ablehnen."
Ueber das Befinden des sächsischen Königs liegen folgende Meldungen vor: Sibyllenort, 17. Juni. Die Abnahme der Körperkräfte des Königs halte an, obwohl eine Aenderung des Krankheitszustandes nicht eingetreten sei. Der Kranke zeigte gestern weniger Neigung zu Gesprächen mit seiner Umgebung als sonst. Ein
starkes Sinken der Temperatur, als eine Folge von Gewittern dürfte dein Patienten etwas Linderung bringen. Fürstbischof Pr. Kopp fährt heute wieder nach Sibyllenort. — Die Lage wird wegen der andauernden Schwäche des Königs für eine ernste gehalten. Ein Testament hat der Monarch in den Tagen des jetzigen hiesigen Aufenthalts nicht gemacht, doch existieren schon seit einigen Jahren letztwillige Verfügungen von seiner Hand. — Täglich laufen eine große Anzahl Briefe, Gnaden- und Bittgesuche enthaltend, ein. Dieselben werden sofort an die maßgebenden Stellen zur Berichterstattung weiter gesandt. Es bestätigt sich also nicht, daß seit der Abreise des Legationsrats Salza-Lichtenau die Regiecungsge- schäfte ruhen.
* Die gemeldete Krankheit des Königs Eduard von England ist leichter Natur. Der König hatte gestern Abend bereits eine Anzahl Gäste zum Diner empfangen. Der dänische Kronprinz erhielt von seiner Schwester, der Königin Alexandra die Nachricht, daß die beunruhigenden Gerüchte über die Krankheit des Königs Eduard übertrieben seien. Die Krankheit sei zwar schmerzvoll, aber nicht gefährlich.
* Berlin, 17. Juni. Der akademische Senat hat den Antrag der an der Berliner Universität studirenden Frauen, die Frauen, welche das Reisezeugnis eines Mädchengymnasiums besitzen, ebenso wie die Männer zu immatrikulieren, abgelehnt und beschlossen, dieses Recht den Frauen nicht zuzugkstehen.
* Berlin, 16. Juni. Für die durch den Tod des Unterstaatssekretärs Lehmann im Staatsministerium vakante Stellung soll der jetzige Präsident der See- Handlung, Havenstein, in Betracht kommen.
* Berlin, 16. Juni. Die Ernennung des General- Majors Budde zum Nachfolger des Eisenbahnministers Thielen wird als sicher angenommen.
Berlin, 16. Juni. Im Herr en h a u s e wurde der Gesetzentwurf betreffend die Umlegung von Grundstücken in Frankfurt a. M. in der vom Abgeordnetenhanse beschlossenen Fassung en bloc angenommen. Ebenfalls angenommen wurden u. A. die Gesetzentwürfe betr. lInfall-Fürsorge für Gefangene und der Antrag von Levetzow betr. Bekämpfung des übertriebenen Alkohol- Genusses. Der Antrag wird en bloc angenommen.
* Nürnberg, 16. Juni. Zur Feier des 50jährigen Jubiläums des germanischen Museums in Nürnberg waren heute morgen kurz nach 8 Uhr der Prinz-Regent, der Großherzog von Bad,n, dec König von Württem-
bcrg, sowie bald darauf der Kaiser mit Sonderzug eingetroffen. Die Fürstlichkeiten wurden im neuen Bahirhof vom ersten Bürgermeister Geh. Hofrat Dr. von Schuh begrüßt. Der Kaiser dankte dem Bürgermeister für die herzlichen Worte und schloß: Der Burggraf von Nürnberg grüßt die Nürnberger. Darauf bestiegen die Fürstlichkeiten die Equipagen und nahmen die Parade über die in Nürnberg eingetroffenen Truppen ab. Kaiser Wilhelm führte persönlich das 6. Infanterie-Regiment dem Prinz- Regenten oor. An die Parade schloß sich das Frühstück, das auf dem Ludwigsthor-Zwingen eingenommen wurde, Ilm 2 Uhr nachmittags versammelte sich in der Wartehalle des germanischen Museums eine illustre Gesellschaft, wobei der Kaiser das von ihm gestiftete Geschenk übergab. Außerdem stiftete der Kaiser die Siegel seines Großvaters Kaiser Wilhelm des Großen, Kaiser Friedrich III. und sein eigenes Siegel. Der Feier folgte ein Festakt, bei dem zwei meisterhaft ausgesühcte Haus Sachs-Festspiele zur Darstellung gelangten. Den Schluß der Feier bildete eine Hoftafel, ein Fest im Stadtpark und eine prächtige Illumination der Stadt.
Die Begrüßung zwischen dem Kaiser und dem Prinz- Regenten war äußerst herzlich. Der Kaiser hielt, als er den Wagen verließ, den Marschallstab in der Hand Er begrüßte den Prinzregenten durch einen Kuß und wiederholte Umarmung und schüttelte den anderen Fürstlichkeiten herzlich die Hand. Sämtliche Fürstlichkeiten trugen bayrische Uniformen. Die Kaiserin, die lichtblaue Toilette trug, sowie die Prinzessin Gisela begrüßten sich ganz besonders herzlich. Der Kaiser unterhielt sich eingehend mit dem bayrischen Finanzminister Riedel sowie mit dem Staatssekretär Posa- dowèky. In der Schenkungs-Urkunde, welche der Kaiser verlas, eutbietet er dem germanischen Museum seinen kaiserlichen Glückwunsch und Gruß. Zu einer Zeit, da Deutschlands Einheit brach lag, sei dieses Museum Dank der Anregung des Freiherrn von Aufseß erstanden und ein Werkzeug geworden, das den deutschen Einheitsgedanken hoch hält.
* Stuttgart. Heute begannen hier die Verhandlungen des 4. deutschen Gewerkschafts-Kongresses, zu welchem etwa 200 Delegirte, darunter auch Vertreter außerdeutscher Landes- Organisationen -rschienen waren. Zum ersten Male bei einem Gewerkschafts-Kongreß war auch das Reichsamt der Innern vertreten und zwar durch den Regiernngèrat Hölzel.
* Hannvocr, 16. Juni Es gilt als sicher, daß Obcr- prafibent Graf Stollberg-Wernigerode demnächst, wahrscheinlich im Herbst, von seinem Posten zurücktreten wird.
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«veerteerd.
Novelle von E. V e l y.
(Nachdruck verboten.)
Ja — er weiß nun Alles! Mit einem Schlage ist sein Glück zertrümmert, Maniel Hay wird von seiner Mutter für den Mörder seines Vaters gehalten, lind wäre er tausendmal unschuldig, dürfte er wagen, dem Manne sein Kind zu seinem Weibe zu machen? Ist nicht in ihren Adern das Blut der sremden Rare und der Sinn, der ihre Urgroßmutter und ihre Mutter in die Fremde getrieben hat? Wenn er alle Liebe, d'e er noch in seinem Herzen für sie fühlt, znsammcnnimmt, taun sie das Mißtrauen besiegen, das da plötzlich in ihm cmpor- (obevt ? Er stöhnt — er denkt zurück an den Tag, wo man den tobten Vater vom Strand hereingetragen hat und er, ein ahnungsloses Kinch neben ihm her ging. Es ist gemeiniglich Seemannsloos. aus dem Meere zu sterben — aber durch Mörder- hand ? Geertecrd! stammelt er. Sie kann und darf es niè wissen, was zwischen sic Beide getreten ist. — Morgen hat er mit seiner Werbung oor Maniel Hay hintreten wollen __ oor den Mörder seines Vaters.
Nein, er hat nicht gesollt, Gott hat es ul' t gewollt__-ur rechten Zeit hat er der alten, sonst so redeungewvhntey grau das Wort auf die Zunge gelegt.
Er kommt nicht zu einer Klarheit in seinen Gedanken, cs wirbelt Alles um und in ihm. Sv ist ihm noch bei keinem Sturm zu Muth gewesen — der Wind heult, er hört das Meer — er wollte wohl, er wäre draußen und müßte alle Kräfte anspannen und mit dem wilden Element aus Tod und Leben ringen. Da sitzt er nun, wie ein weichmüthiges Weibsbild und wagt nicht, die Augen auf zu machen.
Es ist eine lange Zeit verstrichen, da kommt Reick wieder herein und geht hin und her wie sonst auch.
Er möchte, sie träte ihm einmal mit einem guten Worte naher - aber das mag sie nicht wollen, er soll allein mit sich intig werden.
So steht er denn endlich auf und gewahrt cs nicht, daß sein sonst so sorglich gehüteter holländischer Pscifeutopf zu Boden gefallen ist und mit einem Krach unter seinem Fuße zerbricht.
Mutter!
Jo — mein Junge! Mit einem ehrlichen Blick sieht sie zu ihm hinüber; er kommt schwankend, als habe er den Boden eines Schiffes unter sich, aus sic zu. Dann reibt er sich verlegen das linke Ohr.
Als wir an Land sind, da habe ich mit zwei Andern gewettet — Mutter, ein ehrlicher Kerl hält fein Wort.
Das soll gewiß sein, Ju!
Er dehnt feine breite Brust mit einem langen Athemzuge.
Wollten nicht ledig wieder an Bord tommen.
Nun ist cs heraus, ordentlich leichter ist ihm, und dann ist der weiße Frauenkopf fernem blonden nah:
Brauchst Tu auch nicht, Jo, mein Junge — habe lange schon Eine für Dich.
Er senkt die Augen, muß ihm nun nicht Alles gleich sein?
Sie ist Dir auch gut —
Jo blickt durch die Scheiben — das Licht in Maniel Hay's Hause ist erloschen —
Kannst Tir morgen das Wort holen —
Morgen, spricht er nach.
Reick ist nicht einmal erstaunt über seine Gelassenheit — es ist JnsclstUe, gcstyenenc Dinge so zu nehmen — Friesenart. Daß für ihn das Wort noch eine andere Bedeutung hat, ahnt sie freilich nicht.
Meerie Möllers mein ich.
Ja, Mutter.
Sie lächelt, bückt firti, ohne ein Wort zu sprechen, nach den Scherben, liest sie sorgsam in ihre Schürze und sagt dann: Nun, Jo, mein Junge, ift's Bettzeit.
4.
Kein Wort ist am folgenden Morgen zwischen Mutter und Sohn über die Vorgänge am gestrigen Abend geredet — Reick
besorgt ihr Haus und Jo hat sich eine von des Vaters Pseisen hervorgesucht, blaue Wolken aus ihr in die heut ruhige und klare Lust getrieben und am Schasstall die Trümmer seiner Holländerin betrachtet. Eine Tulpenform hat dieselbe*gehabt, ihm ist sie aber immer wie ein Herz erschienen und allerlei hat er sich dabei gedacht, wenn er sie zwischen den Lippen hielt. Das ist nun vorbei — sie wird niemals wieder heil, so wenig wie er je ' Geertecrd mehr vertrauen mag — aber leid ist es ihm um das prächtige Stück — und um das Mädchen möchte er sich grämen, ' wenn's sein dürfte. I
Nein, fein dars's nicht. Wie er über Nacht in seiner Koje gelegen hat, sind ihm genug Gedanken gekommen — er hat I deutlich den todten Vater wieder vor sich gesehen — diesmal ist er selber aber nicht der kleine erstaunte Knabe gewesen, der sich gewundert hat, warum der Vater so gegen seine Gewöhn-, heit in den nassen Kleidern bleibt und so still ist. Er lieft aus den weitgeöffneten Augen des Todten die furchtbare Anklage über fein gewaltsames Ende — und noch mehr, eine Bitte um Sühne. Und er sieht die Mutter, deren Haupt in stillem ®ram so früh erbleicht ist, und ihre Hand, die nach oben deutet, und ihr Wort vom „Richter in der Höhe".
Fieberheiß hat er sich in seinen Kissen herumgeworsen — als ihn aber die Morgenluft angcweht hat und er draußen steht, ist's klar in ihm gewesen, und was gestern Abend ihm wie harte Nothwendigkeit erschienen ist, däucht ihn heute männliche Entschlossenheit — Geerleerds und seine Wege können nie zusammeir fiihren.
Einen Blick nach dem Nachbarhaus — ihm ist, als durchdringt er die Wände und zeigt ihm das Mädchen, dem bishe» alle seine Gedanken gehört haben — Stunde um Stunde wird Geertecrd zählen — aber keine kommt, die ihr den ersehnten Freier bringt. Er beißt die Zähne auseinander — es kann ja nicht sein. — • 1
(üvUjetzuug folgt.)