Nr. 239. Zweites Blatt. Dienstag, den 14. Oktober 1902.
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Gießener
__________11. Jahrgang.
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Aerusprechanschlnß Nr. 368.
Neueste Nachrichten
(Gießener Tagevtatt) Unabhängige Tageszeitung (Gießener Weitung)
für Oberheffen und die Kreise Marburg und Wetzlar; Lokalanzeiger für Giefren und Umgebung.
Druck und Verlag der Gießener Vcrlagsdrâ i, vorm. Wilh. K-ller'sche Buchdruckerei, (»cgr. 178»); für die Rcdak.lUrantwortlich: Albin Klkin Gießen
Glossen zur kommenden
cadund des KeiCbStadS. genten eine Galavorstellung geben. Demnach wird es auch O irmenannten ..arofcen Taaen" fphspn
Angesichts des am Dienstag erfolgenden Wieder-Zu- lammentritts des deutschen Reichstages schreibt uns unser parlamentarischer Berichterstatter:
„Es kann gar keinem Zweifel unterliegen, daß Die „Unstimmigkeit", wie der Schatzsekretär Freiherr von Thielmann sagen würde, b. h. der Gegensatz der Meinungen in der zweiten Lesung des Plenums über die Zolltarisvor- lage ebenso groß sein wird, wie in der Beratung der Belltariftommiffion. Die Mehrheitsparteien, das Zentrum und die beiden konservativen Parteien mit Einschluß der Antisemiten, sowie die Mehrzahl der Elsässer und Polen, werden mit Entschiedenheit für eine Erhöhung der Tarife eintreten und auch von der Regierung, wie seither, verlangen, daß sie ihnen in irgend einem Punkte entgegenkommt. Dem Zentrum wäre es am liebsten, wenn die Position für Gerste erhöht würde, weil die bayrische Bevölkerung, dne einen starken Bruchteil der Partei ausmacht, darauf den größten Wert legt. Aber selbst die bayrische Regierung ist gegen eine Erhöhung, um nicht Die Brauindustrie zu schädigen und den Widerstand der Bierkonsumenten herauszufordern. Und diese sind bekanntlich in Bayern eine Macht; Bier ist, wenn man bei einem flüssigen Nahrungsmittel so sagen darf, das Brot der Bayern, nach deren Ansicht ja überhaupt der liebe Herrgott bei der Weltschöpfung eine Geschmacksverirrung begangen hat. Tenn wenn der Urbayer mit schmatzendem Behagen den Humpen an die Lippen führt, murmelt er mit zugeknisfenen Augen wie im Gebet: „Es ist ein Fehler im Schöpfungsplan, daß man das Essen nicht trinken kann." Ta in Bayern die Bauern immerhin in der Minderzahl sind und die besondere Spezies der Gerstenbauern erst recht, so kann man es leicht begreifen, daß die Mehrheit der bayrischen Bevölkerung gegen eine Zollerhöh ang aus Gerste ist. Aber das Zentrum hat anscheinend seine besten Trümpfe noch nicht ausgespielt. Auf leisen Sohlen schleicht inzwischen das Gerücht durch die deutschen Gaue, es sei eine Erhöhung der Brausteuer geplant, die naturgemäß noch mehr als ein Gerstenzoll den Bierpreis erhöhen würde. Alls die Wirkung dieser Nachricht bauen die Neichstagspolititer ihren Plan; vom bayrischen Landtag aus soll auf die bayrische Regierung und durch diese auf ti' Reichsregierung ein Truck ausgeübt werden. Die preußischen Konservativen haben im Gegensatz zum Zentrum wenig Jnterei'e für eine Gerstenzollsteigerung, weil in Preußen verhältnismäßig wenig B.angcrste gebaut wird. Tas Hauptproduktionsgebiet, der ergiebige Boden von Südschlesien, ist durch die Rübenzuckerindustrie dem Ger- sten-Bau fast verloren gegangen. Es besteht sonach bei der Reichstagsmehrheit über die Grundlage der Verständigung durchaus keine Einigkeit und es ist sehr leicht denkbar, daß die Regierung unter diesen Umständen ein Verharren aus der Vorlage der Möglichkeit, durch ein Zugeständnis die Einzelwünsche der verschiedenen Parteien zu entfesseln und dadurch die Zolltarifvorlage zu gefährden, vorzieht. In der zweiten Lesung werden deshalb die Gegensätze, wie der Kunstausdruck lautet, noch einmal mächtig aufeinanderplatzen. Tas Echo davon wird dann in der Presse zu hören sein.
Trotzdem aber ist man in parlamentarischen Kreisen der Ansicht, daß zwischen der zweiten und dritten Lesung die Parlamentäre vorreiten und bei den einzelnen Parteien, wie and) bei der Regierung Vorschläge für eine Verständigung vorlegen werden. Und diese wird vielleicht auch zu Stande kommen, wenn auch einstweilen die Konservativen die gleiche strenge Miene zeigen, wie das Zentrum. In der Stunde der Entscheidung werden dann die ganz konsequenten Vertreter der Erhöhungsforderungen, wenn es ohne Schaden für die Abstimmung geschehen kann, ein Fähnlein bilden, das mit den grundsätzlichen Gegnern geht, die Mehrzahl aber wird die kleinere Zollerhöhung um der unerreichbaren höheren willen nicht verwerfen.
Ein Moment dürfte außerdem sehr wesentlich für die Mehrhertsparteren ins Gewicht fallen, nämlich die Furcht vor einem Systemwechsel. Bislang waren die Konservativen die Regierungspartei; wenn sie nim die Regierung beim Zolltarif ebenso mie bei der Kanalvorlage im Stiche ließen, so könnte, fürchten sie, schließlich doch eine Annäherung au die Liberalen, wenigstens an die Nationalliberalen, eintreten. Tas aber wollen weder die Konservativen noch das Zentrum, die, wenn auch nicht im Reichstage, so doch im preußischen Abgeordnetenhause im Laufe der letzten Jahre engere Fühlung miteinander genommen haben. Nun schlummert freilich noch ein schwerer Feind der Regierungsvorlage im Hintergründe, die Obstruktion. Setzt diese mit großer Wucht ein, so kann es leicht kommen, daß die Beratung vor Ablauf des ganzen Gesetzgebungsabschnittes nicht zu Ende kommt.
Im allgemeinen werden die Beratungen, wie es bei dem trockenen Stoff der Zolltarifvorlage nicht anderes zu ermatten ist, wenig Interessantes und Fesselndes brin- AM. Nur Pie Fleischteuerungsinterpellation wird viel*
leicht ein volles Haus — auf den Tribünen — erzielen, und, wie verlautet, will ja auch das Zentrum mit einer pluskunftsforderung über die Depesche an den Prinzre-
jiicfjt an sogenannten „großen Tagen" fehlen.
Lokales.
Gedenktafel für den 14. Oktober.
1066. Wilhelm der Eroberer siegt in der Schlacht bei Hastings. Beginn der Normanenherrschaft in England. — 1758. Friedrich der Große wird nachts bei Hochkirch von den Oesterreichern überfallen und erleidet eine schwere Niederlage. — 1806. Preußens Heere werden von Napoleon I. bei Jena und Auerstädt völlig geschlagen. — 1809. Friede zu Wien zwischen Oesterreich und Frankreich.
Vermischtes.
st [Ser Ochse als Tierquäler.> In den Stallungen des Wirtes Herold zu Buchenbach wurden seit einiger Zeit Rinder des natürlichen Schmucks der Schwänze beraubt. Man stellte alle möglichen Nachforschungen nach dem Täter an, die Volksstimme bezeichnete schon als Schuldigen einen entlassenen Knecht — da kam man durch Zufall dem Zu- sanunenhnng auf die Spur. Ter Täter war ein junger Ochse, der den Tieren die Schwänze glatt „abzubeißen" verstand.
△ !Ein Land ohne Briefmarken.^ In allernächster Nähe des deutschen Reiches giebt es ein Ländchen, oas, mitten im Zeitalter des Verkehrs, keine Briefmarken, hat. Etwa eine Meile von Aachen liegt die „Enklave" Neutral Moresnet, gerade zwischen Belgien und Preußen, ohne zu einein dieser Staaten zu gehören, aber auch ohne jede Selbständigkeit. Die beiden großen Nachbarn bevormunden das Ländchen und stellen ihm Post und Telegraph, Polizei und Gendarmen in ausreichendem Maße zur Verfügung. Nun unternahm es 1866 der Bürgermeister dieses Gebiets, bewegt durch Lokalpatriotismus und in der Meinung, daß sein Land nach dieser Richtung dieselben Rechte habe mie andere, Postwertzeichen herzustellen. — Doch, o weh, die Argusaugen der beiden Grenzstaaten Preußen und Belgien wachten über diesem ungerechtigten Selbständigkeitstriebe. Tie Marken wurden konfisziert, die Platten vernichtet und vorbei war es mit der Ausübung des angedeuteten Hoheitsrechtes. Es versteht sich von selbst, daß die geringe Anzahl tatsächlich in Verkehr gebrachter Marken für Liebhaber großen Wert haben.
□ sDie verkannte Hompagniemutter.s Der „Elsässer" erzählt folgende lustige Manövergeschichte von Oberehn- Heim. In der benachbarten Gemeinde erschien der Quartiermacher bei einer alleinwohnenden hochbetagten Witwe und bat diese, ihm doch „die Stube für die Soldaten" zu zeigen. Die gute Frau zeigte ihm ein zwar einfach auëi möbliertes, aber sehr geräumiges und sauberes Zimmer. Der Sergeant schmunzelte und sagte: „Det is ja ’ne hübsche Bude, Mutter, ihr kriegt ooch 'nen Feldwebel und seinen Burschen." „A Feldwebel, ja, maS isch denn des, a Feldwebel?" fragte die Alte. „Ein Feldwebel," sagte der Quartiermacher, „ist, was ihr Elsässer ein Feldweibel nennt; also Mutter, ein Feldweibel bekommt ihr mit seinem Burschen." „Horiche, liewer Herr," sagte jetzt die gute Frau, „horiche, i will üch ebs saije; i hab net gern Wiebslitt im Hüs. Bi de Franzose hett m'r als au Markidenterene g'hett: awer sie sinn verhierot g'sin. Eujer Feldwebel mueß a netts Muschterle sinn, daß es mit'm a Bursch herumziejet. Horiche, i will des Mensch nit im Hüs han; genn m'r zwei Soldate, hochi oder gemaini, 's isch m'r eegal, aber des Wiewel nimm i nitt. Do tät sich jo min Mann im Grab herum treije, wenn ich a so 'ne Menschel mit firn Liebschter ins Hüs lon tät." Es dauerte recht 'lange, bis der verblüffte Sergeant der guten Frau den jlinterschied zwischen einem Feldwebel und einem Feld- Weibchen klar gemacht hatte. Das drollige Misverständnis rührte eben daher, daß der Sergeant mit seinem norddeutschen Dialekt 'o»en Doppellaut ei im Wort „meiner scharf ausgesprochen hat, während das Elsässer Ohr an das weiche ai, also an „waibel" gewöhnt ist. „Waibel , abgekürzt und wohl herrührend von „Feldwebel" nennt die Elsässer Mundart heute noch den Polizeidiener aus dem Lande wie den Schutzmann in der großen ^tabt. Der Kern des Elsässer Volkes ist eben trotz der langen Franzosenzeit durch und durch deutsch geblieben.
* lEinc neue Beethoven-Anekdote! wird soeben von einer französischen Musikzeitung mitgeteilt. Beethoven besuchte einmal den Pianisten Himmel, der wegen f Vortrefflichen Spiels berühmt war. Hrmmel, der, die meisten Virtuosen, von Eitelkeit nicht ganz s ' wollte Beethoven, den er als einen ^rcht 6^ vollwer- tigen Kollegen -mzusehcn schien, in Erstaunen setzen^ majestätisch öffnete er das Klavier und g ' A dem er einige Accorde angeschlagen batte, ein „großes Stück'^ eigener Komposition, ohne Plan uno ^oee, a^
wie es die musikalische Mode der damaligen Zeit wollte vollgepfropft mit Scalen, Arpeggios und musikalischer Verzierungen, die sich schlecht und recht, aber mehr schlecht als recht, verketteten. Beethoven, der bekanntlich nichi der höflichste Mensch war, wurde schließlich ungeduldig und schrie den Pianisten an: „Ja, sagen Sie, Woller Sie denn nicht endlich anfangen?" Himmel bemüht« sich, seine Wut für den Augenblick nicht merken zu lassen aber einige Tage später rächte er sich, indem er Beethoven, der sehr leichtgläubig war, die Geschichte einer epoche- machenden Erfindung erzählte: es sollten „Laternen sm Blinde" erfunden worden sein, und Beethoven, der sich nicht denken konnte, daß man ihm etwas vorreden könnte, erzählte die Wundermär allen seinen Freun- den, die sich natürlich sehr darüber amüsierten.
D suchte — falsche Dollars. f Mehr als sonstwo finden sich falsche Dollars in Peking vor. Dank der Erfindungs- gäbe der Chinesen braucht man sie aber jetzt nicht mehr sortzuwerfen. Wie nämlich der Zeitschrift „Ostasien" ge. schrieben wird, hat sich in der chinesischen Hauptstadt eine Versilberungssabrik aufgetan, bie für 10 Cents selbst dem bleiernsten Dollar ein echt silbernes Aussehen giebt, so daß auch der geriebenste Chinese ihn nicht für unecht hält. Der Zuspruch von Europäern und Chinesen soll ein reger sein und die Fabrik gute Geschäfte machen.
£ [tein jüdisches Regiment! ist das Neueste auf militä- cischem Gebiete. In Newyork fanden vor kurzem, wie erinnerlich, bei Gelegenheit der Beerdigung des allbeliebten Oberrabbiners Josef Belästigungen des Leichen»uges statt, die von jüdischer Seite Repressalien mit bewaffneter Sianb zur Folge hatten. Um solchen Vorkommnissen in Zukunft begegnen zu können, haben sich 250 junge Männer jüdischen Glaubens als Regiment organisiert und zu diesem Zwecke die Jnkorporationspapiere von einem Richter uni terzeichnen lassen. Reiche Glaubensgenossen haben Gewehre und andere Waffen zur Verfügung gestellt, geschulte Soldaten leiten die militärischen Exerzitien des jungen Regiments. Dasselbe gedenkt, die nötigen Schritte zu er* □reifen um der Nationalgarde des Staates einverleibt zu werden Regimenter mit nationaler oder konfessioneller Färbung sollen zwar in den Vereinigten Staaten nicht aufgestellt werden — aber in keinem Lande läßt sich ein fMot leichter umgehen.
K Ein Irrer zu Tode mißhandelt? Die Direktion der Epileptiker-Anstalt Wuhlgarten bei Berlin hat an die Königliche Staatsanwaltschaft gegen den in ihrer Anstalt an- gestellten Wärter Triczinski Anzeige erstattet, worin T. beschuldigt wird, den Pflegling Maler Fritz Stegmann derart mißhandelt zu haben, daß die Verletzungen den Tod des St. herbeigeführt haben. Am 2. dieses Monats unternahmen zwei Pfleglinge einen Fluchtversuch, von dem St. angeblich Kenntnis gehabt haben soll. Hierdurch soll ein Streit zwischen ihm und dem Wärter T. entstanden sein, der dahin führte, daß Stegmann in eine Isolier- Zelle gebracht wurde. In dieser wurde er am nächsten Morgen tot aufegfunden.
/X Veruntreuungen von vier Millionen Kronen sind in der Sankt Wenzel-Vorschußkasse zu Prag entdeckt worden. Schon die Veruntreuungen bes verstorbenen Buchhalters Ort, die vor etwa drei Monaten im Betrage von 378 070 Kronen entdeckt wurden, erregten einen Sturm auf diese Vorschußkasse, deren Einleger zumeist dem geistlichen Stande angelten. Jetzt wurde der gewesene Pra- sident des Verwaltungsrates Monsignore Drozd, Mitglied des Prager Domkapitels und päpstlicher Kämmerer, ferner der Direktor Kohoft, Hüber, der Schatzmeister der Pfand- beleihabteilung, und 6er Oberbuchhalter Hartwig wegen Mitschuld verhaftet. Die Veruntreuungen reichen zwanzig Jahre zurück und wurden durch falsche Bilanzen und buch'- mäßige Verluste massiert. Nach der vorläufigen Unter« । suchung ergiebt sich, daß der 65 jährige Geistliche Drozd > große Verluste im Börsenspiel hatte. Er soll durch Ver.^ trag sein Vermögen seiner Wirtschafterin und bereit Sohn zuaewendet haben. Auch die Wirtschafterin Anna Madl wurde verhaftet; man fand bei ihr zahlreiche Pretiosen, an barem Gelde über 30 000 Kronen.
□ Ein geheimnisvoller Häftling. Im Arreste beé Bezirksgerichts Stockerau, so wird aus Wien gemeldet, befindet sich ein Mann in Haft, welcher sich Eduard von Battenberg nennt. Er ist etwa 35 Jahre alt, mittelgroß, hat blaue Augen, blondes Haar, ebensolchen Vollbart und spricht preußischen Dialekt. Er dürste sich schon seit einiger Zeit herumgetrieben haben und ist entweder irrsinnig oder ein Simulant, welcher aus guten Gründen über sein Vorleben Stillschweigen beobachtet.
p Einer schweren Explosion von Acetylen fielen in Orsova vier Angestellte des dortigen Kasinos zum Opser Sie wollten einen Fehler am Gasapparat abstellen, als plötzlich mit einem donnerähnlichen Krach sich das ausströmende Gas entzündete. Tas ganze Gebäude stürzte zusammen und begrub sie unter seinen Trümmern. Die Gäste im großen, über der Explosionsstätte befindlichen Saale konnten sich nur mit Not retten.