Eindruck. Jetzt ist die Waffe, die in wohlmeinendster Absicht vom Kaiser gegen das Centrum gerichtet wurde, den skrupellosen Agitatoren vom Schlage der Heim und Schädler gegeben, und sie wird von ihnen weidlich ausgcnutzt werden. Ohne Zweifel wird das kaiserliche Entcüstungstclcgramm die Gewissen aller Gebildeten, auch der katholischen, zur Auflehnung gegen die Centrumspolitik der Wut und der Bildungsfeindlichkcit aneifern. die große Masse der Ccntrumswählcrschaft aber und vielleicht auch noch mancher anderen Bevölkerungsteile wird in der Empfindlichkeit 'über die Einmischung in die Budgetrechte des Landtages wohl nur zu empfänglich sein für die Aufreizungen des Centrums, dessen Reihen, die bereits durch die natürliche Entwicklung der Dinge und durch die nicht ungeschickte Taktik der bayerischen Regierung ins Schwanken geraten waren, nunmehr sich, froh der ihnen gewordenen unfreiwilligen Unterstützung, wieder fcstzuiammen- schlicßcn werden zu erneutem Ansturm gegen das Ministerium Crailsheim. Diesem, obwohl daran ganz unschuldig, wird auch dieser Eingriff des Kaisers in innerbayerische Verhältnisse aufs Konto gesetzt werden und es ist bei der bekannten Eifersucht der Bayern auf ihre Selbstständigkeit nicht ganz unwahrscheinlich, daß es den gutgemeinten Schritt des Kaisers zu büßen haben wird.
— Kaiser Wilhelm will. wie das „Berl. Tgb." auS Rom meldet, bei seiner nächsten Reise nach Italien das weltberühmte Kloster von Monte Cassino besuchen.
— Bei der Nachricht, daß der Kaiser beabsichtige, sich in der Nähe von Kabinen anzukaufen, handelt cs sich uni die Villa Litten, welche in Bad Kahlberg bei Elbing gelegen ist. Die Villa soll der Kaiserin und deren Kindern zum Sommcraufenthalt dienen Ferner soll in dem Prinzwalde bei Thardcn unweit von Liebmühle ein Jagdrevier für den Kronprinzen eingerichtet werden. — Landwirtschaftsministcr Podbielski besichtigte dieser Tage in hohem Auftrage das in Frage kommende Terrain.
— Die Kaiserin, welche in den letzten Tagen unpäßlich war, ist jetzt wieder vollständig hergestellt.
— In parlamentarischen Kreisen verlautet, daß Staatssekretär Graf Posavowsky einen kurzen Urlaub antreten werde, um sich von den Strapazen der Zolltarif-Campagne zu erholen.
Berlin, 14. August. Nach der Nationalliberalen Korrespondenz soll binnen kurzem ein Aufruf zur Errichtung eines Denkmals für Bennigsen erfolgen. Namhafte Beiträge zur Ausführung des geplanten Denkmals sind bereits gesichert.
— Die von vielen Seiten befürwortete Gründung einer Hochschule in Posen ist jetzt von der Regierung beschlossen worden. Schon in den nächsten Staatshaushalts- Etat werden die erforderlichen Mittel eingestellt werden.
— Gegen den Lehrauftrag der Geschichte für Medizin an der Universität Berlin an Professor Schwenninger wird ein Einspruch der deutschen Aerzte vorbereitet. Dr Hermann Baas in Worms und Dr. Sudhoff in Hochdahl erlassen einen Aufraus an die deutschen Aerzte, in welchem sie im Interesse der Sache gegen die Besetzung dieses Faches durch einen bisher als Historiker thatsächlich und litterarisch gänzlich Unbekannten an der größten Hochschule des deutschen Reiches Verwahrung einlegen.
Berlin, 13. Aug. Die deutsche Regierung hat das auf der Ausreise begriffene Kanonenboot „Panther" naK Haiti beordert, um die Interessen der deutschen Reichs- Angehörigen zu schützen.
Prinz Arnulf von Bayern, kommandierender General des 1. bayrischen Armee-Korps, wird auf besondere Einladung des Kaisers in dec Zeit vom 6. bis 12. September an den großen Manövern des 3. Armee-Korps bei Frankfurt a. O. teiln eh inen und als Gast des Kaisers in Frankfurt Quartier beziehen. Gelegentlich der großen Kaiser-Parade wird der Prinz das Infanterie-Regiment No. 52, dessen Chef er ist, dem Kaiser vorführen.
— Die zur Truppenschau in Mainz zusammengezogenen Infanterie-Regimenter veranstalten Freitag Abend mit ihren Regiments-Kapellen einen großen Fackelzug nach dem grobherzoglichen Schloß.
— Im Befinden des sächsischen Kriegsministers ist seit gestern eine kritische Wendung eingetreten. Die
? , ^Wrabdenkmal fürWräfin^AlvcnslcbLn-Sikrtgstterëlebcn v. Cauer.
--Der Kaiser hat der am 29. September 1897 verstorbenen Gräfin Anna von Alvcnslcben, geborene von V.lthcim, in Ncu-Gattcrsleben, ein herrliches Grabdenkmal setzen lassen. Das Kunstwerk, dessen Bildner Cauer-Berlin die Intentionen des Monarchen meisterhaft wieder- gegeben hat, wird in Gegenwart des Kaisers heute, Dienstag, feierlich enthüllt werden. Die edle Frau, die schon vor vollendetem 44. Lebensjahre ihrem Geniahl und den sieben Kindern, welche |te dem Gatten in 26 jähriger glücklicher Ehe geschenkt, entrissen wurde, gehörte in den engsten (JceunbeSfteU des Kaisers, der häufig als Gast in thccm behaglichen Heim geweilt hat. Unser Monarch schätzte, wie ihren Gemahl, dem Ier Januar 1901 den Grafentitel Vec- > erblich verlieh, Frau von Alvcnslcben ganz besonders hoch und hat diese Einschätzung durch die für die Ausführung des Monuments er- teilten Weisungen vornehmlich zu Tage treten lassen Das Macmordenkmal besteht aus einem Sarkophag,der von einem Baldachin in gothischem Stil überdeckt ist. Auf dem Sarkophag ruht, Grabdenkmal für Gräfin Alvcnslcben - Rengattersleben von Cauer, wie unsere Abbildung darstellt, in Lebensgröße
bie Figur der Verstorbenen, die in„ben fromm gefallenen Händen eine blühende Rose hält. Zu ihren Füßen tragen zwei Engel das Alvensleben'sche Wappen nub ein Band mit bet Aufschrift: „Die Liebe höret nimmer auf!"
Bewußtlosigkeit des Patienten dauert infolge Gehirn- krampfes an. Sein Tod ist stündlich zu erwarten.
— Zur Begnadigung des Oberleutnants Hilvebrand wird der „Berl. Ztg." aus Gumbinnen geschrieben: „Im Offizier-Kasino au dec Tilsiter Straße in Gumbinnen ging es Sonnabend flott her. Lustige Weisen gab die Militär-Kapelle des Artillerie- Regiments 1 im Kasino-Garten zum Besten; wiederholt ertönten Hochs und Hurrahs. Die Teiluahme der Anwohner stieg, als in der neunten Abendstunde eine Abteilung Actillecie — 20—30 Mann — zu Pferde in Gala mit Haarbusch anrückte, einen Offizier in vierspänniger Equipage zum Bahnhöfe eskortierte und sich von dem Insassen des Wagens mit dreimaligem Hurcah verabschiedete. Der Insasse war aber nicht etwa, tvie man nach der Begleitung annchmen mußte, ein gekröntes Haupt, sondern — der so eben begnadigte Duellant Oberleutnant Hildebrand.
Zu diesen Ovationen, schreibt die „Germania" :
„Wie soll im Volke die Achtung vor dem Gesetz und das Gerechtigkeitsgefühl aufrecht erhalten werden, wenn Leuten, wie dem Duellanten Hildebrandt, derartige Ovationen dargebracht werden? Jedermann in Gumbinnen wußte, daß der in Gala- equipage von seinen Kameraden zum Bahnhof Geleitete jener Offizier war, der seinen Gegner im Zweikampf erschossen hatte, das rad) göttlichem und menschlichem Gesetz ein schwerer Verbrecher ist. Wie müssen bei solchem Thatbestände derartige Totgänge wie die oben geschilderten auf die Volksseele wirken?
Wir erwarten deshalb um so dringender Aufklärung von der M i li t ärverw a l t un g, als die Vorgänge voraussichtlich im Reichstage zur Erörterung gelangen werden.
Wien, 13. August. Ministerpräsident von Koccber ist heute aus Ratot hier wieder eingetroffen. Wie offiziell bekannt gegeben wird, haben die beiden Ministerpräsidenten den gesammten komplett des in der Schwebe befindlichen Ausgleichs-Materials ducchberaten und werden sich am 15. August zur Berichterstattung beim Kaiser melden.
— Bon d.n Kongregationen. Aus Paris wird gemeldet: Sappeuren gelang es, das Hausthor der Jo- scfschulc in Concarneau zu zertrümmern, nachdem sich die Gendarmerie dort von der Bevölkerung hatte zu- rückdcängen lassen. Das Schulhaus in Piondaniel wurde von seinen Verteidigern mit einem Wassergraben umzogen. — Dec wegen Ermutigung zum Widerstand vom Bischof abgesetzte Pfarrer Foumiec zu Chartres erklärte, ec werde das Pfarrhaus nicht eher verlassen, als bis ihn Militär vertreiben würde. — Das Dementi des Kriegsministers über die Vorgänge beim 2. Jäger-Regiment, welches hier großes Aufsehen erregt, ist unrichtig. Der betreffende Offizier, um den cs sich handelt, ist der Hauptmann Mangin b' Quingc. Dieser, sowie der Oberst St. Remy wurden wegen Gehorsams-Verweigerung nach dec Festung Belisle gebracht. Sils Jie nach dort abgchcu sollten, drückten sämmtliche Offiziere des Regiments die Absicht aus, sie nach dem Bahnhöfe zu begleiten, was jedoch der Ohccst verbot. Trotzdem gaben ihnen drei Hauptleute das Geleit. — Ferner wird tclegraphict: Dec Priester und Abgeordnete Gera ult veröffentlicht einen Brief, in welchem er gegen die Behauptung pro- testirt, daß die jetzige Bewegung eine anti-republikanische sei. Der Brief schließt mit den Worten: „Nieder mit Combes, es lebe die liberale Republik." — Aus Vannes wird gemeldet: Die Gendarmerie hat in vielen Orten der Umgegend weitere Schließungen von Orde ns sch ulen Vvcgenommcn. Es fanden zahlreiche Kundgebungen statt, doch wurden ernste Zwischenfälle vermieden.
Zum Streit der Klerikalen in Frankreich ersten die Regierung.
Paris, 13. August. Die Blätter besprechen die Zwischenfälle, welche durch die Schließung dccOrdens- schulen in der Bretagne veranlaßt worden sind.
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Die Regierung soll angeblich dem Polizei-Präfekten ihre Mißbilligung ausgesprochen haben, weil derselbe sich mit den Besitzern der Schulen in Unterhandlungen eingelassen hatte, anstatt diese Schulen ohne Weiteres zu schließen. In Brest sind Truppen bereit gestellt, um bei dec Schließung dcc letzten Schulen, bei denen der Widerstand am heftigsten sein dürfte, behilflich zu sein. Die Zahl dec letzteren beläuft sich auf etwa 10 bis 15. In Rosc off sollten die Truppen durch die Einwohner überrumpelt werden. Der Commandant dec Truppen gab jedoch Befehl, das Gewehr aufzupflanzen, um gegen die Menge vorzugehen. In diesem Augenblick erschien der Deputirte Graf de Mun und ersuchte die Nonnen der Gewalt zu weichen, worauf dieselben unter Führung dc Mun's die Ordensschulen verließen und sich in die Kirche begaben. In Crrantcc hatte man Feuerspritzen in die Schulen gebracht und die Gendarmen wurden mit Wasserstrahlen empfangen. — In St. Jean wurden zum zweiten Male die Siegel von den Ordensschulen gerissen und die Schwestern wiederum in diese zucückgebcacht.
Paris, 13. August. In sämtlichen Filialen der Bank Cooman sind Haussuchungen vocgenommen worden. In Angers ist eine Dame, welche bei der dortigen Filiale 20,000 Francs deponirt hatte, verschwunden. Dieselbe hatte dem Direktor erklärt, daß sie, falls sie die hinterlegte Summe verlieren würde, sich das Leben nehmen würde. Man befürchtet, daß die Frau nunmehr ihren Plan ausgeführt hat.
Aus Sofia wird telegraphiert: Die Regierung hat 15 Beamte und Lehrer, die als Delegierte auf bem macedouischen Kongreß erschienen sind, des Dienstes enthoben. Der Kongreß lehnte cs ab, die Delegierten dec dem gegenwärtigen Zcntcalkomitö feindlichen Vereine zu den Verhandlungen zuzulassen.
Aus Washington wird über London telegraphiert, es verlaute dort, daß Deutschland dem venezolanischen Jnsucgentcnführer Maco feine Absicht mitgeteilt habe, die Stadt Barcelona zu besetzen. Amerika erklärte, nicht protestieren zu wollen, sobald Deutschland versichere, keine Gebietsausdehnung zu beabsichtigen.
Giessener cagesneuigkeiten
" Das Regierungsblatt Nr 51, ausgegeben am 12. August enthält: Gesetz, das Eigentum an Kirchen, Pfarrhäusern ze. betreffend.
—r. Jugcndslst. Man mag manches Vorurteil gegen Jugcndfeste haben. Mancher Pessimist behauptet, es würde zu solchen Kinderfesten viel zu viel geübt und cingcdrillt, so das es nachher bei der „Aufführung" am Festtage selbst den Kindern kaum mehr Vergnügen machen könnte. Es ist etwas Wahres daran, aber bloß bann, wenn die Spiele so schwierig sind, daß sie lange geübt werden müssen. Die Spiele, die beim gestrigen Jugendfest gespielt wurden, waren den Kindern von der Schule und Freizeit Hec durchweg gute Bekannte. Ein anderer Pessimist wandte sich einst gegen die Wettspiele bei Kinderspielen. Er behauptete, cs würden dadurch in den jugendlichen Seelen solche unsaubere Gedanken wie Neid und Mißgnnst erweckt. Das ist von seinem Standpunkt aus ganz richtig. Dann bezeichnet er eben jeden erwachenden Ehrgeiz als Neid. Nun wir hoffen nach dem, was wir gesehen haben, daß solche pädagogisch gefährliche Regungen nicht zu den Begleiterscheinungen und Folgen des gestrigen Festes gehört haben. — Pünktlich um 2 Uhr begann der Auszug der Kinder Gießens. Freiwillig hatte sich von der Bürgermeisterei bis zum Philosophenwald ein dichtes Spalier gebildet. Dem lug voran schritt die übliche Musikkapelle und das Festkomitee mit dem Herrn Bürgermeister: bann kamen — die Damen hatten natürlich auch hier den Vortritt — die Mädchen mit weißen Kleidern und festlich bekränztem Haar. Voran die „ganz Kleinen." Die Stadtschule und höhere Mädchenschule (inoffiziell) folgten.
An die Mädchen schlossen sich durch eine Musikkapelle getrennt die Knabenschulen an Die Kinder macsckiertcn in größeren Abteilungen, denen immer
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