Montag, den 15. September 1902
11. Jahrgang
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I«sertio»Sprei Sr Die einspaltige Petitzeile für Gießen wie ganz Oberhessen, die Kreise Wetzlar und Marburg 10 Pfg. sonst 15 Pfg.,- Reklame« die Petitzeile 30 resp. 40 Pfg.
Postzeitungsliste No. 3032.
Redaktion und Expedition: Gießen Neuenweg 28.
Fer«sprecha«schl»ß Nr, 368.
(Gießener Gagevtatt)
Unabhängige Tageszeitung
(Hießener Bettung)
für Oberhessen und die Kreise Marburg und Wetzèar; Lokalanzeiger für Gießen un^ Umgebung
Druck und Verlag der Gießener Verlagsdruckerei, dorm. Wilh. Keller'sche Buchdruckerei^Mir^TSZ^^ die Redaktion verantwortlich: Albin Klein, Gieb- it.
(Von
Kaisermanöver.
unserm Spezialberichterstatter.)
IV. •
Frankfurt a O, 11. Septbr.
Nach dem ungünstigen Gefecht des gestrigen Taacs war das 3. Korps in eine Stellung zuruckge- «angen, die sich von Ziclenzig bis Weißense- m großem Lagen um das bei Tempcl-Schermeisel stehende J. Korps Setumgog. Das 3. Korps hatte - nach der An- nafcnie - eine Kavallerie-Division aus Frankfurt als Erstarkung erhalten, beide Divisionen mit den beiden reitenden Artillerieabteilungen und den Maschinengewehren dec Gardeschützen und 5. Jäger waren zu einem Kavalleriekorps unter Führung des Kaisers vereinigt und bezogen Biwak bei Weißensee in unmittel- baccr Nähe des kaiserlichen Lagers.
Das 5. Korps konnte mit dem Erfolge des vorigen Tages voll zufrieden sein und verlangte vorläufig nach weiteren Lorbeeren nicht; in konzentrierter, durch das Gelände in hohem Grade begünstigter Stellung konnte
es die Maßnahmen des Gegners ruhig abwarten; minfte ihm doch, je länger es die Entscheidung hinhielt, um so eher die Unterstützung des von Crossen im Anmarsch begriffenen 6. Korps.
Für das dritte Korps war es zwingende Notwendigkeit, die erhaltene Verstärkung so rasch wie mög- ilich auszunutzen und die Scharte von gestern wieder auszuwetzen, ehe das 6. Korps heran und somit die eigene Verstärkung bei weitem ausgeglichen war.
Beim 5. Korps waren beide Flanken stark bedroht, am rechten Flügel war das Gelände für Sicherung der Flanke sehr ungünstig; circa 500 Meter vom Rande von Tempel in dec Luft hängend, konnte es einem von hort ausgehenden Angriff nicht lange Widerstand leisten; eine Unterstützung des Flügels durch Artillerie war nach dec Geländebildung ausgeschlossen. Der linke Flügel, dec durch das kupirte Äelände nördlich Scher- meifel-Grabow erwünschte Unterstützung fand, war einem Flankenangriff von Seiten dec in Zielenzig stehenden 5. Division von vornherein ausgesetzt. Die Hauptstätte dec Stellung lag im Centrum; lange Actillerielinien boten den erforderlichen Rückhalt, begünstigt durch voc- treffliches Schußfeld.
Gegen 7.15 Uhr wurde dec Angriff des 3. Korps bemerkbar; die Gacdedivision stieg in langen, dünnen Linien die Hänge von Neudorf herab und schob sich, allmählich verstärkend, mit der Infanterie an die Stellung dec 41. Division heran. Noch war es fraglich, ob das der blauen Infanterie angesichts des formidablen Artilleriefeuers und dec gut besetzten Stellung gelingen würde, als es plötzlich von den Höhen nordöstlich Tempel aufblitzte, die reitenden Batterien faßten, sekundirt von den 12 Mafchinenge- l^ehccn, die Stellung bedenklich in dec Flanke. Dichte Reitermassen zeigten sich in Bewegung auf dem genannten Höhenzuge entlang nach Pieske zu. Die Umgebung des roten rechten Flügels durch das Kavallerie- lorps war eingeleitet, die Lage des Flügels wurde un- ?âltbar und in dieser Erwägung auch der Rückzug be- chlossen und angetreten. Das Kavalleriekorps war bildlich Tempel nach Westen eingeschwenkt, galoppirte auf und selbst zum Angriff gegen die zurückflutenden und von der Garde-Infanterie verfolgten Schützen- hnun des 140. Regiments. Widerstand war solchen casten gegenüber ausgeschlossen, wohl würden die vordersten Linien der Reiter durch das Schnellfeuer zum Sturzen gebracht worden sein, aber über ihre Leiber hinweg hatten neue Schwadronen die Lücke aus- gefüllt und so den Gegner erstickt und erdrückt Die Gardefüliliere waren inzwischen so nahe herangekommen daß sie von dem rechts überragenden Flügel der Leibhusarenbrigade für den Feind gehalten und energisch ottackict wurden, jedoch nicht ohne sich durch rasendes Schnellfeuer ihrer Haut zu wehren. Derartige Irrtümer sind im Ernstfalle ausgeschlossen, da sie nur auf Rechnung der gleichen Uniform zu setzen sind. Immerhin gehörte das Beschießen dec eigenen Truppen im letzten Kriege nicht zu den Seltenheiten, es handelte sich aber vorwiegend um das Beschießen durch weit entfernt stehende Artillerie. Die Aufregung des Ernstkampfes kann Blüten zeitigen, für die wir bei ruhiger Uebec- legung kein Bkotiv finden.
Dem Angriff des Korps schloß sich die Kaiserin an; an dec Spitze feiner Leibhusacen ritt der Kaiser in
deren Uniform, einen schilffarbenen, vorn einen roten < Todtenkopf tragenden Ueberzug über dec Pelzmütze.
Das 49. Regiment war Korps-Reserve und hatte sich in der Mitte der 21. Division derart bereitgestellt, daß es sich dem heranbrausenden Sturme dec 12 Kavallerie- Regimentec gegenüber entwickeln und zur Abwehr rüsten konnte. Dec Kaiser traf gerade auf die Mitte des 3. Bataillons, ritt zwischen die 9. und 10. Kompagnie durch und setzte den Angriff bis zur letzten Artillerielinie dec Division fort.
Die blaue Artillerie hatte bei Annäherung des Angriffs die Geschütze herumgedreht und mit Kartätschen die Wucht des Ansturms, allerdings vergeblich, zu brechen gesucht. Auf der Höhe, ungefähr 2 Kilometer südlich Neudorf, kam es zum Halt, die Reihen ordneten sich, und in kurzer Zeit stand das Korps ordnungsmäßig versammelt. Dec Kaiser hielt eine kurze Besprechung ab und dirigirte das Korps wieder zurück, zunächst hinter eine Höhe dicht westlich Tempel, sodann in das Biwak des vorhergehenden Tages bei Weißensee, woselbst auch das kaiserliche Heerlager für die Nacht wiederum bezogen werden wird. Das 3. Korps setzte die Verfolgung nicht fort, sondern beschränkte sich darauf, die eroberte Stellung zu halten. Das heranrückende 6. Korps wird bei diesem Entschlusse mitgewirkt haben. So wird das Korps voraussichtlich in einer Linie etwas vorwärts der die Nacht vorher innegehabten Vorposten Unterkunft beziehen, das 5. Korps in einer Stellung weiter südlich das Hecankommen des 6. Korps vor weiterer Entschließung abwarten.
Der Kaiser wird voraussichtlich auch morgen wieder die Führung des Kavalleriekorps übernehmen.
Zurückgreifend möchten wir von einer Episode des 1. Manövertages, über die wir andeutungsweise berichtet, eine nähere Beschreibung geben, um zu zeigen, wie ein frischer fröhlicher Reitergeist auch heute noch unseren Schwadronen innewohnt. Die 41. Infanterie- Division mit dem 49. Regiment an der Spitze marschierte von Meseritz auf Pieske; 3 Kilometer westlich Meseritz kam es zum Zusammenstoß mit der blauen Kavallerie-Division, welche eine außerordentlich interessante Lage, ein selten lebhaftes und farbenprächtiges, heutigen Tages nicht oft zu schauendes Manöverbild bot.
In hohem Maße begünstigt durch dichten Nebel und sehr bedecktes Gelände war es der von Neudorf vormarschierenden Kavallerie gelungen, anscheinend unbemerkt von der Avantgarde, an das Gros der Division heranzukommen. Dem unerwarteten Ansturm dec aus dem Nebel auftauchenden, durch eine Maschinengewehr- Abteilung unterstützten Kavallerie-Regimenter konnte, das vorderste Bataillon zunächst nicht Stand halten. Binnen wenigen Minuten jedoch rollte auf breiter Linie ein lebhaftes Schnellfeuer dec fix entwickelten folgenden Bataillone und Batterien, in welches sich das eigentümliche Geknatter der Maschinengewehre und das Hucrahrufen dec hecanstücmenden Reitec mischte. An dem rasenden Feuer der mit großer Rücksichtslosigkeit über ein breites, mooriges Fließ vorgegangenen Bataillone 11/49 und 111/49 muß sich dec Ansturm brechen und nur mit erheblichen Verlusten, wenn auch stolz auf ihren Erfolg, konnte die Kavallerie-Division in nordwestlicher Richtung auf Kurzig ausweichen.
v. W.
* * *
Schwiebus, 12. September 1902.
Das rote Korps hatte gestern dem überlegenen blauen weichen müssen, allerdings mit dem genugthuenden Bewußtsein, den obersten Kriegsherrn selbst als Gegner gehabt zu haben; es war eine ehrenvolle Niederlage.
Der Rückzug des Korps wurde mit einer Linksrückwärtsschwenkung verbunden, sodaß die ursprüngliche Front nach Westen wieder gewonnen und das zu einem hartnäckigen Widerstände bei Kalau sich darbietende Gelände erreicht wurde; vor weiteren Entschlüssen mußte das Eintreffen des von Crossen zu erwartenden Korps abgewartet werden; dazu bot die Hügelkette westlich Kalau die wünschenswerte Gelegenheit. Die 41. Division bezog bei diesem Orte, Die 10. Division bei Paradies, die 9. Division bei Rmnersdors Biwak; die Marschleistungen der letztgenannten Division, die von Schermeisel aufgebrochen war, waren ganz außergewöhnliche, wurden aber ohne jeden Zwischenfall zulückgelegt.
Das blaue (3.) Korps war mit dem linken Flügel Division) bis Schönow, mit der 6. Division und dem Hauptquartier bis Langenpfuhl, mit der Garde biS Kurzig Pieske
gefolgt. DaS Kavalleriekorps ging in daS alte Biwak bei Weißensee, das kaiserliche Lager im weiten Ring umfassend.
Für den heutigen Tag handelte es sich zunächst wiederum um einen geplanten Angriff deS 3. Korps. Der kommandierende General des 5. Korps hatte beschlossen, in einer befestigten Stellung westlich Kalau den Gegner zu erwarten. Vor Tagesanbruch wurden die Lager abgebrochen, und die beiden Divisionen des linken Flügels (9. und 10.) nach dieser Stellung herangezogen. Die 41. Division stand dicht nordwestlich Kalau, mit dem rechten Flügel an der Chaussee Kalau—Nipten, die 10. Division wurde links neben die 9. disponiert und reichte mit dem linken Flügel bis halbwegs Burschen. Die Artillerie grub sich rückwärts der Infanterie- stellung ein, die Infanterie sucht weites Schußfeld bringende Linien; um 8 Uhr war Alles zum Empfang des Gegners bereit. Die 9. Division wurde zur Sicherung des rechten Flügels bis Forsthaus Kalau durch die Forst vorgezogen und erreichte diesen Punkt ebenfalls 8 Uhr, zu welcher Zeit das Erscheinen deS Signalballons den Beginn der Thätigkeit der Manöverleitung, die auch heute in den Händen deS Prinzen Albrecht ruhte, anzeigt.
Das 3. Korps war zum Angriff entschlossen! Die Gardedivision trat zeitig den Vormarsch über Kainscht aus Nipten an und erreichte von hier auS mit seinen ersten Marschkolonnen unbehelligt den Kalauer Wald; erst spät wurde das Erscheinen deS. Gegners von dem bei Kalau bereit stehenden 140. Regiment bemerkt und da die voraussichtliche Angriffsrichtung der vermuteten in keiner Weise entsprach, blieb es nicht aus, daß nach stundenlangem Bereitstehen die Maßregeln zur Abwehr in aller Hast getroffen werden mußten. Die vom genannten Regiment östlich Kalau besetzte Stellung war keine günstige; daS Schußfeld war gering, einzelne Teile der Schützenlinien mußten weit über die eigentliche Stellung vorgeschoben werden, um überhaupt feuern zu können, und daher blieb auch das nicht aus, was einer schlecht zusammenhängenden Schützenlinie stets droht: die vorgeschobenen Abteilungen werden flankiert und leicht geworfen.
Die Unterstützung der Verteidigung durch die Artillerie war eine sehr geringe und dieser Umstand kam dem Angreifer, dessen Artillerie aus einer überragenden Stellung Ruffenberg— Nipten die rote Artillerie westlich Kalau vollauf beschäftigte, sehr zu gute; die vom Verteidiger geschaffenen Geschützeinschnitte waren zur Abwehr des östlich Kalau sich entwickelnden Angriffs nicht zu verwenden. Die Garde, mit dem rechten Flügel von der Chaussee Nipten—Kalau, mit dem linken im Kalauer Walde, ging bald aus der ganzen Linie zum Angriff vor, und dem 2. Garde-Regiment zu Fuß im Verein mit dem Lehr-Bataillon gelang eS bald, dem linken Flügel der 41. Division zu verdrängen. Nachdem auch die 9. Division im Kalauer Walde aus überlegene Kräfte gestoßen und zum Rückzüge gezwungen war, mußte die 8. Brigade die Stellung räumen und aus Kalau zurückgehen. Die inzwischen am Nordrande von Kalau zu beiden Seiten der Chaussee aufgegebene rote Artillerie brachte daS Gefecht zirka 800 Meter nördlich des OrteS zum Stehen; auch die 9. Division konnte in der Linie Kalau—Schindelmühl nochmals Front machen und somit dem Weitervordringen der Blauen vorläufig Halt gebieten. Die Artillerie der 10. Division hatte inzwischen ein lebhaftes Duell mit den Batterien der Garde und 6. Division, die den Kamm der von Nlpter über Russenberg nach Hochwalde sich hinziehen- den Höhen krönten und dem tiefer stehenden Feinde empfindlich rusekten.
Die 6. Division hatte fich^von^Stockwalde, die 4. von Starpel aus gegen die Infanterie der 10. Division entwickelt, der letztgenannten Division war eS gelungen, sich des „Drei Herrscherberges" zu bemächtigen ; auf der ganzen Linie hatte sich so das Gefecht zu Un- aunsten von Roth entwickelt, als das Eingreifen deS Kavalleriekorps die völlige Katastrophe herbeifuhrte. Eine gegen 10.15 Uhr von Kalan her gegen die Batterieen der 9. Division und ihre Bedeckung mit großem Schneid ausgeführte Attacke der Leibgardehusaren, dem Divisions-Kavallecie-Regiment dec Gardedivision, wurde zwar als mißlungen bezeichnet, dieser Vorteil konnte aber zur Wiederherstellung des Gefechtes nicht ins Gewicht fallen, nachdem ein heftiges Artillerie- und Maschinengewehrfeuer von der AnnaS- Höhe, nördlich Paradies her, für die roten wenig angenehme Ueberraschungen brachte.
Das Kavalleriekorps war im Morgengrauen unter Führung des Kaisers aus seinem Lager bei Weißensee aufgebrochen, hatte das Waldgelände östlich Kalau unbehindert durchschritten und war auf Paradies rechts abschwenkend über den Uhusberg nach der Annas-Höhe
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