Nr. 187.
Erstes Blatt
Donnerstag, den 14. August 1902.
11. Jahrgang
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Minister von Podbielski und die Landwirtschaft.
In dec konservativen „Eibinger Zeitung" wird der Reise des Laiidivictschaftsministers von Podbielski nach West- und Ostpreußen eine Betrachtung gewidmet, in der es heißt:
„Herr von Podbielski hat nunmehr seine Jnfor- matiousrcise, die ihn fast durch ganz West- und Ostpreußen geführt hat, beendet. Wie weit und ob überhaupt diese Reise für unsere Ostprovinzen von Vorteil sein wird, wird die Zukunft lehren. Namentlich aus Allenstein und Nikolaiken sind Klagen darüber laut geworden, daß man dem Minister das, was eigentlich verbesserungswürdig ist, nicht gezeigt habe. Trotzdem muß aber anerkannt werden, daß sich der Landwirtschaftsministec seine Aufgabe, die Verhältnisse in unserem Osten kennen^ zu lernen, mit Ernst hat angelegen sein lassen. Im nächsten Winter wird er reichlich Gelegenheit finden, seine Erfahrungen im Abgeordnetenhaus zu verwerten und den landwirtschaftlichen Mitgliedern Rede zu stehen. Er iah mit kritischem Blick, prüfte und musterte alles und fand auch manches zu tadeln, denn es ist bekanntlich nicht seine Gewohnheit, ein Blatt vor den Mund zu nehmen. Seine umfassenden landwirtschaftlichen Fachkenntnisse erregten allenthalben das Erstaunen der Landwirte, und selbst auf Gebieten, die ein Spezialstudium erfordern, zeigte er sich nicht nur aufs beste informiert, sondern vermochte auch praktische Winke zu geben über Verbesserungen und Vereinfachungen der Betriebsweise, Ersparung von Arbeitskräften, Verwertung neuer Erfindungen. Insbesondere trat das bei dec Besichtigung der Jnstec- burger Torfbcikcttfabrik (bei der übrigens jetzt die Höchster Farbwerke beteiligt sind) zu Tage, die dem Minister mancherlei neue Anregung verdankt. Dec Minister interessirt sich lebhaft für ein neues Verfahren, Dachpappe aus Torf zu erzeugen, und versprach, diesen zukunftsreichen Fabrikations- zlveig nach Kräften zu fördern.
Da Herr von Podbielski der einzige verantwortliche Ratgeber des Kaisers ist, der das Ohr des Monarchen hat, so wird er hoffentlich Gelegenheit nehmen die Lage der ostdeutschen Landwirtschaft den thatsächlichen Verhältnissen entsprechend zu schildern, und damit mancherlei Voreingenommenheit auf ihr richtiges Maß zurückführen können. In seiner be-
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In eigener Sache Richter.
Roman von L. H a i d h e i m.
(Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.)
t — und so kommen Sie hierher und nehmen mit harm- loscr Heiterkeit die Gastfreundschaft im vertraulichsten Familienkreise an, lassen sich von dem thörichten Kinde „bekehren" und — und —“ •
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„Frohberg, halten Sie ein! halten Sie ein!" keuchte Ebern graubleich und ganz entstellt vor Aufregung, fiel auf einen «luhl und drückte die zu Fäusten geballten Hände auf seine
Augen. •
Burkard Frohberg war mit sich unzufrieden. Adclsberg hatte ihm die Gcichichle vorgestern in Prag erzählt, aber als eine teil- wcste Entschuldigung Ebernè hinzugefügt, daß die betreffenbe "wc, die Braut eines Bezirksrichlers in Agram, äußerst gefall-
der rücksichtslosesten Koketten von Agram gewesen, .idct ocig hatte auch getagt: „Sie hat ihn auf alle Weise heran-
. ' _mn!1 tam' nie misten wie Die Dinge sich abgespielt haben, was avcr alle wir Plänner mit Entrüstung sahen, das war die Art und Weste wie Ebern nach der Katasttophe herzlos und gleichgültig leinet Wege ging und der Bezirksrichter war ein Ehrenmann.
So hatten beide schweigend vor sich hingestarrt. - Burkard sah mit geheimen Schrecken Joseph Eberns Züge ein immer ver- gränueres Ansuchen annehmen. Ging ihm die Geschichte wirklich io nahe? Die er doch bis jetzt so sehr leicht gettagen? — Unmöglich! — Oder war es der Gedanke an Lischa? "
Ach, er war weit entfernt zu ahnen, welche Qualen Vetter Ebern ausstand in dem Bewußtsein an die schlimmste Stunde seines Lebens, die, nach dem Tode des Großvaters.
„Siir bleibt nichts, als die Kugel! Die gräßliche Erinnerung wacht immer wieder auf, der Fleck auf meiner Ehre brennt wie ätzendes Gift immer weiter.!" schrie es tu seinem Herzen.
Jetzt raffte er sich zusammen. , , _ , ,,
„Ich sehe ein, daß es für mich keine Hoffnung mehr giebt, Frohberg. - Was ich thun werde, vermag ich letzt nicht zu sagen —/
„Sie gehen nach Wien, Ebern, stellen sich und werden ein tUchttaer Soldat. Und dann — wenn Sie mtt der Armee die Preußen gebührend heimschicken, dann begegnen wir beiden unS hoffentlich und ich kann Ihnen die Hand geben und Ihnen sagen: »Jetzt haben Sie den Flecken abgewaschen. Vettert"
Gießener
kannten humorvollen Art, die dem Kaiser so sehe gefällt, gelingt es Herrn v. Podbielski, der Seine Majestät auch in seiner Behausung als Gast sieht, weit leichter, seine Ideen an höchster Stelle durchzu- setzen, als seinen Ministerkollegen, die oft monatelang nicht zum Vortrag befohlen werden. Die Landwirtschaft sollte sich daher diesen ein- flußreichsten Minister luatiu halten, auch wenn sie gelegentlich durch ein derbes Wort vor den Kopf gestoßen wird.
Man hat viel davon gefabelt, daß Herrn v. Podbielski die schwierige Aufgabe übertragen worden sei, anläßlich seiner Informationsreise Bündler und Konservative für den Regierungsstandpunkt in der Zollvorlage und für den Kanal zu gewinnen. Ob Herr v. Podbielski für den Zolltarifentwurf Stimmung gemacht hat, wissen wir nicht; das ist jedoch Thatsache, daß der Kanal mit keinem Wort erwähnt worden ist. Herr V. Podbielski hat sogar einen wahren Horror vor allem, was mit der wasserwirtschaftlichen Vorlage zusammenhängt, und äußerte jüngst, als man fragte, warum er das ihm an= getragene Eiscnbahnministertum nicht übernommen habe: „ick werde mir doch nich mit dem Lausekanal vorn Bauch stoßen lassen." Sr. Majestät erklärte er, daß er eine komische Figur abgeben würde, wenn er als ehemaliger Soldat und späterer Landwirtschaftsminister nun auch noch die öffentlichen Arbeiten übernehmen würde. Den „Lausekanal" durchzusetzen, ist lediglich Aufgabe des Ministers Budde, ben cs angesichts der hierzu notwendigen Sisyphusarbeit wohl noch manchmal gereuen wird, seine schöne lebenslängliche mit 200 000 Mk. pro anno dotierte Stellung bei den Löwe'schen Gewehrfabriken gegen einen karg dotierten preußischen Ministecposten eingetauscht zu ^ben."
Poimicbe Nachrichten.
Zwischen dem Kaiser und dem Prinzregenten von Bayern sind Telegramme ausgetauscht worden. Das Telegramm des Kaisers ist aus Swinemünde vom
10. August datirt. In demselben heißt es, daß der Kaiser mit tiefster Entrüstung von der Ablehnung der von dem Prinzregenten geforderten Summe für Kunst- zwecke gelesen habe. Ec eile, feiner Empörung Ausdruck zu verleihen über die schnöde llndankbakeit, rwelche
Der Mutter Herz zog sich schmerzhaft zusammen. War sie neidisch?
Indes aber Kolonitz die geliebte Lisch« der Mutter zuführte und sie ernst und fest um ihren Segen bat, war Frau von Wazlaw — immer die seine, taktvolle Dame! — lautlos hinausgeglitten und zu Burkard geeilt.
„Sie werden doch für einen Moment noch mitkoinmen, Vetter?" fragte Burkard Frohberg.
„O, sicher! Gewiß! Wir Menschen von heute wissen doch, daß die Hauptsache für uns ist, nicht aus der Rolle zu fallen. Ich entsetze mich alle Tage mehr über mein Talent zu schauspielern.
Noch ganz blaß, ja geradezu krank aussehend, trat er vor den Spiegel, bürstete sich Haar und Bart, verzog das Gesicht zu einem maskenhaften Lächeln und schaute sein eigenes Bild mir todunglücklichen Augen an.
„Welch ein Feigling ist man! Wie wilde Tiere fräßen wir uns untereinander aus, zerrissen und zerfleischten einander, wenn man der Wahrheit die Ehre gäbe. Wahrheit! Wahrheit! Luge ist das ganze Leben und wehe dem der etwa nicht millugen wollte."
Burkard ließ ihn reden. Er kannte diesen galligen, verbitterten Ton — vielleicht redete sich der arme Kerl die ichwerstc Last damit von der Seele. Er seinerseits wechselte schnell den Reiseanzug. Wie schwer war ihm zu Mute und wie io ganz anders hatte er sich die Freude ausgemalt, wenn Lucha sich einmal verloben würde. „, ... .,
Graf Joseph hatte nur zu sehr recht mit der Schauspielerei. Lächelnd kamen beide Vettern herein, herzlich begnlßtcn sic da- neuverlobte Paar und mit schier unbegreiflicher Leichtigkeit wußte sich Ebern dem Grafen Kolonitz gegenüber sogar in eine Wärme hinein zu phantasieren, gegen die Burkard ernst und kalt Manen.
Für letzteren wurde es eine Erleichterung, als Gral ^oiepti sich empfahl und erst dann taute er selber auf. — Die Herzensfreude an Lischas Glück kam erst dann voll zu ihrem Recht, a.- er sie so unbefangen und so echt bräutlich sand. Es madfte ft® ganz von selbst, daß sie dem Verlobten erzählte, wie ne ihre Dankbarkeit gegen Gott für das ihr erblüte Herzensgluck mchl besser habe beweisen können, als indem sie dem armen Vetter, der, wie wohl selten ein Mensch, ohne Elternliebe, ohne icdc Teilnahme ausgewachsen fei. eine Schwester zu werden genidir.
Burkard iah. noch während ne den armen »erwahilo tcn Joseph beklagte, wie durch Kolomo Angen und Mienenda- — das schlimme Besserwisse» hulchle. Er kannte allo auch bie Agramer Geschichte?
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Postzeitungsliste No. 3032.
Redaktion und Expedition: Gießen, Neuenweg 28.
Ferusprechauschluß Nr. 3618.
sich durch diese Handlung kennzeichne sowohl gegen daS Haus Wittelsbach im Allgemeinen als auch gegen die erhabene Person des Prinz-Regenten, welche stets als ein Muster der Hebung und Unterstützung dec Kunst geglänzt habe. Er, der Kaiser, bitte ihn, den Prinz- Regenten, die Summe, welche er benötige, ihm zur Verfügung stellen zu dürfen, damit er in der Lage sei, in vollstem Maße die Aufgaben auf dem Gebiete der Kunst, welche er sich gesteckt habe, zur Durchführung zu bringen.—Der Prinz-Regent antwortete, es dränge ihn, seinen innigsten Dank für das warme Interesse an seinem und seines Hauses Bestrebungen auf dem Gebiete der Kunst und für ein so hochherziges Anerbieten auszusprcchen. Zugleich freue es ihn, dem Kaiser mitteilen zu können, daß durch den Edelsinn eines seiner Reichsräte, welcher die abgelehnte Summe zur Ver
fügung gestellt habe, seine Regierung in die Lage versetzt sei, getreu den Traditionen seines Hauses wie seines Volkes die Pflege dec Kunst als eine seiner vornehmsten Aufgaben unentwegt fördern zu können.
Die „Frkf. Ztg." schreibt dazu: Das Telegramm des Kaisers an den bayerischen Prinzregenten gehört zu jenen impulsiven Aktionen, die aus den besten und berechtigtigtsten Empfindungen hervorgegangen, doch der Sache zum Mindesten nicht förderlich sein werden.
Gewiß hat der Kaiser nur den Gesühlen Ausdruck gegeben, die jeden feinfühlenden und kunstsreundlichen Mann angesichts des Verhaltens der bayerischen Cen- trumsmajorität beseelen. Wohl Jeder dem die kultureellc Entwicklung des deutschen Vaterlandes am Herzen liegt und der die vornehmste Aufgabe der einzelstaatlichen Regierungen in der Pflege der Wissenschaften und Künste erblickt, hat cs, wie der K'iser, als eine Schmach empfunden, daß eine kulturfeindliche Zufallsmajorität Bayern den Stempel des ödesten Banausentums aufdrücken durste. Doch gerade vom Kaiser
durfte jener elementare Ausbruch dec Empörung gegen die Majorität des bayerischen Landtages nicht kommen,
sollte das Centrum nicht die erwünschte Gelegenheit erhalten, die von ihm schon in Anspruch genommenen
patrikularistischen Instinkte der bayerischen Bevölkerung
für seine politischen Zwecke, mit Erfolg aufzustacheln. Bislang fehlte cs ihm dazu an greifbarem Anlaß, und seine Aufreizungen machten deshalb bisher geringen
„Ich glaub's nicht: — aber fei es so! — Und nun möcht' ich zu Haus, lassen Sie mir ein Pferd satteln, Frohberg: die „wonneselige Schwiegermama" heute noch einmal zu ertragen —" „Gnädiger Herr — es ist ein Besuch voraesahren, ein Herr. Ich hab' ibn zu der Gnädigen geführt — er wollte es fol* meldete ein noch sehr zugendlicher Diener.
„Wer kann es sein?" fragte Burkard.
Der Bursche wußte es nicht zu sagen. Joseph Ebern wollte eben aufbrechen, als Frau von Wazlaw eilig eintrat: „Burkard, — es ist Kolonitz! Er kommt als Freier um Lischa."
Sie sah grenzenlos überrascht aus, fast ein wenig mißge-
War es denn möglich? Lischa! die kleine Lischa sollte eine Gräfin Kolonitz —?
Dann sah sie, wie Graf Joseph kreidebleich an der Thür
.Burkard,
lehnte.
„Ebern? Graf Ebern —? Sie werden doch nicht so wahnsinnig sein an Lischa — ?" stammelte sie.
„Nein, o nein, gnädige Tante, ich bin ja doch ein leidlich vernünftiger Menschl" suchte dieser zu scherzen.
„Bitte Tante Wazlaw, geben Sie voran, melden Sic, Joseph und ich kommen sofort; — nicht wahr, Vetter? Wir hätten nur noch eine kleine Geschäftsangelegenheit —."
Frau von Wazlaw ging. Sie war sehr nachdenklich geworden. Lischa bekam also einen jungen, reichen ungarischen Magnaten und ihre Maria nur einen alten Baron? fünfzig Jahr alt! — Ihre ganze Freude fiel wie ein Kartenhaus zusammen. , . ,
Als sie zu ihrer Freundin wieder emtrat, ging diese in tiefer Bewegung im Zimmer auf und ab und wies lächelnd auf ein Nebenzimmer, in welchem bas junge Paar sich eben aussprach und die ersten Küste tauschte.
„So hast Tu dies lange gewußt? fragte sie vorwurfsvoll.
„Daß er sie liebte, ja — lchon damals in Graz. Aber er wollte sein fünfundzwanzigstes ^abr vollendet haben, damit niemand ihm barein reden durfte, so vertraute er mir und Lischa hat er es
sie liebt ihn?"
„2lber würde sie denn sonst so selig —?"
Ja. ja! Frau von Wazlaw hatte Zeugin sein dürfen wie Kolomtz ganz unerwartet einttal und ohne ein Wort zu Lischa ttat, der E-rotenden Hand ergriff und ihr ernst und fest in die Augen, die schonen goldigen Augen sah. Und da hatte ein so Ä it Ä ^chi ilbersiut-t! Ob Maria
Fottsetzung im zweiten Blatt.)