Nr. 161.
Dienstag, den 15. Juli 1902.
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für Oberhessen mit, die Kreise Marburg und Wetzlar; Lokalanzeiker für Gietzcn und Umqcbuna.
Druck und Verlags der Gießener Verlagsdruckerei, vorm. Wilh. Keller'sche Buchdruckerei, (gegr. 1783); für die Redaktion verantwortlich: Albin Klein, GHefee
Ein verschwundener deutscher Kleinstaat.
Die Herzogin Friederike von Anhalt-Bernburg — ihr Tod wurde dem Leser schon mitgeteilt — war die bei weitem älteste unter den Fürstinnen der souveränen Familien Europas. Wie eine Gestalt aus längst vergangenen und vergessenen Tagen ragte die Neunzigjährige in unsere Zeit hinein, und ihr Tod weckt die Erinnerung an den inzwischen längst von der Weltkarte verschwundenen Kleinstaat, dessen letzte Herrscherin sie war, und dessen Namen sie als letzte getragen hat. Ihr Gatte, der Herzog Alexander Karl, für den sie 8 Jahre lang die Verwaltung des Bernburger Ländchens leitete, war dessen achter Fürst. Zwei und ein halbes Jahrhundert lang hat die Linie Anhalt-Bernburg bestanden. Am Ansange des siebzehnten Jahrhunderts ward das bis dahin einen einheitlichen Staat bildende Anhalt von vier Brüdern in vier Teile gespalten: Dessau, Bernburg, Zerbst und Köthen. Kaum ein deutsches Fürstenhaus konnte sich an Kinderreichtum dem der Askanier vergleichen, und doch führte in verhältnismäßig so kurzem Zeitlaufe das Aussterben aller drei jüngeren Zweige das gesamte Land wieder m der Hand des ältesten zusammen. Allerdings blüht noch jetzt die zahlreiche Nachkommenschaft eines Bernburger Prinzen, die in Preußen lebenden Grafen von Westarp, aber diese, auf die weiter unten zurückgekommen werden wird, haben sich des Rechtes aus die Thronfolge begeben.
Von dem hessischen angesehen, weist wohl die Geschichte keines anderen deutschen Fürstenstammes soviel romantische Capitel auf, wie die des anhaltinischen. Deren bekanntestes lebt bis heute im Gedächtnisse des Volkes fort und hat Dichter und Maler oft zu künstlerischer Darstellung angeregt, — dasjenige nämlich, dessen Helden der alte Dessauer und seine Luise, des Apothekers Föhse Tochter, sind. Weniger bekannt dürste aber eine früher vielfach geglaubte Ueberlieferung sein, durch welche diese der Nachwelt im Lichte der Verklärung ersehe.nende Liebesgeschichte ein wesentlich anderes Aussehen erhält. Nach ihr hatten sich die Dinge in Wirklichkeit sozusagen umgekehrt verhalten. Leopold von Dessau sei ein untergeschobenes Kind gewesen und zwar ein Sohn eben des Apothekers Föhse, ausgetauscht gegen eine kleine Prinzessin, deren Geburt ihren Eltern eine um so größere Enttäuschung bereitet hätte, als ihr bereits vier Schwestern vorausgegangen wären. Dabei sei gleich anfangs in Aussicht genommen worden, die beiden verwechselten Kinder später miteinander zu vermählen, um die Prinzessin auf diese Weise aus dem Apothekerhause ins Fürstenschloß zurückzu- sühlen. Die crasse Unwahrscheinlichkeit dieser Fabel liegt auf der Hand, und doch haben ihr sogar ernste Chronisten Glauben geschenkt.
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Der Bernburger Linie fehlte es ebensowenig an Liebesheiraten zwischen Fürst und Bürgerstochten wie dec von Dessau. Wie des alten Dessauers ältester Sohn sich ohne Wissen des Vaters die Bauerstochter Sophie Herre antrauen ließ und die Ehe, dec schon neun Kinder entsprossen waren (die später erloschenen Grafen von Anhalt) erst auf dem Tootenbette gestand, so verband sich dec Erbprinz Karl Friedrich von Bernburg 1716 heimlich mit dec Tochter eines Kanzleirates, Wilhelmine ^arlotte Nüßler, die als Jungfer bei einer adlichen ^ame im Dienste stand und schon drei Jahre vorher durch ihn Blutter eines Sohnes geworden war. Um sie gegen den Widerspruch seines Vaters und seines Bruders vom Kaiser anerkennen zu lassen, nahm dec Erbprinz d e Verwendung des Fürsten Leopold von Lessau in Anspruch, der viel am Wiener Hofe galt und endlich auch erreichte, daß die Demoiselle Nüßler „auf Vorstellung und wegen der Verdienste Fürst Leopolds von Dessau um das Reich" zur „Reichsgläfin von Ballenstedt" erhoben wurde. Ihre beiden Söhne erhielten später sogar den Reichsfürstenstand, starben aber, ohne Erben zu hinterlassen. Von einem Bruder Karl Friedrichs, Lebrecht, leitete der Nebenast „Bernburg- Schaumburg-Hoym" seine Abkunft her. In ihm waren solche sogenannten Mesalliancen die häufigsten Erscheinungen. Lebrecht selbst vermählte sich nach dem Tote seiner ersten Gemahlin, einer Prinzessin von Nassau- Schaumburg, mit dem schönen Fräulein von Weede, die der Kaiser zur Gräfin machte, und, abermals Witwer geworden, mit Sophie von Ingersleben. Für diese konnte er am Wiener Hofe eine Standeserhöhung nicht durchsetzen, sie wurde offiziell nicht einmal als seine Gattin, sondern nur als „Eheconsortin" oder „Geheiratete" bezeichnet.
Lebrechts Sohn Victor Amadeus führte eine Müfin Henckel, sein Enkel Franz Adolf ein Fräulein Ozon Häslingen heim, die beide den Ebenbürtigkeits-
Gießener
Unabhängige Tageszeitung
(Gießener Zeitung)
Vorschriften des Hauses Anhalt nicht genügen konnten, und wieder Franz Adolfs Sohn, Franz wählte eine bürgerliche Dame, die Tochter eines preußischen Regierungsrates Namens Westarp in Bcieg zur Lebensgefährtin. Diese letzte Heirat hatte allerlei verwickelte Rechtsstreitigkeiten und Auseinandersetzungen zur Folge. Zunächst nötigten die übrigen Mitglieder des Bernburger Hauses den Prinzen zu einem — 1796 — geschlossenen — Vergleiche, durch welchen er selbst seine Ehe für unebenbürtig erklärte und für seine Kinder auf fürstlichen Rang und alle Nachfolge verzichtete. Dieser Verzicht ward mit dem Hinweis auf eine hausgesetzliche Bestimmung begründet; da die letztere aber nie die kaiserliche Bestätigung erfahren hatte und der Vergleich von 1796 ihrer gleichfalls bedurft hätte, sahen die Wittwe und die Söhne des inzwischen verstorbenen Prinzen Franz ihn später nicht mehr als verbindlich an, um somehc als die erstere vom König von Preußen nachträglich den Rang einer „geborenen Gräfin von Westarp" erhalten hatte. Trotzdem sahen sich ihre Söhne zu einem nochmaligen endgiltigen Aufgeben ihrer Ansprüche veranlaßt. Dafür erhielten sie aus der Bernburger Staatskasse eine Jahresrente von 6000 Thalern ausgesetzt und von Preußen für sich und ihre Descendenz den gräflichen Namen von Westarp bestätigt.
Der Zusammenbruch des heiligen römischen Reiches deutscher Nation brachte auch für Bernburg, das dem Rheinbünde beitrat, eine Erhöhung — den Herzogstitel. Der Fürst, dem dieser zu teil wurde, ist gewiß manchem Leser dieser Zeilen seinem Namen nach bekannt, er hieß Alexis und war der Begründer des lieblichen bei Harzgerode gelegenen Alexisbades. Die Gemahlin dieses Herzogs war eine hessische Prinzessin, die Tochter des ersten Kurfürsten von Kassel. Vom Vater hatte sie die Heftigkeit und den Eigensinn, und durch diese Eigenschaften, hauptsächlich aber durch ihre maßlose Eifersucht machte sie dem Gatten das Leben so schwer, daß er sich schließlich von ihr scheiden ließ. Schon ein Jahr darauf schloß er, dem Beispiele so vieler seiner Vorfahren folgend, eine morganatische Ehe mit der Tochter eines seiner höchsten Beamten, des Geheimrats von Sonnenberg, und als diese schon nach einem Jahre starb, wurde ihre Schwester — als „Frau von Hoym" seine dritte Gemahlin. Die Lebeusschicksale seiner ersten Gattin nahmen noch einen bewegten Verlauf. Ihre Excentricitäten, die ohne Zweifel geistig nicht normaler Veranlassung entsprangen, veranlaßten ihren Bruder, bin Kurfürsten Friedrich Wilhelm von Hessen, sie durch einen seiner Generale gewaltsam aus Bonn? wo sie sich in die Behandlung eines Magnetiseurs begeben hatte, entführen zu lassen. Sie wurde nach Hanau gebracht und in strenger Bewachung bis an ihr Ende gehalten.
Ihren beiden Kindern vererbte sie die krankhafte Disposition ihres Gemütes: die Tochter, an den Prinzen Friedrich von Preußen vermählt, verfiel später geistiger Umnachtung, und das gleiche Schicksal wurde ihrem Sohne zu teil, dem Letzten des Stammes, dessen Wittwe die jetzt zu Grabe getragene Herzogin Friederike war. Schon als die damalige Prinzessin Friederike von Holstein-Glücksburg sich dem jungen, eben zur Regierung gelangten Herzoge Alexander Carl vermählte, zeigte er bedenkliche Störungen des Denkvermögens, die übrigens oft nicht eines heiteren Anstriches entbehrten.
So war seine erste That nach seiner Thronbesteigung, die Schildwache vor seinem Palais in Ballenstedt zum Hauptmann zu ernennen. Er hatte damit nur seine Herrschermacht erproben wollen, aber die Probe mißlang, denn seine Umgebung veranlaßte schleunigst, daß die Schlldwache, gegen angemessene Geldentschädigung, freiwillig auf das außergewöhnliche Avancement verzichtete. Bedenklicher war schon seine Liebhaberei, in Alexièbad die Kurgäste vom Fenster aus mit Wasser zu bespritzen. Seltsamerweise bewahrte sich der unglückliche Fürst, auch als tr nachher völlig verblödete, eine lewenschastliche Neigung zur Musik. Ja, er komponierte sogar selbst und kannte feine größere Freude, als wenn seine Kompositionen im Hofkonzert aufgesühit wurden. Es war gewiß nicht freie Wahl und Neigung, welche Friederike von Holstein bestimmte, die Seine zu werden. Eher wohl die Rücksicht auf die kinderreichen Eltern, die nur mühsam, bei sehr knappen Mitteln, nach außen hin den Schein fürstlichen Auftretens zu wahren vermochten. Und war der souveräne Herr eines der anmutigsten deutschen Landstriche, gutbürgerlich gesprochen, nicht noch eine „gute Partie", vergeblich die Prinzessin ihn mit anderen Ehen in ihrer nächsten Verwandtschaft?
Noch ehe sie an Stelle Alexander Carls zur Regentin des Herzogtums ernannt wurde, hatte die Herzogin Friederike
11. Jahrgang.
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Postzeitungsliste No. 3032.
Redaktion und Expeditton: Gießen, Neuenweg 28. Aerusprecha«schl«ß Str. 362.
thatsächlich längst die Zügel der Verwaltung auS den Händen des kranken Gatten in die eigenen genommen. Sie hat diese Macht nie mißbraucht, und manche segensreiche Einrichtung der Wohlthätigkeit besteht noch heute als ein Denkmal ihrer Fürsorge. Und als 1863 mit dem Tode der Herzogs, Bern- bürg an Dessau fiel und damit ihrer Regierung ein Ende bereitet wurde, war es ihr vergönnt, noch säst vier Jahr, zehnte lang als einfache Schloßherrin von Ballenstedt unter ihren ehemaligen Landeskindern, von allen geliebt und geachtet, einen friedlichen Lebensabend zu genießen.
Politische Nachrichten.
Darmstadt, 15. Juli. Durch einige Blatter ging das Gerücht, Staatsminifter Rothe wolle zurücktreten. Wie iw bestimmt erfahre, entbehrt diese Nachricht jeder Begründung. Unser oberster Staatsbeamter bleibt hoffentlich noch recht lange Jahre am Ruder.
— Russische Studentinnen in Berlin. Ueber die Zulassung von russischen Mädchen und Frauen zum Studium an der Universität Berlin besagt eine Bekanntmachung des Rectors, Professor Kekulè von -Stradonitz am schwarzen Brett, die schon in unserm telegraphischen Theil erwähnt worden ist: „Dec Herr Unterrichtsminister hat bestimmt, daß die Reifezeugnisse der russischen Mädchengymnasien für den Besuch der Universität in Zukunft nicht mehr als genügend an- zusehen sind, auch dann nicht, wenn die mit einem solchen Zeugniß versehenen die Ergänzungsklasse durchgewacht und den Rang einer Erzieherin erhalten oder die Ecgänzungsprüfungen im Lateinischen bestanden haben. Auch die fernere Gewährung von Hospitantenscheinen an die bereits auf Grund solcher Zeugnisse zu- gelassenen Frauen darf nur in ganz besonderen Fällen erfolgen." Die letzte Bestimmung des ministeriellen Erlasses ist hart und wird nur durch die Form gemildert, die die Aussicht bietet, daß in wirklichen Bedarfsfällen Ausnahmen gemacht werden können. In den Kreisen der Studirenden aus Rußland wird diese Bestimmung als nicht berechtigt empfunden. Die russischen Studierenden sind der Anschauung, daß die Inhaberinnen des Reifezeugnisses eines russischen Mädchengymnasiums eine Vorbildung haben, die sicher Derjenigen entspricht, welche durch die Erlangung des Lehrerinzeugnisses in Deutschland verbürgt wird. In diesem Sinne gedenken sie zu Petitioniren.
Der italienische König in Petersburg.
König Viktor Emanuel weilt gegenwärtig als Gast am russischen Hof, ein Beweis, daß die Friedensära von allen europäischen Mächten als Grundbedingung für daS ganze volkswirtschaftliche Leben angesehen wird. Dreibund wie Zweibund haben sich in diesem Gedanken verstanden und dieser Besuch ist ein weiterer Beweis dafür. — Beim Gala- Diner hielt der Zir einen Trinkspruch, in welchem er die guten Beziehungen zwischen Rußland und Italien hervorhob und auf das Wohl des Königs und der Königin von Italien trank. König Viktor Emanuel antwortete, ganz Italien sehe in diesem Besuch eine Garantie für den Frieden. Prinetti erhielt die Insignien des Alexander Newski-OrdenS, welche ihm vom Grafen Lambsdorff überreicht wurden.
— In der französischen Deputirtenkammer ist es am Samstag zu argen Tumultszenen gekommen wegen des Erlasses des Ministerpräsidenten, die Congre- gonistenschulen zu schließen: Ein Telegramm meldet darüber:
Paris, 12. Juli. In dec gestrigen Abendsitzung die um 7 Uhr unter dem Vorsitz Guillains eröffnet wurde, bringt Aynard eine Interpellation ein betreffend den Erlaß des Ministerpräsidenten über den Schluß der Congregonistenschulen. Ministerpräsident Combes verlangt, daß diese Interpellation erst nach Erledigung der Tagesordnung beraten werde. Aynard erhebt dagegen Widerspruch und erklärt, die Interpellation werde, wenn sie hinausgeschoben würde, gegenstandslos werden, da sie dann vor einem fait accompli stünde; 2500 freie Schulen würden dann geschlossen sein. Redner wird während seiner Ausführungen von der Linken heftig durch Schlagen auf die Pultdeckel unterbrochen. Er ist sehr erregt, nennt das Vorgehen der Regierung drakonisch und hält es für ein solches, wie es bei gesitteten Völkern unbekannt sei. (Lebhafte Be- wegung.) Mlmfterprasident Combes will sodann unter dem Beifall der Linken das Wort ergreifen, der Lärm wird ledoch |o stark, daß Combes nicht zu Wort kommen kann und die Rednertribüne wieder verläßt. Der