Nr. 162. Erstes Blatt.
Mittwoch, den 16. Juli 1902.
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_____________ 11 Jahrgang.
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Aus unserer Residenz.
(Nachdruck verboten.)
Darmstadt, 16. Juli 1902
Die Zeit der Ferien macht sich nun überall hier bemerkbar. Die Sehnsucht nach Ruhe verlangt ihre Erfüllung, und jo leeren sich die Hörsäle der Hochschule, so leert sich die Stadt, und eS beginnt die Flucht in die Sommerfrische, so weit es Glückliche giebt, die sich das zu leisten vermögen. Als eine gewisse Annehmlichkeit dabei wird eS von den Zurückbleibenden empfunden, daß die hübschen Promenaden und VergnügungsetabliffementS weniger polnisch durchsetzt sind und man im allgemeinen wieder den Eindruck einer von Osten weniger eolonisirten Stadt hat.
Auch der Landtag hat seine Tagungen beschlossen, und daS ist in Anbetracht der sehr reduzirten Finanzen des be- omtenreichen Großherzogthums nur zu loben. Jeder Tag kostet das Land etwa 600 Mark und bis während einer Tagung wirklich für 600 Mark Weisheit in einem Parlament herauskommt, muß tüchtig mit vereinten Kräften gearbeitet werden Das ist denn auch zweifellos geschehen, fo daß man unseren wackeren Landboten den Schluß ihrer rastlosen Anstrengungen nur gönnen kann. Und war and) nicht alles zu bewältigen! Wir wollen nur die Hauptsachen betonen, wie die Verhandlung über Hasso- Borussifizirung der Main-Neckar-Bahn, das Wahlgesetz und die anderen schönen Dinge. Das waren wirklich keine Kleinigkeiten und sie wollen „besprochen" sein. Kein Wunder, wenn der Redestrom sich in Meecesarmbreiten dahinwälzte und sein monotones Rollen nicht selten einschläfernd die horchenden Geister bezwang, bis plötzlich ein kampfesfreudiger Abgeordneter tapfer mit einer Stromschnelle kämpfte.
Ein solche war, als Stadt und Land bei der Beratung der Wahlgesetzvorlage hintereinander gerieten. Wenn man den Abgeordneten vom Lande über das Recht der Städte reden hörte, so konnte man schließlich auf die Idee kommen, daß die Städte eigentlich gar nicht zum Lande gehörten. Es war ein lustiger Kampf der Redcu, der in der temperamentvollen Kontroverse zwischen den Abgeordneten Weidner und Schmitt seinenZ'glanz- und wirklich humorvollen Höhepunkt fand. Aber „nichts für ungut" denken Stadt wi- Land. Ferien sind es nun, die Städter gehen auf das Land und vertragen sich erfahrungsgemäß ganz vorzüglich mit den wackeren Bauern, bei denenssie für ihr Geld die beste Aufnahme finden. Ueberhaupt ist das Einvernehmen zwischen Stadt 'und^LoHd trotz so einer parlamentarischen Kavalleria rusticana im allgemeinen vorzüglich. Die Städter nehmen von den Bauern, was sie kriegen sönnen und umgekehrt. Damit ist das Gleichgewicht hergestellt.
Ein gutes Werk aber, das unsere hessischen Landboten gethan haben, soll ihnen hier noch besonders zum Ruhme angerechnet werden. Es ist geradezu ein Werk der Menschlichkeit und alle, die es zu würdigen in der Lage sind, werden mit freudiger Genugthuung davon Kenntnis genommen haben. Die Mitglieder der Darmstädter Hofmusik werden nun bald eine wesentliche Aufbesserung ihres seitherigen wahren Hungerlohnes erhalten. Der Kampf um diese Wohlthat war allerdings nicht leicht. Nicht mit Unrecht wurde betont, daß die Hofmusik von bem Lande gar nichts zu fordern habe. Schließlich jedoch schlug der Gedanke durch, daß es ja doch für das Land ganz gleichgültig sei, ob die Kammer der Vorlage für die Erhöhung dec Musikersolde jetzt mrekt juftimme, oder ob sie später in den sauren Apfel der Erhöhung der Civilliste beißen müsse. Das schnellere war jedenfalls die direkte Zustimmung, und der humane Erfahrungsspruch, daß der doppelt giebt, der schnell giebt, mag wohl ebenfalls entscheidend mitgewirkt haben, wenn er auch nicht ausgesprochen wurde.
Und sie haben es wahrlich verdient, die Hofmusiker, die unter der Leitung des Generaldirektors Werner wahrlich nicht auf Rosen gebettet sind. Die Anforderungen, die an das Orchester gestellt werden, sind ungeheuerlich. Die Proben nehmen kein Ende. Fast in jedem neuen Spieljahre müssen in der Oper die einzelnen schwierigen Werke der Opernlittecatur, die auf dec Darmstädtec Hofbühne im Interesse ihres wenn auch jetzt sehr bescheiden gewordenen künstlerischen Nufes gegeben werden müssen, von Grund aus neu einftubiert werden, weil eS die Direktion entweder nicht versteht oder weil es ihr nicht beliebt, wie in früheren glorreichen Jahren ein stetiges, festes Ensemble von Künstlern zu gründen und zusammenzuhalten. Aue Solisten bedeuten neue Proben, für die geschulten H^ofmusiker sind das unnötige Plagen und unwürdige ^chmdereieu, die man kaum dem letzten Stadt-
theaterchen hingehen lassen kann. Es fiel denn auch manch tadelndes Wort gegen Herrn Werner, der übrigens Glück hatte, daß die Theaterbauvorlage nicht verhandelt wurde, wo das ganze eventuelle Sündenregister der ganz unpopulären Direktion Werner zur Sprache gekommen wäre. Man denkt hier wohl ab und zu, diese Theatervorlage sei deshalb von der Tagesordnung dec Kammec abgesetzt worden, weil es in gewissen Kreisen unliebsam empfunden worden wäre, daß man die Kreise des Herrn Werner etwas störe. Mag dem sein, wie ihm wolle, die Theatervorlage wird also bei dec nächsten Tagung zur Besprechung kommen, und die Abgeordneten werden ihre Klagen über die Direktion Werner Vorbringen, wenn es auch bis dorthin unter Umständen geschehen sein kann, daß der Herr Generaldirektor mit einem besonderen Orden oder Titel in den wohlverdienten Ruhestand mit Eleganz hinübervoltigiert ist. Alsdann werden wir uns ebenfalls an den jedenfalls sehr interessanten Erörter- ungen beteiligen.
Stille Zeit.
Zum ersten Male seit einer Reihe von Jahren ist mit dem Beginn brr HnndStagsferien auch politisch wieder eine stille Zeit gekommen. Aufgeregte HundStage wie in den letzten Jahren scheinen uns diesmal erspart zu bleiben. Im Sommer 1898 ließen die Reichstagswahlen, der Tod Bismarcks und der spanisch-amerikanische Krieg die politische Welt nicht zur Ruhe kommen. In den Hundstagen 1899 hielt der Kamps zwischen Krone und Konservative in Preußen um „den" Kanal weit über die schwarz-weißen Grenzpfähle hinaus, auch außerhalb Deutschlands, die politische Welt in Spannung. Noch größer war die Erregung über das Schicksal von Dreyfus, der Anfang Juli 1899 von der Teufelsinsel zurückgeholt wurde. In der Saurengurkenzeit des Sommers 1900 explodnten die Wirren in China. Aber auch der Krieg in Südafrika allein hätte ausgereicht, um jeden Gedanken an eine stille Zeit zurückzudrängen. Dazu kam noch die Ermordung des König Humbert. Auch im vorigen Sommer konnte angesichts des Ringens in Südafrika und der Veröffentlichung des Zolltarifs von einer politisch stillen Zeit nicht die Rede sein.
Eine stille Zeit ist erst mit den jüngsten HundStagS- ferien gekommen. Der Krieg in Südafrika ist zu Ende. Die Wirren in China scheinen beigelegt, und immerhin einige Aussicht ist vorhanden, daß wir mit unseren Legionen auch unsere Millionen zurückerhalten. Wenn nicht unverantwortlich gelogen wird, so erscheint die jäh in den Krönungsjubel hereingebrochene Katastrophe im englischen Königshause vorläufig wenigstens beseitigt. Die freche Mystification mit dem Steckbrief gegen „Wilhelm Kaiser", den „Sohn von Friedrich Kaiser, wohnhaft in Charlottenburg", wird zwar nicht zu Verwickelungen mit Oesterreich führen, wohl aber noch zu manchen Erörterungen Anlaß geben. Die Prager Polizeiverwaltung ist dabei vor eine schlimme Wahl gestellt, entweder eine unglaubliche Schlamperei in ihrem Betriebe und eine bodenlose, geradezu polizeiwidrige Dummheit ihrer Organe oder deren Beihülfe zu einer unverschämten Beleidigung des Oberhauptes eines befreundeten Nachbarreiches eingestehen zu müssen. Den: Kaiser wird dieser Dummenjungenstreich die Ferienruhe auf der Nordlandreise nicht stören. Von Wert ist der „Steckbrief" als ein Symptom, wessen verblendeter und fanatisirter Chauvinismus fähig ist.
Während der Nordlandsreise des Kaisers sind auch die Minister der Ruhe zu pflegen gewohnt. Auch der Reichskanzler Graf Bülow hat ausgespannt. Diesmal hat er nicht seinen geliebten Semmering aufgesucht, sondern sich zur Erholung nach Norderney begeben. Die Staatssekretäre sind nicht alle so glücklich daran wie ihr Chef. Dec Zolltarif macht ihnen Pein und raubt ihnen die Ferienruhe. Besonders Graf Posa- dowsky, der arbeitsfreudige, muß Tag für Tag und Woche für Woche ausharren in der Zolltacifkommission. Die Zolltarifkommission bildet nach wie vor das Ereignis dec stillen Zeit. Das Interesse an den Verhandlungen aber hat schon erheblich nachgelassen. Das Zeigt sich vor Allem in bem Auftauchen beliebter Ferienthemata der todten Saison, als da sind die Erörterungen über die Abänderung an der Geschäftsordnung im Reichstag, die Einschränkung dec Redefreiheit, die koloniale Krisis, die Gecichtsferien, das Kartell dec Linken usw. Ein Kartel der Linken zur Zurückdrängung des agrarischen Einflupes mag Manchem als ein schöner Traum vorschweben. Die größte Gegnerin eines solchen Kartels aber ist und
bleibt die Sozialdemokratie, wenngleich sie anderen Parteien die Schuld zuuischieben sich bemüht.
Wer noch bezweifeln möchte, ob wirklich jetzt eine stllle Zeit hecangekommen ist, der muß eines Andern belehrt werden durch die Seitensprünge deß vielseitigen Abg. v. Zedlitz. Seine „glänzendste" Leistung mar bic akademische Erörterung über den Gedanken eines Veckailfs von Deutsch-Ostafrika, die er vor wenigen Tagen mit feinet Namensunterschrift in einem un. politischen Berliner Blatt veröffentlicht und die alsbald als geradezu antinationai von der „Post", also gerade in dem Leiborgan desselben Frhr. b. Zedlitz^scharf zurückgeiviesen wurde. Diese heitere Polemik zwischen Zedlitz und Zedlitzens Organ tust die Erinnerung an jenen mythenhaften Mann wach, bet in seiner Viel- seitigkeit Organe gegnerischer Richtung zufriedenzustellen vermochte und der heute in einem konservativen Blatt voll edler Entrüstung zu Felde zog gegen einen Artikel, den er selbst tags zuvor in einer nationalliberalen Zeitung veröffentlicht hatte. Auch dem Reichskanzler wird bekanntlich nachgesagt, daß er eS in intimem Kreise liebt, als Oppositionsredner gegen sich selbst „loszudonnern", und Diedrich Hahn soll geradezu glänzende Erfolge in der Rednerschule des Bundes der Landwirte aufzuweisen haben, wenn er durch Reden im antiagrarischem Sinne seine Schüler zum Widerspruch reizt.
Politische Nachrichten
Der „Steckbrief" gegen den Kaiser welcher im amtlichen Polizeianzeiger von Prag, von polnischer Seite in höchst gemeiner Weise publizirt wurde, hat überall große Verachtung hervorgerufen. Der „Steckbrief", den wir nicht vollständig wiedergeben können, fing folgendermaßen an: „Kaiser Wilhelm, Sohn des in Charlottenburg ^bei Berlin wohnhaften Kaisers Friedrich" und es ist dann in ihm auch noch von Marienburg die Rede. ^"„Mißverständnis" war nicht möglich. Wie das Prager Tageblatt mitteilt, war der „Steckbrief" im Amtsblatte vom 3. Juli erschienen, aber erst am 10. Juli soll die hiesige Volizeidirektion die Mystifikation erkannt haben, nachdem der „Steckbrief" bereits in dec Provinzialpresse zum Abdruck gekommen war. Die Prager Polizeidirektion erklärte gegenüber einem Berichterstatter, des „Praaer Tageblatts" das Vorkommnis auf folgende Weise: „Unter dem massenhaften Einlaufe — 500 Stück täglich — welche durchzusehen und für den Polizeianzeiger zu präparieren sind, befand sich auch eine hektographirte Karte aus Podwoloczyska in Galizien in polnischer Sprache abgefaßt und genau in der Form gehalten, in welcher amtliche Verlautbarungen hektogravhirt an die verschiedenen Gerichte versendet werden. Bei dem me- chanischen Arbeiten, welche das Uebersetzen und das Zusammenstellen derartiger Verlautbarungen erfordert, ist es eben vorgekommen, daß der Beamte die Anspielungen übersah und die Karte übersetzte, ohne sie zu überprüfen. Es ist nach den uns gewordenen Infor- mationen eine böswillige Absicht auf der Prager Polizei- direktion absolut ausgeschlossen. Dieselbe ist vielmehr von dem Absender anzunehmen, nach welchem gefahndet wird.
— Der allgemeine Delegiertentag der nationalliberalen Partei wird endgiltig am 11. 12. und 13. Oktober in E isenach stattfinden. Für den 13. September wird eine Konferenz der sozialistischen Frauen von der Vertrauensperson der Genossinnen Deutschlands nach München einberufen. Es soll u. a. über den gesetzlichen Schutz der Frauen, Kinder- und Heimarbeit und die politische Gleichberechtigung des weiblichen Geschlechtes insbesondere auf dem Gebiet des Vereins- und Versammlungsrechtes beraten werden.
München, 15. Juli. Es kann als feststehend ange- sehen werden, daß dec bayrische Gesandte in Wien Baron von Podewils in das Ministerium eintreten wird. Doch ist es zweifelhaft geworden, ob er das Kultlls-Portefeuille übernehmen wird. — Es sprechen allerlei Anzeichen dafür, daß der Justizminister Freiherr von Leocod, welcher unmittelbar nach der Beurlaubung des Herrn von Landmann sich einer Augenoperation unterziehen mußte, die Geschäfte seines Ressorts nicht wieder übernehmen wird. Es steht vielleicht eine Allgemeine Verschiebung im Ministerium bevor, doch ist noch ungewiß, ob der Regent nicht die Entscheiduna um 10 Tage hinausschieben wird, da er im Begriff ist