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Nr. 240.

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Mittwoch, den 15. Oktober 1902.

Gießener

__11. Jahrgang.

Jufc -tionSvretS : Die einspaltige Petitzeile für Gießen wie ganz Cberheffen, die Kreise Wetzlar und Marburg 10 Pfg. sonst 16 Pfg.; Reklamen die Petitzeile 30 resp. 40 Pfg.

Postzeitungsliste No. 3032.

Redaktton und Expedition: Gießen, Neuen weg 28.

Ferusprecha«schl»ß Nr. 868.

Deue^e Nachrichten

«Si-S-n-r A-g-ora«) AnaShängig- HagesMung (SieSener Ieitun^

für Oberheffen «Nd die Kreise Marburg ^ind Wetzlar; Lokalmzeiaer für Gietzen und Umgebung.

Druck uno «erlag der Gießener Verlagsdrucker i. norm. Wilh. Keller'sche Buchdruckerei, lgegr. 1783); für die R-daki^ verantwortlich: Albin Klein Mithen

Friedrich Ludwig Jah«

Sin deutscher JVIann.

^ Ein Lorbeerblatt für den Turnvater Jahn. =

Am 15. Oktober 1852, vor genau fünfzig Jahren also, verstarb in Freiburg an der Unstrut der Schöpfer der deut­schen Turnkunst, der Turnvater Jahn. Schon die histo­rische Bezeichnung, unter der sein Name fortlebt im An­denken des Volkes, kennzeichnet sein inniges persönliches Verhältnis zu den Jüngern der Turnerei. Man würde wirklich dem Wesen seiner Persönlichkeit nicht gerecht wer­den, wenn man ihn bloß als den Förderer rein körperlicher Uebungen würdigen und nicht auch der Veredelung seiner Kunst durch die Pflege echter Vaterlandsliebe gedenken wollte. Niemand anders als Jahn war es, der mit seinen Jüngern Eiselen und Friesen den Geist opferwilligen Vater­landssinnes in Deutschlands schwerster Zeit in alle Schich­ten der Bevölkerung trug. Als junger Student hatte er bei dem Kriegsausbruch im Jahre 1806 den Studien den Rücken gekehrt und war zu den Waffen geeilt, aber er konnte seinem Vaterlande nicht mehr seine Dienste weihen, weil der Krieg bereits durch die Schlachten bei Jena und Auerstädt entschieden war, als er sich bei den Militär- Lommqndos meldete. Da er sich unter der Franzosen­herrschaft durch seine Agitationen mißliebig gemacht hatte, so mußte er sich der Aufmerksamkeit der neuen Behörden entziehen. Er floh nach Lübeck, und erst, als über seine Tätigkeit Oras gewachsen war, kam er im Jahre 1809 nach Berlin, wo er eine Lehrerstelle in dem bekannten Plamann- schen Erziehungsinstitut erhielt, dem bekanntlich auch der Heimgegangene Fürst Bismarck als Schüler angehört hat. Als Predigerssohn am 11. August 1778 in Lanz in der Prignitz geboren, war Friedrich Ludwig Jahn ursprünglich zum Studium der Theologie bestimmt; er widmete sich aber doch alsbald sprachlichen Studien. Frühzeitig lenkte ihn sein Interesse dann auf das Gebiet der Politik, an der ihn vor allem die Volkserziehung interessierte. Auf zwei Gesichtspunkten baute er in jenen schlimmen Tagen seinen Plan der Volksverjüngung auf: der Stählung des Körpers durchs Leibesübungen und der Erweckung des National- o^hvlseins. In der jungen, heranreifenden Generation erblickte er die Träger von Deutschlands Befreiung, und so begann er seine Turnerei nicht in den Kreisen der Er­wachseneneinzuführcn, sondern bei den Knaben, mit denen er in der Hasenheide, dem ersten Turnplatz in Deutschland,

Leibesübungen vornahm. Sein patriarchalisches Ver- yaltni? zu seinen Zöglingen machte ihn zum Propheten der neuen Zeit. In den Kinderherzen pflegte er unter den Augen de_'französischen Gouvernements zu Berlin den Haß gegen die Fremdherrschaft, und als die Zeit reif war zur Volkserhebung, da waren die Knaben zu Jünglingen heran- aewachsen: Ein großer Teil seiner Zöglinge folgte jetzt seinem Ruf zu den Waffen; er selbst diente als Leutnant un Lützowschen Freikorps. Nach Beendigung des Krie­ges erhielt er eine Staatsanstellung, und nun erst begann er, mit aller Energie die Liebe zur Turnerei im ganzen Volke zu verbreiten. Selbst der Name stammt von ihm; er entlehnte ihn dem alten WorteTurnier", das er für eine deutsche Sprachform hielt. Sein Einfluß auf seine Zeit war durch die Turnerei so mächtig, daß es ihm im Jahre 1848 gelang, gerade die turnerischen Kreise für das hohe Ziel der deutschen Einigkeit zu gewinnen. Es ist da­rum auch wohlverdient, wenn man ihn als einen Typus des deutschen Nationalbewußtseins ansieht. Als solcher gilt er den Deutschen in Oesterreich, die ihm dieser Tage in Graz ein Denkmal gesetzt haben, auf daß es ihnen ein Wahrzeichen der Zugehörigkeit zu den Brüdern im Reiche sei.

Deutscher Reichstag.

Wiederaufnahme der Verhandlungen.

Berlin, 14. Oktober.

Der Reichstag trat heute zu seiner ersten Sitzung nach der Sommervertagung zusammen. Obgleich neue Petitionen auf der Tagesordnung standen, zeigte das Haus von vornherein eine leidlich gute Besetzung. Die Rechte wies mehr Lücken auf, als die Linke, doch waren die Koryphäen aller Parteien ziemlich gleich stark ver­treten. Im Vordergrund des Interesses stand, bevor noch die Sitzung eröffnet worden war, die Art, wie der Se­niorenkonvent der Rat der Alten sich über die Geschästsverteilung für die nächste Zeit schlüssig ge­macht hatte. Vor der .Fleischteuerungs-Jnterpellation soll die Arbeitslosen-Jnterpellation der Sozialdemokra­ten aus dem vorigen Arbeits-Abschnitt der Session zu Ende beraten werden. Zum Zolltarif machte sich der Seniorenkonvent dahin schlüssig, zunächst den Paragr. 1 des Zolltarisgesetzes, dann den Zolltarif selbst und dem­nächst den Schluß des Zolltarifgesetzes selbst zur Be­ratung gelangen zu lassen. Der Präsident des Hauses Gras Ballestrem erschien pünktlich an seinem Platze. Inzwischen waren auch auf der Bundesratsestrade zahl­reiche Vertreter der verbündeten Regierungen sichtbar geworden, es gab ein Begrüßen und Händeschütteln ohne Unterlaß. Gras Ballestrem richtete auch seinerseits bcn üblichen herzlichen Gruß an die Erschienenen. Er gab dann Anlaß, dem inzwischen verstorbenen Mitglied des Hauses, Kauffmann, die üblichen Ehren zu teil werden zu lassen. Er machte Mitteilung von der durch das Präsidium des Reichstags bewirkten Ehrung der Manen des verstorbenen Königs von Sachsen, den er mit Recht einen Heldenkönig nannte; der französische Bot­schafter hat für die Anteilnahme an dem Unglück von Martinique seine Erkenntlichkeit zum Ausdruck gebracht, an dem Sarge des verstorbenen Oberpräsidenten von Westpreußen v. Goßler, des einstmaligen Präsidenten des Reichstags, ist ein Kranz niedergelegt worden. Die Erledigung der geschäftlichen Mitteilungen nahm eine ganze Viertelstunde in Anspruch Aus der Tagesord­nung stand zunächst ein alter Bekannter, eine Petition wegen Erlasses eines einheitlichen Vereins- und Ver- sammlungsrechts. Referent war das Mitglied der frei­sinnigen Volkspartei Müller-Meiningen. Er ist einer der bekanntesten und beredtesten Vertreter moderner Auffassung auf diesem Gebiete. Von Seiten der Na­tionalliberalen trat ihm im wesentlichen bei Abg. Bassermann, der es für nötig hält, daß Deutsch­land in der Regelung dieser Angelegenheit dem Aus­lande folge. Es sei beispielsweise keineswegs zeitgemäß, wenn die Frauen nicht in Versammlungen über ihre Berussinteressen mitsprechen dürften. Vom Centrum sprach Abg. Trimborn, welcher hervorhob, daß be­sonders das Königreich Sachsen auf diesem Gebiete außer­ordentlich rückständig sei. Der Abg. Rickert trat für eine vollständige Gleichberechtigung der Frauen ein und gab dadurch für den Abg. Bebel das Stichwort zu einer langen Wahlrede aus. Besonderes Interesse erweckten seine Betrachtungen über die Folgen, welche die Ver­leihung des Stimmrechts an die Frauen haben wür­den. Wie weit eine Gleichstellung der Frauen und Män­ner eintreten möchte, darüber gingen die Meinungen überhaupt auseinander.

Im Namen der verbündeten Regierungen gab zu­nächst der Vertreter der sächsischen Regierung, Ministe­rialdirektor Fischer, dem der weimarische Gesandte Paulssen sekundierte, eine Erklärung ab, aus der her­vorgeht, daß sich in der Frauenfrage der Standpunkt der verbündeten Regierungen nicht geändert hat. Tie kühle Diplomatensprache stach scharf ab von der heißblü­tigen Redeweise des Verfassers derFrau", des Abg. Bebel. Um 534 Uhr vertagte sich das Haus. Auf der Tagesordnung der morgigen Sitzung steht die Fortsetzung der Arbeitslosen-Jnterpellation, die noch ein Rest aus dem letzten Sessionsabschnitte ist. Vor Schluß der Sitzung teilte der Präsident noch mit, daß die Fleisch- teuerungs-Jnterpellation der Freisinnigen eingegan­gen ist.

Die Politik.

Ein Stimmungsumschwung.

Bei dem Kaiser, der augenblicklich auf seinem Tuskulum zu Cadinen weilt, ist der deutsche Botschafter in London, Graf Wolff-Metternich erschienen: zunächst um die Instruktionen des Monarchen für die nächste Englandreise zu empfangen, sodann dürfte er ihn aber auch über den Eindruck der durch die Burengenerale so stark verfah­renen Audienzfrage unterrichtet haben. Die Stimmung in England ist außerordentlich erbittert, namentlich weil General Botha in Paris politische Anspielungen nicht ganz vermieden hat. Wäre ähnliches bei uns geschehen, so würde jedenfalls, weil ohnehin trotz der anten höfischen und divln.

matischen Beziehungen unsere englischen Bittern nichTaut ausuns zu sprechen sind, ein sehr unerquickliches Verhältnis auch m unserem diplomatischen Verkehr mit England qe- schaffen werden. Das hat doch den Burenfreunden die Augen darüber geöffnet, wie gut und wie notwendig es war, daß in dieser Frage streng auf Innehaltung der Nor­malien geachtet wurde. y .

Die Sprachen Verordnung in Oesterreich.

Der österreichische Ministerpräsident v. Körber hat dem Parlamente eine Vorlage über die Sprachenfrage in Däh- men und Mähren zugehen lassen, wonach angeordnet wird, oatz Die deutsche Sprache Militärdienstsprache ist, ferner ist nur die deutsche Sprache anzuwenden im Verkehr mit den Behörden außerhalb dieser Äonländer und mit den oberen Instanzen. Im übrigen werden die beiden Länder in deutsch- oder böhmisch- und in gemischtsprachige Gebiete emgeteilt. Gemischtsprachig ist das Gebiet, wenn mehr als sp ^âent der Bevölkerung anderer Nationalität sind, als die Volksmehrheit.

Die Burengenerale in Paris.

Der Empfang der Burengenerale in Paris war radezu stürmisch. Im Laufe des Montag hatten die ^äfte eine Unterredung mit dem Ministerpräsidenten Combes, die aber nur wenige Minuten dauerte, und mit dem Mi- des Auswärtigen Delcassè, der jetzt in der amt- lichen Presse mit großer Geflissentlichkeit den privaten Charakter dieser Besprechung betonen läßt. Abends fand ein Bankett im Restaurant Marguery statt, das über­aus stark besucht war. Auf der Fahrt dorthin wur­den die Generale lebhaft begrüßt. Dewet hielt eine An­sprache, in der er die Versicherung abgab, daß er nicht mehr zur Büchse greifen werde, nachdem er den Friedensvertrag unterzeichnet habe; er gedachte auch der Verdienste des französischen Mitstreiters Grafen Ville- bois-Mareuil. Delarey dankte dem französischen Volke, insbesondere dem Damen-Hilfskomitee für ihre große Opferwilligkeit und betonte, daß die Buren ihre Bluts­verwandtschaft mit Frankreich nicht vergessen werden. Den Buren wurde am Schluß der Festlichkeit eine sil­berne Plakette überreicht, welche auf der einen Seite das Bild Krügers, auf der anderen eine allegorische Dar­stellung der beiden Republiken zeigt.

Der französische Ausstand.

Nach den neuesten Nachrichten, die aus Frankreich kommen, scheint die Ausstandsbewegung wieder im Wach­sen zu sein, weil es den Agitationen der Ausständi­schen gelungen ist, die Arbeitswilligkeit desgelben Syndikats" zu erschüttern. Wenigstens wird zu dem Ausstand der Bergleute in Valencwnnes berichtet, daß die sogenannten roten und gelben Syndikate neuerdings in völligem Einverständnis miteinander sind und daß der Ausstand in den Departements Nord und Pas de Calais ein vollständiger ist. In der Umgebung von De- nain kam es zwischen etwa tausend Ausständigen, die zu einem Schacht, in welchem angeblich nod) ge­arbeitet wurde, marschieren wollten und berittenen Gen­darmen zu einem Zusammenstoß. Mehrere Arbeiter wurden leicht verletzt.

An manchen Plätzen haben sich, wie z. B. in St. Etienne, die Setzer mit den Grubenarbeitern solidarisch erklärt und den allgemeinen Ausstand beschlossen. In­zwischen ist in Rouanne auch noch ein Weberausstand ausgebrochen, allerdings durch Verschulden der Arbeit­geber. Diese verlangten nämlich, daß die Arbeiter auch am Sonnabend nachmittag für sie arbeiten. Die Ar­beiter weigerten sich jedoch, worauf die Arbeitgeber be­schlossen, zwei Prozent ihrer Arbeiter zu entlassen. Die Arbeiter, an Zahl 12 000 Mann, erklärten sich mit den Entlassenen solidarisch und verlangten Wiedereinstellung, andernfalls wollen sie in den Ausstand treten.

Tie nationalistischen Abgeordneten haben im Hin­blick auf die Gefährlichkeit der Lage die Einbringung eines Initiativantrags über den Gebrauch der Waffen in Aus­sicht genommen.

Von der Raketenkiste im Orient.

Noch immer liegen keine bestimmten Nachrichten über die Zustände im Orient vor. Während das macedo- nische Komitee in Bulgarien betont, daß die Aufständischen sich eine feste Stellung auf dem linken Struma-Ufer ae- schaffen haben, äußerte der Vorsitzende der Ausstanösbe- megung, Sarafow, es handle sich nur um unorganisierte Vorüöße einzelner Banden. Ter zum zweiten Male ent- slohene bulgarische General Zontschew, ebenfalls macedo- nischer Revolutionär, betont in einem Briefe, den die WienerZeit" veröffentlicht, die bulgarische Regierung möge die Tatsachen verdrehen; Tatsache sei, daß der ma- cedonische Sklave mit den Waffen in der Hand sein Dasein bekundet. Tas Ende des Dramas werde die vollständige Vernichtung der Christen in Macedonien sein; aus den Gebeinen dieser Opfer werde einst ein Rächer entstehen. Ein erster Erfolg der amerikanischen Kohlenarbeiter.

Das Ziel des Präsidenten Rooseoxlt, der den ame- cikanischen Bergarbeiterstreik durch eine Art Schiedsge­richt aus der Welt schaffen wollte, ist, soweit die Arbeit-