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Nr. 241.

UkMemt«t preis: in Gießen, abgeholt monatlich b0 Pfg., i Hauâ gebracht 60 Pf«., durch die Post bezogen Viertel- " v jährlich Mk. 1.50.

-retiSbeilagen: Lberhessische Familienzeitung(täglich) cb-ihelstsch- Zeilschrikt für Landwirtschaft, Obst und «artenbau, sowie die Gießener Leifeablase» wöchentlich).

DaS Blatt erscheint an allen Werktagen nachmittags,

Donnerstag, den 16. Oktober 1902

Gießener

________________11. Jahrgang.

JnirrtionSvreiS : Die einspaltige Petitzeile für Gießen wie ganz Oberheffen, die Kreise Wetzlar und Marburg 10 Pfg. sonst 15 Pfg.; Reklamen die Pctitzeile 30 resp. 40 Pfg.

Postzeitungsliste No, 3032.

Redaktion und Expedition: Gießen, Neuenweg 28..

Ferusprechnnschlnß Nr. 368.

Aeueste Nachrichten

(Gießener Gageötatt)

Unabhängige Tageszeitung

(Gießener Deitnng)

für Oberheffen und die Kreise Marburg und Wetzlar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung.

Enthält a» amtlichen Bekanntmachungen der Großherzoglichen Bürgermeisterei Gießen.

t Deutscher Reichstag, v

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V= Die. Arbeitslosenfrage. r .

CB. Berlin, 15. Oktober.'

Ist der heutigen 194. Sitzung des deutschen Reichstags wurde ein alter Rest aus dem vorigen Sessionsabschnitt, der angesichts des nahenden Winters ein besonders lebhaftes Interesse hat, beraten, und zwar die Arbeitslosen-Jnter- pellation der sozialdemokratischen Abgeordneten Albrecht und Gen.; vorher war durch einfache Akklamationswahl noch eine geschäftliche Angelegenheit erledigt worden, nämlich die Wahl eines Schriftführers. An die Stelle Dr. P a ch- nickes, der sein Amt wegen Arbeitsüberbürdung nieder­legte, wurde sein Fraktionskollege von der freisinnigen Ver­einigung, Abg. Freese gewählt.

Den Reigen der Reden eröffnete der sozialdemokratisch« Abgeordnete Molkenbuhr mit einem grau in grau ge­malten Ausblick in die Zukunft. In Berlin gebe es nach der Zählung der Gewerkschaften 70000 Arbeitslose. Schuld da­ran sei die Geschästskrisis, sowie auch die unselige Lehr- lingszüchterei. Das slache Land aber biete den Brotlosen keine Zufluchtsstätte, denn dort gebe es nur zu gewissen Zeiten vorzugsweise in den Sommermonaten Arbeit. Zum Schluß erklärte er sich für eine Arbeitslosen-Ver- sicherung, die mit Ersparnissen für die städtischen Ar­men sehr leicht zu erreichen sei. Werde die Zolltarif-Vor­lage angenommen, so sei noch eine Verschlimmerung der rtschastlichen Lage zu erwarten. Genau der gegenteilig t Ansicht als Molkenbuhr war der wortgewandte, mit rheinischer Lebhaftigkeit sprechende und gestikulierende Abg. Bachem vom Centrum, der von Arbeitslosenversicherun- S1"' "Zht viel hält, weil es an einer geeigneten VerteikÜngs- erganlsation fehlt, und weil sich die Lastenverteilung fast gar nicht berechnen lasse. Unter tosendem Lärm der Linken hob er dann hervor, daß die Besserung in der Industrie nur durch Annahme der Zolltarisvorlage zu erreichen sei. Tie Linke sähe nur die Erhöhung der Getreidezölle, aber die Erhöhung der Jndustriezölle sehe sie nicht. Die von den Sozialdemokraten gewünschte Zollfreiheit würde die Folge haben, daß tausende von Arbeitern brotlos auf die Straße gesetzt würden. Die Streichung der Eisenzölle bedeute nichts anderes, als die Vernichtung der Eisenindustrie. Die kmlcrnehmer von heute legten in der Krisis vielfach aus der eigenen Tasche zu, nur um keine Arbeiterentlassungen vor­nehmen zu müssen. Für die Arbeiter gebe es augenblick­lich nichts wichtigeres, als die Zolltarisvorlage. Die Rede 'and reichen Beifall bei dem Centrum; auch die Sozial­demokraten rührten klatschend die Hände aber aus Zwiste.

Der sozialdemokratische Abgeordnete Zubeil erwi­derte auf die^Zolltarifbemerkungen, daß seine Partei auf wrusgegenstände hohe Zölle legen wolle, auf Austern uno »aviar beispielsweise, auf Gebrauchsgegenstände aber nicht, an ganzen Arbeitslosenfrage wäre die Schärfe genom­men, ivenn der Achtstundentag eingeführt werde; außer­dem solle man die Gewerkschaften, die eine solche haben, Wifi) subventionieren, wie die Dampfergesellschasten.

dann fei vor allen Dingen eine genaue Zählung der «beitstofen nötig. Ter wildliberale Abg. Rösicke- Wm ist ähnlich wie Dr. Bachem für einen weiteren Aus-

^ staatlichen Arbeitsnachweises. Auch stimmt er Wagelieb der Zolltarifgegner ein. Er erhebt direkt Win das Reichsamt des Innern den Vorwurf, daß es " tue Vorlage die Beunruhigung geschaffen und die M °e? Arbeitsmarktes so ungünstig gestaltet habe. Er iun,r^ s"" >chr energische Erwlderiliig des Staats- W P ° sadoivsk y hervor, der betonte, daß

I übergehende Ä'ch entstanden sei, weil man eine vor- übrigen sei die ^"kfur für eine dauernde hielt. Im I pMdesgesetzgebun?"tslosenfrage eine Angelegenheit der

Abg. Kanitz lèotalanqriff entgegen < Interpellanten mit einem die Arbeitslosigkeit beh'"^111 er "' Abrede stellte, daß gegebenen Umfang habe.Bon ber Sozialdemokratie an- hS v°Elm"benBaa^ «°hm der Sozial- dendigkeit einer Arbeitsw ^^ V°H der Not- spann .hu in gleicher Ton?« weiter, wie^MolkeÄ UVtm ^ Wen bezüg. «H nirfit blos die deutschen Fabrikanten ändern Auch die men konischen im Anslande billiger verlaufen als Stenge,m ^" Leitern die Arbeitsgelegenheit zu èr L "r neuernannte Unterstaatssekretär Hopf stellte Kßerdem fest, daß bei der Eisenbahnverwaltung keine ebeneren lanmmen stattgesunden haben. Unter' erreg- hr^r|Oj schloß die Sitzung, wegen Zolltarifvorlage. a

Die politih.

Oberpräsident Delbrück.

Der zum Oberpräsidenten der Provinz Westpreußcn er­nannte jetzige Oberbürgermeister Delbrück in Danzig ent­stammt der staatlichen Vcrwaltungskarriere und ist auch mit den Interessen der dortigen Gegend vertraut, die er als Lanb-at in Tuchel und als Regierungsrat und Chef des tand-oirtschastlichen Decernats bei der Regierung zu Dan­zig erworben hat. Im Jahre 1896 wurde er Oberbürger­meister von Danzig. Wie sehr ihn der Kaiser persönlich schätzt, hat er im Vorjahre öffentlich bekannt gegeben, als er sie Begrüßungsansprache Delbrücks u. a. mit dem Satze erwiderte:Von dem bannenden Nebel parteipolitischer Rücksichten, die lange die Stadt Danzig gedrückt und nieder- gehalten und ihr nicht gestattet haben, sich um ihr Interesse zu kümmern, sehe ich jetzt die Stadt: befreit und vor uns rufblühen unter der sicheren Hand eines weitblickenden, Stadthauptes."

>.T' ' Die Buren und die Politik. ->---"---

Die Kundgebungen in Paris aus Anlaß des Be­suchs der Burengenerale sind nun doch politischer Na­tur geworden. Der Vorsitzende des Burenhilssbundes Pauliat betonte, der Kampf der Buren habe der Welt die Augen über die wirkliche Macht Englands geöffnet. General Botha schilderte die Qualen der Konzentra­tionslager und die Verheerung des Landes. Dewet rief aus, die englische Regierung sei dem Beispiele der­jenigen gefolgt, die sich ans dem Staube machen, wenn das Pulver der Explosion nahe ist. Wir niußten unsern Stamm retten, und deshalb mußten wir, um unsere Frauen zu retten, den Frieden annehmen. Wir wer­den, sagte er, die von uns vollzogene Unterzeichnung achten, aber wir wollen frei bleiben. Weiterhin be­merkte er: Ich habe erfahren, daß eine Straße nach mir benannt werden soll. Nun, ich hoffe, daß dieselbe niemals ein Südafrikaner betreten wird, der nicht ein Freund Frankreichs ist. Wir haben, schloß Dewet, eine Recht auf Ihre Freundschaft, wir rechnen auf Sie. Delorey hob feine Abstammung von den Hugenotten her­vor^ und rechnete ebenfalls aus Frankreichs Freund­schaft. Bei der Festlichkeit wurden 5890 Mark ge­sammelt.

Botha telegraphierte an den Berliner Empfangs- Ausschuß, was hier beigefügt sein möge, daß die am Don­nerstag Nachmittag eintreffenden Burengeneräle nur bis Sonnabend Nacht in Berlin bleiben, da wichtige Geschäfte sie nach England zurückrufen. Die Generale würden aber demnächst hierher zurückkehren, um in mehreren deutschen Städten zu sprechen.

DieNordd. Allg. Ztg." bringt folgende Auslassung: Nachdem sich die Audienz der Burengenerale bei Sr. Majestät dem Kaiser aus den bekannten Gründen zer­schlagen hat, werden auch die amtlichen Kreise von der Anwesenheit der Generale in Berlin keine Notiz nehmen."

Deutlich abgelvinft.

Dem serbischen Königspaare, das in Livadia zu Be­such erscheinen wollte, wurde vom Zarenhofe die Bitte übermittelt, mit Rücksicht auf den Gesundheitszustand der Zarin später noch einmal anzuklopfen und zwar wurde diese Bitte nicht durch den russischen Gesandten in Belgrad, sondern durch die serbische Gesandtschaft in Petersburg übermittelt, also streng dienstlich erledigt. König Alex­ander hat den Wink verstanden, daß er und Frau Draga in Livadia nicht genehm sind. Die Antwort ist der Ka- binctswechsel, der das russenfeindliche Element obenauf bringt. Bei den augenblicklichen Wirren im Orient ist das immerhin von einiger Bedeutung.

Kurze politische Nachrichten.

* Berlin, 15. Oktober. (Hofbericht.) Heute vormittag unternahm der Kaiser von seinem Gute Ca­dinen aus einen Spaziergang über Hünenburg nach Pantelau. Im Neuen Palais zu Potsdam wird er mor­gen erwartet.

* Ter demnächstige Besuch, ben der Abt des «(öftere Maria Laach, Pater V. Stortz in gen, dem Kaiser ao- ftatten wird, soll, wie verlautet, mit der Kölner Erzbischoss- wahl in Verbindung stehen. Der Abt ist dem Kaiser scyi sympathisch.

* Bei den L a n d t a g s w a h l e n in Oldenburg haben die Agrarier durch Verlust von 5 Sitzen die Mehrheit cingc- büßt.

* Für das preußische Herrenhaus wurde von der Um versität Breslau an Stelle des Professors Forster 4-

fessor Dr. Hildebrandt präsentiert.

* Dr. Rosa Luxemburg ist uns der derLeipziger Vollszcitnng" ausgetreten.

* In der Stadtvererti e i iuvt a. M. gab xberbürgermt.l.

Redaktion

II Frank- Lame der

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Debatte über N o t st a n d'sa r b e i t e n bekannt, daß für den kommenden Winter dort seitens der Stadt für nahe­zu vier Millionen Mark Arbeiten aller Art vorgesehen sind, bei denen Arbeitslose Beschäftigung sinden können. In einer Konferenz von Vertretern der Magistrate ver­schiedener Städte der Nachbarschaft Frankfurts würden Ende dieses Monats dort gemeinsame Maßnahmen zur Bekämpfung der Arbeitsnot beraten werden. Zur Nach­ahmung empfohlen!

* Der deutsche Verein gegen den Miß­brauch geistiger Getränke ist in Stuttgart zu sammengetreten.

* Infolge einer der Polizei erstatteten Anzeige von einem gegen das ungarische Abgeordnetenhaus ge­planten Bomben litten tat wurde das ganze Haus polizeilich untersucht und besondere Vorsichtsmaßregeln getroffen,

* Die Tschechen sind mit dem österreichischen Ge­setzentwurf über die Sprachenfrage nicht einverstanden. Auch die Deutschen halten die Vorlage in der jetzigen Form nicht für annehmbar,

* Die russische Regierung unterstützte in Sofia den Protest der Pforte gegen die macedonische Bewe- gung. Die bulgarische Regierung hat in Konstantinopel mitgeteilt, daß sie die maeedonischen Banden auslösen will.

*. Die russischen TorpedobooteWlastnoi" undGrossnoi" verließen nach mehrtägigem Aufenthalt den Kieler Hafen und setzten die Reise nad) Ostasien fort.

* Die Eröffnung des allgemeinen Verkehrs auf der Strecke C h a r b i n W l a d i w o st o ck der chinesischen Ost. bahn ist auf ein Jahr verschoben worden.

* Das nationalistische Mitglied des englischen Unter- Hauses O'Donnell wurde auf Grund des Ausnahme- qesetzes wegen Einschüchterung und Aufreizung zur Ver, schwörung zu zwei Monaten schwerer Arbeit verurteilt.

* Die amerikanischen Demokraten halten die Wahlaussichten für ihre Partei für günstig, wenn die Forderung einer Zolltarif-Reform zur Wahlparole erhoben würde. Uns könnte es nur recht sein, wenn die hohen Zölle eine Ermäßigung fänden.

* Ueber die Lage in Venezuela wird gemeldet, daß der Präsident Castro letzthin einen vollständigen Sieg er, fochten habe.-

Die Schiedsgerichtsfrage und die Bergarbeiter.

Die amerikanische Börse hatte am Dienstag einen gu­ten Tag. Auf die Nachricht hin, daß die Arbeitgeber den Präsidenten Roosevelt um Einsetzung eines Schiedsgerichts ersucht haben, gingen die Kurse stark in die Höhe, sanken dann später wieder ein wenig, weil sich immer noch die letzthin erörterte Geldknappheit bemerkbar machte, zogen aber zum Schluß so mächtig an, daß der höchste Kursstand der letzten Monate erreicht wurde. Trotz alledem sind die Friedensaussichten nicht besonders günstig, weil die amerikanischen Bergarbeiter darauf ausgehen, einen vollständigen Sieg zu erfechten. Der zunehmende Aus­stand in Frankreich und die in Aussicht genommenen Aus- stände in Belgien und Spanien ermutigen sie offenbar, hubent hat der amerikanische Gewerkschaftsführer Mit- chell die englischen Gewerkschaften um Unterstützung des Aufstandes ersucht, die zugesagt mürbe; nach Deutschland und Oesterreich dürften ähnliche Aufforderungen ergangen sein. Wie sehr die Fortdauer des Ausstandes im Plane der Arbeiter liegt, geht aus der Erklärung des Mr. Mitchell hervor, daß nichts darauf hindeute, die Arbeiter würden die Vorschläge der Arbeitgeber annehmen. Weitere Erklä­rungen lehnt er ab. Diejenigen, welche über tue Lage unterrichtet sind, sagen ganz offen voraus, daß m der neuerdings angesetzten Konferenz der Distrlktsprasidenten der Grubenarbciterunion Mitchell ben .Hat erteilen wird, ben Vorschlag der Arbeitgeber abzulchncn. Unter den Ar- beitern elbst sind die Anschamingen geteilt, einige sind gegen den Plan, andere dafür Was nun die Lage in »Maien antanat, so ist in Charleroi bereits ein Ailsstand âge treten und war lediglich behufs Unterstützung der ausländischen Lohnbewegung. Um einen Grund zur Ar- leitsnicdcrlcqunq zu haben, wurde eine Lohnerhöhung um lb Proz von den Arbeitgebern gefordert und als biefe obaelelmt wurde, folgte auf dem Fuße die Arbertsniederle- auna In Frankreich bemüht sich die Regierung amtlich um die Vermittlerrolle, aber anscheinend ohne Erfolg. Da- aeaen ist cs erreicht worden, daß die Setzer ihre Sache von herieniaen der Grubenarbeiter getrennt haben. Die AnS- sichten ans Frieden stehen also schlecht.

Wie zutreffend die Vermutung ist, daß auch die deut- schen Arbeiter um eine Unterstützung der fremben Aus­stände angegangen wurden, zeigt folgende Nachricht aus Essen: Die Leitung des alten sozialdemokratischen Bera«

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